+K-X-P: Kosmischer Kraut-Kult aus Finnland

The Great Escape Festival 2016. Brighton. Donnerstagabend. Sticky Mike’s Frog Bar, ziemlich sympathischer, netter Laden. Inmitten eines Line-ups ebenso netter, aber leider mäßig interessanter Gitarrenbands – Motto: alles schon hundertmal gehört – entdecken wir eine echte Ausnahmeerscheinung: Drei mysteriöse Finnen mit Kutten-artiger Kopfbedeckung und esoterischer Aura entern die Bühne und haben auch sonst sofort unsere Aufmerksamkeit erobert, weil sie ein irres, motorisches Powerhouse zwischen Motörhead, oder besser: Hawkwind, 23 Skidoo, Suicide und Neu! in Gang setzen.

K-X-P live

Die Basis bilden akribisch vorprogammierte, konstant tuckernde Kraut-Sequenzerlinien sowie sphärische Synthflächen unter die zwei Schlagzeuger manische Beats legen. Sobald an der Temposchraube gedreht wird, addiert sich zur Kraut-Motorik eine fiebrige, tribalartige Post Punk-Intensität, Marke frühe Killing Joke – dann wird die Rhythmik enorm mitreißend, erreicht die Band ein irres Energielevel. Darüber dann noch verhallter Gesang, manchmal auch nur in Form von schamanistischen Rufen aus der Grotte (natürlich mit viel Echo). Und ab und an ein rollender Bass oder eine verzerrte Gitarre, die zwischen den Genres Space Rock, Post Punk und Goth Metal meandert. Der charismatische Frontmann der Band regelt abgesehen von der Schlagzeugarbeit so ziemlich alles auf der Bühne: zusätzlich zum Gesang bedient er die Sequencer und Synthis, spielt abwechselnd Gitarre oder Bass …

Die meisten Tracks überschreiten die 5-Minuten-Marke deutlich, die Anwesenden verlieren durch die repetetiven, Trance-induzierenden Arrangements das Zeitgefühl. Die im Hintergrund düster wabernde, psychedelische Videoshow tut ihr übriges. Hypnose. Irgendwann fange ich mich etwas, zücke die Handy-Kamera, um die faszinierenden Visualisierungen einzufangen. Der Sound im Keller des Brightoner Clubs ist aber so dicht, dass das Mikro versagt. Also müssen die Kollegen auf YouTube ran – Ladies and Gentlemen: K-X-P, eine echte Live-Offenbarung.

„Obsolete and Beyond“ beim Teriaki Festival, August 2015

K-X-P beim Psych Fest in Liverpool, Ende 2015

K-X-P – der Entstehungsprozess
Kern von K-X-P ist Frontmann, Multiinstrumentalist und Produzent Timo Kaukolampi. Er war es auch, der das Projekt mit Tuomo Puranen am Bass (mit dem Kaukolampi bereits in der finnischen Elektronikband Op:l Bastards aktiv war) und Anssi Nykänen am Schlagzeug ins Leben gerufen hat.

K-X-P promo picPhoto: © Ville Sjöström

Die selbsterklärte „Anti-Band“ aus Helsinki existiert bereits seit 2006 – zu Beginn als reines Studio-Jam-Projekt. Frühe Demos sorgen für Furore bei befreundeten Labelbetreibern, das positive Feedback wiederum dafür, dass das Projekt konkrete Formen annimmt. So spielt die Band unter dem Namen K-N-P (= Kaukolampi-Nykänen-Puranen) schon lange vor der ersten Veröffentlichung ausgewählte Auftritte auf europäischen Bühnen; da Nykänen durch seine anderen Projekte aber oft verhindert ist und durch Tomi Leppänen ersetzt wird, wird aus dem „N“ bald ein „X“ – als Mystery-Spot in der Besetzung, der ab und an auch von beiden ausgefüllt wird – und der Bandname K-X-P ist geboren.

 

K-X-P – die Veröffentlichungen

Die Band klingt im Studio ganz anders, viel differenzierter als auf der Bühne, lotet eine ordentliche stilistische Bandbreite aus und spielt auch mehr mit Dynamikstufen. Und keine K-X-P-Veröffentlichung klingt wie die andere …

2010
2011
2012
2014
2015
2016
  • K-X-P (2010)

    2010 erscheint beim norwegischen Label Smalltown Supersound unter dem Namen „K-X-P“ das Debütalbum, das die Basis des Bandsounds etabliert: Kraut-Grooves, spaceige Arrangements, stilistische Offenheit, schamanistische Vibes. Hier die Videos zu „Mehu Moments“, „18 hours (of love)“, „Elephant Man“ und „Epilogue“; außerdem der Track „Pockets“ …

  • „Easy“-EP (2011)

    2011 wechselt die Band zum britischen Label Melodic und veröffentlicht dort die „Easy“ EP. Der bereits etablierte Kraut-Backbone wird mit Ritual Industrial- und New Wave-Vibes angereichert. Irre Atmosphäre: „Cymbalim“.

  • „II“ (2012)

    2012 folgt beim britischen Label auch der zweite Longplayer, schlicht „II“ betitelt; das Album hat auffällig viele Stücke unterhalb der Fünfminutenmarke, ist viel mehr Pop. Eine vielschichtige Instrumentierung inklusive Klavier und Bläsersätzen prägt den Sound, neu im Repertoire sind Glamrock-, Electro- und Avant-Pop-Elemente. Hier die Videos zu „Magnetic North“, „Flags and Crosses“, „Easy (Infinity waits)“ …

  • „History of Techno“ EP (2014)

    2014 gründet die Band mit Öm ihr eigenes Label, das unter dem Dach des finnischen Labels Svart Records agiert und so wichtige Vertriebsunterstützung erhält. Der Name Öm ist eine Mischung aus dem Sanskrit-Laut „Om“ und dem Umlaut im Motörhead-Logo – zwei zentrale Einflüsse im Banduniversum. Als erste Veröffentlichung erscheint die „History of Techno“-EP. Nomen est omen: Mit zweimal zwei, jeweils gekoppelten Electro-Kraut-Jams weit jenseits der 10-Minutenmarke zieht die Band die Linie zwischen elektronischer Moderne und der Musik-Historie. Aussage: Der magische Puls der Urtrommel ist noch vor Kraut und noch vor New Wave der Ursprung des Genres. Ambient-Proto-Techno. Hier eine Liveversion …

  • „III (Part 1)“ (2015)

    2015 setzt die Band zu einem Opus Magnus an: Der dritte Longplayer wird in einer Session auf der stillen, Helsinki vorgelagerten Insel Suomenlinna aufgenommen und danach in zwei Teile aufgesplittet. „III (Part One)“ ist ein grüblerisches, spannungsgeladenes Winteralbum, das sich schrittweise aus der finsteren Jahreszeit herausarbeitet. Die stilistisch Bandbreite ist enorm – Ambient Techno wird mit Progressive Space Rock gekoppelt. Hier das Video zu „Space Precious Time“ …

  • „III (Part 2)“ (2016)

    Im März 2016 ist nun „III (Part Two)“ erschienen, das stürmisch nach vorne prescht, den End-70er-Sound von Sheffield – Industrial, Post Punk, New Wave und Goth Rock – in den ohnehin schon reichhaltigen Stilkannon der Band aufnimmt. Highlights: „Siren“ hat trotz düsterer Thematik Pop Appeal, „Air Burial“ tritt das Gaspedal durch.

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