+Kurz rausgehackt: März 2018

Experimental Folk Rock/Deconstructed Psych/Gnostic Pop: Richard Youngs aus Glasgow ist aus musikalischer Sicht ein merkwürdiger Kauz, eine singuläre Erscheinung. Nicht weil er sein neuestes Album allein im winzigen Heimstudio eingespielt hat – das tun viele. Die Art und Weise ist hier das Entscheidende: Während die Songs des selbsterklärten Post Punk-Autodidakten beim ersten Hinhören wie konventionelle Folk Rock-Nummern klingen, stellt sich bei den Arrangements alsbald das verstörende Gefühl ein, dass dem Hörer an allen Ecken und Enden musikalisch der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Daran sind sowohl manipulierte Drum Samples – nicht zusammenpassende LoFi-Sounds, ungroovige Time Patterns – als auch allerlei andere wegschwimmende Sounds, festhängende Loops Schuld. Bei seiner neuen Single „Nebulosity“ etwa verbleibt neben dem Gesang streckenweise nur noch die Psych-Lagerfeuer-Gitarre als letztes konventionell eingesetztes Element, hält das Gesamtkonstrukt zusammen … aber gerade so. Youngs nutzt auf dem neuen Album absichtsvoll die Romantik selbstgeschaffener musikalischer Defekte und setzt diese charmant in Kontrast zu klassischem Songwriting. Gewagt und gewonnen, moderne Pop Gnostik. Sah wohl auch Charlatans-Sänger Tim Burgess so, der die Scheibe nun auf seinem Label O Genesis veröffentlicht. //RRRhund\

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Alternative/Synth/Psych: Hinter dem Namen Vive la Void steckt das Soloprojekt der Moon Duo-Keyboarderin und -Mitgründerin Sanae Yamada, die sich auf ihrem Debütalbum gleichen Namens mit der Schichtung von Synthspuren beschäftigt – ätherische Klangwirbel und pulsierende Bässe sorgen für den psychedelischen Effekt. Darüber liegt ihr zurückhaltender aber einnehmender Gesang. Hier die erste Single „Red rider“ (s/t, 4.5., Sacred Bones Records). //RRRhund\

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Crossover/Punk + Post Punk Weirdness/Trash Electronica Groove Stuff/Drum & Bass: Es ist soweit, die kalifornischen Lifestyle-Modell-Brüder Wyatt & Fletcher Shears, besser bekannt als The Garden, haben ein neues digitales Album draußen, auf dem sie sich mal wieder einen feuchten Kehricht um Genregrenzen kümmern. Drums, Shortscale Bass, Vocals, Billig Elektronik, ab und an eine Gitarre – mehr braucht es nicht, um den Zuhörer im Sprint durch eine surreale, aberwitzige Stilmetamorphose nach der anderen zu jagen. Spitzenpunktwerte für Kreativität und eigenständige Identität. Einfach groß („Mirror Might Steal Your Charm“, auf bandcamp). //RRRhund\

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Experimental Noisy Dancefloor: Gavin Russom von LCD Soundsystem hat viele Seiten. Eine der dunklen interessanten passiert musikalisch unter dem Pseudonym Black Meteoric Star. Die New Yorker Musikerin hat letztes Jahr einen Experimentalfilm unter dem Titel „No More White Presidents“ abgedreht und selbstverständlich auch den Soundtrack dazu komponiert. Der wurde schon letztes Jahr komplett als Tape veröffentlicht und hat jetzt in Auszügen einen Vinyl-Release von Modern Obscure Music in Barcelona erhalten. „Coffin maker“ ist 11 Minuten lang abgedrehtes, noisiges, bissiges Elektronik-Zeug, musste ich sofort haben. Aber auch der Industrial Dub der beiden anderen Tracks hat mich gleich überzeugt. //RRRhund\

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Existenzialisten Noise Rock: Und dann war da noch das neue Video von Gewalt zu „Guter Junge / Böser Junge“ von der letzten Single bei This Charming Man Records, das die Narration von Geschlechterrollen in 70er-Jahre-Pornos untersucht und dabei als Kontrapunkt auch einige transgressive und subversive Klassiker einflechtet. Musikalisch ist bei dem Track übrigens auch Kevin Kuhn (Die Nerven et al) am Start, der Neubauten-artige Metallpercussion zum Rhythmusgerüst beisteuert. Demnächst ist die Band dann mit der HH-Produzentenlegende Tobias Levin in den Electric Avenue-Studios zugange, um die nächsten zwei Songs aufzunehmen. Marin Tagar und Nina Walser von Friends of Gas werden dann als Gastmusiker dabei sein. //RRRhund\

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Experimental/Analogue/Synth: Der einst recht umtriebige Elektronikmusiker und Labelbetreiber Carlos Giffoni hatte für einige Jahre die Hacke reingemacht, eine lange Auszeit in Kalifornien genommen. Jetzt ist er mit „Vain“ zurück – ein Soundtrack zu einem fiktiven Film über eine ebenso fiktive Frau mit telekinetischen Fähigkeiten. Sehr intensive, perlige, analoge Instrumentalmusik mit einem besonderen magischen Touch und verstecktem Herzschmerz: „Vain’s face“. //RRRhund\

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Alternative/Dark Stuff/Post Punk: Ich war gerade ein wenig geschockt, denn Girls Names, meine Lieblingsband aus Belfast, sind seit geraumer Zeit wohl nur noch als Trio zugange. Schlagzeuger Gib Cassidy hat etwa ein Jahr nach dem Erscheinen des letzten Albums „Armed Around a Vision“ seinen Hut genommen. Dass das eine tiefgreifende Veränderung im Bandsound mit sich führt, hört man bei der ersten Hörprobe vom neuen Album schon nach wenigen Sekunden. Neu! und Konsorten, organische Songentwicklung im Bandkontext: das war gestern. Band-Mastermind Cathal Cully, Bassistin Claire Miskimmin und Gitarrist Philip Quinn arbeiten nämlich mittlerweile mit Drumcomputer und vorprogrammierten Tracks. Und so kommt der Albumopener „25“ – eine getragene, dunkel-melancholische Ballade – mit schweren Synth-, Streicher- und Bläserflächen daher, die über der klassischen Songstruktur schweben. Da sich auch noch eine dunkelblaue Pianolinie durch den Song schlängelt, kommen einem aktuelle Arbeiten von Nick Cave, In The Nursery oder Bohren & the Club of Gore als Anknüpfungspunkte in den Sinn. Ich bin schon sehr gespannt wie sich das bei den anderen Songs des neuen Albums verhält („Stains on Silence“, 15.6., Tough Love Records). //RRRhund\

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Indie Rock/Post Punk/Psych: Als letzte Vorabsingle zum neuen Album „New Material“ haben die Preoccupations mit „Disarray“ ein neues, künstlerisch wertvolles Video online gestellt. Musikalisch vermutlich der entspannteste 13/4-Takt der Welt, bevor’s die Band dann ganz rund macht. Schnufte Psych-Zeug. //RRRhund\

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Alternative/Electro Rock: Hinter der recht frischen Formation You, Vicious! stecken Bren Costaire (an den E-Drums) und Max Balquier (alles andere), die Überbleibsel der bretonischen Band Frigo. Beim Pariser Label Manic Depression Records ist gerade das schlicht „EP#1“ betitelte Kurzspieler-Debüt des französischen Duos erschienen, auf dem sich die beiden mit einer Mischung aus elektronischen und gitarrigen Klängen präsentieren. Darauf ist auch „Pretty is all you have“ zu finden – Electro Rock mit Pop Appeal. //RRRhund\

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Post Punk/Indie Rock: Passt mit seinen Devo- und Wire-Vibes perfekt zum heutigen Frühlingswetter, also raus damit … Die B Boys haben für Audiotree eine Live-Session von ihrem Track „Discipline“ aufgenommen – mitten in der Sporthalle unter Basketball spielenden Teens. Macht gute Laune. //RRRhund\

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Electronic Noise/Post Punk Electronica/Minimal Wave/Rhythm’n’Noise: Auch Segmente der Electronica-Szene haben in den letzten Jahren Spaß daran, die spannendste Phase ihrer Analog-Pionierzeit neu aufzuarbeiten: das was zwischen 1978 und 1981 direkt nach oder parallel zu Punk kam. Das sich verbreitende Bewusstsein, dass jedes Geräusch das Potenzial hat, Musik zu sein; das Auftauchen von neuen bezahlbaren Produktionsmitteln für nicht ausgebildete Musiker; der unbedingte Wunsch, alles anders zu machen als die Rock’n’Roller der vergangenen Dekaden – ästhetisch (und oft auch inhaltlich) die eigentliche kulturelle Revolte. Bei diesem Geist setzt das recht frische, australische Noise Duo NKDX an, das aber faktisch aus alten Bekannten besteht. Nick Kuceli (Gaud) und Daniel Stewart (Total Control, The UV Race, Straightjacket Nation) haben gerade die erste Single „Mash down Rome“ rausgehauen, die vom Debüt-Tape „Rome“ stammt und irgendwo zwischen dem romantischen Charme des frühen Minimal Wave und der geräuschhaften Experimentierfreude der klassischen Rhythm’n’Noise-Fraktion hängt. Demnächst bei Paradise Daily Records zu kriegen, die werden mit der aktuellen Serie an Veröffentlichungen so langsam zu meinem Liebling aus Down Under. //RRRhund\

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EBM/Noisy Synth Punk/Post Industrial: She Lost Kontrol ist der Name eines recht neuen, italienischen, aber in Berlin ansässigen Underground-Labels, das sich programmatisch in Tradition der harten, dunklen Underground-Tanz-Sounds der 80er befindet. Die aktuellste Veröffentlichung stammt von Aktion Mutante – für die Álex de la Iglesia-Referenz gab’s bei mir gleich mal Pluspunkte. Das gemeinsame Projekt von Unhuman und Violet Poison bedient sich auf seiner ersten EP aus dem dunklen EBM-, Industrial- und Synth-Punk-Topf, mischt die historischen Einflüsse aber mit Sounds aus der aktuellen Berliner Industrial-Techno-Szene und kommt so zu schön rohen, giftig-bissigen Ergebnissen. //RRRhund\

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Synth/Post Wave: Ian Hicks war früher eine Hälfte der Synth Pop-Formation Soft Metals. In seiner Soloinkarnation serviert er uns auf der „Changeless“ EP jetzt fünf sehr gelungene Post Wave-Kreationen, die stilistisch Vieles streifen, was nach der Pionierzeit der elektronischen Pop-Musik passiert ist, und ordentlich Luft zum atmen haben. Gutes Zeug. //RRRhund\

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Hysterese – s/t (3)Punk Rock/Melodic Punk: Und – wer braucht einen musikalischen Adrenalinstoß zum Frühlingsanfang? Bin vorhin die ganze Zeit durch die Wohnung gesprungen als die dritte Scheibe von Hysterese lief. Das neue Werk der Tübinger Punk Rock-Connection ist nämlich ab sofort via This Charming Man Records unterwegs und bietet alles was man zur Jahreszeit gebrauchen kann: Arschtritt-Energie und geniale Melodien zum Mitsingen. Einfach guter Melodic Punk mit der Sonne im Herzen. //RRRhund\

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Post Punk: Neue Bands auf Blank Editions genießen mittlerweile generell meine Aufmerksamkeit. Dieses konstante Interesse hat sich das kleine Undergroundlabel aus London durch eine ganze Latte an guten Veröffentlichungen verdient. Neuestes Pferd im Stall sind die Ice Baths, die mit ihrem klassischen Post Punk-Sound Bezug auf einige LowFi-Klassiker wie die TV Personalities oder die Swell Maps nehmen. Im Songwriting ist daher bei aller genretypischer Dunkelheit ein gewisser 60s-Einschlag im Sinne von Garagen-Pop hörbar. Die Produktion wollte die Band genauso scheppernd und höhenlastig wie die Hörprobe „New strappings pt. 1“ suggeriert, und hat sich deshalb im Studio kurzerhand selbst hinters Mischpult gesetzt (s/t, 11.5., Blank Editions). //RRRhund\

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Alternative/Psych Pop/Cosmic Acid: Mal was Fluffiges. Indianizer heißt diese Formation aus Italien, die bereits seit 2013 am Start ist und aktuell auf ihren zweiten Longplayer zusteuert. Die Vorab-Single „Mazel Tov II“ bietet fruchtig-bunten, Psych-Pop-igen Indie-Sound mit viel perkussivem Groove – ein Sound, der stilistisch grob im Universum zwischen Animal Collective und Django Django anzusiedeln ist. Das neue Album des Quartetts erscheint dann kommende Woche („Zenith“, 27.3., Musica Altra / Bordello A Parigi / Edison Box). //RRRhund\

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Indie Rock/Garage Psych/Shoegaze/Songwriting: Die Altered Hours hatten wir im März 2016 kurz nach dem Release ihres genialen Debüt-Longplayers „In Heat Not Sorry“ schon mal gefeatured. Seitdem hat sich nicht viel geändert: Bei den vier Tracks der neuen „On My Tongue“ EP präsentiert sich das irische Quintett wieder mit grandiosem Songwriting und dem perfekten Gespür für die richtige Mischung aus 60s Garagen Fuzz und Shoegaze-Vibes. Laufen leider international noch ziemlich unter dem Radar – ändert das mal und kauft ihnen die Bude leer. So wie ich. Vielleicht dürfen wir dann mal auf ein paar Shows mehr auf dem Kontinent spekulieren. //RRRhund\

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Synth Pop/Dream Pop: Die musikalischen Reisen des New Yorker Musikers und Produzenten Jorge Elbrecht verfolge ich seit vielen Jahren. Egal ob verspielter Psych Rock, ob komplexer Synth Pop, ob ätherischer, samt schimmernder Dream Pop oder brachiale, fast schon metallische Shoegaze-Soundwand: Elbrecht offenbart seine Brillianz gerne in fragilen Polaritäten. Neben dem starken Songwriting sind die Kompositionen des in Costa Rica geborenen Ausnahmemusikers vor allem durch seinen ungewöhnlich kreativen Umgang mit komplexen Harmoniestrukturen geprägt – ein goldener Faden, der quer durch alle Produktionen genauso hörbar ist wie das Gespür für Pop Appeal. Jorge Elbrecht hat mit „Here Lies“ gerade sein erstes Soloalbum in kompletter Eigenregie veröffentlicht, das all diese Charakteristika in sich vereint. Während die A-Seite seine Liebe für klassischen Synth Pop spiegelt, dabei aber Disharmonien nicht scheut, ist die B-Seite von schimmernden Dream Pop-Gitarren geprägt. Eine herausragende Pop-Scheibe, bei der erst ganz am Schluss ein bisschen Violens violence durchschimmert. //RRRhund\

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Post Industrial/Dark Electro: Psycho Kinder – qu’est-ce que c’est? Na, geiles, dunkles Zeug aus Italien. Der Kill Your Boyfriend-Remix von „L’Incomunicabile“ geht jedenfalls ordentlich nach vorne und wird definitiv in einem meiner nächsten weniger heiteren DJ-Sets landen. Hier das Psycho-Video zum Psycho-Namen. //RRRhund\

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Indie Rock/Proto Punk/Post Punk/Krautrock/Uptempo Psych Rock: Neu auf Fuzz Club Records sind Nest Egg. Die erste Single „Long night outside“ geht flott nach vorne und kommt arrangementtechnisch mit motorischen Beats, verhalltem, lakonischem Nörgel-Gesang und variabler, dynamischer Gitarrenarbeit von cleanem Riffing bis hin zum dichten Fuzz-Wah-Inferno. Ab und an werden auch analoge, synthetische Sounds eingestreut. „Stimmungsmusik für Nihilisten“ nennt die Band selbst ihren Stil süffisant. Ganz so düster sieht’s dann doch nicht aus … Stilistisch liegt das Trio aus North Carolina nämlich eher im doch recht bekömmlichen Feld zwischen Proto Punk, Post Punk, Krautrock und Psych Rock und hat sich in den Staaten schon eine ordentlich Live-Fangemeinde erspielt. Der Longplayer zur Single kommt im April, und den werde ich mir auf jeden Fall auch mal reinziehen. Gute Band („Nothingness Is Not A Curse“, 13.4., Fuzz Club Records). //RRRhund\

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Post Punk: Wer seinen Post Punk ganz straight, englisch, parolenartig und kurz auf den Punkt mag, ist bei Sudden Infant genau richtig. Wie eine Mischung aus Idles und Sleaford Mods: „Rationality“. Ein verdammter Hit – das Album dazu kommt im August auf Harbinger Sound („Buddhist Nihilism“). //RRRhund\

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Post Punk/Garage Rock: Auckland, Neuseeland, da stammen die Wax Chattels her. Zwei Tracks gibt es bisher vom Debüt zu hören („Stay disappointed“ und „In my mouth“), und beide haben mächtig Drive und Schub. Dabei kommt die Besetzung ganz ohne Sechsaiter aus – Gitarrenmusik ohne Gitarre. Dafür riffen der angezerrte Bass von Amanda Cheng und die scheppernden Oldschool-Keyboards von Peter Ruddell mächtig mit Garagenvibe ab; die beiden sorgen auch für den lakonischen Gesang. Schlagzeuger Tom Leggett hat sich allein deshalb schon einen eigenen Satz verdient, weil er mit seinem manischem Spiel für einen Großteil des Adrenalinspiegels sorgt. Der Sound, den die drei liefern, ist tanzbar und rockt – gute Songs schreiben sie noch dazu. Ich will es. Das selbstbetitelte Debüt des Trios kommt demnächst via Flying Nun Records/Captured Tracks (s/t, 18.5.). //RRRhund\

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Punk Rock: Ja, Punk Rock auf Slovenly, das Label ist hier schon eine Weile nicht mehr aufgetaucht. Bands aus Südamerika in den letzten Jahren hingegen immer mal wieder. Die selbstbetitelte Scheibe der chilenischen Henry Rollins- und Black Flag-Fans ANMLS ist in jedem Fall ein aus allen Ritzen berstender, dreckiger, euphorisierender Punk Rock-Frühlingsfund, der durch den speziellen Charme des spanischsprachigen Gesangs noch eine besondere Färbung erfährt. Wohl bekomms! //RRRhund\

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MNQ 100EBM Techno/Industrial Techno/Post Industrial: Alesandro Adrianis Mannequin Records haben ihren hundersten Release mit einer fantastischen Doppel-12″-Compilation voller EBM- und Industrial-Techno-Kracher gefeiert. Music, Mastering, Pressung: alles großartig, eine echte Qualitätsveröffentlichung. //RRRhund\

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Post Punk/Death Punk/Space Weirdness: Der unwirkliche Stilmix von „Into the ether“ hatte mich schon nach wenigen Augenblicken erfasst. Die Australier DEN entwickeln ihre neue Single aus einem orgeligen Science-Fiction-Space-Intro, eine weirde Charakteristik, die dem Track wie ein roter Faden anhaftet, auch wenn die Band alsbald in ebenso krachendes wie verhalltes Death Punk-Territorium vordringt und sich durch ganz kurze Hardcore-Passagen prügelt – die Orgel sorgt weiterhin für ultravioletten Nebel. Und dann dieser Sänger: bester, roher Kopenhagen Post Punk-Sound. Aber auch der hat halt vom Nebel gekostet. Das Gesamtergebnis klingt fast so, als habe man den frühen Iceage den Organisten aus einem obskuren Sun Ra-Seitenzweig untergejubelt – Post-Punk-Antimaterie aus Australien („Deep Cell“, demnächst bei Paradise Daily Records zu kriegen). //RRRhund\‬

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Cover/Trash: Madonnatron haben einen neuen Siebenzöller draußen. Scheiß auf die A-Seite, die ist langweilig. Das Cover auf der B-Seite ist dafür die Trash-Granate des Tages. Da haben sich die Londoner Labelnachbarn von Fat White Family nämlich Jane Birkins und Serge Gainsbourgs End-Sechziger-Miniskandälchen „Je t’aime“ vorgenommen – die Sache aber ins Deutsche transferiert. Hat mich gerade auf der Couch gut durchgeschüttelt, beste Rosa-von-Praunheim-Vibes („Luzie, ich liebe dich unheimlich“). Freiwillig oder unfreiwillig komisch? – ich nehme Wetten an. //RRRhund\

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Anna von Hausswolff, Dead MagicAlternative/Experimental/Epic Doom: Zwei n, zwei s, zwei f. Anna von Hausswolff. Den Namen musste man sich ja schon nach dem letzten Album „The Miraculous“ merken. Aber was die Schwedin mit den besonderen Fähigkeiten, mit den auffälligen Orgelflächen auf der neuen Platte bei Songs wie „The mysterious vanishing of Electra“ an epischer Wucht und spiritueller Kraft abliefert, lässt den Zuhörer innerlich erbeben. Das sakrale Momentum, die ätherhafte Ästhetik der mittleren Dead Can Dance trifft auf den Soundwall der Swans, so könnte man sich den Stilmix, den Klang von „Dead Magic“ ungefähr herbeischreiben – die spezielle Kraft, die Macht, die dem neuen Album innewohnt, ist damit aber noch nicht erklärt. Und das ist auch gut so. //RRRhund\

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Post Punk: Ein Song über den neuen, alten, reaktionären Pöbel haben die Wives aus Canberra geschrieben. Und der ist in der Regel männlich und weiß. Das ist in Australien wie in Mitteleuropa so. Ein guter Song, ein Treffer. Inhaltlich wie musikalisch. Stilistisch liegen die Wives in kratzig Cold Wave-igen, atonalen Gefilden – der auffällige, mal lakonisch gesprochene, mal sirenenhaft vorgetragene Gesang steht über dem Sound. Das Album dazu kommt im April („Doomsday“, 4.4., Black Wire Records). //RRRhund\

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Experimental/Kraut Noise/No Wave: In einer sehr europäischen Tradition von nicht-akademischer Underground-Experimentalmusik – ich rede zum Beispiel von den holländischen Anarchisten von The Ex – stehen Massicot. Skelettierte, minimalistische Songstrukturen, rotierende, repetetive Rhythmik in Krauttradition und sperrige, ungewöhnlich genutzte, oft atonal eingesetzte, ineinander verzahnte Saiteninstrumente führen immer wieder zu Noiseausbrüchen – das innere Funktionsprinzip des Frauen-Quartetts, das schon seit etlichen Jahren über europäische Bühnen tingelt. Die Genfer Experimentalistinnen agieren dabei mit einer besonderen Energie – wie das organische Pendant zu einem eigentümlichen, selbstgebauten Perpetuum Mobile, das konstant fremdartige Musik ausspuckt. Auch wenn sich in den letzten Jahren jenseits des Kanals Verbindungen aufgetan haben, ist das Gros der aktuellen Veröffentlichungen der Schweizerinnen auf dem Hamburger Label Red Wig zu finden. Hier eine Live-Fassung von „Internet“. //RRRhund\

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Post Punk: Månnem, Langer … Månnem tatsächlich mal wieder ganz weit vorne. Die Jungs von Euternase (mmmmja: der Name schrubbt schon etwas an den Hirnlappen) haben vor ein paar Monaten im RAMA Tonstudio mit Meister Bethge in nur 18 Stunden ihr komplettes Debütalbum eingespielt und gerade via Pretty in Noise die Premiere der ersten Single gefeiert. Kratzige Gitarren, Fehlfarben-Bass und nörgelnder Parolen-Gesang: „Desorientiert“. Geile Nummer. Die Scheibe kommt im Mai auf This Charming Man Records („L’amour“, 11.5.), die Release-Party steigt am 18.5. im Kombinat. Und im Juni sind die Jungs auf dem Maifeld Derby. In Månnem natürlich. //RRRhund\

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International Women’s Day/Raging Feminist Post Hardcore: Gerade bei Guts Pie Earshot aus dem Stream gefischt und war sofort überzeugt – kann mir kaum einen passenderen Track zum Internationalen Frauentag vorstellen. Treten richtig Arsch: die Petrol Girls mit „Touch me again“. //RRRhund\

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Noise Rock/Sludge/Avantgarde Rock: „I’m waiting for a miracle, but nothing ever happens“, sangen die Comsat Angels 1980 auf ihrer starken Debüt-LP – dabei ist bei diesem Post Punk-Meilenstein trotz repetetiver Strukturen musikalisch noch Einiges passiert, wurde der Zuhörer für seine Geduld immer mal wieder mit feurigen emotionalen Ausbrüchen belohnt. Stilistisch eine ganz andere Baustelle löst das schwedische Orchestra of Constant Distress dieses „nothing ever happens“ jetzt auf seinem „Distress Test“-Album tatsächlich musikalisch ein. Quälende, scheppernde Sludge-Loops werden mit krachiger Energie immer wieder im Kreis gedreht, eine enorme Anspannung erzeugt – und immer wenn man das Gefühl hat, dass jetzt gleich etwas passieren wird … bleibt alles wie es ist. Neu ist dieses Abkehr vom klassischen „Tension and Release“-Funktionsprinzip des Rock, dieses Konzept der Anspannung ohne Entspannung nicht – einige Post Hardcore-Bands hatten bereits in den 1990er Jahren strukturalistische Experimente dieser Art durchgeführt. Im extremeren Sludge-Sektor jedoch habe ich das so schon lange nicht mehr in dieser Konsequenz vernommen, und so haben Joachim Nordwall (The Skull Defekts, iDEAL Recordings), Anders Bryngelsson (Brainbombs, No Balls), Henrik Rylander (The Skull Defekts, Union Carbide Productions) und Henrik Andersson die Ehre, hier eines der seltenen Sludge-Posting abzugreifen. Kompromisslose Experimentalgeschichte mit Brachialsound AKA jetzt wisst ihr auch schon, was zwei der Skull Defekts-Leute mittlerweile treiben („Distress Test“ ist gerade bei Riot Season Records erschienen). //RRRhund\

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Experimental Rock/Transcendant Ritualistic Noise Rock: Es ist vorbei, die Skull Defekts haben ihre Auflösung bekannt gegeben. Das experimentelle Rock-Kollektiv aus Schweden war über viele Jahre ein zentraler Fixstern für dunkel-noisige, transzendierende, rituelle Gitarrenmusik. Insbesondere die Platten mit Daniel Higgs am Mikro – das Highlight: „Dances in Dreams of the Known Unknown“ – werden in Erinnerung bleiben. Beim selbstbetitelten Abschlussvermächtnis laufen Joachim Nordwall, Henrik Rylander (Ex-Union Carbide Productions) und Daniel Fagerström nochmal zur Höchstform auf. Ein einziger musikalischer Maelstrom mit Gastgesang von Mariam Wallentin, die dem Bandgefüge neue Energien liefert. Ich werde die Band vermissen. //RRRhund\

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Ein Porträt über Patrick Wagner beim Tagesspiegel, von Kai Müller

„Berlin liebt dich, Berlin liebt dich nicht“ – Patrick Wagner, the story so far. Von Kai Müller, ein Porträt im Tagesspiegel.

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The Modern InstituteElectro Wave/Abstract Dancefloor/Post Industrial: Meine Güte, schicken die mich … der New Wave/No Wave-Funk von Golden Teacher aus Glasgow auf ihrem Debütalbum vom vergangenen Herbst hatte meinen CD-Player schon wochenlang nicht mehr verlassen („No Luscious Life“) – den afrikanischen Groove perfect in die postindustrielle Wüste Schottlands transferiert. Aber was die beiden Bandmitglieder Richard McMaster und Laurie Pitt zusammen mit James Steven Wright unter dem Namen The Modern Institute abliefern, ist nochmal eine ganz andere Hausnummer. Skelettierte, spröde arrangierte, passiv aggressive Electro-Raketen treffen auf futuristische Post Industrial-Elemente mit dem nordenglischen „Charme“ der frühen Cabaret Voltaire im Gesang. Checkt mal das Vinyl-Debüt von 2017. Schön gemacht. Und einfach klasse. Und dann macht euch auf die Jagd nach dem Nachfolger auf Diagonal … so wie ich … /RRRhund\

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Indie Rock/Psych Rock/Kraut/Shoegaze: Huch, da kam gerade eine ganze Welle Emotionen rein als ich mich mit Broken DC bekannt gemacht habe – eine Welle in blau. Ein Effekt an dem ich euch teilhaben lassen möchte. Ein Highlight aus dem Psych Rock-, Kraut- und Shoegaze-Universum mit prägnantem Melancholie-Trompeteneinsatz und einhüllendem Frauengesang: „Forever blue“ (zu finden auf „Astragal“, schon 2016 bei God Unknown Records erschienen). //RRRhund\

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Experimental/No Wave: Die Kurws haben sich einem extrem kryptischen, instrumentalen No Wave-Sound europäischer Tradition verschrieben. Strukturexperimente, abstrakte Konversation zwischen den Instrumenten und das weitgehende Abhandensein von Melodiearbeit machen die aktuelle Scheibe der polnischen Band zu einem schweren Brocken, der vor allem durch seine unbeugsame Konsequenz beeindruckt. Das dürfte zwar für viele Zuhörer zu sperrig, zu far out sein. Ich aber bin sehr froh, dass es Bands gibt, die unbarmherzig an den Grenzen der Hörgewohnheiten nagen und neue Räume öffnen – Musik darf anstrengend sein. Klasse: „Nagonka/The hunt“. //RRRhund\

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Post Industrial Electronica: Zur Abwechslung mal in aller Kürze – einfach nur ein cooler, straighter Post Industrial-Banger für den Floor, und das Video ist auch sehr gelungen. „Eko“ von Yura Yura aus Dijon, Fronkreisch. //RRRhund\

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Electronic/Power Ambient/Wall of Sound: In den 2000er Jahren ist eine neue Art von ambientesker Electronica-Kunst entstanden, die nur noch herzlich wenig mit den kühl-spaceigen New Age-Roots des Genres gemein hat. Statt auf Entspannung und ätherische Berieselung setzen Künstler wie Tim Hecker oder Gas auf einen sehr dichten, emotionalen und lauten Breitwand-Soundteppich, bei dem es allen Ecken und Enden statisch knistert, zerrt, vibriert – streckenweise auch lichterloh im Soundwall brennt. Der Hörer wird einer massiven, physisch wahrnehmbaren Soundwolke ausgesetzt – quasi der Shoegaze-Sound der Electronica-Szene. „October Language“, das Debüt-Album von Belong aus New Orleans, ist eine der definitiven Kultplatten aus der Entstehungsphase dieses Subgenres und schon seit vielen Jahren vergriffen. Spectrum Spools hat das von einer dichten narrativen Struktur geprägte Meisterwerk von Turk Dietrich und Mike Jones jetzt neu aufgelegt und eine hochwertige Vinylfassung pressen lassen. Nur wer die Vinylfassung ersteht, bekommt auch noch die rare, gesuchte „Tour EP“ digital dazu. Hier die Hörprobe „Red velvet or nothing“ („October Language“, reissue, 20.4., digital oder auf Vinyl von Spectrum Spools).// RRRhund\

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Post Punk: Das blutjunge und sehr talentierte russische Post Punk-Duo Supernova 1006 war ja letztes Jahr im Rahmen der ersten Deutschland-Tour zusammen mit Mr. Kitty auch beim brandherd im Mannheimer Volksbad zu Gast und hat kräftig abgeliefert. Die erste Tour im Westen Europas hat auf dem gerade veröffentlichten neuen Tonträger „Blackout“ Spuren in Form von attraktiven Kollaborationen (Mr. Kitty, Paradox Obscur und meine Lieblings-Italiener Kill Your Boyfriend) hinterlassen – vor allem aber den stilistischen Fokus geschärft. Ein beeindruckender Schritt nach vorne, checkt das Album mal aus. Ende des Monats sind die beiden dann als Teil des diesjährigen Kalte Sterne Festivals im Frankurter Club Das Bett wieder auf der Bühne anzutreffen. //RRRhund\

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Post Punk/Dream Pop: Neues von Soft Kill aus Portland – zwei Jahre nach dem vierten Longplayer „Choke“ hat die Band die Demoversionen von fünf neuen Songs digital via bandcamp rausgehauen. Sehr gitarrige, Dreampop-artige Geschichte, die sofort reinläuft und den nach der eisigen Winterkälte herannahenden Frühling schon erahnen lässt („Let’s Believe in Love“, digital auf bandcamp). //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ

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