+Kurz rausgehackt: April 2019

Noise Rock Classic: Aufhorchen ließ mich jüngst die Nachricht, dass Steve Albinis Noise Rock-Legenden Shellac die verschollenen John Peel-Sessions von 1994 und 2004 endlich als Doppel-LP veröffentlichen werden („The End of Radio“, 14.6., Touch & Go). Aufhorchen deshalb, weil die Livefassungen einiger klassischer Nummern den originalen Studiofassungen um Lichtjahre voraus sind. Das gilt zum Beispiel auch für den „Billiard player song“ – checkt mal diese hochemotionale, umarrangierte Fassung aus der 2004er-Session. Stunning. //RRRhund\

+++++

Dark Alternative/Post Punk/Shoegaze: Ziemlich coole Single von Portrayal aus dem englischen Shrewsbury, die führe ich demnächst mal im Radio Gassi. „Clearing houses“ ist eine gute Mischung aus dem Alternative-Sound der 90er Jahre und Post Punk-Anteilen. Auf der Flipside gesellen sich ein paar Shoegaze-Einsprengsel dazu. FFO (poppige) Blackmail, Placebo et al //RRRhund\

+++++

Garage Punk: Kanada? Russland? Keine Ahnung. Dboy machen aus ihrer ersten Veröffentlichung jedenfalls gleich einen ganzen Kult in gelb und rot. Mit geschickt platzierten PR-Aktionen und einem extra verfassten ästhetischen Manifest. Letzlich bleiben aber doch nur ein paar SM-Masken und Eins, Zwei, Drei, Vier übrig. Das aber in gut und dreckig: „Dboy for president“ (kommt in England bei Alcopop!). //RRRhund\

+++++

Electronic/Ambient/Film Score: Neues von Soho Rezanejad. Die in Kopenhagen lebende Künstlerin mit iranischen Wurzeln hatte vor einiger Zeit mit Silicone Records ihr eigenes Label gestartet. Auf dieser Plattform veröffentlicht die Elektronikspezialistin Ende Mai den Score zu „Torino“, den sie für den Film von Kamil Dossar komponiert und unter Mithilfe von Miccel Mohr produziert hat. Erzählt wird die Geschichte von Anahita und Torino, zwei Protagonisten aus einer Welt gefallener Engel. Hier das Video zu „Call For Torino“, das natürlich diesem Film entnommen ist. //RRRhund\

+++++

Electronic/Ambient/Industrial/Noise/Drone: Auf seinem neuesten Album („Totem“, 2LP / CD / DL, 24.5, Aesthetical) präsentiert der zweitgenössische, französische Elektronikkomponist Franck Vigroux zehn elegant austarierte, dynamisch-luftige Tracks, die immer wieder dynamisch in noisige Drone-Passagen gleiten. Das Konzeptalbum über die mythologische Kraft historischer Monumente versucht die Geschichten aufzugreifen, die zur Entstehung der Bauwerke geführt haben. Tektonische Spannung, pulsierende Rhythmen und rauhe, analoge Texturen prägen die Arbeitsweise des Parisers, der auf mehrere Kollaborationen mit der letztens verschiedenen Experimental-Ikone Mika Vainio zurückblicken kann und seine Liveperformances gerne zusammen mit Videokunst präsentiert. So wundert es nicht, dass auch „Totem“ als AV-Projekt daherkommt. Checkt mal das Teaservideo im Kommentar – gutes, abgefahrenes Zeug. //RRRhund\

+++++

Damaged Electronics: Hochkreative Kaputnik-Elektronik hat sich der kalifornische Produzent Adam Keith auf die Fahne geschrieben, der unter dem Pseudonym Cube agiert. Auf „Decoy street“, seiner zweiten LP (bei W.25TH, dem Sublabel von Superior Viaduct für zeitgenössische Künstler, erschienen), liefert der kalifornische Produzent dekonstruierte Beats, kollabierende Schaltkreise, musikalische Interaktion auf Zellebene. Angereichert mit genug Krach und Dreck entsteht eine klasse Platte für experimentell Orientierte, denen Mainstream-Electronica viel zu glatt ist. FFO Prurient, Puce Mary, Powell //RRRhund\

+++++

Alternative Rock/Post HC: Letztes Jahr habe ich euch „BC35: The 35th Anniversary of Martin Bisi“, eine Compilation zum Jubiläum des legendären New Yorker Studios und seines Betreibers Martin Bisi, vorgestellt. Bisi war für ikonographische Produktionen des amerikanischen Undergrounds (Sonic Youth, Swans, Live Skull, Helmet, Unsane, White Hills, Cop Shoot Cop) genauso verantwortlich wie für einige Produktionen aus dem Overground (Brian Eno, Whitney Houston, Iggy Pop, Herbie Hancock, Fab Five Freddy, The Ramones), die man ihm ohne Hintergrundwissen eher nicht zurechnen würde. Die Recording Sessions zum Jubiläum haben sich als so reichhaltig erwiesen, dass gerade mit „BC35: Volume Two“ noch ein zweiter Teil bei Bronson Recordings erschienen ist (Vinyl und andere Formate). Das stürmische erste Video der neuen Compilation stammt von Excop (Musiker der New York-Legenden Cop Shoot Cop und Swans). //RRRhund\

+++++

Political Hip Hop/Mancunian Ranting/Dub/Acid: Michael O’Neill (Ex-The Sonar Yen) kümmert sich um ein Genre, das lange Zeit nur noch dünn besetzt war, in diesem Jahrzehnt aber eine kleine Renaissance erlebt hat – spröder, wütender, politischer Hip Hop britischer Prägung mit Punk-Roots, der ordentlich giftet und sich nirgends anbiedert. Sechs Jahre nach einer fantastisch dreckigen EP auf Tesla Tapes, dem Label aus dem Gnod-Umfeld, präsentiert die Underground-Ikone aus Manchester mit „Binary Order“ seinen ersten Longplayer – eine polemische Studie über den aktuellen Stand von Kultur, Klasse und Gesellschaft (gerade bei FuckPunk erschienen). Irgendwo zwischen einer Working Class-Variante von Mark Stewart (The Pop Group) und der beißenden Schärfe von Jason Williamson (Sleaford Mods), wenn das Kind Nord-Manchesters, den Sohn irischer Einwanderer, die Wut packt. Und sonst eben als hervorragender Beobachter sozialer Prozesse, als Geschichtenerzähler vom alltäglichen Irrsinn, der um sich greift. Die Instrumentaltracks unter dem hervorragenden Genöhle kommen neben dem üblichen minimalen Hip-Hop-Set-up mit dem grauen Sound der nordenglischen Stadt, ab und an sind auch mal Acid- und Dub-Einsprengseln zu vernehmen. Produziert hat er die Scheibe zusammen mit Sam Weaver (Hungryghost / Charles Hayward); und ein bisschen zusätzlichen musikalischen Input gab’s vom Elektroakkustik-Komponisten Danny Saul. Wird am Ende des Jahres weit oben landen. //RRRhund\

+++++

Experimental/Industrial Doom Metal: „Ein Ausdruck der Desillusionierung über vorherrschende unterdrückerische, gewalttätige Kulturen“, sagt die Band. Die sind jedenfalls ganz schön sauer, das kann ich euch verraten. Ein ziemlich fieses Brett hat das australische Doom-Trio Coward Punch gerade mit „Satan Is Our Liberator, We Deserve Freedom Without Shame“ (bei Urban Cowboy erschienen), seiner zweiten EP, abgeliefert. Am Laptop programmierte Drum Tracks, Noise Loops, brutale Gitarren und herzhafter Doom-Gesang prägen das derbe Klangbild – ein Alptraum in drei Teilen. //RRRhund\

+++++

Industrial Metal/Crossover/Power Electronics: Holy Fuck! … auf sowas war ich nicht vorbereitet. Das Berliner Underground-Label Instruments of Discipline diszipliniert uns normalerweise mehr mit experimentellem Industrial (Techno). Bei „Insect human“, der brachialen Hörprobe zum Debüt von Coal (s/t EP, 1.5.), liefern Anthony Arcana und Oliver Kohlenberg anstattdessen eine 90er Jahre Industrial-Metal-Kelle, aggressive Oneliner, nervös polternde Drum Tracks und fies föhnende Synth-Sounds – mit durchschlagendem Ergebnis. Frisst sich mit seinem energisch-radikalen Ausdruck sofort ins Gehirn, fieses Zeug. Dem akuten Kaufimpuls nachgegeben, Teerpappe geordert. //RRRhund\

+++++

Funky Punky: Ziemlich witzig ist das neue Video der Kölner Formation tics zur Single „Vampires“ geworden (auf dem zweiten Longplayer „Agnostic Funk“ zu finden, der im März bei Tomatenplatten erschienen ist). Ein klassisches Traumszenario findet ein ungewöhnliches Ende … musikalisch gibt’s straight groovenden Stoff in der besten Tradition von Gang of Four und Minutemen. Passt. //RRRhund\

+++++

Noise Rock/Noise Pop: „Sway“ heißt die aktuelle Killersingle der Rotterdamer Formation The Sweet Release of Death – Vorbote eines neues Albums, das im Oktober bei Subroutine Records erscheinen wird („The Blissful Joy Of Living“). Der Song ist eine fantastische, heiß-kalte Affäre – atmosphärischer, leidenschaftlich glühender Noise Rock, der eure Depressionen in Brand steckt … so wie sich das gehört. //RRRhund\

+++++

Goat Wave/Space Disco/Psychedelic Glam/Synth Pop/New Wave/Black Metal: Turn Off, Tune Out, Drop Dead. Satanic Panic – die okkulten Ziegenköpfe aus Wien sind zurück. The Devil & The Universe haben für Juni mit „: ENDGAME 69 :“ ein neues Album angekündigt, das sich zum fünfzigsten Jubiläum mit der Ikonographie von 1969 auseinandersetzt, als mit den Morden der Manson Family und der Schandtat in Altamont für die Hippie-Bewegung der unschuldige Traum von Love & Peace zerbrach, Widerstand militant wurde und okkulte Ideen Einfluss gewannen (21.6., Aufnahme & Wiedergabe). Musikalisch setzten Ashley Dayour, David Pfister und Stefan Elsbacher das Konzept mit einer vielfältigen Mischung aus Dark Wave-Roots, indischen Ethno-Sounds, Psych Glam und Elektronik um und sind auch durch die Weltgeschichte gereist, um sich mittels Field Recordings von Hindu-Tempeln im vietnamesischen Dschungel und Klangräumen aus dem kalifornischen Death Valley einmalige Sounds auf das Album zu holen. Bei der ersten Hörprobe „Kali’s tongue“ ist übrigens Christina Lessiak (von Crush) als Gastsängerin zu hören. Im Juni ist Ziegenzeit. //RRRhund\

+++++

Freaky Electronics/Female Avantgarde: Otherwordly, spaced out, in der besten Tradition des BBC Radiophonic Workshop. Tamayugé sind schon von der Besetzung her exotisch: ein ukrainisch-japanisches Duo, das in Montreal lebt. Auf dem Konzeptalbum „Baba Yaga“ widmen sich Maya Kuroki (Gitarre und Gesang) und Tamara Filyavich (Elektronik) der bekannten Märchenfigur aus der slawischen Mythologie – eine ambivalente Frauengestalt zwischen Erdmuttergöttin und Hexe. Das Ergebnis ist genauso ambivalent – zugleich charmant und goldig, manchmal gar kitschig und zum Kontrast oft ins alptraumhaft Surreale entrückt. Fast wie ein abstraktes Märchenhörspiel für Erwachsene, ein echter akustischer Trip mit hohem Wiedererkennungswert. Classic to come? FFO Phew, Laurie Anderson, The Residents //RRRhund\

+++++

Experimental/Female Avantgarde: Das experimentelle Hip Hop-Duo Yeah You mit seiner ungewöhnlichen Vater-Tochter-Konstellation ist schon ordentlich kantig. Aber noch kein Vergleich zum irren Solomaterial der Produzentin Elvin Brandhi, die eigentlich Freya Edmondes heißt. Das noch recht frische Label C.A.N.V.A.S. hat Ende März die „Shelf Life“-EP veröffentlicht, die die Arbeiten der Waliserin ins Schaufenster steht. Radikale Cut-Up-Passagen wurden im alchemistischen Klanglabor mit dekonstruierter Rhythmik und improvisierten Sprechgesang-Fragmente verschmolzen. Ein Crazy Trip, als ob man das frühe Body Horror-Werk von Cronenberg in Sound gegossen hätte, meint das Label. Das passt – anstrengend aber lohnenswert. //RRRhund\

+++++

Psych & Industrial Drone: Der renommierte Underground-Produzent Oliver Ho (Broken English Club, Zov Zov) hat mit Slow White Fall ein neues Vehikel für seine rohen, psychedelischen, Industrial-beeinflussten Drone-Experimente vorgestellt. Auf der „Total“-EP für Downwards Records sind fünf verhalt-verzerrte Tracks verewigt, die maximal weit von seinen Techno-Roots entfernt sind, und sich anstattdessen mal an der Industrial- mal an der experimentellen Synth-Klassik orientieren – und öfters mal auch beides gleichzeitig. Beim Opener „A blinding light“ dient ein simples Tribal-Drumming Muster als Rhythmusgerüst für sorgsam zusammengeschraubte, kratzige Drone-Flächen. „Releasing together“ dagegen verzichtet ganz auf Drum Tracks und kombiniert die energischen Noise-Drone-Experimente mit klassischen Sequencerlinien. „Slate“ erinnert gar ein bisschen an Sunn O))), „Our eyes“ an den bruitistischen Minimalismus der Swans. Beim Rausschmeißer „Vein“ versetzt der Sequencer, Marke Maschinenwarnsignal, den Zuhörer in Alarmzustand. Spannender Erstling der neuen Ho-Inkarnation. RIYL Tony Conrad, Swans, Bourbonese Qualk, Throbbing Gristle //RRRhund\

+++++

Alternative/IDM/Arabian Dream Pop/Fever Folk/Kraut/Ritual: Kaum etwas fasziniert mich in der hiesigen Musiklandschaft gerade mehr als die verschiedenen, jeweils hermetisch in sich abgeschlossenen Soloprojekte des hochbegabten Alexander Leonard Donat, den man auch als Betreiber des DIY-Labels Blackjack Illuminist Records kennt. Vorgestellt habe ich euch letztes Jahr bereits das Song-getriebene, sonnig-euphorische Garagen-Pop-Projekt Fir Cone Children sowie das moderne Goth-Projekt Vlimmer, das stilistischen Input aus vielen Seitentrakten bezieht ohne die besondere Klangidentität zu verlieren, und so zum Szeneeinhorn wird. Aber das ist noch nicht alles: Donat hat (neben dem Duo Whole) mit Feverdreamt auch tatsächlich noch eine dritte Soloinkarnation am Start, und die darf man mit ihrem surrealen, im klassischen Sinne des Wortes fantastischen Charakter getrost als das abgedrehteste Projekt des Fast-Berliners bezeichnen. Bei Feverdreamt verarbeitet Donat krautig-psychedelische Einflüsse mit einer eigens geschaffenen Kunstsprache in einer orientalischen Traumwelt. Beim Erstling von 2015 geschah das noch vorwiegend mit Gitarren und Violinen – vielen analogen Sounds. Mitte April hat Donat mit „Melantant“ (12.4., Blackjack Illuminist Records) das zweite Album von Feverdreamt veröffentlicht, das deutlich elektronischer geraten ist. Die neue Scheibe setzt auf hypnotisch-surreale, synthetische Flächen, auf atmosphärische Klänge, die (meist) durch langsame, minimalistische, mal Trip Hop-, mal IDM-beeinflusste Rhythmus-Tracks in Bewegung gesetzt werden. Man könnte es songorientierte, psychedelische Electronica oder elektronischen Shoegaze nennen. Darüber liegt Donats prophetisch-entrückte Stimme, die die Songs in ein Spannungsfeld zwischen romantischer Hoffnung und dystopischer Verzweiflung setzt. Die perfekt umgesetzte Projektion einer inneren Fantasiewelt in die hermetische Klangwelt eines Albums. Einzigartig. //RRRhund\

+++++

Noise Rock/Art Punk: Als vor einigen Monaten die international renommierte, schwäbische Noise Rock-Institution Buzz Rodeo aufgrund persönlicher Diskepranzen mitten während einer Europa-Tour den Löffel abgegeben hat, war die Szene überrascht, die Fans entsetzt. Ganz erstaunlich und um so besser, dass es Band-Mastermind Ralph Schaarschmidt innerhalb kurzer Zeit gelungen ist, wieder eine neues Power Trio auf die Beine zu stellen, das dem Vorgänger qualitativ in nichts nachsteht. Triggercut heißt die neue Band, „Buster“ der erste Longplayer, der vor Kurzem in bester DIY-Manier via bandcamp veröffentlicht wurde und bei Szene-Aficionados weggeht wie warme Semmeln. Vom ersten Ton an merkt man, dass es sich um kein klassisches Debüt handelt – die Band strotzt nur so von musikalischem Selbst- und Soundbewusstsein, hat eine Platte aus einem Guss eingespielt. Die neue Rhythmusgruppe mit Daniel am Bass und Sascha an der Schießbude rollt mal hart und sorgt dann wieder mit den genretypischen Stop-and-Go-Stakkatos für Spannung und Dynamik. Darüber arbeitet Ralph mit seinen mal drückenden, mal spitz beißenden, an- und abschwellenden Gitarrenlicks, sorgt mit seinem dringlichen Gesang für das Salz in der Suppe. Klassisches Tension and Release. Stilistisch hat es natürlich Verschiebungen zur alten Band gegeben: neben der bereits bekannten Noise Rock-Klassik (vor allem der Chicago-Sound von Jesus Lizard bis zum Albini-Universum sind zu nennen, aber auch ein bisschen Unsane und Melvins) sorgen sprödere, no wavige Art-Rock-Elemente aus den 80ern für neue Klangfarben. Beim fantastisch-verzweifelten Album Closer „Westworld“ werden Slint-Elemente geschickt via Chicago brutalisiert. Fettes Album. //RRRhund\

+++++

Industrial Bedroom Music: Hinter dem Künstlernamen Legion 808 steckt der Pariser Produzent Gautier Biteau, ein echter Tüftler im Schlafzimmer. Bei den erzielten Ergebnissen dürfte aber einiges ziemlich schräg sein – die Einrichtung der Wohnung, die Atmosphäre, und auch der Bewohner selbst. Weggebeamte Gesangseffekte, dekonstruierte Rhythmik aus dem Drumcomputer, wobbelnde Synthflächen und allerlei andere synthetische Geräusche bestimmen das Klangbild. Eigenartig verorgelte, schräg experimentelle Industrial-Musik für den Hausgebrauch, diese sechs Tracks von der Debüt-EP „Tombouctou Crisis“. Völlig zurecht bei belgischen Underground-Label Unknown Precept draußen (Vinyl oder digital), ein echtes Talent der Mann. //RRRhund\

+++++

Synth Pop/Dance: Die in Austin ansässige Pariser Synth Pop-Chanteuse Lou Rebecca hat mit „Restless“ einen Longplayer auf Holodeck Records (20.9.) angekündigt. Irgendwo zwischen der Fetisch-Ästhetik von Boy Harsher, 80er-Dance-Sound und plakativ lasziven, französischen Pop-Vibes: die erste Hörprobe „Break it apart“. //RRRhund\

+++++

Alternative/Songwriter: Unter dem Künstlernamen Arlo Day agiert diese neue Songwriterin aus der gleichen Szene Südost-Londons, die bereits King Krule oder Puma Blue hervorgebracht hat. Handwerklich perfektes Songwriting, das durch den introvertierten Vibe der Stimme, die selbstreflexiven Texte und die geschmackvoll zurückhaltende Instrumentierung enorm an Atmosphäre und Authentizität (huch, ich hab’s mich getraut zu schreiben) gewinnt. Sehr schön: „Bad timing“, die Leadsingle zur ersten EP (31.5., Domino). //RRRhund\

+++++

Psych/Kraut/Art Pop: Meine Güte, sind die schon lange dabei – dass das das Liverpooler Art-Punk-Quartett Clinic bereits mehr als 20 Jahre und sieben Alben auf dem Buckel hat, hatte ich ehrlich gesagt nicht auf dem Schirm. Im Mai kommt jetzt mit „Wheeltappers and Shunters“ der achte Streich bei Domino (10.5.), der von Dilip Harris (King Krule, Sons Of Kemet, Mount Kimbie) gemischt wurde. Herausgekommen ist ein kurzweiliger Spaß, bei dem ein bunter Strauß an keativen, musikalischen Ideen auf Popsong-Format komprimiert wurde, bei dem Syd Barrett-Psych auf Krautschnipsel und Art Pop-Arrangements trifft. Hier die aktuelle Single „Laughing cavalier“. //RRRhund\

+++++

New Wave of Russian Music/Goth Rock: Neben Shortparis und Glintshake zählen Lucidvox gerade zu den besten Bands der neuen russischen Welle, und werden daher auch mit Sicherheit in der Maisendung von RRRsoundZ auftauchen, wenn wir uns um die Cold Wave-Szene in den ehemaligen Sowjetrepubliken, vor allem aber in Russland kümmern. Goth Rock mit stark psychedelischem Unterton, der nicht stocksteif an seinen Wurzeln klebt, sondern folkloristische und tribalistische Jam-Elemente aufgenommen hat: das Video zu „Videnie / Dym (Видение / Дым)“. //RRRhund\

+++++

Tribal Goth/Dark Psych/Witch Punk: Die hatte ich vor drei Jahren bei der Veröffentlichung ihres dritten Albums bereits einmal vorgestellt. Das brasilianische Frauen-Trio Rakta ist mit neuer Drummerin und mit neuer Platte zurück (gerade bei Iron Lung erschienen). Die Tracks auf „Falha Comum“ haben sich noch mehr von klassischen Songstrukturen entfernt, haben noch mehr den Charakter eines alptraumhaften, psychedelischen Soundtracks angenommen als das bei den Vorgängern bereits der Fall war. Wohlgemerkt der Soundtrack zu einem Okkultstreifen, der bei Hexen im Amazonas spielt. Der ohnehin schon einzigartige, tranceartige Witch-Punk-Goth-Stil der Band hat noch mehr an dunklen Glanz gewonnen, die ganze Scheibe ist atmosphärisch aus einem Guss. Wunderbar, wieder mit den wärmsten RRR-Empfehlungen. //RRRhund\

+++++

Indie Rock/Noise Pop/DIY Art Punk: Schon ein paar Monate unterwegs ist „The Pits“, das aktuelle Album von Lonely Parade, das jetzt aber gerade auf vielfachen Wunsch als Co-Release von Buzz Records und Must be Nice Records noch eine Vinylveröffentlichung erfahren hat. Und das völlig zurecht. Das Frauen-Trio, das wohl ursprünglich aus Peterborough, Ontario stammt, aber mittlerweile in der ostkanadischen Metropole Montréal ansässig ist, hat nämlich einen ganz eigenen Indie Rock-Stil zu bieten: Die Band setzt voll auf klassisches Songwriting, aber als Kontrast auf sehr ungewöhnliche Gitarren- und Bassarrangements, die immer sehr hart an der Grenze zur Atonalität herumlungern, ohne diesen Jordan jemals wirklich konsequent zu überschreiten – ohne jemals den Flow verlieren oder gar gegen das Songwriting zu arbeiten. Aus dieser konstanten On the edge-Arbeitsweise haben die Drei ein grandioses Album aus einem Guss generiert – anders kann man das nicht sagen. Einfach toll, eine Offenbarung. //RRRhund\

+++++

Indie Rock/Alternative Rock: Ich bin immer wieder überrascht, wenn das beschauliche North Carolina mit guten Bands um die Ecke kommt. Bei Truth Club ist das vielleicht stilistisch nicht so spektakulär wie das bei Polvo in den 90ern der Fall war, aber nichtsdestotrotz hat der Mix aus Schrammel-, Fuzz Rock- und Art School-Elementen, den das Quartett aus Raleigh anzubieten hat, ordentlich Charme. Hier „Not an exit“, der Titeltrack des gleichnamigen Debüt-Tapes, das im Mai bei Tiny Engines erscheint (3.5.). //RRRhund\

+++++

Dark Ambient/Industrial Ambient: Narkotisierende, hermetische Dark Ambient-Klänge und Alice Kundalinis allegorische, kraftvolle Beschwörungen prägen „Lemegeton Party“, das Debüt der italienischen Trios Junkie Flamingos. Das Projekt exisitiert seit 2017 und besteht neben Kundalini (die man vom Death Industrial-Projekt She Spread Sorrow kennt) aus Luca Sigurtà und Daniele Delogu (Barbarian Pipe Band). Das Album wurde vom Hölderlin-Klassiker „Hyperion“ inspiriert, der die Tragik der Einsamkeit behandelt, und ist wie jede gute Genre-Platte zugleich dem Göttlichen wie dem Diabolischen zugewandt. Dem Rhythmus der Gezeiten gleich schwelen auf Basis eines Rhythmuskorsetts aus Drumcomputer-Segementen und kybernetischen Sequencen die prozessierten akkustischen Arrangements von Delogu an und ab. Mit magischem Ergebnis („Lemegeton Party“, Vinyl / digital, 10.5. The Helen Scarsdale Agency). Hier die Single „Evening of our days“. FFO Coil, Elettronica Meccanica. //RRRhund\

+++++

Experimental/Psychedelic Underground: Mal wieder eine geniale Veröffentlichung von einem alten Bekannten auf dem Blog. „Frog Dreaming Skull“ ist eine Kollaboration von Stuart Chalmers und Neil Campbell und präsentiert die alten Yorkshire-Experimentalisten in blendender Form und mit beeindruckender Chemie. Obwohl in vier Unterteile gesplittet, handelt es sich letztendlich um ein einziges langes, sich organisches entwickelndes Stück von 27 Minuten. Von Chalmers gibt es die bekannten Tape Loops und vor allem zu Beginn das psychedelisch-monotone Spiel auf seiner indischen Zither, der Swarmandal, zu hören. Darüber legt Campbell Gitarren, diverse Percussion-Elemente, ein Spielzeug-Klavier, eine Violine, Elektronik und seine Stimme. Was schon als introspektive, psychedelische Meisterleistung beginnt, endet in einem wundervollen kreativen Chaos voller Farben – in einer musikalischen Welt für sich. Grandios (digital auf bandcamp / auf 60 Stck. limitierte CD-R bei Chocolate Monk in England). //RRRhund\

+++++

Experimental/Tribal Psych Jazz/Kraut: Hinter dem Experimental-Duo Paisiel stecken die beiden portugiesischen Musiker João Pais Filipe (Drums) und Julius Gabriel (Synths), die 2018 auf ihrem selbstbetitelten Debüt für Milhões de Festa in Tribal-artiger Trance die Grenzzonen von Improvisation, Jazz, Psychedelic und Kraut erforschen, und dabei genauso erfolgreich die Vergangenheit aufarbeiten wie Skizzen für die Zukunft entwerfen. Die Scheibe mit zwei langen und einem kurzen Track wurde ob der musikalischen Qualität gerade bei Rocket Recordings mit einer Vinylfassung geehrt. FFO Colin Stetson, Gnod, Tomaga //RRRhund\

+++++

+++BLAST FROM THE PAST: Das Valencianische Label Abstrakce_Records hat sich mit seiner sechsten Veröffentlichung eines Klassikers der spanischen Experimentalszene angenommen, der nie richtig gewürdigt wurde. „Los Dioses Hablan Por Boca De Los Vecinos“ von Pablo Guerrero und Finis Africae ist ein außergewöhnliches Album aus dem Grenzbereich zwischen Spoken Word Poetry, Ambient, elektroakkustistischen Experimenten und Tribal-Elementen, das Mitte der 90er Jahre entstanden ist und auch aus transnationaler Sicht das Zeug hat, mit 20 Jahren Verspätung zum Klassiker für die Freunde ungewöhnlicher psychedelischer Musik zu werden. Kontemplativer, collagierter Avantgarde-Ambient-Sound, der als minimalistisch-sensibles, musikalisches Netz für einen Gedichtzyklus des spanischen Poeten Pablo Guerrero dient, in dem dieser seinen Lebensweg episodenhaft skizziert – von Kindheitserinnerungen im Heimatdorf Esparragosa de Lares bis hin zu den ruhigeren Fahrwassern des Erwachsenenlebens. Das musikalische Netz haben zum Großteil zwei enge Freunde des spanischen Lyrikers geknüpft: Juan A. Arteche Gual und Juan C. Fernandez Puerta (von der spanischen Avantgarde Ambient-Band Finis Africae) haben mit einer Vielzahl heimischer wie exotischer Instrumente, mit Elektronik und Field Recordings einen dichten wie minimalistischen Klangteppich geknüpft, auf dem Guerrero mit tiefer, sonorer Stimme, in ruhigem, meditativen Ductus seine narrativen Strukturen ausbreitet wie ein Magier. Die Soundbestandteile aus so unterschiedlichen Quellen fügen sich perfekt zusammen, das Ganze wird erheblich größer als die Summe seiner Bestandteile und gewinnt eine übernatürliche Aura. Das Album ist bereits im Februar in einer wunderschön aufgemachten Vinyl-Edition bei Abstrakce erschienen, bei der Art von Musik würde ich mich aber tatsächlich über eine ähnlich aufwendig gestaltete CD-Ausgabe noch mehr freuen … //RRRhund\

+++++

Synth Punk/Garage: Die Gitarre noch garagiger und kratziger. Die Synths noch einfacher. Die Songs noch straighter. Yeahhh! – neue Scheibe von Pow! in der Pipeline. „Shift“ ist das vierte Album der Synth Punks aus San Francisco und erscheint im Mai bei Castle Face Records (10.5.). Dabei ist es dem Duo gelungen, eigentlich recht dunkle Themen, Songs über die Ruinen der Zukunft, in knallbunte Farben zu tunken. Wie schwarze Fingernägel mit Glitzeranteilen, schlägt der Infotext vor. Fingernägel, die einen kratzen, schlage ich vor. Zwei Nummern gibt es bereits vorab zu hören: das sehr gitarrige, treibende „Disobey“ und das eher getragene „Here it comes“. //RRRhund\

+++++

Alternative: Huch, das funktioniert ja 1A … erste Bohne. Die crazy kalifornischen Model-Brüder von The Garden haben gerade zusammen mit Mac de Marco als Gastmusiker – den meide ich sonst wie der Teufel das Weihwasser – eine neue Single rausgehauen. Mit das Beste was The Garden in den letzten beiden Jahren veröffentlicht hat. Eine schräge, aufgekratzte Pop-Hymne für den Sommer: „Thy mission“ //RRRhund\

+++++

Experimental Drone Rock/Slow Heavy Psych/Post Rock: Die musikalischen Chamäleons von den Dead Sea Apes aus Manchester haben beim neuen Album „The Free Territory“ mal wieder die Shapeshifter-Taste gedrückt. Anstatt von Dub-Einflüssen im Kraut-Territorium gibt’s beim zehnminütigen Album Opener „The dispossessed“ langsamen, experimentellen, instrumentalen, heftig dröhnenden Psych Rock um die Ohren, der euch ganz, ganz dick in Sound einpackt. Ich bin schon auf den Rest des Doppelalbums gespannt, das im Mai bei Cardinal Fuzz kommt (10.5.). //RRRhund\

+++++

Alternative Rock/Noise Rock/Post Punk: Schon seit mir Thomas von der begeisternden Show im Offenbacher Hafen 2 berichtet hat, wollte ich euch die vorstellen. Repetitor sind ein Noise Rock-Trio aus Belgrad, das schon seit 2005 unterwegs und dementsprechend bereits zur Livemacht geworden ist. Die aktuelle SIngle „Ekspedicija“ arbeitet wunderbar innerhalb der atonalen Graustufen der Noise-Rock-Klassik und hat mit dem serbischen Gesang doch eine ganz andere Tonalität zu bieten. Beim nächsten Besuch in der Region bin ich auf alle Fälle auch dabei. Die Nummer ist auf dem dritten Album „Gde ćeš“ zu finden, das bereits 2016 bei Moonlee Records erschienen ist. //RRRhund\

+++++

Dark Techno: Daniel Miller hat letztes Jahr sein legendäres Dancefloor-Label Novamute wiederbelebt. Die erste Veröffentlichung dieses Jahr stammt vom Tresor-Resident Fidelity Kastrow. Massiv pumpender Dark Techno, der immer wieder von Horror-Synthflächen zwischen Carpenter und Coil gebrochen wird – spooky: die Hörprobe „Daughter of darkness“ (26.4.). Zwei weitere 12″es von Terrence Fixmer und Nicolas Bougaïeff folgen im Mai und Juni. //RRRhund\

+++++

Alternative/Electro/Electroclash: Die Raveyards aus dem belgischen Kreativ-Hotspot Ghent sind für ihre Ghost-Festivals – eine multimediale Verknüpfung von Musik, (Aktions)kunst und Visuals an ungewöhnlichen Orten – bekannt, und planen dieses Jahr eine kulturelle Großoffensive. So ist die Veröffentlichung von mindestens zwei EPs geplant (unter anderem später im Jahr eine beim in Berlin ansässigen Kultlabel NEIN Records, das hier auch schon des öfteren aufgetaucht ist); außerdem sollen etliche Liveaktivitäten folgen. Anfang April hat das Trio die aktuelle Single „Glue in the dark“ rausgehauen, die ein auf boppernden Sequencern fußendes Electro Funk-Gerüst (man denke an die mittleren Cabaret Voltaire) mit aktuellem Sounddesign und hochmodernen, avantgardistischen Arrangements kreuzt – irgendwo zwischen körperlich tanzbar und abgefahren spaceig, ein ganz starker Track. //RRRhund\

+++++

Extreme Math Rock meets J Pop: Die waren vor ein paar Wochen im Weinheimer Cafe Central zu Gast, aber ich hab’s leider nicht geschafft. Die drei Crazies von der spektakulären japanischen Band Sokoninaru (そこに鳴る) hätte ich mir live schon sehr gerne angeschaut. Allein schon um zu sehen, ob das live auch wirklich so derbe akkurat auf den Punkt gespielt wird wie hier im Video zu sehen oder ob das alles nur im Studio zusammengefaked wurde. So muss ich … so müsst ihr halt wieder mit der aktuellen Single „Zettaiteki sanpunkan ( 絶対的三分間)“ vorlieb nehmen, die lieblichen mehrstimmigen J Pop mit einem krass dynamischen Teppich an progig-tanzbarem, extremem Stop-and-Go Math Rock unterlegt, bei dem einem die Breaks nur so in Lichtgeschwindigkeit um die Ohren fliegen – und am Ende in der Summe – Überraschung! – trotzdem ein Pop Song draus wird. Niemand klingt wie Sokoninaru. Und das ist schon mal eine Auszeichnung für sich. //RRRhund\

+++++

Thrash/Prog Metal: Good job, Steve Albini! „High Anxiety“, die neue Scheibe von Oozing Wound fetzt erheblich, und das dürfte nicht nur am musikalischen Temperament des Trios aus Chicago, sondern auch an den magischen Ideen und an der Erfahrung des Kultproduzenten liegen, der die Einspielung dieses Albums betreut hat. Dreckig roher, schräg giftiger, heftig scheppernder Thrash Metal mit Speed- und Prog-Einlagen. Hier das Video zu „Tween shitbag“ (Mitte März bei Thrill Jockey erschienen). //RRRhund\

+++++

Post Punk/Occult Grunge: Auch die hatten wir schon mal. Die New Pagans aus Belfast bezeichnen sich selbst als okkulte Grunge-Band, Elemente aus dem songorientierten Post Punk-Genre sind aber durchaus auch zu vernehmen. Die Band, die sich mit den deutlich bekannteren Girls Names die Bassistin Claire Miskimmin teilt, hat mit „It’s darker“ gerade eine neue Single rausgehauen, deren geisterhaftes Video auf die stilistische Selbstbeschreibung einzahlt. Ein bisschen als ob Argento ein nordirisches Twin Peaks-Remake gedreht hätte. Nice tune. //RRRhund\

+++++

Wave Punk/Dark Punk: Frischer Wind aus der Düsseldorfer und Solinger Szene. Daniel und Carsten von Blank sowie Andrew von Minutes haben Kontrolle ins Leben gerufen. Bei der Leadsingle vom Debüt („Egal“, Vinyl/CD, gerade bei Holy Goat Records erschienen) wird der „Baumarkt“ zum düsteren Ort, zum Schauplatz schräger Begegnungen. Treibender Wave Punk mit dem Gloom der Achtziger und dem Punch von 2019. //RRRhund\

+++++

Experimental/Electro Acoustic/Industrial/Noise: Die Arbeiten des schwedischen Experimentalkünstler Daniel Rozenhall laufen (insbesondere) international unter dem Radar. Dabei ließen seine engen Verbindungen zum bekannten Stockholmer Elektronmusikstudion EMS und zum Fylkingen-Club und -Label etwas anderes vermuten. Vermutlich liegt es daran, dass er über die letzten 20 Jahre nur äußerst sparsam veröffentlicht hat: zwei Longplayer auf Firework Edition Records in den frühen 2000ern sowie eine komplett übersehene CD auf Kning Disk im Jahr 2008. Beim wie immer äußerst zuverlässigen Göteborger Label iDEAL Recordings ist jetzt über zehn Jahre nach dem letzten Wurf mit „Den Förföljdes Gryning“ das neueste Werk von Rozenhall erschienen, dessen finstres Gruselcover durchaus zu den zwei jeweils zwanzigminütigen Tracks passt. Reichhaltige, die Sinne bombardierende, halluzinogene Free-Form-Elektonica aus dem Grenzbereich zwischen elektroakkustischen Experimenten, Industrial und Noise. Der alte Schwede darf die Scheibe gerne mal im INM in Frankfurt oder – noch besser! – über die futuristische Anlage des ZKMs in Karlsruhe vorstellen. Hartes, spannendes Zeug – und gut gemacht. FFO Organum, Werkbund, Nurse With Wound

+++++

Experimental/Free Improvisation/Electro Accoustic: Faszinierende Veröffentlichung aus der Welt der freien Improvisation und experimentellen Frickelelektronik. Auf „Moto Perpetuo“ (digital/Vinyl; bei Ali Safis Label Marionette erschienen) ist dem Schweizer Duo Kilchhofer & Anklin gelungen, ein vibrierendes, hochsensibles, musikalisches Biotop aus elektroakkustischen Sounds und Percussion zu entwickeln. Ein organisches musikalisches System, das sich gleich einem Perpetuum Mobile in konstanter Bewegung befindet. Eine Konstellation, bei der alle Elemente voneinander abhängig sind, der kleinste musikalische Impuls zu einer Veränderung des gesamten Systems führt. Irre spannend. hier das Video zu „Zinnen“. //RRRhund\

+++++

Experimental Folk/Psychedelic Underground/Ritual: Das heidnische Kollektiv Heilung, das sich der Tradition nordischer Folklore widmet ohne in die üblichen Fallen zu tappen, hatte ich hier bereits einmal vorgestellt. Jetzt hat die Band mit „Norupa“ den Lead Track zum zweiten Album „Futha“ vorgestellt, der in dichter Atmosphäre traditionelle Wikinger-Harmonien mit altertümlicher wie moderner Instrumentierung verknüpft (28.6., Season of Mist). Klarer weiblicher Leadgesang wird durch dunklen männlichen Kehlkopfgesang kontrastiert, darunter pulsiert weich und gleichmäßig ein droneiger, tribalistischer Rhythmus, den die Musiker dezent mit schwebenden Flächen füllen. Das Konzeptalbum behandelt ein Gedicht aus dem 13. Jahrhundert, das die 16 Wikinger-Runen des jüngeren Futhark erklärt. Eine Live-Show sollte man sich ob des irren Bühnenrituals des Kollektivs auch mal anschauen, bis jetzt ist für die Tour im Oktober aber kein Termin in der Region in Sicht. //RRRhund\

+++++

Alternative/Songwriter: Ich weiß nicht, ob Third Coming Records ob des schwer melancholischen Vibes der Scheibe die richtige Jahreszeit für die Vinyl-Veröffentlichung gewählt haben, aber eine Hammerplatte ist das allemal. Josiah Konder ist ein Songwriter aus Kopenhagen, der schon 2018 sein Debüt „Songs for the Stunned“ mit klassischen, fantastisch vielseitig wie geschmackvoll instrumentierten Songs des Scheiterns und der Krise veröffentlicht hat, an denen Freunde des Nick Cave-Vibes ihre wahre Freude haben dürften. Beim Pariser Label gibt’s mit dem Release jetzt die hochverdiente Verbreiterung des Bekanntheitsgrades – good job. //RRRhund\

+++++

Experimental Folk/Psych/Leftfield Blues: Eine eigenartige, charmante Folk-Platte haben die finnischen Black Trumpets mit ihrem Zweitling „Natural Screenery“ abgeliefert (als Tape/digital bei IKUISUUS erschienen). In Jams eingespielt, die dann noch nachträglich elektronisch verfremdet wurden, schweben die Songs lebendig und verspielt zwischen gekonnter ruraler Improvisation, Storytelling und Psychedelic-Experiment. Erstaunlich wie gut das funktioniert – ein unerwarteter Geniestreich von 2019, der genauso für den Jung-Hippie wie den psychedelisch Interessierten mit offenen Ohren funktioniert. //RRRhund\

+++++

Avantgarde Electronica/Experimental: Das Berliner Duo Lakker ist mit einem neuen Album auf R&S Records zurück. Nach einer längeren Schaffenspause, in der sich Ian und Dara ihren Soloprojekten Eomac und Arad gewidmet haben, wirken die zehn neuen Tracks auf „Época“ frisch und inspiriert, verbinden Klassisches aus dem esoterischen Underground mit modernem Sounddesign. Bei den Aufnahmen haben die beiden Protagonisten ihre eigene Stimme zum ersten Mal ausgiebig zum Einsatz gebracht. Für das Album waren John Cages Arbeiten mit präpariertem Klavier genauso Quelle der Inspiration wie schwermütige Folklore-Melodien und abenteuerlustige Veröffentlichungen auf Sublime Frequencies und dem afrikanischen Label Nyege Nyege Tapes. Inhaltlich beschäftigt sich das Duo mit den eigenartigen Bedingungen und Eigenschaften tierischen wie menschlichen Schwarmverhaltens. //RRRhund\

+++++

Electronica/Percussive Masterclass meets Space Invaders: Eigentlich der Teilhaber von Mouse on Mars, von dem man normalerweise weniger oft etwas in der Soloinkarnation hört. Andi Toma hat im Anschluss an das Mouse on Mars-Album „Lichter“ auf Infinite Greyscale mit den zwei Tracks der „Damn Luei Lit“-10″ eine weitere perkussive Studie nachgeschossen, die gehörig abgespaced daherkommt. Komplexe afrikanische Rhythmik trifft auf astrale Sounds. Schießt euch weg! //RRRhund\

+++++

Electronic/Minimal/EBM: Die zwei übrig gebliebenen Mitglieder von Sextile haben das Projekt ja aus persönlichen Gründen vorerst in den Ruhestand versetzt – und das nach der brillianten „3“-EP, einer der besten Releases der schwarzen Szene im letzten Jahr. Das hat den Vollblut-Fan – und ganz offensichtlich auch Videoprofi – Gabriel Francez nicht davon abgehalten, ein brilliantes Video zum Track „Hazing“ zu drehen, das von einem abgefahrenen Set-Design, verdrehtem Modeschnickschnack, starken Fetisch-Elementen, vor allem aber einem deutlichen 80er-Vibe geprägt ist. Echt was fürs Auge. Und der Track ist ja sowieso geil. //RRRhund\

+++++

Experimental Rock/Post Metal: Die Kanadier Big‡Brave sind im Anflug auf das vierte Album … und im Anflug auf Mannheim. Ende Mai wird das Trio aus Montreal um die fantastische Sängerin Robin Wattie die neue Scheibe „A Gaze Among Them“ im Forum vorstellen – Minimalismus, Wucht und pure Emotion. Fantastisch, dass auch die abgefahrenen Australier My Disco bei der Tour dabei sind, die mit ähnlicher Charakteristik punkten können, sich aber vom Rock-Genre über die Jahre bereits zugunsten von abstrakten Strukturen weit entfernt haben. Beide Bands sind hier bei RRRsoundZ schon öfter aufgetaucht – was eine Kombination, super Booking, René!. //RRRhund\

+++++

Experimental Drone Rock/Blown-Out Psych: Zum Shooting Star im experimentellen Rock-Bereich entwickelt sich bei mir in diesem Jahr so langsam das Label Homonid Sounds. Hatte ich letztens noch über die Post Punker We Wild Blood berichtet, ist bei den Londonern jetzt schon wieder eine sehr starke Veröffentlichung in der Pipeline – mit völlig anderem Sound. Nach einer Split-7″ auf God Unknown Records präsentiert das Label den selbstbetitelten Debüt-Longplayer von Burning Axis (1.5.), der mit langen, psychedelischen Stücken voller roher, monotoner, garagiger Gitarrenchords, droneiger Violinen-Flächen und aufgelöster Schlagzeugarbeit besticht. Das norwegische Trio mit zwei ehemaligen Mitgliedern von Noxagt beweist dabei ein fein austariertes Zusammenspiel, das ultimative Gespür für spannungsreiche Atmosphäre und kommt so ein bisschen rüber wie eine teuflische Inkarnation der Dirty Three. Hier der grandiose, siebenminütige Album Closer „All the vultures“ //RRRhund\

+++++

Church Psych: Da haben doch die Statuen in der Sint-Jacobskirche in Ghent mit der Ohren geschlackert (ich meine fast, es im Video erhascht zu haben …). The Germans waren im Rahmen der Toutpartout-Sessions in der eigenen Stadt zugange und haben eine zunächst zurückhaltende, dann heftig verorgelte Fassung von „Greek flutes“ vom aktuellen Album „Sexuality“ zum Besten gegeben. Ich bin mal gespannt, was eure Ohren machen … //RRRhund\

+++++

Post Punk/LoFi Kraut: Zur ersten Compilation des recht frischen Brüsseler Labels sentimental haben die Post Punks von Public Psyche (Ex-Rape Blossoms) mit „Luminate“ einen neuen Track beigesteuert, den man zwischen The Pop Group, The Fall und Dirty Beaches einsortieren könnte – Lofi und roh, psychedelisch und kalt zugleich. Der Rest der Compilation wird aus kleinen belgischen Bands bestehen, denen bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Schon auf meiner Kaufliste („A sentimental Mixtape #1“, 19.4., sentimental). //RRRhund\

+++++

Post Punk/Art Punk/Garage: Hatte ich mir fast gedacht, dass da demnächst was Frisches unter X-Mist-Beteiligung kommt. Die sympathischen Yorkshire / Lincolnshire Post Punker Gad Whip haben mit „Ward 24 b/w Trademark“ eine neue 7″ in den Startlöchern, die Ende April als Gemeinschaftsaktion von X-Mist, Fourth Dimension und der Band selbst veröffentlicht wird und in der Vinylfassung auf dünne 150 Stück limitiert ist. Während die A-Seite eine launige, Art Punk-ige Halftime-Nummer mit Dub-Elementen und Banjo-Einsatz ist, liefert die straighte Flipside „Trademark“ vitalen garagigen Arschtritt-Modus. Das Ganze wie immer mit schnoddrigem englischen Sprechgesang zwischen Jason Williamson (Sleaford Mods) und Mark E. Smith (The Fall). Hier gibt’s die Flipside zu hören. Ich mag die … FFO The Fall, Swell Maps, Sleaford Mods //RRRhund\

+++++

Black Metal/Death Metal/Crust: Gar nicht sonnig sind Vale aus dem sonnigen Oakland. Auf dem Zweitling „Burden of Sight“ (24.5., The Flenser) zementiert uns das kalifornische Quintett eine explosiv-finstere Mischung aus Black Metal-, Death Metal und Crust-Elementen um die Ohren, die nur schwer wieder aus den Gehörgängen zu entfernen ist. Dabei komme ich mit dem heiseren, crustigen Gekrächze von Sängerin Kate Coysh erstaunlich gut zu Rande – tendenziell eines der Kriterien, an dem viele Genre-Bands bei mir scheitern. Das Ergebnis ist hermetisch, schräg und düster, fast wie eine moderne Metal-Variante der legendären Crass Records-Punks Rudimentary Peni. Hier der Album Opener „Final flesh“, der mit einer fantastischen, mehrstimmig-atonalen Feedback-Passage startet und dann Vorwärtsdrang entwickelt. //RRRhund\

+++++
+++++
+++++

Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ

Kommentare geschlossen