+Ae. 8 Stunden. Durchhalten.

tl;dwtr (too long, don‘t want to read):
Weniger Kopf, mehr Affekt: AUTECHRE mit einem denkwürdigen Release.

 

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Schulterzucken und Selbstgespräche April 2018: „Verschone uns mit Booth-Brown-DJ-Sets und AUTECHRE-Selbstkopien, und erlöse uns von grässlichen Radiostreams, wie auch wir … (…)“.

Erkenntnis November 2018: „NTS Sessions 1–4“ ist der 13. Master-Output von AUTECHRE. Mit neuem Material und faszinierendem Sound. *Urgh*

Booth-Brown präsentierten im Radiostudio von NTS London an vier (Donners-)Tagen im April  jeweils ein zweistündiges Live-Set mit eigener unikatärer Hard- und Software. Das achtstündige Resultat wurde zunächst als Stream, dann als neues AUTECHRE-Monsterwerk released …

… und ist jetzt mein ungefähr 20. Sheffield-Fab-Two-Tonträger geworden.

Informationen zur NTS-Box hatte ich mir bewusst erst nach dem Abhören des Gesamtmaterials beschafft. Plan war, die komplette Acht-Stunden-Orgie unvoreingenommen am Stück und ohne Pause durchzuhalten.

 

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Equip: CD-Player (Display mit Gaffa zugeklebt), Hirsch-Amp, zwei Zombie-Hifi-Boxen, zwei lineare Satelliten mit kaputten Sicken, ein SB5-Woofer plus zwei Zeck-PA-Rutschen. … Pegel: 80–90 dB.

Ort: Herbstsofa

Nahrung: Kippen, Bier, trocken Brot, Rotwein, Gulaschsuppe, Kekse.

 

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Hier die gesammelten Notizen, die ich ab ungefähr dem dritten Track hektisch auf Papier kritzelte:

CD 1 (1/1, Set 01, Teil 1), Stunde 1
Track 1: Monsterbass. Soundgerumpel. Track 2: Flowflächen für Fans. Track 3: Sprachlos. Die erste Hälfte dieses Sets wirkt wie ein AE-Live-Konzert. Einmalige Sounds.

CD 2 (1/2, Set 01, Teil 2), Stunde 2
Tracks 1, 2 und 3: Groß. Simple Beats, heftige Improvisationen (?). Gulaschsuppe essen oder Discokugel anwerfen? Schwere, schleppende Vernichtungsstimmung. Track 4 setzt unverhofft ohne Fixpunkt hektisch ein. Bier ist alle. Keine Discokugel. Keine Suppe. Pling/Hönk aber gut.

CD 3 (2/1, Set 02, Teil 1), Stunde 3
Track 1: Flippergezappel mit Oizo-Subline ohne Bass plus 12-Ton-Gefiepe. Wolkig. Mein geübtes Ohr sagt: „Halt!“. Dezente Muskellähmung breitet sich aus. Trampolin over Helgoland. Kantiger Ping-Pong-Wechsel zu Track 2. Britische Volksmusikklingeltöne für Patienten ohne Arzt. Sehr gut. Treppenlift nach unten. Track 3: Aua. Never stop. Lebendig begraben und dann ein Schlaganfall im Sarg: Ja bitte! (…) Tolle Chöre. Track 3 ist vollkommen irre. Selbstgemacht oder DJ-Gemixe? Shazam-App hilft nicht. Soll ja ein DJ-Set sein. Nadann … stelle mir vor, Telefonbücher mit tausenden von Seiten in wenigen Minuten durchzulesen. Kann dabei aber nicht mal auf Drei zählen. Track 4: Sub-Bass. Schepper. Grillenzirpen. Bösebösebassdrum. Arg. Arrgh. Heftig. What a Metrum! Gut, dass Chopin nicht auf harmolodischen Müllpressen komponiert hat (Erklär‘ ich später). (…). Groß. Unquantisierter Kopfdrehschwindel. Bleistiftmine bricht ab. Finde die Eins nach Phrasierung Nummer zwei nicht mehr. What a Bassline. Groove … Platte des Jahres. Best. Over top. Track 5 setzt mit fiesem Cut ein. Zersägtes Softeis. Geteerte Eisenbahnschienen im Sumpf. Track 6: Eine Zierde. Befremdliches Modular-Werken. „We shall overstep.“. Minimalistischer AE-Knuckle-Shuffle: Weniger Flächen aber mehr geniales Säure-Modelling. 100% Vernichtung. Tracks 7, 8: Sleep Mode. Rotwein, zwei Kekse.

CD 4 (2/2, Set 02, Teil 2), Stunde 4
Track 1: flowy. Emo-Synthetik aus Aluminium. Bin versucht, das erste Mal zu zappen. (…) Doch nicht. Track 2: Ämbientöses Schneuzen, Feedbacks, Koma-Goa mit 10 BPM Puls. Track 3: Typisches AE-Walking-Beat-Geschleife. Kontamination und TG-Stapfer. Track 4: Realitätsverzerrung. Bin psychoakustisch nicht mehr ganz auf der höchsten Konzentrationsstufe. Oskar Sala und Helge Sten rennen repitativ jammernd das Treppenhaus rauf und runter und geben gurgelndes Kindergelächter von sich, als sie im ersten Stock endlich aus dem Fenster springen (…). Das Set endet mit Paranoia-Landschaften, Wespennest-Stümmelflug-Soundhacks, Ekel, Hyperakusis und dem berühmten Restgeräusch Eins. Mit anderen Worten: glückseliger, finaler Sleep Mode. Drei mal durchs Zimmer gelaufen – viel erlebt heute. Weiter gehts nicht.

 

TAG 2

Um den Faden nicht zu verlieren, nochmal CD 4 komplett angehört.

CD 5 (1/2, Set 03, Teil 1), Stunde 2 (5)
Track 1: Duckwalk-Flächen. Phrasierungen wie „Amber“. Mau. Track 2: Gefräse. Sehr ille Pitchfilter. Niederträchtiger, eintausend-einhundert-prozentiger Stockhausen-Funk. Erstaunliche 16-Stepper. Unfertig. Unnerdig. Kaputtes Ending. Track 3: Pop nach einer Minute zerstört. Tausendpunktetanzmusik. Polywechsel mitten im Track. Mir wird schlecht. Entlaubung, Hupen, Wabern. Track 4: New Day Rising. 4-Stepper in Dur (!). Lüften, Schwindel Nummer Zwei. Mofa auf der Autobahn. Track 5: Delgado-Flashback („Nicht ich! Freunde von mir – die ich nicht mehr kenne … “). Ein Kilometer Sequenzer, Springreiten mit Fröschen, knackendes Gestrüpp im Frühling.

CD 6 (2/2, Set 03, Teil 2), Stunde 3 (6)
(Spannung.) (…) Track 1: Meine nie entdeckte Tonleiter. Frequenzen: never heard it. Midi-EEG. (…) Eine Limo, bitte. Sägt, bleept, gut. Softfade. Track 2: Was surrt da? Wie geht das? Flöten? Irgendwas schmerzt im Ohr. Track 3: Zirpen. Der Insektenwelt alle Beine ausreissen. Track 4: Mit Nummer Drei verwechselt. Löchrig. Track 5 mauschelt im Raum. Purer Autismus. Kurze Delays. Hirnen und der Bohr im Club. Smooth und ein Millenium-Phrasing auf dem goldenen Schallträger für die Kontaktaufnahme mit fremden Galaxien. Softer Fön.

CD 7 (1/2, Set 04, Teil 1), Stunde 4 (7)
(Es wird ernst. Nervöses Auf- und Ablaufen.) Track 1: Fade in. Tunnel-Carpaccio vom Schwein, Plasma-Schwellen, 54-Hz-Rauschen, Tiefbass-Atem, teetrinkende Ornithologen, steckengebliebene Kanaltaucher. Angstflächen. (Hinsetzen bei 12:38.) Fade out. Track 2: Flächen fläch(t)en Flächen. Irre. REM-Phase mit Bleistift. Hyperakusis. Treibsand. No Beat – no Fixpunkt. (Die Schriftgröße der Notizen nimmt rapide ab.) Track 3: Oha! Klänge! Grundbeat und Dynamik, üble Disharmonien und üble Räume, Aggress-Bassflächen. Es wird wieder beunruhigend. Puls. Jäher Abbruch. Track 4:  Totholzzement, Klangforschung, Schaumstoff mit Nägeln. Trotzdem bis jetzt der schwächste Track. Fange an, nebenher auf dem Smartphone rumzuspielen. Zisch. Over. 18KHz. Abschalten? Nein! Ja! (…) Nein! Hochton-Punches. Erster echter Mülleimertrack. Mist. Meine Stimmung fällt rapide. Ödnis. Wünsche allen den totalen Stromausfall. Esse drei Kekse. Genervt. Zappe zum ersten mal weiter. Rumbrüllen: „Unerträglich!“ „Dreck!“ usw..

CD 8 (2/2, Set 04, Teil 2), Stunde 5 (8)
Fängt an wie die CD davor. Genervtes Warten auf Sensationen. Ungeduld. Dresche auf herumliegende Schlagzeugbecken ein. Die Heizung geht nicht. Rotwein. Brotstück. Rotwein. Kompletter Drone-Sound: anscheinend sind alle Räume, Flächen und Filter gleichzeitig offen. Ödnis. Lasse mir nach zirka 15 Dröhnhall-Minuten mein chinesiches Horoskop am Telefon vorlesen. Reisse das Gaffa vom CD-Player-Display ab. Auf der achten CD befindet sich nur ein einziger Track mit 60 Minuten Länge! Arrogant. Die Satelliten-Monitore mit den kaputten Zerr-Sicken nerven jetzt ohne Ende. Schalte also dieses Boxenpaar weg. (…) Besser. Flug. Flow. Nervöse Soundfades. Harsche Cut-Ups. Killswitch neu verstanden. (…) Dramaturgisch gut … dann 46:50. (…) Es macht …? (…)  (…)

Hier brechen die lesbaren Memos ab, es kommt nur noch zorniges Gekritzel:

 

Kritzeldoppelseite der letzten Viertelstunde. Ae. RRR Soundz. Polanscii.

 

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CODA

Für jeden Soundfetischisten ohne Nerven ein 99%iges Muss. Halbgare Digital-RIPs, Kopfhörernutzung oder miese Abhöre ohne Lautstärke werden dem Werk nicht gerecht.

 

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