+Kurz rausgehackt: Januar 2018

Noise Rock/Post Core/Post Punk: Belgien hat wir schon viel zu lange nicht mehr. Crowd Of Chairs sind ein recht frisches Trio aus der umtriebigen Underground-Szene von Ghent, das aus Mitgliedern von Deer und Youff besteht. Die Single „Ibogaine“ – benannt nach einer dissoziativ wirkenden, afrikanischen Droge, die in der westlichen Welt in der Therapie von Opiatabhängigkeit eingesetzt wird – erinnert zu Beginn an den perkussiven Vibe der frühen Bauhaus bei „In the flat field“. Dieser Eindruck hält aber nicht lang, weil die Band alsbald in Richtung manischem Noise Rock mit ebenso manischem Gesang steuert. Zu Beginn melodisch, fegen die Jungs dann aber auf einmal ziemlich arg, drehen den Wut-Regler auf 10, bringen derbere Elemente in den Sound. „Some say fist pumping, others say pissed mumbling. We don’t really care“, kommentiert die Band auf ihrer Soundcloud-Seite. Der Song ist auf dem Debüt-Album „Fuck fuck fuck“ zu finden, das im Oktober bei Live Fast Die Young erschienen ist. Hot. //RRRhund\

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LowFi/Indie Rock/Post Punk: Belmont Witch ist das musikalische Vehikel der Pariser Songwriterin Michèle Albertini, mit dem sie in den letzten Jahren in verschiedensten Besetzungen (von Soloauftritten bis zum Sextett) auf der Bühne stand. Beim Pariser Label Montagne Sacrée ist nun ihr selbstbetiteltes Debüt erschienen, das sechs Tracks enthält, die bereits 2015 und 2016 eingespielt wurden. Klassischer, Velvet Underground-inspirierter Schrabbel-Indie Rock im LowFi-Gewand, der genüsslich seinen – überwiegend spanischsprachigen – Charme im akkustischen Raum versprüht und ab und an kleinere Abzweigungen ins atonale Post Punk-Terrain nimmt. Stimmige Sache. //RRRhund\

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Slow Heavy Psych Rock/Space Rock/Ambient/Post Rock/Krautrock/Dub: Die Dead Sea Apes aus Manchester sind im Orchester der soundorientierten Breitwand-Psych-Rock-Bands aufgrund ihrer seismografischen Qualitäten, der Sensibilität mit der die Laut-Leise-Kontraste gefahren werden, aber auch wegen ihrem ungewöhnlichen Stil-Mix ein besonderer Fall. Während die ruhigen Teile des Trios an die Arbeit von Ambient- und Post Rock-Künstlern erinnern, werden die rhythmischen Strukturen gerne mal in Dub-Texturen gebadet oder es finden Ausflüge in den Deep Space des Kraut-Universums statt. Diese abwechslungsreiche Klanglandschaft kann man auf dem neuen Longplayer „Recondite“ (5.2., Cardinal Fuzz) erkunden, ein Doppel-Album-Epos, das zum großen Teil Originalmaterial aber auch Coverversionen von Kraftwerk, Harmonia und Skip Spence enthält. //RRRhund\

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Semi Electronic/Psych Rock/Nu Kraut: Cavern of Anti-Matter könnte man mit zwei ehemaligen Mitgliedern im Line-up als Nachfolgeband von Stereolab bezeichnen. In jedem Fall beschäftigt sich das Trio ähnlich wie die Vorgängerband mit dem krautigen Roots von Neu! und Kraftwerk und mischt diesen Einfluss mit dem elektronischen Erbe der End-70er und Früh-80er. Drum Computer und echter Drummer, Sequenzer und Keyboarder, Mensch und Maschine – das ist die Arbeitsweise der Wahl-Berliner. Im März erscheint mit „Hormone Lemonade“ das dritte Album der Band. Die erste Single „Make out fade out“ ist gleichzeitig auch der Album Opener und ein zuerst losknarzendes, dann lustig vor sich hin hoppelndes, semi-elektronisches Psych Rock-Stück in gewohnter Qualität. Wie immer klasse. //RRRhund\

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Post Punk/Noise Rock/Shoegaze: Beachtenswerter Nachwuchs aus der mitteleuropäischen Post Punk-Szene. Asbest sind ein Trio aus Basel und haben auf ihrem Debüt, der „Interstates“-EP, die krachig-garagige Variante des Genres im Gepäck. Die großartige Gitarre giftet mal im Shoegaze- mal im Noise Rock-Sound, liegt harmonisch dagegen in düsteren Post Punk-Gefilden – das zentrale Element, das alle Schichten des Bandgefüges bindet. Darüber liegt der dramatische Sturm und Drang-Gesang von Robyn Trachsel. Ziemlich gut, von denen werden wir noch (mehr) hören. //RRRhund\

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Alternative/Post Post Rock/Post Punk: Hope heißt dieses minimalistische Quartett aus Berlin, das sich zuletzt deutlich weiterentwickelt, an dramatischer Dichte hinzugewonnen hat. Ursprünglich aus einem eher poppigen, ambientesken Post Rock-Indie-Kontext stammend hat sich die Band in den letzten Jahren stilistisch in die Post Punk-Zone bewegt ohne die eigene Soundidentität und -historie komplett aufzugeben. Dieser Atmosphäremix prägt dann auch die Single „Kingdom“, bei der Stakkato-Tom-Figuren einen wuchtigen Halftime-Groove formen, über den sich sphärisch-flächig eine Post Rock-Gitarre und simple Moog-Bass-Synthflächen legen; getoppt wird die Sache durch die auffällige Stimme der Sängerin, die stilistisch irgendwo zwischen Jehnny Beth (Savages), Björk und Karen O (Yeah Yeah Yeahs) zu verorten ist. Im Gesamtkontext entsteht eine gravitätische, spröde Schwarz-Weiß-Atmosphäre, die ihre Entsprechung im expressiven Video findet. „Kingdom“ ist der erste Track des zurecht vielbeachteten, selbstbetitelten Longplayers, der des 2017 bei Haldern Pop Recordings erschienen ist. Außerdem: Eine Band, die von Gewalt-Sänger Patrick Wagner gemanagt wird, hat in der Regel beachtenswerte Substanz – das lehren 30 Jahre deutsche Underground-Geschichte. Die Band ist im März und April auf Release-Tour und steht dabei auch mehrfach in der Region auf der Bühne, checkt die mal aus ( 24.3., Karlsruhe, KOHI Kulturraum; 20.4., Offenbach, Hafen 2). //RRRhund\

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Kraut Pop/Synth Pop/Cold Wave: Entspannten, minimalistischen Kraut Pop-Fluff mit Cold Wave-Rückgrat kriegen wir von Selfishadows auf der aktuellen Single zu hören. „Secrets“ lebt vor allem vom verhaltenen Pathos in der tiefen Stimme von Daniele Giustra, der seit über zehn Jahren hinter diesem Synth-basierten Projekt aus der italienischen schwarzen Szene steckt. Die Single kann gerade umsonst auf soundcloud heruntergeladen werden, allerdings nur genau 100 mal. („Recalling“, im Oktober bei Unknown Pleasures erschienen). //RRRhund\

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Dubby Post Punk/Art Rock/Psych: Die Verbindungslinie der frühen DIY-Punk-Szene in London zur Dubszene Ende der 70er Jahre ist schon ausreichend erforscht und beschrieben worden. Zuerst haben sich die Punks die No-Budget-Produktionsskills der Dub-Musiker, die mit minimalen Mitteln Erstaunliches produzieren konnten, angeeignet. Und im Zuge der Rock Against Racism-Kampagnen sind dann auch tatsächlich musikalische Bestandteile hin und her gewandert. Berühmtes historisches Beispiel für die Ausstrahlung in die Punk-Szene ist die „Metal Box“, das spröde zweite Album von PIL, das neben dem kryptischen Genöle von John Lydon von anemischen Echo-Drum-Sounds, dem wummrigen Bass von Jah Wobble und der metallischen Gitarre von Keith Levene lebt. Eine stilistische Neuorientierung, ein Aufbruchsignal für avantgardistischere Strömungen im Punk. Für ähnliche, parallele Entwicklungen stehen This Heat und die Swell Maps. Genau bei diesem Sound des Aufbruchs in eine neue Klangwelt setzen die Australier EXEK auf ihrem zweiten Album „Ahead of two thoughts“ an. Wobei: Die Band aus Melbourne nutzt die komplette Entfärbung des Sounds, die geschaffenen Räume, um Platz für stilfremde Elemente zu schaffen. Syd Barrett-Psych, 70er Art Rock à la Brian Eno, überraschende Soundexperimente fluten immer wieder die geschaffenen Schwarz-Weiß-Räume mit auffälligen Farbflächen – der entstehende Kontrast sorgt für ein kurz explodierendes, stilistisches Kaleidoskop. In diese minimalistischen Stilstrategien fügt sich das zurückhaltende Spiel des Saxophonisten Nell Grant perfekt ein – eine neue Klangfarbe, die sparsam eingesetzt wird. Zusammengehalten wird alles vom kühlen, Angst-gesteuerten Sprechgesang von Albert Wolski und der Martin Hannett-inspirierten Produktion, die an den Sound der ganz frühen Factory Records- oder 4AD-Platten erinnert. Allen historischen Mustern zum trotz kommen die Jungs aus Melbourne auf ihrem zweiten Album zu einem ganz eigenen, zu einem dichten, mitreißenden Ergebnis, das viele, viele Umdrehungen auf meinem Thorens absolvieren wird. Eine außergewöhnliche, eine wunderbare Platte (auf bandcamp oder via Superior Viaduct zu kriegen). //RRRhund\

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Punk Rock/Punk’n’Roll: Eine der am sehnlichsten erwarteten Reunion-Veröffentlichungen zu Beginn diesen Jahres ist sicherlich die Hot Snakes-Scheibe „Jericho Sirens“, die im März bei Sub Pop erscheinen wird (16.3.). Mittlerweile gibt es die erste Single „Six Wave Hold-Down“ aufs Ohr, und die knüpft wie zu erwarten war eher an die melodische als die rauhe, frühe Seite der Band an. Ansonsten rollen die Jungs wie eh und je – falsch machen können die sowieso nichts mehr. //RRRhund\

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Alternative/Nu Wave: Wenn nölender Wiener Schmäh mit großartigen, schwarzhumorigen Texten auf energische, geile Gitarren trifft, ist man bei Kreisky gelandet. Nach vierjähriger Veröffentlichungspause, die das Quartett parallel zur Familiengründung genutzt hat, erscheint im März das fünfte Album „Blitz“, das in einer Bandphase mit Wunsch nach Verdichtung entstanden ist, was den Jungs im Vergleich zum Vorgängeralbum eindeutig gut tut. Die erste Single „Veteranen der vertanen Chance“ ist auf dem Punkt im typischen Ductus der Wiener Post Punk-Musikanten und wird von einem gequälten New Wave-Vibe getragen. Ach ja: 12.5., Stuttgart, Merlin. Den Antrag auf Beitritt zum Verband der anonymen Loser habe ich natürlich sofort gestellt, welcome back Kreisky! //RRRhund\

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Indie Rock/Proto Punk: „Disgraced in America“, die neue Single der Kanadier Ought, muss man schon alleine deshalb posten, weil das dazu entstandene Animationsvideo von Regisseurin Heather Rappard und Animateur Mike McDonnell eine wahre Augenweide ist. Mit Alkohol verdünnte Farbe sorgt dabei für den sehr flüssig wirkenden Animationsstil. Da hat jemand Liebe in die Arbeit gesteckt. Ought tun derweil, was Ought tun – Indie Rock mit einem 70er Proto Punk-Vibe fabrizieren. Nice („Room Inside the World“, 16.2., Merge Records). //RRRhund\

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Minimal Wave mix: Veronica Vasicka, die Betreiberin des kultigen Minimal Wave-Labels, ist immer wieder als DJ aktiv, und hat sich auch in dieser Hinsicht schon mehrfach als bemerkenswerte Spürnase und Trendsetterin erwiesen. Neuester Beleg ist der einstündige Mix, den die New Yorkerin für 2-times angefertigt hat. Ein magnetisches Set aus wenig gehörten New Beat-, Minimal Electro- und New Wave-Tracks – meine Herren, ist das gut. //RRRhund\

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Experimental/Leftfield Electronica: Das Londoner Label Houndstooth (aus dem direkten Umfeld der Fabric-Betreiber) hat die Crème de la Crème der internationalen Leftfield-Electronica-Szene an einem spannenden Projekt beteiligt. Die Künstler sollte jeweils ihre Interpretation von T.S. Eliots Gedicht „The hollow men“ und der zentralen Zeile „In Death’s Dream Kingdom“ (so auch der Name der Compilation) beisteuern. Die musikalischen Ergebnisse wurden in den vergangenen 25 Tagen veröffentlicht, jeden Tag ein Track. Seit heute ist das faszinierende Gesamtwerk auf bandcamp zu kriegen: Dunkle Musik für dunkle Zeiten. Einer der besten Tracks ist „The dream ends“ von Gazelle Twins. Aber von der Dame – eifrigen LeserInnen dieser Seite sicher schon längst bekannt – hatten wir ja auch nichts anderes erwartet. //RRRhund\

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Experimental/Label Compilation: Das Kultlabel Posh Isolation hat seit einiger Zeit mit der langjährigen isolationistischen Tradition gebrochen, komplett auf Promoaktivitäten zu verzichten und seine Veröffentlichungen ausschließlich über streng limitierte, physische Tonträger zu verbreiten. In der Zwischenzeit haben die Kopenhagener sogar einen eigenen Label-Account auf der enorm boomenden bandcamp-Plattform eingerichtet – allein das ist schon eine Revolution der Labelpolitik. Doch damit nicht genug. Mit der gerade veröffentlichten Label-Compilation „I Could Go Anywhere But Again I Go With You“ – Katalognummer PI-207 – ist der erste Titel online, der ausschließlich im digitalen Format erscheint. Enthalten sind 24 exklusive Tracks von Labelkünstlern und Freunden, die die komplette Bandbreite des Labels umfassen, das über die Jahre vom kleinen, lokalen Liebhaber-Kult zum international renommierten Experimental-Platzhirsch mutiert ist: Von zerbrechlichen, dahingehuschten Folk-Skizzen im Treppenhaus über die feingeistigen Electronica-Experimente, für die die Labelgründer Christian Stadsgaard und Loke Rahbek mittlerweile auch gerne selbst verantwortlich zeichnen, bis zum modernen, intelligenten Industrial ist alles geboten. Die Kopenhagener Nabelschau für 2018 – oh Wunder: ganz digital. //RRRhund\

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+BLAST FROM THE PAST: Im Internetz ist ein rares, sehr frühes Amateur-Video von Nirvana in ihrer Sub Pop-, also Pre-Rockstar-Inkarnation aufgetaucht – an der Schießbude sitzt also noch Chad Channing und nicht Dave Grohl (der war in der Zeit noch mit den DC-Post HC-Rockern Scream zugange). 15 Minuten spröde DIY-Musikgeschichte versus überzogenen Starkult. //RRRhund\

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Alternative Rock/Post Punk/Psych/Shoegaze: Im derzeit so beliebten, stilistischen Feld zwischen Post Punk, Psych und Shoegaze tummeln sich die italienischen Alternative Rocker von Japan Suicide mit ihrem atmosphärischen Sound. Im Februar erscheint beim Pariser Label Unknown Pleasure Records mit „Santa Sangre“ (yep, Jodorowsky, ick hör dir trapsen) das neue Album des Quintetts aus Terni, das den klassischen britischen Post Punk-Stil von The Sound oder den Chameleons als Basis für Ausflüge in den Psych- und Shoegaze-Bereich nutzt und dabei zu einem abgehangenen, stimmigen Gesamtbild kommt. Im schön abgelichteten, vom Okkultklassiker „The Wicker Man“ beeinflussten Video zu „Circles“ bewegen sich die Bandmitglieder in einer Art heidnischen Ritual mit Masken durch den Wald, bevor die Sache in Richtung Hi-Tech-Dystopie kippt. //RRRhund\

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Indie Rock/Shoegaze/Noisegaze: Abu Hurairah Rosli, Muhammad Muadz, Yang Abdul Aziz, Muhammad Firdaus Malek Faisal und Ahmad Norsaiful Omrah sind Soft. Das indonesische(!) Shoegaze-Quartett liefert auf „Nostalgia“ (via Héma Records auf bandcamp zu kriegen) einen auffallend dichten, oft düsteren und streckenweise auch recht noisigen Genresound, der immer wieder ins Dissonante abdriftet, so einen surrealen Flair kriegt und an Giftigkeit gewinnt. Gute Scheibe aus dem Shoegaze Underground. //RRRhund\

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Shoegaze/Dream Pop: Shoegaze hatten wir schon ’ne Weile nicht mehr, und das mit gutem Grund, an dem Genre hatte ich mich für ein paar Monate komplett sattgehört. Dann kam zufällig dieser gute Song um die Ecke: Das Regensburger Shoegaze-Quartett Swirlpool hat auf der aktuellen Single „Camomile“ den klassischen, verträumten Gitarren- und Gesangssound auf dem Buckel einer nach vorne preschenden Rhythmussektion im Gepäck – Innovationsgrad null Prozent, aber halt ’ne sehr schöne Nummer. Fühlt sich an, als ob man an einem perfekten Sommertag mit heruntergelassenen Scheiben einem Traumziel entgegendüst. //RRRhund\

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Dark Alternative/Power Wave/Electropunk: Jede Menge Schub und Energie hat die Elektropunk-Variante, mit der sich Pariser Duo Bracco auf seiner „POV”-EP für Le Turc Mecanique präsentiert. Mächtig, tuckernde Sequenzer, giftige Gitarren außer Kontrolle, dystopische Carpenteresque Synthflächen, angeravte Grooves und psychotischer, Suicide-inspirierter Gesang on the edge: „Tune” ist ein ordentliches Brett und könnte gut auf dem Soundtrack für Trainspotting III landen, sollte der jemals gedreht werden. //RRRhund\

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Synth Pop/Synth Wave: Der gebürtige Kanadier JJD spielt seit über 20 Jahren in Post Punk- und Synth Wave-Bands, ist also ein echter Veteran der neuen New Wave-Szene. Nach den Zwischenstationen London und Sheffield (sic!) ist der Elektronikmusiker mittlerweile in Glasgow heimisch geworden und hat vor einigen Monaten in der schottischen Metropole zusammen mit Claudia Nova (Hausfrau) und Andy Brown (Kaspar Hauser/Ubre Blanca) ein eigenes Label namens Possession Records gegründet. Dort erscheint im Februar dann auch das neue Album seines Synth Wave-Projekts Soft Riot. Die erste Hörprobe „The eyes on the walls“ gefällt mir ziemlich gut – eine sichere Bank für synth aficionados („The Outsider In The Mirrors“, 9.2., Possession Records). //RRRhund\

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Darkwave/Post Punk/Post Industrial: „Choke“, die mittlerweile dritte Singleauskopplung des Maschinenmenschen Luis Vasquez (AKA The Soft Moon) kommt als pulsierend-stoische Dampfwalze daher und lässt leichte Nine Inch Nails-Gefühle zu „Pretty Hate Machine“-Zeiten aufkommen. Das in Italien aufgenommene Werk „Criminal“ erscheint am 2. Februar via Sacred Bones. D/RRR

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Post Punk/Alternative Rock: „Espionage“, der erste Vorbote der kommenden Preoccupations-Platte, der zunächst klingt als bestünde er aus zwei übereinandergeschichteten Songs, zündet im Refrain mit TV On The Radio anliegendem Hitpotenzial. Vielseitig, eingängig und spannend fliegt uns der Opener des Albums, dessen Dreh- und Angelpunkte die Themen Depression und Selbstsabotage sind, um die Ohren. Selbstaufgenommen und anschließend von Justin Meldal-Johnson (M83, Wolf Alice) gemixt, wird „New Material“ hierzulande am 23.3. via Jagjaguwar erscheinen. Freude! D/RRR

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Alternative/Post Hardcore/Punk: Spannendes aus Australien – nach der ersten EP, die vor allem durch geschmeidig-harmonische Abwechslung glänzt, haut uns das Trio Shady Nasty mit der aktuellen Split-Single „Good company/White knuckle“ als Kontrastprogramm zwei derbe, fiebrige Bretter um die Ohren. Mitreißender Genuss. D/RRR

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Experimental/Leftfield Electronica/Spoken Word DigiDub: Eine faszinierende Kollaboration. Die Texterin und Sprachkünstlerin Leslie Winer hat mit dem modernen Dub-Produzenten Jay Glass Dubs gemeinsame Sache gemacht; die Ergebnisse gibt’s jetzt auf dem „YMFEES“-Albums zu hören (gerade bei Bokeh Versions erschienen). Zu Beginn des Projekts haben die beiden aufgenommene Ideen und Tonfragmente noch per E-Mail ausgetauscht, in der heißen Phase dann auf einer ionischen Insel zusammen aufgenommen und das Ergebnis im Athener Studio des Dub-Produzenten verdichtet. Bei den sechs Tracks gehen die mal improvisierten, mal konzeptionell angeordneten, als Sprechgesang vorgetragenen Hypertexte von Winer eine eigentümliche chemische Verbindung mit den abgespaceten Dubs des angesagten Produzenten ein. Sehr magnetisch. //RRRhund\

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Indie Rock/Alternative Rock: Wie mir meine Spione vom Eurosonic in Groningen berichten, war am Festival-Donnerstag das Londoner Indie-Hipster-Trio Husky Loops der heiße Scheiß auf den Bühnen der Stadt. Grund genug, sich mal das bisherige Werk der Jungs (zwei EPs, wenn ich mich nicht täusche) zu Gemüte zu führen, das von minimalistischen, präzise vorgetragenen Indie Rock-Licks und einem massiven, mächtig groovigen Bandsound getragen wird. Aus diesem Spannungsverhältnis nährt sich die Band auch bei „Fighting myself“, das schon von Anfang 2017 stammt. Die haben was. //RRRhund\

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Psychedelic Noise Rock/Experimental Sludge: Rock-Bands finden hier die letzten Monate zugegebenermaßen recht selten Beachtung. Neben meinen in andere Gefilde abgedrifteten Hörgewohnheiten taucht im klassischen Underground-Gitarrenbereich aktuell einfach auch viel zu selten etwas auf, was nicht wie der fünfte Abguss vom Original klingt. Eine dieser seltenen Ausnahme hat mir gerade ein Artikel über die britische Noise Rock-Szene auf bandcamp daily beschert. Ghold, ein düsteres, experimentelles Sludge-Trio aus Leeds, das zwar an den klassischen Sound der Melvins oder von Big Business andockt, diese Inspirationsquelle aber nur als Startpunkt für die lange Reise in eine eigene psychedelische Vorstellungswelt nutzt und dabei – und das ist das Besondere – auch immer wieder Ausflüge in stilfremde, mal ambienteske, mal soundmalerische Stilsphären macht. Die Jungs sind schon seit 2012 am Start, das aktuelle Album „Stoic“ wurde in der Mill Hill Chapel in ihrer Hematstadt eingespielt. JR Moores merkt auf bandcamp daily süffisant an, dass das wohl „eine Kapelle sein müsse, in der der Geist eines Kinder fressenden, Priester mordenden, knochenbrecherischen, menschenfressenden Ungeheuers sein Unwesen treibt.“ Dem ist nichts hinzu zu fügen. Starke Platte. //RRRhund\

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Psych Rock/Space Rock/Sludge/Experimental: Nachdem Groschi von 12XU uns schon so charmant auf diese Reissue hingewiesen hat, konnte wir die Scheibe unmöglich ignorieren – bei dem Namen, bei dem Cover. Bei unseren Musiktipps geht einem nämlich gerne mal das Messer in der Tasche auf, oder so. Nein, tatsächlich hat unsere Benennung mit dieser Platte rein gar nichts zu tun hat – wir wussten bis vor Kurzem noch nicht mal etwas von ihrer Existenz. Die Rede ist von „RRR“, dem siebten Album des experimentellen, britischen Psych- und Sludge-Kollektivs Hey Collosus, das 2011 aus einer spontanen Aufnahmesession mit zwei Gastmusikern (Jon von den Notorious Hi-Fi Killers und Leon von Shit+Shine) hervorgegangen ist und durch diese ungewöhnliche Entstehungsweise und deren erstaunlichen Ergebnisse in der Folge Kultstatus beim Anhang der Band erlangt hat, seit Jahren ausverkauft ist. Riot Season hat dieses Album nun mit einer ganzen Latte an Bonusmaterial als Doppel-LP wiederveröffentlicht. Auf dem Vinyl zu hören gibt es rohe Experimente zwischen Psych, Space Rock, Noise und Sludge, die die Magie diesen einen Aufnahme-Wochenendes in sich tragen, bei dem „einfach alles zusammengepasst hat“ (so die Band). Und so fügt sich zusammen, was zusammen gehört: RRR halt. //RRRhund\

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Post Punk: Das neue musikalische Jahr startet mit ordentlich Schub im Arsch; jede Menge relevante neue Veröffentlichungen und Vorankündigungen. Zum Beispiel „Current affair“. So heißt die neue Single von Sextile aus L.A., die ja demnächst auch wieder europäische Bühnen unsicher machen (needless to say: in geographischer Nähe zum Rhein-Neckar-Raum ist mal wieder nichts zu holen). Straighter Post Punk-Rocker, bei dem kinetische, pulsierende Sequencer auf den spröden Vibe der frühen Siouxsie & the Banshees treffen. Für letzteren Einfluss zeichnet Sienna Scarritt verantwortlich, eine enge Freundin der Band aus L.A., die hier das Mikro bedient und auch die Lyrics geschrieben hat. Ein Hit ist ein Hit ist ein Hit. //RRRhund\

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Post Punk/Dance Punk: Mal wieder enorm tanzbar und mit ausgesprochen grandioser Basslinie kommt die neue Single der englischen Post Punks Shopping, die bei so viel Drive auch mal flucks auf die Gitarre verzichten können und anstattdessen zum Casio-artigen LowFi-Synth gegriffen haben. Das spaßige Video zu „Wild child“ rät fundamental von klassischen Beziehungsmodellen ab, im speziellen der Heirat. Der letzte Vorbote des neuen Albums, das ja bereits nächsten Freitag in den Startlöchern steht („The Official Body“, 19.1., Fat Cat Records). //RRRhund\

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Power Pop: Nach dem endgültigen Durchbruch von Sheer Mag ist letztes Jahr ist ja sowas wie ein kleines Power Pop-Revival sichtbar geworden. Auf dieser Linie (zum Glück minus der Südstaaten-Schote) sind auch The Number Ones aus Dublin zu verorten, die auf Static Shock gerade ihre neueste 7″ rausgehauen haben. Eine echte Perle: „Lie to me“. //RRRhund\

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Garage Rock’n’Roll/New Weird Britain: Auf dem Weg zum großen Wurf „Whale City“, der in ein paar Monaten erscheint, haben Warmduscher aus London gerade eine neue Single rausgehauen. „Big Wilma“ ist ein ekstatischer Garagenrock-Kracher erster Güte – natürlich mit dem typisch verwirrenden Trash-Vibe der Band aus dem Umfeld von Fat White Family und Paranoid London. „Neon tongues“ auf der Flipside dagegen ist ein schräger Space-Electro-Track, womit die stilistische Bandbreite der Band mal kurz quadrupliziert wäre. Im Juni sind die Jungs dann live auf dem Maifeld Derby zu sehen. Das dürfte sehr speziell werden, ich bin gespannt. //RRRhund\

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Post Punk Cover: Desperate Journalist, meine Lieblinge aus Nord-London, haben sich mit „Fire“ einen Post-Punk-Klassiker von The Sound vorgenommen und ihren Job dank gewohnt herausragender Gitarren- und Gesangsarbeit ziemlich gut gemacht. Wer genau hinschaut, kann sich die Coverversion auf soundcloud auch umsonst runterladen. Ansonsten haben die ladies und gents schon wieder eine 12″-EP namens „You Get Used To It“ mit fünf neuen Tracks am Start, die auf bandcamp geordert werden kann. //RRRhund\

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Electronic Leftfield Pop/Post Coldwave: Auch diese Künstlerin beobachte ich schon seit geraumer Zeit und bin gespannt, was als Nächstes folgen wird … und siehe da, das Warten hat sich gelohnt. C.A.R. ist das elektronische Pop-Vehikel von Chloé Raunet (Ex-Battant). Im Februar erscheint ihr zweites Album „Pinned“, das zukunftsgewandte Leftfield Electronica mit Cold Wave-, Trip Hop- und Electro-Einflüssen bietet und dabei einem Post Punk-Vibe verpflichtet ist, der im Hier und Jetzt bleibt, zum größten Teil ohne Retrosounds auskommt. Bei der wundervollen Single „Daughters“ produziert Raunet mit ihrem Sprechgesang enorme Spannung – „eine Laurie Anderson für 2018“, dachte ich bei einigen Sequenzen. Ganz weit oben im Qualitätsregal, die Dame („Pinned“, 16.2., Ransom Note). //RRRhund\

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Cosmic Disco Cover: Moon Duo haben sich auf der neuesten Veröffentlichung zweier Underground-Klassiker angenommen und auf ihre typische eigene Art verwurstet – zu hören gibt es bereits die Space Disko-Fassung von „Jukebox baby“ (Alan Vega). Auf der Flipside wird dann ein Cover der Stooges-Nummer „No fun“ zu finden sein. Entweder als 12″-Vinyl von Sacred Bones Records oder digital auf bandcamp zu kriegen (erscheint am 19.1). //RRRhund\

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Indie Rock: Einen ungewöhnlichen Weg sind die U.S.-Indie Rocker Car Seat Headrest gegangen und haben kurzerhand ihr eigenes, als unvollkommen empfundenes Erstwerk („Twin Fantasy“ von 2011) nochmal überarbeitet und mit dem mittlerweile vorhandenen Recording-Budget neu eingespielt. Das Ergebnis ist erstaunlich. Starke Songs, mit Ecken und Kanten eingespielt, und im Ergebnis eine deutlich bessere Scheibe als die, mit der die Jungs vorletztes Jahr bekannt geworden sind. Läuft (und erscheint am 16.2.). //RRRhund\

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Free Jazz Agitation: Nochmal ein Tipp von Markus Acher. Wenn eine inspirierte Free Jazz-Formation zuerst auf vollen Touren rotiert, um dann in einen belebten Groove zu springen und für die Sprachgewalt, die Wut und Energie von Moor Mother Platz zu schaffen, dann lauscht ihr „Enough“ von Irreversible Entanglements. Ein Projekt voller Kraft und inhaltlicher Wucht – mit klarem Bezug auf die unschönen gesellschaftlichen Entwicklungen in der „Ersten Welt“. Würde ich furchtbar gerne live sehen. //RRRhund \

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LowFi Psych Pop/Freak Folk: Ganz frech aus der Jahresendliste von Notwist-Sänger Markus Acher habe ich mir diesen Tipp geklaut. Oliver Wilde hatten wir Anfang 2017 hier schon einmal in seiner Soloinkarnation mit der fantastischen, semi-elektronischen Psych Pop-Single „Good kind of froze“. Bei Oro Swimming Hour ist er zusammen mit Nicholas Stevenson aktiv – skuriller LowFi Psych Pop aus Bristol. Vom Feinsten: „Martial arts washing cars“ („Penrose Winoa“, bei Art is Hard erschienen). //RRRhund\

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Cold Wave/Post Punk: Keineswegs aus dem europäischen Osten, sondern aus dem tiefsten Westen der USA kommt Warsaw Pact; es handelt sich nämlich um das Soloprojekt von Ivan Delint, der sonst bei der L.A.-Post Punk-Band The Eleventh Frequency die Gitarre bedient. „Day by day“, die erste Single, ist ein reduzierter, introspektiver, tanzbarer Track, der sich am kühlen, disziplinierten Minimalismus den frühen Cold Wave- und Post Punk-Szene orientiert: melodischer Bass, repetetive Gitarre, zurückhaltender Sprechgesang. Das Ganze soundtechnisch absichtsvoll höhenreduziert, wie in einen Wattebausch gepackt. Pretty nice, and there’s more to come: Im Januar werden weitere drei Singles erscheinen. //RRRhund\

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Minimalist Punk Electro: Das Electro- und Technolabel Pinkman Records genießt durch seinen eher dreckigen Sound und eine ganze Reihe von ungewöhnlich guten Veröffentlichungen schon seit einer Weile meine Aufmerksamkeit. Jetzt wird das Spektrum in zweifacher Hinsicht nochmal erweitert: Mit der ersten 7″-Veröffentlichung der Rotterdamer wird das Projekt Savage Grounds vorgestellt und gleichzeitig der Labelsound in Richtung Uptempo Punk Electro erweitert. Pretty nice. //RRRhund\

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Kebab- und andere Träume

Kebab- und andere Träume: Sehr spannend und mit Strahlkraft für das dunkle gesellschaftliche Hier und Jetzt – Niklas Fucks erzählt bei Spex, wie Ende der 1980er Jahre in Wiesbaden ein außergewöhnliches multikulturelles Projekt zustande kam. //RRRhund\

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Electro/Dark Disco/Post EBM/Acid/Cosmic/Cold Wave: Vor ein paar Tagen habe ich noch seine Lieblingstracks von 2017 vorgestellt, jetzt gibt es den ersten Ausblick auf den zweiten Longplayer des britischen Electro-Produzenten und DJs. „The Shaker“ von Tronik Youth ist ein großartiges, Sequencer-basiertes Dark Disco-Stück, das in Perfektion zwischen elektronischer Vergangenheit und futuristischer Zukunft schwebt. Just my cup of coffee. //RRRhund\

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Depressed Minimal Krautrock: Hat sofort Klick gemacht, schon beim ersten Ton. Das französische Quartett Vox Low gleitet auf enorm groovenden, minimalistischen, motorischen Low-Tempo Beats, mit einem geil klingenden, stoischen Achtel-Bass im 60s-Sound und Depro-Harmonien durch das konsumkritische Universum seiner Vorab-Single „Now we’re ready to spend“. Morricone meets Sisters of Mercy – verflucht sexy, ich will es. Den Debüt-Longplayer gibt’s im Februar bei Born Bad Records (s/t, 2.2.). //RRRhund\

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Electronic Indie/Dark Pop/Post Dubstep: Mit auffallend kreativen Arrangement- und Soundideen kommt der Dark Pop daher, mit dem sich Fiordmoss auf dem Debütalbum „Kingdom Come“ präsentiert. Das von Berlin aus agierende, tschechische Quartett um die studierte Medienkünstlerin Petra Hermanová liefert stimmig konstruierte Electronica mit Dubstep-Einflüssen, Pop-Appeal und ungewöhnlichen Visuals. Hier das ziemlich schleimige Video zum tollen „Motherland“. FFO Björk, Fever Ray, Portishead et al //RRRhund\

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Indie: Guten Morgen – eine Prise Schnuff-Sound um 2018 loszutreten, direkt aus dem Jahresrückblick von Captured Tracks geklaut. Klassische Indie-Homerecording-Vibes prägen „Gasbagging“, die Single von School Damage, natürlich ein veritabler Hit. Neben der angenehmen, simpel-skurrilen Instrumentierung trägt auch ein schön animiertes Stop-Motion-Video zur kulturellen Erbauung bei. Zwei Minuten klassische Indie Pop-Freuden ohne großen Schnickschnack, schon seit letztem Juni unterwegs, und gar nicht beim New Yorker Indie-Kultlabel erschienen (sondern bei Chapter Music). //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ

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