+Koenraad Ecker und Frederik Meulyzer: Carbon

Etwa 90 Prozent unserer Pflanzenvielfalt sind in 170 Jahren Industrialisierung bereits verloren gegangen, das ist der aktuelle Stand der Forschung. Konservativ geschätzt, denn von machen Arten, die unwiderbringlich verloren gegangen sind, werden wir voraussichtlich nie mehr etwas erfahren. Manche Forscher haben gar schon eine neue geochronologische Epoche ausgerufen: Der Ausdruck Anthropozän bezeichnet das Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. In der Mehrzahl keine guten. „Capitalocene“, eine Variante aus dem englischen Sprachraum, weist deutlich auf die Ursache der Veränderungen hin.

 

Im arktischen Spitzbergen, einem zu Norwegen zählenden Archipel auf halber Strecke zwischen Festland und Nordpol, wird im Svalbard Global Seed Vault, einem 80 Meter unter der Erde liegenden Hochsicherheitsbunker, das pflanzliche Erbe der Menschheit aufbewahrt. In Zeiten systematischen Artensterbens und angesichts der Bedrohung durch globale Naturkatastrophen haben hier nahezu alle Staaten der Welt Kopien ihrer Saatgut-Banken hinterlegt. Das Depot im hohen Norden dient so als gemeinsame Sicherungskopie aller Nutzpflanzen, die die Menschheit in den letzten 10.000 Jahren gezüchtet hat – quasi ein Doomsday Vault, eine Absicherung gegen die ultimative Ernährungskrise bei einer globalen Katastrophe. Wobei: Eigentlich hat diese Katastrophe mit dem Verlust von 90 Prozent der Biodiversität ja längst stattgefunden.

Als das Depot auf Spitzbergen im Jahr 2008 eröffnet wurde, ging man vom perfekten Ort für dieses Unterfangen aus. Davon, dass der Permafrost der arktischen Lage und dicke Gesteinslagen dafür sorgen würden, dass die Saatgut-Muster auch im Falle einer Energiekrise, also ohne zusätzliche Kühlung, viele Wochen eingefroren und so sicher blieben. Doch die Lage hat sich mittlerweile dramatisch verändert.

Aktuell ist Spitzbergen der sich am schnellsten erwärmende Ort auf diesem Planeten, der Permafrost vieler Jahrtausende ist dabei, komplett abzutauen. Aus dem ewigen Eis hat sich ein gespenstisch anmutendes, karges Wasteland geschält und im Berg brummen Dutzende Kohle-getriebene Generatoren unter Last. Das ist notwendig, um die Temperatur bei 18° Celsius unter Null zu halten – damit das eingelagerte Saatgut nicht verdirbt. Gegenüber, auf der anderen Seite des Tals, liegen wie ein ironischer Kommentar auf das Zeitalter der fossilen Brennstoffe, das sich seinem Ende entgegen neigt, die verrottenden Überreste einer verlassenen Kohlemine. Zeuge eines Industriezweigs, der über ein Jahrhundert dominant auf der abgelegenen Insel im Norden war.

 

Es ist dieser Ort, an dem wichtige Entwicklungsstränge symbolhaft zusammenzulaufen scheinen, Widersprüche so deutlich sichtbar werden, wie der karge, unwirtliche Felsen, der sich nach und nach aus dem ewigen Eis schält, der Koenraad Ecker und Frederik Meulyzer zu ihrem kurzen Dokumentarfilm „Growth“ und zur Musik ihres „Carbon“-Projekts inspiriert hat. Beim von James Ginzburg kuratierten Berliner Label Subtext Recordings erscheinen im November die auf Field Recordings basierenden Aufnahmen der beiden in Berlin lebenden, belgischen Konzeptkünstler, die 2017 ursprünglich für die Performance „Frozen Songs“ entstanden sind. Ein Projekt, das ursprünglich von der norwegischen Zero Visibility Dance Company unter der Leitung von Ina Christel Johannessen in Auftrag gegeben worden war.

Die Kompositionen wie der Dokumentarfilm sind eine Meditation über die vielfältigen Widersprüche, die auf Spitzbergen sichtbar werden: die von Stasis und Wandel, von Nähe und Weite, von Umfangen-Sein und Ausdehnung, von Zynismus und Hoffnung. Die flächigen musikalischen Bestandteile stammen von Eckers, setzen sich aus den prozessierten Field Recordings, die mal atmosphärisch mal elektronisch hart bearbeitet sind, und aus Cello-Arrangements zusammen – darüber liegen die abwechslungsreichen, belebenden Percussion-Improvisationen von Meulyzer. Ecker und Meulyzer beleuchten diese Kontraste, entgehen trotz der Dringlichkeit der Probleme bei ihren Kompositionen aber der Versuchung, sich dystopischer Dramatisierung hinzugeben. Den Luxus des Pessimismus könne man sich in der aktuellen Lage nicht leisten, meint Koenraad Ecker dazu.

Das Verschließen der Augen aber eben auch nicht, und so ist das multimediale Kunstwerk von Koenraad Ecker und Frederik Meulyzer mit seiner hohen inhaltlichen Relevanz, mit seiner intensen Symbolkraft und wohltemperierten Emotionalität, mit seiner gelungenen Verknüpfung zwischen politischer Aussage und Kunst vermutlich einer der wichtigsten Veröffentlichungen, die in diesem Herbst erscheint.

 
Koenraad Ecker und Frederik Meulyzer
© Geert Goiris

Koenraad Ecker ist ein belgischer Cellist, Gitarrist und Elektroakkustik-Spezialist, der auch gerne mit Field Recordings arbeitet und schon in zahlreichen Radioproduktionen und Bühnen-Performances wie musikalischen Textumsetzungen und Film-Soundtracks involviert war.

Frederik Meulyzer ist als Schlagwerker unter anderem bei der belgischen Jazz-Band Hamster Axis of the One-Click Panther aktiv, komponiert aber auch zeitgenössische Musik für die Theatertruppe Post uit Hessdalen und spielt in der psychedelischen Krautrock-Band Slumberland.

Ecker und Meulyzer waren zuvor zusammen unter dem Namen Stray Dogs aktiv.
 
 
 
 
 
 
 
 

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