+Heads.: „Collider“

Als hier vor einer Woche „Collider“, das neue Album der Berliner Noise Rock-Formation Heads.​ eintraf, ist nach den ersten paar Spins etwas Seltsames geschehen. Ich musste die Platte zur Seite legen, verdauen. Nach ein paar Tagen wieder rausholen, ein paar Mal hören, und dann erneut liegen lassen. Dieser intensive Prozess hat mich so stark beschäftigt, dass an dieser Stelle auch erstmal keine größere Geschichte infrage kam – das innere Meer des Verstehens hatte sich in einen unwirklichen Moment der Stille zurückgezogen.

„Collider“ ist in der Tat ein Brocken von einem Rock-Album. Macht. etwas. mit. dir. An der DNA, dem kulturellen Background der Band im Noise Rock- und Post Hardcore der 90er Jahre, an den Einflüssen von Bands wie Slint bis The Jesus Lizard, liegt es nicht. Diese Ahnenreihe ist wohlbekannt, diese musikalische Phase habe ich vor 25 Jahren intensiv durchlebt. Es hat schon eher etwas mit der Art zu tun, wie die Band diese Einflüsse auf ihrem zweiten Album in einen Maelstrom-artigen Flow transzendiert, zu ihrem ganz eigenen Sound macht. Vor allem aber an den eigentümlichen Spannungsverhältnissen, die Ed Fraser, Chris Breuer und Peter Voigtmann bei den neuen Songs innerhalb dieses Flows schaffen – an spezifischen Elementen, die ständig zur Kollision gebracht werden: Das Gros der Songs wird von mächtigen, wuchtigen Halftime-Grooves durchzogen, die ebenso gleichmütig dargeboten werden wie sie archaisch und majestätisch wirken. Wie der Colorado River, der sich innerhalb von Tausenden von Jahren in den Grand Canyon geschnitten hat, das ist das Bild, dass sich nach über einer Woche in meinem Schädel gebohrt hat. Die Instrumentalarrangements werden mal in minimalistischer Kontemplation ausgespielt, um im nächsten Moment mit der ganzen Dynamik dieses eindrucksvollen Power-Trios an epischer Breite, bestialischer Giftigkeit zu gewinnen. Wenn da nicht der tiefe, ruhige Gesang von Ed Fraser wäre, der gerade an den lauten Stellen mit seinen lyrischen wie freudlosen Geschichten aus dem alltäglichen, emotionalen Wasteland zum Ruhe ausstrahlenden Kontrapunkt wird. Allerdings: Eine Ruhe, die eher Unbehagen verbreitet. Es ist diese Mischung aus verkopftem Art Rock und brutalem Sludge, die „Collider“ seine ganz eigene Färbung gibt.

Zum Schluss hat die Band einen besonderen Schachzug in petto, schafft mit der Abfolge der letzten zwei Tracks ein schwarzes Loch, das radikal mit dem vorher sorgfältig aufgebauten Flow bricht und den Zuhörer mit in den Abgrund reißt. Der Titeltrack ist ein kurzes, minimalistisches Stück schwarze Poesie à la Bonnie Prince Billy, das ganz allein von Fraser dargeboten wird, musikalisch komplett die Luft rauslässt. Davon erholt sich der Zuhörer beim zerklüfteten Arrangement von „Youth“ auch nicht mehr, das melancholische Saxophon von Gastmusiker Paul Roth schickt einen endgültig durch das schwarz-weiße Wurmloch in eine andere Galaxis. Dunkel hier. Kann mal jemand das Licht anmachen? Es ist dieses Ende, das mich über eine Woche fast ins komplette Output-Nirvana geschickt hat und dafür sorgt, dass „Collider“ eine mächtige Platte für besondere Tage bleiben wird.

Heads. – „Collider“ (LP, black and white swirl colored vinyl + limited print, This Charming Man Records, TCM092, 2018)

 
 
 

// LINKS

Heads.
Website
Bandcamp
Instagram
Facebook

 

This Charming Man Records

Kommentare geschlossen