+Be Bleu: Naturrezeption bei Be·One und Étant Donnés »Bleu«

Die Sprache der Natur zu entschlüsseln, kann entweder die Sisyphos-Aufgabe, oder die Königsdisziplin menschlichen Ausdrucks sein. Hier beschreiten wir zwei Wege in dieses Spannungsfeld. Den Anlass geben die Musik und die rahmende künstlerische Gestaltung zweier Alben. Die Gemeinsamkeit: Die Aufbereitung von Field Recordings. Deren musikalischen Pole: Musique Concrète und Ambient. Die zeitliche Kluft: rund zwei Jahrzehnte. Die beiden Wege: der schamanistische und der intellektuelle. Der gemeinsame Nenner ist der Zusammenhang von Natur und Mensch.

Be·One: s/t (2015)


Wolfgang Buttress UK Pavilion Milan Expo 2015 Walkthrough

Wolfgang Buttress’ 17 Meter hohe Installation „The Hive“ entstand anlässlich der Expo Milano 2015 als begehbarer Klangraum. Unter dem Projektnamen Be·One kreierte er zusammen mit Ex-Spaceman 3 und Spiritualized-Mitglied Jason Pierce (Autoharp, Harmonica, Gitarre), Youth AKA Martin Glover (Harmonium, Drone), Doggen Foster (Guitar, Piano, Mellotron), Kev Bales (Percussion, Piano), Tony Foster, Deidre Bencsik (Cello), Camille Buttress (Vocals), Amiina (Violine) sowie 40.000 britischen Honigbienen zusätzlich ein musikalisches Biotop, das sich in Form einer magischen Reise ins Innere eines Bienenstockes gebiert. „My approach to a sculpture seeks to frame nature so one can experience it more intimately,“ zitiert ihn The Guardian. Dieses Werk besitzt einen offensichtlichen ökopolitischen Ausgangspunkt, der sich in der Konzeption des Bienenstocks selbst sowie in der zugehörigen Musik niederschlägt.

Be – Into

Den Field-Recordings der Bienen sind klassisch-orchestrale Klänge entgegengesetzt. Sie klingen nicht gegensätzlich und doch sind die verschiedenen Summ- und Vibrations-Geräusche, aus denen die Bienensprache besteht eine klar von den Streichern, der elektronischen Harfe, Melodica und dem Harmonium getrennte Tonwelt. Sehr strukturiert ist das 4-Track-Album. Von der Geräuschkulisse einer Sommerwiese aus beginnt der Hörer den Abstieg beziehungsweise Einstieg in das Bienenreich. In den meditativen Flächen des Insektengewusels im zweiten Track „Into“ steckt eine kraftvolle Spannung, welcher die Musikinstrumente nur als sphärische Untermalung dienen können. Der vorletzte Track geht an den eingemachten Honig: Es kommt eine Biene in Gestalt der singenden Camille Buttress zu Wort, die in elegischen Gesten ihren Platz als Königin einfordert. Hier ergibt sich möglicherweise für Buttress eine Nähe zur Natur, doch das Eindringen der menschlichen Stimme in den rhythmischen Gleichklang tausender Leiber hat auch etwas Schmerzhaftes. Als Versuch der Vermenschlichung der kleinen goldenen Insekte gelesen, ergibt sich hier eine mahnende, ja vorwurfsvolle Adressierung. Die klangliche Unterfütterung ergeht sich insgesamt in unaufdringlichen und harmonisch simplen Intervallen. Es scheint ein Sehnen in den Tönen zu liegen, welche den Abflug der Bienen im vierten Track „Uplift“ engelsgleich begleiten. Das Artwork bildet den Aluminium-Stock ab und gibt einen letzten Blick auf die intellektuelle Annäherung frei, die Buttress den Bienen widmet. Mittels der Vibrationskommunikation eines echten Bienenstocks brachte er seine Installation zum Leben, so wie er seine Musik durch die Bienen zum Leben erweckt.

Als phonetisches Homonym wird die Biene – bee – zu einer Metapher für das Dasein. Der Name des Musikerkollektivs und der Albumtitel spielen mit dieser Polysemie: Be·One liest sich letztlich wie eine Aufforderung: Let’s be one with them bees.

 


Étant Donnés: Bleu (1994)

Eine Musik, wie der träge Äther eines tropischen Sumpfes, aus dem ein Flüstern aufsteigt, gleichsam eines heißen Brodem: so lässt sich das 1994 erschienene Album „Bleu“ des marrokanischen Brüder-Duos Eric und Marc Hurtado beschreiben, die besser unter dem Namen Étant Donnés bekannt sind. Elektronisch aufbereitete Field Recordings im Gewand der Music Concrète erforschen die Natur. Das Album ist der Soundtrack zu einem Experimentalfilm, den Marc Hurtado 1994 auf Super 8 gedreht hat – hier einige Ausschnitte …

Das von Antonin Buissink stammende Artwork der CD scheint für Entdecker gemacht, doch birgt die Ästhetik ein Dickicht mystischer Bedeutungen. Das Cover in Form einer Holocard lädt schon zu Assoziationen mit berauschten Sinnen und psychedelischen Wahrnehmungen ein (und ist 1994 gerade noch so kein ästhetischer Frevel).

Die Zweisprachigkeit (Französisch/Englisch) ist hier keine interpretatorische Stütze. Sie ist eine spezifische Auszeichnung, ein Konzept. Die Bilder verschweigen zumeist, ob sie den Makro- oder Mikrokosmos abbilden, sie bilden eine Dyade ab, die sowohl das Materielle als auch das Abstrakte beinhaltet. Die visuelle Ästhetik lässt mit dem thematischen Framework, mit der Dopplung und räumlichen Konstellation der Textelemente und dem farblichen Komplementärstil eine reziproke Sinnbrechung durchscheinen. Weniger abstrakt formuliert: die französischen Lyrics spiegeln sich rein optisch in ihren deutschen Übersetzungen. Die thematische Ausrichtung auf Gestirne, Mythen und spirituelle Referenzen, wird musikalisch von der menschlichen Stimme und den authentisch wirkenden Naturgeräuschen reflektiert.

Zur hörbaren Struktur: Die Gesten sind schiebend, schleppend, schlemmend und treten als Werbung auf, gleich einer Verführung beziehungsweise Betäubung der Sinne. Es ist nicht ein präzises Hinhören, das herausgefordert oder belohnt wird, sondern eher eine ganz im limbischen System verortete Vision von dem, was die Musik erzählt. Narrativ sind die einzelnen Stücke in jedem Falle …

Mercur
Sun Saviour
In love with Venus
With your 4 horns of fire
With a caress on the rock
You have pierced my soul
Bull you have pierced the Moon
In a brown flash
Sleep Sleep Mercury of Gold of Gold

In der verklärten Poetik treten Mythologie, spirituelle Mystik und Astrologie zusammen. Letztlich ist die Symbolik sowohl astral als auch direkt physisch, was sie in der heidnischen Weltanschauung verortet. Die Melange aus außerweltlichen und gleichermaßen emotionalen Anteilen machen den Gesamttext (= Artwork + Text + Ton) zu einem intensiven Erlebnis an der Schwelle von Innen- und Außenwelt. Durch die „natürlichen“ Töne und das Flüstern wird gleichzeitig eine Ästhetik von Nähe beziehungsweise Plastizität erwirkt, die dem Ganzen eine schamanistische Ursprünglichkeit verleiht. Repetition und psychedelische Wortspiele wie „Fly my love between mirrors“ tragen zum rituellen Charakter der Musik bei.

Étant Donnés – S’envole

Recht konstant tritt aus dem Album ein Geräuschkomplex hervor, der mal wie ein Rascheln von Zweigen oder Laub, mal wie das Knistern von, Kies, Schilf oder Feuer anmutet. Oder es sind die Bündel von Knöcheln und versteinerten Wurzeln, die in nächtlichen Ritualen im Wald hin und her tanzen und dabei klackern und rasseln. Lässt man sich auf solche Assoziationen ein, fühlt man beinahe den unbeständigen roten Feuerschein im Wechselspiel mit dem gläsern-blauen Mondlicht auf der nackten Haut.

Letztlich ist blau die Farbe des Träumens und Bleu eine Welt, die im „Halbschlaf“ am besten zu verstehen ist. Wer die heiligen Hallen des Schamanismus, des Ayhuasca, Peyote oder des Mutterkorns nicht scheut, kann hier zu der Erkenntnis gelangen: Die Sprache der Natur kann nur im Traum verstanden werden, da ihre uralte vegetative Weisheit durch unser Bewusst-Sein entzweit – vielleicht sogar entweiht – wird. Davon flüstern die Planeten, der Wind und die Farben in Étant Donnés’ psychoaktivem Kosmos, der sich nur im Balancieren auf der Schwelle zwischen Psyche und Natur eröffnet und den Unterschied zwischen Beiden auflöst. Das musikalische und sprachliche Spiel ist ein vielfältiges Hendiadyoin: Psyche „und“ (Innere) Natur, Astralkörper „und“ (menschlicher) Körper, Naturgeist(er) „und“ Geist.

Schließ’ die Augen und sieh’: bleu.

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