+Catherine Christer Hennix: Drone und Reine Stimmung

Wer ist Catherine Christer Hennix? Die Antwort wird etwas länger dauern, denn das Werk der schwedischen Komponistin, Philosophin, Poetin, Mathematikerin und Bildenden Künstlerin ist bislang nur am Rande des üblichen Radars gelaufen – und das obwohl die Breite des Schaffens schon fast an eine ausgestorbene Spezies erinnert: die des Universalgelehrten. Ein Fehler, der zum Glück gerade behoben wird, es ist endlich mehr Licht auf einen blinden Fleck der europäischen Experimental-Landschaft der 1970er Jahre gekommen.

Die Schwedin Catherine Christer Hennix wurde 1948 in eine Musikerfamilie geboren, und war so früh von klassischen Jazz-Größen wie John Coltrane, Eric Dolphy, Dexter Gordon, Archie Shepp und Cecil Taylor beeinflusst, die in den 60er Jahren in dichter Folge im Stockholmer Golden Circle vorbeischauten. Hennix begann ihre eigene künstlerische Karriere mit dem Schlagzeugspiel und landete direkt nach dem Schulabgang im legendären Stockholmer Elektronmusikstudion (EMS), wo sie an der Entwicklung früher Synthesizer- und Bandmusik beteiligt war. 1968 brachte sie ein mehrjähriger Aufenthalt in New York in Kontakt mit Fluxus-Protagonisten wie Dick Higgins und Alison Knowles sowie der Blüte der amerikanischen Ostküsten-Avantgarde, mit Künstlern wie Henry Flynt und La Monte Young. Hennix spielte mit den Legenden der Downtown-Szene, mit Arthur Russell, Marc Johnson, Henry Flynt und Arthur Rhames und studierte parallel unter dem hinduistischen Raga-Meister Pandit Pran Nath, mit dem La Monte Young sie bekannt gemacht hatte.

Nach der Rückkehr nach Schweden im Jahr 1971 versuchte Hennix ein großes Ensemble aufzubauen, das von La Monte Youngs experimenteller Drone-Musik im Theatre of Eternal Music (auch bekannt unter The Dream Syndicate) inspiriert war. Drone, der auf das mathematisch saubere Konzept der Reinen Stimmung fußt – die Vorform und ein tonales Gegenkonzept zur temperierten Stimmung, die in Europa seit der Neuzeit Anwendung findet, und kleine Unsauberheiten in den Intervallen akzeptiert, um mit einem Instrument alle Tonarten abdecken zu können. Der Aufbau eines Großensembles in Reiner Stimmung scheiterte aber an den tonalen Limitationen der beteiligten Jazzmusiker, die nicht in der Lage waren, die ungewohnten Intervalle sauber wiederzugeben. Am Schluss blieben nur Hennixs Bruder Peter und Hans Isgren übrig, und das Live-Elektronik-Trio The Deontic Miracle war geboren. 1976 folgte am Modernen Museum in Stockholm der einzig dokumentierte Auftritt des Trios, bei dem neben Stücken von La Monte Young und Terry Riley die zwei langen Originalkompositionen von Hennix zum Besten gegeben wurden, die jetzt 43 Jahre später zum ersten Mal auf „The Deontic Miracle: Selections from 100 Models of Hegikan Roku“ (als Coproduktion von Blank Forms Editions und Empty Editions in Berlin erschienen) zu hören sind.

“The most rejected band ever formed in Sweden”

Catherine Christer Hennix über The Deontic Miracle

„Music of auspicious clouds“ und „Waves of the blue sea“ heißen die beiden minimalistischen, über 40-minütigen Drone-Kompositionen, deren Benennung von Gagaku, der klassisch-rituellen, japanischen Hofmusik, beeinflusst ist, die auch schon La Monte Young in ihren Bann gezogen hatte. Der Albumtitel, der Verweis auf das Hegikan Roku – ein zentrales Werk des Zen-Buddhismus aus dem 12. Jahrhundert – weist zusätzlich auf die Nähe zu östlichen Religionen und zur Meditation hin. Hennix bedient auf den Aufnahmen eine verstärkte Renaissance-Oboe, Live-Elektronik und Sinuswellen-Generatoren, ihr Bruder eine zweite Renaissance-Oboe und Isgren eine verstärkte Sarangi – das kurzhalsige indische Streichinstrument, dem man nachsagt, im Klangbild der menschlichen Stimme am ehesten zu ähneln. Die langen Stücke laden den Hörer mit organisch atmenden, repetetiv pulsierenden, rhythmischen Strukturen zu einer Reise in die Innenwelt ein. Die zirkulierende Bewegung der minimalistischen Strukturen weicht bald epischen Flächen, die durch die ungewohnten tonalen Intervallen der Reinen Stimmung immer wieder mit enormem psychedelischen Effekt ins Atonale kippen, so alsbald zu schillern und dann zu vibrieren beginnen, bevor das Erreichen tiefer liegender Gewölbe für längere Wellen, wieder für Frieden sorgt. Psychedelische Musik, die in ihrer konzeptionellen Klarheit, ihrer metaphysischen Intention und Tiefe, in ihrem atavistischen Charakter weit vom Genre der Blumenkinder entfernt ist. Musik als psychoaktives Erleben.

Catherine Christer HennixDoch das Profil der Schwedin enthält noch weitere faszinierende Facetten: Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre lehrte Hennix dann an verschiedenen Instituten der Ostküste als Professorin für Mathematik und Informatik sowie als Gastprofessorin für Logik, wo sie als Fürsprecherin des Intuitionismus auftrat, einer konstruktivistischen Sicht auf Mathematik, die Wissenschaft als Erklärungsmuster und Produkt der Innenwelt anstatt als objektive Sicht auf die Außenwelt begreift. Aber auch als Autorin und Bildende Künstlerin ist die schillernde Schwedin aktiv: Bei Blank Forms ist mit „Poësy Matters and Other Matters“, eine zweibändige Ausgabe mit Schriften von Hennix herausgekommen. Sowohl die Empty Gallery in Hong-Kong als auch das Stedelijk Museum in Amsterdam haben in den letzten Jahren Retrospektiven ihrer visuellen Arbeiten durchgeführt. Hennix lebt mittlerweile als Komponistin und Autorin in Berlin. Das aktuelle Ensemble der Komponistin folgt ebenfalls dem Konzept der Reinen Stimmung und heißt Chora(s)san Time-Court Mirage.

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