+Kreng: Bewahrer der Geheimnisse – eine Annäherung an „Grimoire“

Was haben die Voodoo-Kultur, die Sterbe-Phasen nach Elisabeth Kübler-Ross, die Neue Musik und Wasserleichen gemeinsam? Kreng.

Kreng in the woods, photo by Nathalie Tabury

Kreng in the woods, © photo by Nathalie Tabury

 

Hinter den Werken des belgischen Künstlers Pepijn Caudron verbirgt sich ein Konzept, das in ähnlicher Komplexität selten zu finden ist. Der biografische Aspekt seiner Musik ist nicht zu unterschätzen, hat er doch beispielsweise mittels seiner neuesten Veröffentlichung („The Summoner“ 2015 bei Miasmah erschienen) eigene psychische Talsohlen und eine leidvolle Lebensphase durchschritten, die für den Rezipienten konzeptuell sichtbar und emotional nachvollziehbar sind. Jedoch eröffnen uns Caudrons Lebensstationen – Schauspiel, Theaterprojekte, Filmmusik – nur lose Fixpunkte, die uns wie durch ein verzerrendes Kaleidoskop auf seine Musik schauen lassen. Ein gemeinsamer Nenner ist vielleicht der mystische Aspekt, ein Ringen um das Geheimnis des nicht Sichtbaren. Doch selbst ohne einen forschenden Blick hinter die Kulissen seiner vielschichtigen Symbolwelt, eröffnet Krengs Musik einen ganz besonderen Klang- und Imaginationsraum, der souverän Konventions- und Genregrenzen überschreitet.

Alle Alben von Kreng sind von bemerkenswerter Qualität – eines aber ragt ganz besonders heraus.

 

Eine Annäherung an „Grimoire“ (2011)

„Le Grand Grimoire“, die Voodoo-Bibel zur Beschwörung der Toten, fungiert quasi als Stoffgrundlage. Die Reihe an Mythen, die sich um das spätmittelalterliche Werk ranken, ist lang.

Krengs „Grimoire“ (2011) erschließt diese Welt mit gelassenen Schritten: Die ersten Stücke des Albums kommen einer akustischen Prozession durch verbotene Orte gleich. Die Herzstücke des Albums „Wrak“ und „Ballett van de Bloedhoeren“ brechen den düster schwelgenden Rhythmus auf, unvermittelt schmeicheln uns archaische Klangzitate aus der Neuen Klassik. Instrumentale Harmonie, elektronische Dissonanzen und brachialer Noise verbinden sich dabei zu einem erhabenen Inferno.

Es folgen Sound-Welten voller Wasser, Metall und Rauch – ausgelotet bis umgewälzt, bis der letzte Track den Hörer mit einem hinterhältigen Ende zurück in die Welt spuckt.

Die Songtitel verweisen auf Abgründe der menschlichen Existenz, entliehen aus Mythologie, Wissenschaft, Religion und Okkultismus. Die Pentagramm-ähnlich angeordnete Tracklist besteht aus antiken Begriffen sexueller Perversion, gewalttätigen Neologismen sowie Deutsch-Englisch-Französisch-Belgischen Sprachbildern zwischen Wahnsinn und Magie. Zwischen den Titeln prangen gotische Schnörkel-Buchstaben, die sich in einer Spirale von innen nach außen zu KRENG GRIMOIRE zusammensetzen.

Cover-Rücken der wiederveröffentlichten Vinyl-Ausgabe, 2015 (c) Miasmah

Cover-Rückseite der wiederveröffentlichten Vinyl-Ausgabe, 2015 © Miasmah

 

Das Mittelhochdeutsche kennt den Wortstamm „kreng“ als Verb, das sich winden oder kriechen bedeutet … So windet sich Kreng mit jeder einzelnen Frequenz, jedem Wort und jedem Artwork-Detail um jene verbotenen Welten, deren schreckliche Geheimnisse wir gleichermaßen fürchten und begehren. Die Dichte und Vielfalt von musikalischen Ovationen und Genre-Referenzen, verbunden mit der technisch-musikalischen Raffinesse eines Soundtrack-Producers, machen „Grimoire“ zu einem beeindruckenden Unikat.

 

//HÖREN


Kreng – Secret Thirteen Mix

 

//DISKOGRAFIE (AUSZUG)

Die Mehrzahl der Kreng-Veröffentlichungen ist beim norwegischen Label Miasmah erschienen, das von Erik K. Skodvin gegründet wurde und mittlerweile in Berlin residiert. Die liebevoll gestalteten Editionen stehen visuell der musikalischen Qualität des Ausnahme-Künstlers in nichts nach.

ALBEN

Kreng - L’Autopsie Phénoménale de Dieu„L’Autopsie Phénoménale De Dieu“
Miasmah 2009
Vinyl, CD, digital

Kreng - Grimoire„Grimoire“
Miasmah 2011
Vinyl, CD, digital

Kreng-Works for Abattoir Fermé 2007 - 2011_Mialp020_BOX„Works For Abattoir Fermé 2007–2011“
Miasmah 2012
4xLP+10″-Box, digital

Kreng_The_Summoner„The Summoner“
Miasmah 2015
Vinyl, CD

 

//LESEN

Kreng – Website
Kreng – Facebook
Kreng bei Miasmah Recordings
Kreng-Interview bei Sounds of a Tired City
Kreng-Interview bei Include Me Out
63 Film-Soundtracks – eine Auswahl von Kreng
Abbatoir Fermé – Website

Kommentare geschlossen