+Gqom: minimalistische Grooveattacke aus Südafrika

Bei einigen Londoner DJs sind gerade ganz neue Sounds am Start. Ein magnetischer und sehr harter Style erobert in diesem Jahr von Südafrika aus die Tanzflächen – Gqom. Kalte, maschinelle, aber gleichzeitig unwiderstehlich spannend groovende, tribalartige, afrikanische Beats mit repetetivem Flow bilden das stark reduzierte Skelett dieses Tanzmusikstils, über das ansonsten nur sehr spärlich dunkle harmonische Elemente, Drones, Flächen oder Soundpads gelegt werden. Sprechgesang oder gesampelte Rufe sorgen für den zusätzlichen Kick. Stoisch aufgebaute musikalische Spannung, die nie zur Auflösung kommt – die erste postmoderne Entwicklung afrikanischer Musik-Subkultur, die im globalisierten Norden wahrgenommen wird. Der Name des Genres stammt vom Zulu-Slang für den Sound, den ein massiger Stein macht, wenn er auf einer Fliese aufschlägt – eine Anspielung auf den beinharten Sound der Bassdrums, die in diesem Subgenre eingesetzt werden.

Der maschinelle Style ist lokale schwarze Subkultur und stammt aus dem südafrikanischen Durban – anderswo in Südafrika spielt Gqom dagegen kaum eine Rolle. Er ist die aktuellste kulturelle Ausdrucksform einer desillusionierten Zulujugend in den Townships, den Slums, die die Innenstadt der südafrikanischen Millionenmetropole am Indischen Ozean umgeben. Die Server der sozialen Netzwerke in der Stadt sind mit Gqom-Tracks in schlechter Soundqualität geflutet: der Distributionsweg der Wahl, denn die langsame Netzgeschwindigkeit in Durban fordert ihren Tribut.

Gqom ist digitale Kultur, die auf dem heimischen Laptop in der Regel auf die Schnelle mit der einfachen Fruity Loops-Software zusammengeknallt und nicht etwa mit professioneller Recording-Software oder gar im Studio produziert wird: schlicht weil sich das niemand leisten kann. Die stilistische Reduktion, die den Charme des Genres ausmacht, ergibt sich also zu großen Teilen aus den reduzierten Produktionsbedingungen. Dennoch kam es in der kurzen Zeitspanne seit dem Entstehen des Genres ständig zu stilistischen Innovationen – das Genre brennt.

GQOM OH, ein kleines Label, hat sich seit einigen Monaten zur Aufgabe gemacht, die Masse an Produktionen zu sieben und den interessantesten Gqom-Produzenten und -Crews der Stadt eine Plattform – und professionelle Soundqualität – zu bieten. Eine wichtige Leuchtturm-Veröffentlichung ist die im Februar erschienene Gqom Oh! The Sound of Durban-Compilation, die in der internationalen Fachpresse – vom FACT Mag über Pitchfork bis zu The Wire – für ordentlich Resonanz gesorgt hat. Hinter dem Label steckt der in London lebende Italiener und Afrika-Spezialist Francesco Cucchi, der nach dem Hinweis eines Freundes Anfang 2015 im Netz über diesen neuen Sound stolperte und sofort Feuer und Flamme war.

Seit dem Erscheinen der Compilation ist in europäischen Medien einiges zu finden: Eines der frühen Features stammt aus dem britischen Dazed Magazin. In der deutschen Groove ist gerade eine exzellente ausführliche Reportage von Florian Sievers erschienen, die viele interessante Beobachtungen bietet. Und der italienische Radiosender Crudo Volta hat im April zusammen mit GQOM OH einen faszinierenden Dokumentarfilm („Woza Taxi“) über die Gqom-Szene in Durban produziert, der einige Protagonisten und das Umfeld vorstellt.

Eine sehr ungewöhnliche Rolle in der lokalen Struktur der Subkultur spielen die Taxis von Durban, die als rollende Diskos fungieren und von Gqom-Produzenten unter der Hand mit dem heißesten neuen Tracks versorgt werden, quasi als Testboot für die neuesten Produktionen dienen. Das Gqom Oh! x Crudo Volta Mixtape, der hochklassige Soundtrack zum Dokumentarfilm, ist ebenfalls gerade veröffentlicht worden – ein perfekter Einstieg in dieses beinharte wie vitale Genre, das mittlerweile Strahlkraft weit jenseits des südlichen Zipfels von Afrika entwickelt hat.


// Dokumentarfilm + Musik





// Links

GQOM OH! auf bandcamp
GQOM OH! auf soundcloud

Boiler Room-Set von GQOM OH!-Labelbetreiber Nan Kolè

“What the foq is gqom” – Artikel bei Dazed (Englisch)
„Gqom – Bruch mit den Vorvätern“ – Feature beim Groove (Deutsch)

Crudo Volta Radio bei Mixcloud

 

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