+Kurz rausgehackt: April 2018

Anarcho Punk/Noise Punk: Das Anarcho-Kollektiv Girls in Synthesis aus London mit einer neuen 7″-EP, heißt mit der nächsten Noise Attacke. Volle Fahrt voraus … „Tainted“ („We Might Not Make Tomorrow“ EP, 28.5., Blank Editions). /RRRhund\

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Gothic Rock/Dark Wave/Cold Wave: Dem Charme der deutschen Sprache ist die italienische Formation Ash Code bei der aktuellen Single „Perspektive“ erlegen – der Titeltrack des neuen Albums. Einen großen Anteil daran hat Die Selektion-Sänger Luca Gillian, der beim Texten kräftig mitgeholfen hat und auch im Video als Gastsänger auftaucht. Auch soundtechnisch hat die Band bei dieser Nummer an einigen Schrauben gedreht, alles ist ein bisschen kantiger, die Gitarre wird mit dem E-Bow bedient und es kommt ein selbstgebautes Instrument zum Ensatz: Das Micro[D] kann entweder wie eine Violine oder aber eben etwas brutaler, wie beim aktuellen Song, mit dem Hammer gespielt werden. Thema des Songs sind die Keyboard-Warrior des aktuellen Zeitalters, die sich hinter den Tasten sicher fühlen und Hässlichkeiten von sich geben, für die sie im wahren Leben selten einstehen müssen („Perspektive“, Swiss Dark Nights, 18.5.). //RRRhund\

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Post Punk/Juvenile Euphoria: Könnte mir kaum was Besseres zur Jahreszeit vorstellen. Die Death Bells klingen auf ihrem Debüt-Album „Standing at the Edge of the World“ so euphorisch, als habe man den gutgelaunten Kopenhagener Post Punk-Sound von Bands wie den Communions auf die Südhalbkugel, genauer gesagt nach Sydney, verlegt. Hier das Video zu „Nothing changes“ (die europäische Pressung gibt’s ab morgen bei Avant! Records). //RRRhund\

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Noise Rock/Weird: Huch, und schon wieder eine neue Christian Fitness draußen. „Nuance – The Musical“ heißt das Werk. Die Rede ist natürlich von der One-Man-Band des Future of the Left-Sängers Andy „Falco“ Falkous. Diesmal ziemlich durchgeknalltes Zeug, das pausenlos die Genregrenzen mit Freuden in Richtung surreale Zirkusmusik und krankes Musical … ach was, in alle Richtungen überschreitet. //RRRhund\

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Post Punk: Ich mag ja meinen Post Punk im Moment ganz gerne spaceig und australisch – so wie den von Atom aus Melbourne. Die aktuelle Band von Ben Hepworth (Ex-Repairs und -Interzone) arbeitet gerne klassisch, mit historischen Orgeln und mal sirenenhaftem mal kühlem Sprechgesang. Die Single „In every Dream Home“ gibt’s schon jetzt als Appetitzügler; es handelt sich um den Titeltrack des Longplayers, der demnächst folgen soll. //RRRhund\

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Kraut/Post Rock/Italo Flow: Die belgischen Kraut-Aficionados von Go March haben sich den Giorgio Moroder-Klassiker „Chase“ vorgenommen und mit grandios fließendem Groove in die Bandsprache übersetzt. //RRRhund\

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Copenhagen Electronica/Breakbeats: Northern Electronics haben mit „Pink Dreams“, dem Debüt des Kopenhagener Produzenten Rune Bagge, gerade eine Meilenstein-Veröffentlichung rausgehauen. „Five elements“ ist ein echter Hammertrack mit eisigen Ambient-Flächen und feuriger Breakbeat-Percussion. //RRRhund\

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Indie/Uptempo Psych Pop: In der Kürze liegt die Würze – das gilt zumindest für „Is it really what you need?“, die aktuelle Single des italienischen Quartetts Hund, die wohl aus einem Jam entstanden ist. Schöner Uptempo Dream Pop mit einem leichten Schmelz aus Psych, der vor allem nicht zu glatt daherkommt. Das gilt auch für das klassische Indie-LowFi-Video. RIYL DIIIV und ähnlicher Captured Tracks-Sound („Matches“, 11.5., We Were Never Being Boring). //RRRhund\

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Psych/Kraut: Datashock sind ein recht verschrobenes, gerade achtköpfiges Kraut-Psych-Kollektiv aus Saarlouis, das schon seit den frühen 2000ern Jahren aktiv ist. Das verschickerte Video zu „Langusten Clown (am Atlantik)“ stammt vom neuen Album „Kräuter der Provinz“ (25.5., bureau b). Amon Düül als abgesteckte Fahne und dann noch ein paar Ecken weiter gereist … und natürlich ist auch visuell noch einiges geboten. //RRRhund\

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Kraut/Psych/Jam Rock: Wenn die Band euch Neu!-Dinger an die Ohren reibt, um dann auf Motorpsycho-artigem Jam Rock-Territorium zu landen und schließlich wieder die Rolle rückwärts macht, seid ihr auf dem Feldweg von Monotrophy aus Lyon gelandet. Schon zwei, drei Mal gehört, aber gekonnt („Micas“, draußen bei S.K. Records). //RRRhund\

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DIY Electronica/Acid Minimal Synth Punk/Industrial: Klasse Underground-Electro-Punk-Zeug aus dem östlichen Rom mit klassischem Kompromisslos-Vibe. Holiday Inn haben genau die richtige Mischung aus einer Schaufelladung Dreck (ab und an gibt’s auch einen mit den kompletten Bagger drüber), Acid-Schunkel und unwiderstehlichem Lärm-Magnetismus. Mi piace davvero, und zwar Vinyl-verdächtig. („Torbido“, gerade bei Avant! Records / Maple Death Records erschienen) //RRRhund\

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Shoegaze/Dreamgaze/Kraut/Proto Post Rock/Noise Rock: Der Drummer im motorischen Krautrock-Flow, die Saiteninstrumente als Teppich gewoben – im höchst organischen Wechsel zwischen verspieltem, ambienteskem Impressionismus und expressionistischen Noise Rock-Ausbrüchen. Ein bisschen so als wären die Sonic Youth der „Sister“-Phase im Dreamgaze-Topf gelandet. Unheimlich jung, ungeheuer talentiert – Dose aus Newcastle und ihre Single „Furniture“. //RRRhund\

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Indie/Post Punk/Shoegaze: Vor etwas mehr als einem Jahr hatten wir The Faded North, die Band aus dem Norden von England vorgestellt, die es nach Wien verschlagen hat. Seit heute hat das Trio die Leadsingle und das erste Video zur neuen EP „What did I miss?“ am Start: „State I’m in“ ist herrlich schwebender Indie-Sound mit Post Punk- und Shoegaze-Einsprengseln, der mit seinen Singlenote-Licks an Bands wie DIIV oder die Foals erinnert und perfekt in die Jahreszeit des Aufblühens passt. //RRRhund\

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DJ Set/Vinyl Only: Fantastische Zeitreise mit Silent Servant, der sich in einem einstündigen, reinen Vinyl-Set für Dekmantel von 1973 (Kraftwerk) bis ins Jahr 2000 (Surgeon) vorarbeitet und so seine eigene Linie in der Geschichte der tanzbaren, elektronischen Musik zieht. //RRRhund\

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DiNT, Hooker (remixed)Experimental/Dungeon/Doom/Dark Ambient/Industrial Techno: Der mysteriöse Produzent DiNT präsentiert sich auf seiner zweiten EP mit gequälten, monotonen und doch enorm magnetischen Industrial-Sounds, die Einflüsse aus Doom und Dark Ambient transportieren. Ein animalisch verzerrter Bass, unheimliche Tribal Grooves, dunkle Flächen, entmenschte Schreie. Auf der Remix-EP überarbeitet die Berliner Industrial Techno-Szene das fiese Ausgangsmaterial mit durchschlagendem Ergebnis. Berlin Dungeon Underground. //RRRhund\

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Soundtrack/Kraut/Psych: Fans von Godspeed You! Black Emperor, Ennio Morricone, Vangelis, Nick Cave und Brian Eno dürften ihre Freude an „Irregular Heads“, der ersten Veröffentlichung der Monumentals haben. Hinter dem Soundtrack-Duo aus Nottingham stecken Ryan und Neil von den legendären Psych-Rockern The Cult of Dom Keller. Die beiden haben auf ihrem Debüt dichte, mal lichtdurchflutete, mal dunkle, Lynch-artige Sounds zwischen Krautrock-infiziertem Art Rock, Sci-fi-Western und elektronischen Space-Symphonien im Gepäck. Ab Ende April bei Eggs in Aspic zu kriegen (auf Tape oder digital, 27.4.). //RRRhund\

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EBM/Industrial Techno/Hard Goth: Die EBM-Welle ist noch längst nicht vorbei wie es scheint – es kommt immer noch geiles Zeug raus. Neuestes Beispiel ist Sterile Hand, das gemeinsame Projekt der L.A.-Techno Legende Juan Mendez (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Silent Servant) und Sänger Ori Ofir. Sehr reduziertes, minimalistisches, aber dafür atmosphärisch umso effektiveres, dunkles Zeug. Hatte mich gleich am Schlawittchen. //RRRhund\

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Punk Wave/Noisy Post Punk: Pigeon aus Berlin sind euer Fluchtweg aus dem grassierenden Post Punk-Einheitsbrei. Der dunkle, existenzialistische Vibe, die glühende Gitarre an der Feedback-Grenze, der verzerrte Bass und mächtig, mächtig Schub. Das Debütalbum steht in den Startlöchern. Treffer, bitte anhören. (s/t, 17.5., Black Verb / Antena Krzyku / Dunkelziffer). //RRRhund\

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Alternative/Semi-Electronic Weirdness: Shortparis haben genau das was ich suche, wenn ich mich in Osteuropa auf die Suche nach neuen Bands begebe – das fünfköpfige, (ursprünglich mal) sibirische Kollektiv klingt entschieden anders als alles was ich aus den USA, Großbritannien oder sonst vom alten Kontinent kenne. Klar könnte man in die fantastische, aktuelle Single „Стыд“ (auf Deutsch „Schande“) einen Hauch von Radiohead oder Muse reininterpretieren – aber insgesamt ist das ein schön schräges, fremdartiges musikalisches Ei, das ich euch hiermit unterschiebe. Und die Single klingt ganz anders als der vorhergehende, noch sehr kantige Longplayer „ПАСХА“ („Pascha“): eine Band mitten in der Metamorphose in Richtung – schrägen – Pop. Die mittlerweile in St. Petersburg ansässige Band selbst beschreibt ihren Stil als eine Mischung aus irrationalen, spasmischen Grooves und theatralischen Performance-Elementen. Beim näheren Hinschauen gibt es aber noch viel Interessantes zu entdecken: Anspielungen auf den russischen Arm der Freimaurerei, die griechische Tragödie und jede Menge juvenile Kinkyness. Die werde ich weiter beobachten, soviel steht fest. //RRRhund\

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Alternative/Post Punk: Schon wieder Gutes aus Italien, schon wieder Gutes aus Treviso. Superportua haben treibenden, melancholischen Post Punk mit schönen Chords und Pop Appeal im Gepäck. Hier das Video zu „Credervi Santi“ – trotz düsterer Thematik voller Adrenalin und daher absolut frühlingstauglich (das selbstbetitelte Debüt ist gerade bei Shyrec/Dischi Soviet Studio e Sisma erschienen). //RRRhund\

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Post Punk/No Wave/Art Rock: Atmosphärischen bis recht kratzigen Post Punk mit Einflüssen aus Cold Wave, No Wave und Art Rock haben Ganser im Gepäck. Das Quartett aus Chicago ist seit Ende 2014 aktiv, hat 2016 eine ziemlich gute EP („This Feels Like Living“) rausgehauen und veröffentlicht am Freitag nun seinen Debüt-Longplayer „Odd Talk“ (No Trend Records, 20.4.). Von diesem stammt auch das aktuelle Video zu „Satsuma“. Neben den lakonischen Vocals von Alicia und Nadia hinterlässt vor allem die energische Gitarrenarbeit von Charlie Landsman nachhaltigen Eindruck, der in bester Chicago-Tradition immer wieder in atonale Gefilde vordringt und so durchaus auch bei einer Post Hardcore-Band der 90er Jahre nicht deplaziert gewesen wäre. So entsteht eine spannende Mischung aus melancholisch-introvertierten und aggressiv nach vorne gehenden Elementen. Klasse. //RRRhund\

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Alternative/Post Punk: Am Freitag erscheint mit „Fake“ (bei Glitterhouse Records) endlich das neue Album von Die Nerven, seit gestern steht die Premiere zum Doppelvideo für „Fake“ und „Frei“ online. Während der Titeltrack eher den schwebend-atmosphärischen Sound der Nebenprojekte All diese Gewalt! und Peter Muffin spiegelt, ist die andere Nummer ein Stück krachender, noisig-expressiver Post Punk wie man ihn von unserer Stuttgarter Lieblingsband kennt. Und morgen ist die Band dann beim Tourstart im Schlachthof Wiesbaden anzutreffen. Viel mehr Nerven auf einmal geht kaum … //RRRhund\

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Punky Experimental/Noise Hip Hop/Cut-up: Michul Kuun ist natürlich niemand anderes als Michael Kuhn AKA NAH himself. Genau, das war der in Belgien aktive U.S.-Drummer und Sprachkünstler mit seinem avantgardistischen Perkussiv-Stil zwischen Drum-and-Bass-Experimenten, punky Sprechgesang und Cut-up-Elementen. Hier das Video zu „Any away“, ein Stück, das auf der aktuellen „Hold Me No Break Me Fall“-EP zu finden ist und ständig zwischen lyrischen Zwischentönen und Punk-Gestus schwankt. Sehr spannend. //RRRhund\

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Dark Electro/EBM Synth Pop: Andrea Latorre und Sergi Algiz aus Barcelona sind recht umtriebig. Die beiden stecken nicht nur hinter dem Cønjuntø Vacíø-Label, sondern sind auch Bestandteil der Post Punk-Band Wind Atlas, die mit „An Edible Body“ bisher eines der besten Genre-Alben in diesem Jahr vorzuweisen haben. Ihr elektronisches Pop-Projekt widerum heißt Semiotics Department Of Heteronyms (oder kurz „SDH“) und das steht im Mai vor der Veröffentlichung seines selbstbetitelten Debütalbums. Dunkler, magnetischer Synth Pop mit EBM-Anteilen, der auch Fans von Boy Harsher gut munden dürfte: die Hörprobe „Tell them“ (Avant! Records, 25.5.). //RRRhund\

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Noise Rock Big Band: Das britische Noise Rock-Kollektiv Action Beat hat mal gar nichts verlernt. Hier ein großartiges Live-Video aus Marseille von Anfang April, bei dem die Band auf allen Kesseln dampft. Rockt. Erheblich. //RRRhund\

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Goth Punk: Und zwar aus Leipzig. Dividing Lines kommen ursprünglich aus der Punk-Ecke, haben aber Gefallen am dunklen Sound der Goth-Szene gefunden und auch einen Keyboarder dabei. Der zweite Longplayer „Gone“ ist gerade bei Manic Depression Records und Plastic Bomb erschienen und lebt von den Gesangslinien von Sängerin Marie, die was die Stimmlage angeht eine klassische Rock-Röhre hat. Die straight agierende, agile, eher punkig treibende Rhythmus-Gruppe sorgt dafür, dass die Tracks gerade nach vorne gehen und drastische Genrefallen umschifft werden. //RRRhund\

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Alternative/Modern Goth: „She’s the black sun shining dark“ … elegant gewobener, minimalistischer, moderner, okkulter Goth-Sound in ultraviolett – das neue Video von Lapis Exilis aus L.A., Antarctica, zu „Black one“, dem Album Opener vom Debüt-Longplayer „Hexagram“ (bei bandcamp zu kriegen). //RRRhund\

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Experimental/Coldgaze/Noise Hop: Hermetische Nachtmusik aus Griechenland. Destroy All Horizons ist mir im Dezember zum ersten Mal in meiner bandcamp-Blase aufgefallen. Das atmosphärische Soloprojekt von Theodore Kara aus Thessaloniki ist eine ebenso kunstvolle wie handwerklich perfekte Abkehr vom Draußen, ein Eintauchen in nach innen gewandte emotionale Zustände. Minimalistische, oft gebrochene Rhythmuspatterns mit New Wave-Sounds, wummernde Basslinien und mal verträumte, mal noisige Coldgaze-Gitarren sowie der düster-verhaltene Gesang von Kara bestimmen auch das dystopische Klangbild auf der neuen „Delusion“ EP. Wie aus einem Guss. Perfektion. //RRRhund\

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Electronic/Neo-Savage Avant-EDM: Ein ziemlicher Kracher-Track im härteren 90er-Jahre-Stil ist „AS Chaos“ von Amnesia Scanner. Hinter dem Projekt stecken Ville Haimala und Martti Kalliala; als Gastsängerin begeistert die in Berlin ansässige Produzentin Pan Daijing mit einer Mischung aus Mandarin und Englisch. Ebenso simpel wie brachial und vor allem ziemlich cool (draußen bei PAN). //RRRhund\

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Noisy Disharmonic Breakneck Blues Punk: Derbes Zeug von Blank Editions. „Hard Time Killin Floor Blues“ ist das Debüt des Londoner Trios Camp X-Ray, mit dem die Band sich in der disharmonisch-krachigen Blues Punk-Ecke präsentiert und ihre Sache musikalisch wie inhaltlich ziemlich überzeugend macht. Sonic Youth, Teenage Jesus & the Jerks, Pussy Galore, Killdozer und die Butthole Surfers in ihrer jeweils derbsten Phase mögen mal als grober Anhaltspunkt dienen. Kracht ordentlich (als Tape oder digital, 3.5., Blank Editions). //RRRhund\

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Alternative Rock/Art Rock/Noise Rock: Wir hätten noch das erste Video vom neuen Heads.-Album „Collider“ nachzutragen, das gerade Premiere gefeiert hat. Henrik Eichmann hat die Band für „Wolves at the door“ auf dem ehemaligen sowjetischen Flughafen in Rangsdorf sowie im Berliner Lieblingsladen Tiefgrund abgefilmt und den gequälten Spirit der Nummer dabei wunderbar eingefangen. Breitwand-Sound trifft Breitwand-Optik. //RRRhund\

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FACS, Negative HousesIndie Rock/Art Rock/Post Punk/Experimental: Wenn euch die Namen Jonathan van Herik, Noah Leger und Brian Case irgendwie bekannt vorkommen, ist das keine Überraschung. Die FACS, so der Name des Trios, sind nämlich nach Ausstieg des Bassisten Damon Carruesco so etwas wie die neue Inkarnation der heiß geliebten Chicagoer Post Punk-Kultband Disappears. Brian Case bedient auf dem ersten Album „Negative Houses“ nun den Viersaiter und ansonsten ist alles noch viel ausgebrannter, reduzierter, noch ein bisschen mehr im Cold Storage-Vibe als es die Disappears am Ende schon waren – die Art Rock-/Post Punk-Avantgarde der Endsiebziger in ein invertiertes Schwarz-Weiß-Chicago von 2018 transportiert. This Is Not Disappears. Und ganz schön gut. //RRRhund\

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Die Wilde Jagd, Uhrwerk OrangeAlternative/Kraut/Space: „Uhrwald Orange“, das zweite Album von Die Wilde Jagd, weist die Formation um Mastermind Sebastian Lee Philipp erneut als hypermoderne Botschafter des klassischen Düsseldorf-Sounds aus. Der Name des Albums ist dem Namen des Studios entliehen, in dem es aufgenommen wurde, und da waren echte Wizards am Werk (Studioinhaber und Produzent Ralf Beck, Kris Baha und Philipp selbst) – eine fantastische, schwebende Produktion mit viel Liebe zum Detail, die perfekt zur magisch-minimalistischen Musik des Unterbewusstseins passt, die Philipps hier geschaffen hat. //RRRhund\

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Alternative/Ethno Noise Experimentalists: Alte Helden mit ihrem einzigartigen, unverkennbaren, groovigen Stil. The Ex und „Soon all cities“ vom neuen Album „27 Passports“ (natürlich bei Ex Records erschienen). Substanz und Liebe. //RRRhund\

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Psych: Rhys Bloodjoy ist seit drei, vier Jahren Manchesters Solo-Mysterium. Der Kapuzen-Fan erzeugt mit einer Akustikgitarre(!) und Effektpedalen Psych-Soundwände, über die sich manch vier- oder fünfköpfige Band freuen würde. Das musikalische Ergebnis ist zugleich warm und massig, live gibt es offensichtlich noch mehr vom wohldosierten Feedbackregen gratis. Am Freitag erscheint mit „Love Is A Fucked Up Goddess (Part II)“ seine neue EP bei Eggs in Aspic. Kann was. //RRRhund\

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Post Punk Avantgarde/Far Out Kraut/Synth Weirdness: In der Tat, abgefreakt. Was die kanadischen Freak Heat Waves musikalisch und visuell bei ihrem Video zu „Toxic talk show“ veranstalten, lässt erstmal keine Wünsche mehr offen. Ein bisschen so, als wären die Chrome von 1979 in einen spaceigen Synth-Topf voller Breakbeats gefallen und hätten darin tanzwütige Aliens vorgefunden um sie mit John Maus zu paaren. Andere Songs auf der Platte klingen dann wieder, als hätten sich die Preoccupations in diesem Topf wiedergefunden und … yada, yada, yada. Am 30.5. ist die Band wohl in Köln zu sehen, ich glaub’, ich muss da hin. Und jetzt viel Spaß mit den Drogen-Tigern. („Beyond XXXL“, gerade bei Telephone Explosion erschienen). //RRRhund\

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Live Electronica: Der technoide Mannheimer Elektronik-Musiker Joix hat Ende März beim Samsara-Event in der Villa Nachttanz in Heidelberg ein formidables, spaceiges Live-Set abgeliefert, das durch psychoaktive, Tribal-artige Sequenzen geprägt ist. Hier ein Video mit einigen Impressionen – ziemlich cooles Zeug. //RRRhund\

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Nordafrikanischer Futurismus/Electronica and Psych: Ammar 808 ist das Projekt des tunesischen Produzenten Sofyann Ben Youssef. Mit dem Roland TR-808 überarbeitete Raï- und Chaabi-Arrangements treffen auf arabische Psych Gitarren-Spiralen … und dann noch dieses Energiebündel von Sänger. Irre lebendiger, grooviger Sound. Haben gerade auf dem Rewire-Festival in Den Haag mächtig Eindruck hinterlassen. //RRRhund\

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Experimental/Film Score/Neo Classical/Electronic: Im Dezember hatten wir das experimentelle, polnische Neo Klassik-Duo Nanook of the North und sein Debütalbum, eine Neuvertonung des berühmten Stummfilm gleichen Namens, vorgestellt. Jetzt steht ein Film online, der die ungewöhnlichen Aufnahme-Sessions zu diesem Album dokumentiert. Sehenswert. //RRRhund\

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Indie Rock/Garage Punk: Band und Studiofassung des Songs hatten wir letztens schon gefeatured – hier der deutliche Hinweis darauf, dass die Wax Chattels wohl auch live ziemlich Spaß machen. Würde ich mir jederzeit anschauen. //RRRhund\

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Arte Moderno, Música Cabeza+BLAST FROM THE PAST: Arte Moderno waren in jeder Beziehung Außenseiter als sie in den frühen 80ern auf den Kanarischen Inseln musikalisch aktiv wurden: 1.700 km entfernt vom europäischen Festland, und stilistisch zwischen allen Stühlen, die die experimentelle New Wave-Szene zu dieser Zeit zu bieten hatte. Javier Segura und Juan Belda haben 1982 und 1983 mit einem TR-808 (und später einer Rhythmusgruppe), einer Gitarre, Keyboards und ein paar Mikrofonen acht Tracks aufs Band gebracht, die heute zwar in dieser Zeit verortbar sind, aber ansonsten völlig für sich stehen. Eine weitere, wundervoll gestaltete, musikalische Aushebung von Domestica Records in Barcelona. //RRRhund\

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Electronic/Experimental: Kompromisslose, frische, neue, elektronische Experimentalmusik zwischen Techno, Computermusik, elektroakkustischen Experimenten und Musique Concrète hat das schwedische Label FLUF zu bieten. Ursprünglich wohl mal vom schwedischen Malmö aus agierend wird als Labelstandort mittlerweile Kopenhagen angegeben. Gute Adresse. Die Künstler heißen zum Beispiel tuuun, Guy Birkin, EVOL oder pantea. Kennt ihr nicht? Gut so, deswegen seid ihr ja hier (und ich übrigens auch). Die bisher elf Releases und Tracks sind durchgehend mit Buchstaben- und Zahlenkombinationen benannt – ein weiterer konzeptioneller Hinweis auf programmatische Maschinenmusik. Picken wir uns doch einmal den Labelrelease A0002 von Empathetic Window raus (… die Anzahl der Nullen deutet daraufhin: Es soll wohl etwas länger gehen). Der bietet euch einen guten Eindruck: Far out. Sollte man wohl mit Fug und Recht im Auge behalten, diese Skandinavier. //RRRhund\

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Experimental/Electronic: Nach sieben Jahren hat der avantgardistische Raster-Künstler Robert Lippok ein neues Album am Start. „Applied Autonomy“ besteht hauptsächlich aus geschichteten Soundebenen, die Lippok in den letzten Jahren für Live-Sets in Clubs produziert hatte, um mit ihnen zu experimentieren. Zusammengeschraubt hat er die Platte dann in einer Zwei-Tage-Session im Stockholmer EMS-Studio. Hier die erste Hörprobe „All objects are moving“ („Applied Autonomy“, 18.5., Raster). //RRRhund\

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Alternative/Dirty Soul/Slave Chant: Bei Zeal & Ardor finde ich’s ja mittlerweile besser, wenn der norwegische Black Metal wieder im skandinavischen Winter verschwindet. Das stilistische Element nutzt sich einfach viel zu schnell ab, und songorientierte Strukturen tun der Stimme von Manuel Gagneux einfach gut. Die hat ausreichend Soul, Kratzigkeit und Reibung. Da kommt „Gravedigger’s chant“, die aktuelle Single der Basler Band doch gerade recht, um meine Argumentationslinie zu stützen. //RRRhund\

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Dark Hardcore/Noisy Post Punk: Mit Hardcore habe ich’s die letzten Jahre nur noch selten. Zum einen eine Sache der Hörgewohnheit, zum anderen sind mir die Ausdrucksformen oft zu formelhaft geraten, kraftlos geworden. Kurzum: Wenn im Moment eine Band aus diesem Feld hier auftaucht, hat sie was ganz Besonderes. So wie Lace aus Houston. „Wie alle schlechten Tage auf einmal“ lautet das Credo des Quartetts aus der texanischen Metropole. Und genauso klingt das dann auch. Egal ob wütender Brutalo-Hardcore, oder noisig-verzweifelter Post Punk: die Band glüht, brennt, versteht es meisterhaft dunkle Stimmungen zu verdichten. Wie sagt man so schön: Die haben’s einfach, das Besondere. Das Longplayer-Debüt der Band erscheint diesen Monat („Human Condition“, 13.4.). //RRRhund\

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Ultra Violence Hardcore/Sludge/Doom: Zweimal die harte Gitarrenfraktion. Hatten wir auch schon länger nicht mehr. Fangen wir doch einfach mit dem Moment an, wenn ihr mal wieder komplett den Glauben an die Menschheit verloren habt. Alles ein Fehler der Evolution (und so). Fängt schon super atmosphärisch an und kommt dann gefühlt wie ein Schreikurs im Wald … ach, was sag’ ich Wald. Irgendwo verhakt, zur Bewegungslosigkeit verdammt, im tiefsten Dickicht. Bloß dass der Sound bei „Dive“ dann von 0 auf 6666 km/h beschleunigt und auch wieder genauso schnell abbremst. Danach könnte es wieder gehen. Kurz jedenfalls. Sonst Wound Man helfen gerne nochmal aus. Und dreschen die Menschheit mit einer einzigen 7″ zurück in die Steinzeit. //RRRhund\

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Experimental/Doom/Skeletal Post Punk/Nightclub Brutality/Industrial: Wow, hat mich gerade kalt erwischt, die Kompromisslosigkeit von DiNT. Drei komplett ausgebrannte, brutale, herankriechende Monster von Experimental-Tracks, die auf einem droneigen, verzerrten Megabass fußen und ihre Tribal-artige, rhythmische Kraft aus unguten Energien zu ziehen scheinen. Durch die Musik-gewordene Seuche dringen verhallte Schreie, Stöhnen – Riten im Dunklen. Dazu kommen dann noch vier Remixe von Ontal, ANFS, Codex Empire und OAKE, die die Sache in Richtung experimentellen Industrial Techno drehen. Passt wie die Faust aufs Auge. Krankes Underground-Zeug aus Berlin, ziemlich beeindruckend. //RRRhund\

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Cavern of Anti-Matter, Hormone Lemonade, vinylAlternative/Kraut/Kosmische: Transhumanismus, die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten durch technologische Verfahren, ist seit vielen Jahren in den Kulturwissenschaften ein angesagtes Thema. Unsere Freunde aus der Wissenschaft mögen ihre Aufmerksamkeit für eine Weile von Science Fiction-Filmen auf diese Band richten. Denn niemand kriecht gerade so sehr in den Geist und die Seele seiner Maschinen hinein wie die Berliner Band Cavern of Anti-Matter auf „Hormone Lemonade“: Man hat sogar das Gefühl, dass die beiden ehemaligen Stereolab-Musiker Tim Gane und Joe Dilworth plus Holger Zapf mit ihrer Sammlung an alten Analog-Synths und selbstgebauten Drumcomputern auf dem aktuellen Album bereits eins geworden sind – so dicht ist der kosmische Kraut-Flow, den die Drei erzeugen – komplett aus einem Guss. Eine Platte mit einer klaren musikalischen Vision, so klar wie das Vinyl auf das sie gepresst wurde. //RRRhund\

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LoFi Psych/Melancholy Shoegaze: Seit 2015 schicken zwei Hinterzimmer-Produzenten aus dem amerikanischen Austin und schwedischen Gothenburg bereits Musik über den großen Teich hin und her, und verfolgen ihre gemeinsame musikalische Vision eines melancholischen, shoegazigen LowFi-Psych-Sounds. Das Debüt dieses Projekts erscheint im Mai unter dem Namen Routine Death bei Fuzz Club Records. Hier die Lead-Single „Life Inside a Vacuum“, die allein schon durch den programmierten Stolpergroove auffällig wird (s/t, 25.5., Fuzz Club Records). //RRRhund\

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