+Johannes Schebler: Von fluoreszierenden Fischen, Cyborg-Kopfgeldjägern und surrealen Klangwelten

Baldruin, Grykë Pyje, Diamantener Oberhof, SicSic-Tapes – Namen, die nur wenigen geläufig sein dürften: Wir sind hier um das zu ändern – willkommen in der faszinierenden, surrealen Welt von Johannes Schebler.

Während Baldruin das Ambient-Soloprojekt des Wiesbadener Experimental-Musikers Johannes Schebler ist, handelt es sich bei Diamantener Oberhof und Grykë Pyje um zwei sehr unterschiedliche Kollaborationen mit anderen Künstlern. In seiner anderen künstlerischen Sphäre, der visuellen, ist Schebler ein sehr gefragter Illustrator und Grafikdesigner. So wundert es nicht, dass fast alle Releases von ihm selbst gestaltet wurden und einige wunderschön gezeichnete Animationsvideos zu seinen Tracks existieren, die zum Teil auch von befreundeten Künstlern erstellt wurden. Das Video für „Abschied“ aus dem „Portal“-Album dagegen hat ein Freund aus der Dokumentation „The Tibetian Book of Death“ herausgeschnitten, die Animation stammt von Ishu Patel.

© Johannes Schebler

Seit 2009 sind zahlreiche Veröffentlichungen von Baldruin auf SicSic-Tapes erschienen, ein Kassettenlabel, das Schebler im klassischen DIY-Modus zusammen mit Daniel Voigt ins Leben gerufen hat und das momentan auf Eis gelegt ist. Im Laufe der Zeit kamen auch etliche Releases auf anderen Labels dazu. Seit 2015 hat das Baldruin-Projekt sowohl künstlerisch als auch was die Verbreitung angeht einen neuen Status erreicht – die neuesten zwei Veröffentlichungen sind nun auch als von Schebler aufwendig gestaltetete Vinyleditionen zu haben. Das Cover für „Portal“ entstand in Zusammenarbeit mit Paulina Oknińska, die an der Warschauer Kunstakademie studiert. Die jüngste Platte, „Biotische Verwitterung“ – eine alptraumhafte Ambientplatte aus der Zwischenwelt – ist für uns willkommener Anlass, ein paar Arbeiten von Johannes Schebler vorzustellen (gerade bei Black Horizons / Aetheric Records / Cloister Recordings erschienen).

 

Musikprojekte von Johannes Schebler

Baldruin
Diamantener Oberhof
Grykë Pyje
  • Baldruin

    Baldruin ist seit fast einem Jahrzehnt das Solo-Projekt von Johannes Schebler, das sich stark im experimentellen Dämmerraum bewegt und schon mehr als zehn Veröffentlichungen vorzuweisen hat. Das kosmische Licht verliert er dabei trotz Doom- / Noise- / Drone-Referenzen nie ganz aus den Augen.

  • Diamantener Oberhof

    Johannes Schebler in Kooperation mit Christian Schoppik (Brannten Schnüre) als Diamantener Oberhof. Gekennzeichnet durch intensive Folk-inspirierte Elektronik, die Soundlandschaften erzeugt, die im magisch Verborgenen liegen.

  • Zusammen mit dem Finnen Jani Hirvonen (Uton) ist Johannes Schebler (Baldruin) im Duo Grykë Pyje aktiv. Die Formation widmet sich stets detailliert dem psychedelischen, farbenprächtigen Geräusch- und Ambient-Universum, schafft ihre ganz eigene Vision im experimentellen Neofolk-Universum.

 

Drei Baldruin-Veröffentlichungen

01
02
03
  • „Biotische Verwitterung“ (2017)

    Tribalistische, düster-ritualistische, streckenweise animalisch-bedrohliche Ambient-Stücke aus einer musikalischen wie spirituellen Twilight Zone; Schebler beschreibt fantastische Szenarien in ebenso präzise umrissenen wie alptraumhaft wegschwimmenden Sketches von cineastischer Qualität. Harsche Entwicklungen der Außenwelt scheinen sich auf die gefährlich wirkende Klang-Topographie des Albums übertragen zu haben.

    In der frühen Phase der Platte dominieren Tribal-Rituale mit Voodoo-Charakter, synthetische Insekten beschwören ein Unglück herauf; mit ungutem Ende, die Polizei kommt („Ins Jenseits“). Als Kontrast hat „Das vergessene Grab“ sakralen Charakter; im doomigen Tempel einer prähistorischen, alten Kultur wird ein gigantischer Gong in Schwingung versetzt. „Im Auge des Sturms“ werden kosmische Strudel aus den 70er Jahren hörbar, bevor die kühl-disziplinierten Rituale früher Coil-Releases zu neuem Leben erwachen („Wächter“). Die Baldruin-Interpretation des Hydra-Mythos entwickelt sich aus Ethno-Tribal-Grooves, die immer wieder in dunkle Soundscapes aufgelöst werden; ein bisschen wie eine Verfolgungsjagd im wilden Wald. Am Ende fieses Geflüster der Unsterblichen. Hätte man bloß die Finger davon …

    „Der Puppenspieler“ erinnert irgendwie an den Kinski-Nosferatu, kommt mehr aus dem Synth-Universum, fieses Geflüster und Wolfsgeheul, Edward Ka-Spel meets early Coil, surreale Current 93-Strings, sehr theatralisch. Was Google primär als Postleitzahl im Emirat Qatar interpretiert, ist bei Baldruin eine Space Electro-Nummer mit New Wave-artiger Melodiesequenz, die etwas an Debby Harrys „Rapture“ erinnert und mit Trompetenfanfaren daherkommt („Zone 77“). Neuer Track, neues Szenario: Gummizelle inklusive creepy Lachsack-Sound und Geflüster … „irgendwie am falschen Ort“. „Raum ohne Sicht“ taucht den Zeh in Edgar Allen Poes Welt (remember „The System of Dr. Tarr and Prof. Fether“?) – „Ein letztes Mal die Schritte zählen, bis ich entkräftet niedersinke …“. Es folgt ein psychedelischer Schwebezustand, der rhythmisch durch moderne Elektronikelemente aufgepeppt wird („Falsche Fährte“). „Panik in der Fabrik“, ein 90er Techno Rave, wieder läuft etwas furchtbar schief, Panik bricht aus … Zum Ausgleich dann warmer Ambient-Sound, entrücktes Gelächter, Posh Isolation-Einflüsse treffen auf Schebler-Geflüster („Züngelnde Flammen“). Zum Abschluss ein Synth-Regen, es blubbert und brodelt, the world is full of gods and beasts („Fortgeschlichen“), dann schließlich ein kosmisch-loopiger Berlinschule-Abgang, Marke 70er-Klassiker mit ekstatischem Triangel-Einsatz („Vom Ende“).

    Konkretes und weniger Konkretes, Hell und Dunkel. „Biotische Verwitterung“ ist in der Tat zwischendrin: Eine Vermählung des psychoaktiven Teils der Industrial- und Dark Ambient-Szene mit der Organik von Kosmischer Musik der 70er Jahre.

  • „Portal“ (2015)

    Das erste Baldruin-Album auf Vinyl kommt weniger tribalistisch als die aktuelle Scheibe daher, wird von Dark Ambient-Strukturen dominiert, bleibt dabei aber – ganz Baldruin-typisch – immer organisch und unberechenbar. Entfernte Verwandte sind in Dänemark (Posh Isolation) und Schweden (Northern Electronics) auszumachen. Manchmal führt der Wiesbadener Soundkünstler den Hörer auch auf die falsche Fährte – etwa wenn sich lauernde Industrial-Riesenkröten am Schluss als Scheblers schnurrende Hauskatze erweisen („Auf der Lauer“). Zum Ende des Albums hin erinnern Tracks auch schon mal an die tribalistischen Elemente auf dem Nachfolgealbum („Durchs Dickicht“).

  • „Miniaturen“ (2015)

    Auch hier bewegt sich Baldruin in einer transzendenten Zwischenwelt zwischen Wach und Schlaf, die in sehr kurze, fragmentartige Stücke verpackt wird. Fragmente, die allesamt aus unbearbeiteten, nächtlichen Jams stammen. Auffällig ist: Die Stimme wird bei diesen Aufnahmen noch ganz anders eingesetzt als bei den späteren Vinylveröffentlichungen, eher als Instrument. „Miniaturen“ ist nicht festgelegt auf ein Genre, dennoch tief im Ambient, streckenweise New Age-meditativ, wirkt abstrakter, induziert weniger konkrete Bildwelten. Quasi Relaxend-Spirituelles für den Drone-Connaisseur. Andere Stellen erinnern entfernt an die Arbeit von Elektronikpionieren, zum Beispiel Suzanne Ciani und Eliane Radigue.

Interview mit Johannes Schebler

Zunächst einmal möchten wir wissen: Wer ist Johannes Schebler? Was machst du so alles? (Musik, Visuelles, Experimente und andere spannende Dinge)

Johannes: Musikalisch arbeite ich solo an meinem Projekt Baldruin (Veröffentlichungen auf Wounded Knife, Brave Mysteries, Fort Evil Fruit, SicSic, makrame records und ganz aktuell auf Black Horizons, Aetheric Records und Cloister Recordings). Daneben bin ich in zwei Projekte mit befreundeten Musikern involviert.

Das ist zum Einen Diamantener Oberhof, mit Christian Schoppik (Brannten Schnüre). Zusammen basteln wir an psychedelisch infizierten, verträumt-naive Folk-Tracks mit einem Schuss Dadaismus. Bisher entstand eine LP auf Vrystaete, sowie ein Tape (Obscène Et Anémique). Zum Anderen arbeite ich mit dem finnischen Musiker Jani Hirvonen unter dem Projektnamen Grykë Pyje an kleinteiligen, experimentellen Ambient-Klangwelten. Zuletzt haben wir die LP „Fragments of High Sensitivity“ auf Ikuisuus veröffentlicht und hierfür gemeinsam das Cover gestaltet. Die Kollaborationen haben natürlich auch musikalisch einen Einfluss auf meine Baldruin-Produktionen, da ich mich von den akustischen Visionen meiner musikalischen Kollegen inspirieren lasse, was einen Teil zur ständigen Erweiterung meines Sounds beiträgt.

Was das Visuelle angeht, so arbeite ich an verschiedenen Serien, wie zum Beispiel an kleinformatigen Übermalungen alter Sepia- und Schwarz-/Weiß-Fotografien und an Collagen mit diesem Material, sowie größeren abstrakten und surrealen zeichnerischen Arbeiten und Gemälden. Vergleicht man meinen visuellen und musikalischen Output, so kann man sicherlich einige Parallelen hinsichtlich der Themen und Atmosphären erkennen. Magisches und Entrücktes, sowie der Hang zum Experiment und dem Forschen nach neuen, unverbrauchten Ausdrucksformen stehen hier oftmals im Vordergrund.

© Johannes Schebler

Kannst du ein bisschen deine künstlerische Entwicklung beschreiben? Wie bist du im experimentellen Bereich und in der visuellen Gestaltung gelandet? Welche Vorbildung hast du in künstlerischer Hinsicht genossen? Wie kam es zur Gründung von SicSic Records?

Johannes: Aufgewachsen im fränkischen Dorf-Pfarrhaus, als Ministrant die Altarschellen geläutet, vor dem Tabernakel verneigt, den Weihrauch geschwenkt und die Kerzen gelöscht. Im Familienleben stets meinen gehandicapten, älteren Bruder und seine „Special Friends“ an der Seite. Im Hinblick auf ein solches Umfeld in der Kindheit kann man hier vielleicht schon von einer Weichenstellung des künstlerischen Werdegangs sprechen.

Erste Berührungen mit gestalterischem Output abseits des Mainstreams und wahrscheinlich auch der Anstoß für das eigene visuelle Schaffen war wohl tatsächlich ein Manga: „Battle Angel Alita“. Als junger Teenager habe ich in der Buchhandlung einen Band nach dem Anderen verschlungen. Der Kopf eines Cyborg-Mädchens wird mit mechanischen Teilen vom Schrottplatz zu einer neuen Gestalt zusammengeflickt und als Kopfgeldjäger eingesetzt. Faszinierend fand ich zu dem Zeitpunkt die Cyberpunk Ästhetik und die Zeichnungen der missglückten Experimente beim Versuch organisches und mechanisches Material zu kombinieren, welche gegen Ende der Comicreihe in dem Labor eines wahnsinnigen Wissenschaftlers zu sehen sind. Anschließend waren es hauptsächlich surreale, filmische Inspirationsquellen, wie zum Beispiel die Stop-Motion Filme von Jan Svankmajer, oder den Quay Brothers, die durch Ihre fesselnde, originelle Bildsprache einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und meine künstlerische Laufbahn geformt haben. Seit vielen Jahren tauche ich auch gemeinsam mit Freunden in die Untiefen des Undergroundkinos ab (Eine leider unvollständige Liste der gesehenen Werke kann man sich hier ansehen: Johannes Scheblers Watchlist auf imdb). Auch das stetige Interesse an zeitgenössischer Kunst und eigenständigen Formen des künstlerischen Ausdrucks haben meinen persönlichen Output geformt.

Die Idee für das Kassettenlabel SicSic hatte Daniel Voigt, als es an der Zeit war, über Veröffentlichungsmöglichkeiten für unsere ersten Lo-fi Aufnahmen nachzudenken. In DIY-Manier wurden die Tapes dann Zuhause überspielt und das Artwork ebenfalls in Eigenregie entworfen. Als Kurator hatte Daniel stets einen guten Riecher für wenig bekannte, eigenartige Ambient-Perlen, ich habe bei den Tape-Artworks versucht equivalente Bildwelten zur Musik zu finden. Nach fast hundert Releases ist das Label derzeit allerdings auf Eis gelegt.

Daniel und Holger Adam (die „Planung“ hinter unserer Non-Profit Konzertagentur Phantom Limbo, auf die ich gleich nochmal eingehen werde) waren beide last.fm Blind-Dates, die ich das erste Mal auf einem Acid Mothers Temple-Konzert 2008 in Darmstadt getroffen habe. Kurz darauf wurde dann auch im Dreigespann das erste Konzert für die deutschen Grusel-Krautrocker Datashock veranstaltet – die Geburtstunde von Phantom Limbo. Bis heute organisieren wir Gigs mit Musikern – größtenteils aus dem No-Audience-Underground – im Rhein-Main Gebiet. Seit dem Startschuss bin ich hierbei hauptsächlich für den visuellen Teil zuständig, habe mittlerweile über 60 Konzertplakate gestaltet und alle Acts fotografisch festgehalten.

© Johannes Schebler

Spielt dein Wohnort Wiesbaden eine Rolle in deinem Schaffen oder könntest du an vielen Orten mit ähnlichen Ergebnissen arbeiten?

Johannes: Ein Kurpark, heiße Quellen, Jugendstilhäuser und ein hoher Altersdurchschnitt – was kann man sich mehr wünschen, um sich nicht bei der Produktion neuer Arbeiten ablenken zu lassen! Die ruhige Seniorenstadt lässt einem auf jeden Fall genügend Zeit, um sich eigenen Projekten zu widmen.

Musik: Wir sind sehr an deinem Arbeitsprozess interessiert. Entstehen die Stücke durch Improvisation oder hast du Eingebungen, die du versuchst in Klang zu formen? Welche Rolle spielen Field Recordings, selbstgeschaffene Klänge, deren Prozessierungen, Synths – kurzum: wie entstehen deine Stücke konkret? Hat sich die Arbeitsweise in den letzten Jahren stark verändert oder ist eine ständige Änderung der Arbeitsweise gar Teil des Plans?

Johannes: Die Basis von neuen Stücken bilden oftmals Fragmente aus Improvisationen. Darauf aufbauend werden bestehende Melodien ausgebaut, Ideen weiter gesponnen. Um den Sound mit organischem Material anzureichern und die Eigenheit des Klangspektrums zu erhöhen, werden auch oft Samples und Field Recordings aus ganz unterschiedlichen Quellen verarbeitet und miteinander verwoben. Für den Track „Ins Jenseits“ vom aktuellen Album „Biotische Verwitterung“ wurden beispielsweise Sound miteinander verknüpft, die losgelöst von der Komposition völlig unterschiedlich sind. Aus Aufnahmen, die ursprünglich als Leitfaden zur Interviewführung mit Kindern gedacht waren, wurden Zitate herausgeschnitten, die durch andersartige Verknüpfungen neue Sinnzusammenhänge erzeugen. Zugleich finden sich in dem Stück Klänge, aufgenommen von NASA-Satelliten, welche wiederum mit Aufnahmen verbunden werden, die ein SM-Liebesspiel (Klänge von Anspannung – Bestrafung – Erlösung) dokumentieren. So trifft das Unschuldige auf das Abgründige und schwer Einzuordnende, was besonders durch die starken Kontraste und die neuen kombinatorischen Verbindungen seinen Reiz hat.

Zur Veränderung der Aufnahmen innerhalb der letzten Jahre: Die ersten Baldruin-Releases waren noch sehr organisch und eher zurückhaltend als aggressiv. Mit hauptsächlich akustischen Instrumenten, habe ich – mal mehr, mal weniger düstere – mystisch-magische Klangteppiche aufgenommen. Mit dem Fokus auf experimentelle Ambient-Sounds sind so viele Tracks entstanden, welche häufig gänzlich ohne Rhythmus auskamen. Nach und nach habe ich allerdings nach Möglichkeiten gesucht, das Klangspektrum zu erweitern, sowie Wiederholungen zu vermeiden und neben digitalen Synthesizern auch verstärkt nach Quellen gesucht, die mich durch die Dokumentation selten gehörter Klangzeugnisse (zum Beispiel ein wuseliger Ameisenstamm, aber auch Aufnahmen zur Kategorisierung verschiedener Dampfloks) interessiert haben. Nach und nach kamen dann auch rhythmische Elemente dazu, wobei ich vor allem das Entwickeln archaischer, primitiver und „exotischer“, als auch vertrackter, abgehackter und unterbrochener Rhythmen spannend fand.

Baldruin© Johannes Schebler

Deine Projekte, Veröffentlichungen und Tracks haben interessante wie mysteriöse Namen. Sollen die Hörer selbst recherchieren, um was es dabei geht oder handelt es sich um inhaltliche Verweise für eine kleine wissende, eingeschworene Gemeinde?

Johannes:Die Titel sollen ein Anstoß / eine Vorlage sein, damit sich vor dem inneren Auge der Hörer eigene Geschichten abspielen. Thematische Fährten zu legen finde ich spannend, aber zu viel vorzugeben und aufzudecken nimmt oftmals auch das Mysteriöse und Geheime, welches das Werk eigentlich erst spannend macht. Durch Teasern gibt man den Rezipienten die Möglichkeit, selbst kreativ zu werden und seine eigene Fantasie einzubringen. Das Geheimnis, das Unbekannte, ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt, der für mich die Faszination einer Arbeit ausmacht.

Mit Vrystaete sitzt eines deiner Labels, auf denen du veröffentlichst in Holland. Hast du das Gefühl, dass es in den Benelux-Staaten eine größere Szene gibt, die Experimentalmusik mehr zu schätzen weiß?

Johannes: Auf jeden Fall kann man beobachten, wie vor allem in Belgien spannende, Experimental-Acts wie Pilze aus dem Boden schießen. Insbesondere verfolge ich Projekte, welche innerhalb der letzten Jahre aus dem Sylvester Anfang-Umfeld entstanden sind und einige herausragende Alben mit sehr eigenen Klangkosmen veröffentlicht haben (Bear Bones Lay Low, Tav Exotic, Hellvete, Ignatz, oder auch Köhn). Mit einigen Freunden reise ich seit vielen Jahren auf das KRAAK-Festival in Brüssel, bei dem man immer wieder spannende Szene-Neuentdeckungen machen kann. Neben der akustischen Beschallung werden dort sowohl experimentelle Kurzfilme, als auch Installationen gezeigt. Zudem haben viele der Besucher Ihre eigenen Musikprojekte, was die Grundlage für inspirierende Gespräche rund um die Experimentalmusikszene schafft. Auch im Hinblick auf die Besucherzahl kann man annehmen, dass die Leute dort empfänglicher für Sounds abseits des musikalischen Mainstreams sind.

Philosophischer und spiritueller Background: Welche Rolle spielt das Verhältnis zur Natur, zum Okkultismus?

Johannes: Wie bereits weiter oben angedeutet, übt das Mystische, das Rätselhafte eine starke Anziehung auf mich aus. Das Verborgene, mit dem man noch nicht in Kontakt gekommen ist, führt einen auf unbekannte Pfade der Imagination. Übersinnliches, welches durch mystische Praktiken zu Tage gefördert wird und Bilder entstehen lässt, die aus einem Albtraum zu kommen scheinen.

Oft finden sich exotische Soundschnipsel in den Baldruin-Tracks, die sich manchmal nur schwer zuordnen lassen und aus Gebieten entlegener, unentdeckter Dschungel zu kommen scheinen. Die Natur als Umgebung, die eine Vielzahl von Geheimnissen in sich birgt und die für den Menschen in seiner Gesamtheit unergründlich bleiben wird – das finde ich sehr spannend. Mich fasziniert also vor allem die entlegene, ursprüngliche Natur.

© Johannes Schebler

Deine Musik wirkt streckenweise sehr cineastisch, wir denken zum Beispiel an Jodorowskys Rituale in Holy Mountain / La montaña sagrada. Gab es bereits Soundtrack-Projekte oder willst du gar selbst mal in den Bereich des bewegten Bildes, der über die Illustrierung von Stücken in Videoclips hinausgeht?

Johannes: Bislang war die Fusion meiner Musik mit bewegtem Bild größtenteils auf Videoclips beschränkt. Allerdings reizt mich das Aufnehmen eines (Kurz-)Filmsoundtracks schon, auch wenn in dieser Hinsicht bislang noch wenig passiert ist.

Vor einiger Zeit habe ich allerdings für einen Masterarbeits-Projekt zweier Kolumbianer klanglich gearbeitet. Der Kurzfilm setzt sich mit den Auswirkungen einer bipolaren Störung auseinander. Ich habe sowohl das Voice Mixing (eine Klangcollage verschiedener Stimmen, welche die Hauptfigur in einer manischen Phase wahrnimmt) und das Sounddesign übernommen. Auch wenn am Schluss nur ein Teil in den Film kam, hat mir die Arbeit daran sehr gefallen.

Momentan bin ich auch dabei, eigene, analog erstellte Artworks durch minimale Animationen zum Leben zu erwecken und die künstlerische Intention dahinter noch zu verstärken. Das Bild soll hierbei erst auf den zweiten Blick als bewegt erscheinen und durch die langsamen Veränderungen zum genauen Hinsehen verleiten. Hierfür könnte ich mir auch vorstellen, Sounds aufzunehmen, welche auf die Bewegungen zugeschnitten sind.

Was flüsterst du am liebsten in Deine Stücke hinein? Woher stammen deine Worte?

Johannes: Ich höre ausschließlich auf die Eingebungen meines persönlichen Nachtmahrs, der nur dann erscheint, wenn ich zum nächtlichen Toilettengang in der frühmorgendlichen Geisterstunde aus dem Bett schleiche. Bekommt er dann auch noch ein Leckerli in Form einer Lakritzfledermaus, sind seiner Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Die Antwort auf die Frage, die dir zu deinem Bedauern noch nie gestellt wurde? (nur die Antwort)

Johannes: In einer Mineralienhöhle in Rauchquarz eingelassen, abgeseilt in eine von fluoreszierenden Fischen belebten, unterirdischen Quelle, mit einem ausreichenden Vorrat an Nuss-Nougat-Pralinen.
 
 
Das Interview wurde per E-Mail geführt. Lieben Dank an Johannes für die Beantwortung unserer Fragen und das wunderschöne Bildmaterial für diesen Artikel.
 
 

 
 
///Videos

„Hohlraum“ von „Nachtfalter“ (2012)

„Wildwuchs“ von „Nachtfalter“ (2012)

„Schwarze Spinne“ von „Im Delirium“ (2014)

„Abschied“ von „Portal“ (2015)

 

///Diskographie

Die Veröffentlichungen sind auch fast alle auf bandcamp zu haben.

Baldruin
Hering Und Seine Sieben Sachen / Baldruin – Split Tape ‎(Cass, Ltd, C70)
SicSic Tapes (sicsic001), 2009

Brannten Schnüre / Baldruin – Split ‎(Cass, Ltd)
SicSic Tapes (sicsic012), 2011

Baldruin / Least Carpet – Split ‎(Cass, Ltd)
SicSic Tapes (sicsic005), 2011

Baldruin / Neu Getre – Split ‎(Cass, Ltd, C60)
SicSic Tapes (sicsic002), 2011

Schatten & Lichter ‎(Cass, Album, Ltd)
Cae-Sur-A (//005//), 2011

Nachtfalter ‎(Cass, Ltd)
Brave Mysteries (CQBL027), 2012

Sunhiilow / Baldruin – Split ‎(Cass, Album, C42)
SicSic Tapes (sicsic036), 2012

Baldruin & Das Ensemble Der Zittrigen Glieder ‎(Cass, Ltd, Num, C68)
Fort Evil Fruit (FEF20), 2013

Im Delirium
Wounded Knife, 2014

Portal
Wounded Knife, 2015

Klaue ‎(Cass, Album)
Spam (SPAM 12), 2015

Miniaturen ‎(Cass, Album, Ltd, Num)
A Giant Fern (AGF 28), 2015

Biotische Verwitterung ‎(LP, Album)
Black Horizons, Aetheric Records, Cloister Recordings US (BH-115, AR #26, CRUS-23), 2017

Grykë Pyje

Callings From Nowhere ‎(Cass, C40)
Ginjoha (GJ-036), 2012

Fragments Of High Sensitivity ‎(LP, Album, Ltd)
Ikuisuus, Hyster Tapes (IKU-043, HYSTER22), 2016

Diamantener Oberhof

Diamantener Oberhof ‎(LP, Ltd)
Vrystaete (Vrystaete04), 2015

Releases 2009–2014© Johannes Schebler

 

///Links

Johannes Schebler
Discogs
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Mikrolabor für Gestaltung

Baldruin
Facebook
Bandcamp
Soundcloud

Labels
SicSic Tapes – Homepage
SicSic Tapes – Facebook

Vrystaete – Homepage
Wounded Knife – Homepage

 

Was andere schreiben
Secret Decoder über „Portal“ (2015)
Weed Temple über „Grykë Pyje – Fragments of High Sensitivity“ (2016) und frühere Veröffentlichungen
A Closer Listen über „Portal“ (2015)
Sonic Massala über „Portal“ (2015)

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