+Kurz rausgehackt: August 2019

Alternative/Wave Pop: „Try a little“, die aktuelle Single von Trentemøller, kommt mit melodiösem Bass im Stil von Peter Hook (Joy Division, New Order) und mit Warpaint-Bassistin Jenny Lee am Mikro. Moderner, ätherischer, elegant groovender Wave Pop. Nice („Obverse“, 27.9., hfn music). //RRRhund\

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Synth Pop/Synth Wave: „New Cold Dream“ – die Anspielung auf die klassische Simple Minds-Scheibe aus den frühen Achtzigern ist keineswegs zufällig gewählt. Aus dem American Dream ist 2019 längst ein kalter Albtraum geworden. Ein Zustand, den Matt Weiner, mein Lieblings-Synth Waver aus den USA, mit seinem Projekt TWINS (übrigens ein Acronym für That Which Is Not Said) auf seiner neuen Scheibe dokumentiert (25.10., 2MR). Die erste Single heißt „Lie awake“ und kommt mit Insomnia-Video. //RRRhund\

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Dark Wave/EBM: Hätte letzte Woche auch gemütlich in meiner schwarzen EBM-Stunde im Rahmen von RRRsoundZ – die Radiosendung auf Bermuda Funk landen können. „Turn away“, die neue Single von Kontravoid, knallt nämlich recht gut mit ihrem angezerrten Drumcomputer-Sound. Der Song wird auf dem neuen Longplayer „Too Deep“ zu finden sein (19.9., Fleisch). //RRRhund\

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Ethno Psych/Mystic Ambient/Tribal: Der Dubstep-Meister Shakleton hat eine neue Band am Start, die stilistisch weitab von den klassischen Gefilden des Meisters wildert. Unter dem Namen Tunes Of Negation schraubt er zusammen mit Takumi Motokawa (Harmonium, Keyboards, Percussion, Gongs) und Raphael Meinhart (Schlaginstrumente und Percussion) an einer mystischen, spirituellen Soundwelt zwischen Ambient, Tribal Percussion und droneigen Psych-Synths; Heather Leigh hat bei zwei Tracks Gast Vocals beigesteuert. Bei der Hörprobe „Nowhere ending sky“ dominieren Holz- und Metallschlaginstrumente, loopige, exotische Ethno-Rhythmusstrukturen über droneigen Psych-Flächen und prozessierten Stimmen das Klangbild, bevor Stimmen und Drones alles ausfüllen, um dann für eine gemächlich wie elegant voranschreitende Instrumentalstruktur Platz zu machen. „Reach The Endless Sea“ erscheint im Oktober als Doppelalbum bei Cosmo Rhythmatic. Der Albumtitel ist von einem Gedicht des persischen Mystikers Jalalu’l-Din Rumi aus dem 13. Jahrhundert inspiriert, das Musik als Mittel der Transformation, als Lichtbringer beschreibt. //RRRhund\

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Ambient/Drone/Instrumental: Mit der lyrischen Hörprobe „Yemen“ stellen sich Fires Were Shot, ein droneiges Gitarren- und Elektronik-Duo aus Austin, auf Holodeck vor. Clay Walton und John Wilkins transformieren dabei amerikanische Folk Roots in Wüstensound-Experimente und schaffen dabei ein psychedelisch wegschwimmendes Klangbild, das wie eine Mischung aus Ry Cooders „Paris, Texas“-Soundtrack und Jams der Esoterik-Wüstenrocker Savage Republic daherkommt. Fein („Fallen“ EP, 1.11.). //RRRhund\

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Sludgey Noise Punk/Superheavy Grunge: Fies dreckig wegblasendes Zeug von Drore aus dem weniger akademischen Teil von Oxford – „Not my home“ ist kurzweilig und energisch arschtretend, hat zugleich jede Menge PS unter der Motorhaube wie Dreck an den Reifen. Eine eigentümliche Mischung zwischen sludgey Noise Punk und einer superheavy Version des End-80er Grunge-Sounds. Hab ich mir genüsslich bei Groschi aus dem bandcamp-Stream gesaugt, beim Betreiber des 12XU-Blogs findet man immer die besten und derbsten Sachen aus dem internationalen Gitarren-Underground. Also mal hübsch 12XU besuchen gehen. //RRRhund\

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Punk Rock/Grrrlz: Wie war das? Französischer Punk Rock versprüht genausoviel Charme wie Energie?! So ähnlich lautete jüngst die Theorie einer eifriger Mitleserin. Litige liefern auf dem aktuellen Longplayer „Fuite En Avant“ jedenfalls keine Gegenargumente. Hochmelodische Songs, klasse Gesang und lebensbejahender Drive von Louise, Morgan, Camille und Tifène aus Lyon. Das Vinyl gibt’s bei Destructure Records. //RRRhund\

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Post Punk/Goth Rock: Aus dem schottischen Glasgow kommen Current Affairs, eine neue Band mit Mitgliedern von Rose McDowalls Begleitband und Shopping. Die erste Single „Cheap Cuts“ ist eine energiegeladene, fröhlich-depressive Affäre mit ordentlich Pop Appeal und sollte Fans der Goth Rock-Klassik gut munden. Das Debüt-Album dazu kommt dann im Herbst bei Tough Love Records („Object & Subject“, 12.10.). //RRRhund\

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Melodic Punk Rock/Power Pop/Psych/Noise Pop: Happy Pills haben wohl UV-TV aus Gainesville, Florida, eingeworfen. Vielleicht macht aber auch New York im Vergleich zum U.S.-amerikanischen Rentnerparadies einfach glücklich. Dorthin sind Ian Bernacett und Rose Vastola, die beiden kreativen Köpfe hinter UV-TV, nämlich mittlerweile umgezogen und haben zwei Jahre nach dem Debüt („Glass“, 2017 bei Deranged erschienen) mit „Happy“ ein neues Album eingespielt, auf dem der Sound komplett entschwurbelt wurde und meistens mit melodischer Energie frenetisch nach vorne prescht. Was auch flach und langweilig hätte enden können, funktioniert bei UV-TV ganz ausgezeichnet: das Songwriting aus einem Guss, die Atmosphäre mal psychedelisch warm, mal in Euphorie getränkt. Dazu trägt auch die grandiose Schlagzeugarbeit von Ryan Hopewell bei, die immer wieder Adrenalinüberschüsse beim Hörer erzeugt. Könnte doch glatt meine Gitarrenplatte des Spätsommers werden – ein kleines Meisterwerk zwischen melodischem Punk Rock und Power Pop, das ab und an mit klasse Psych Rock-Gitarren Mehrschichtigkeit verpasst bekommt (im Juli bei Deranged Records erschienen). //RRRhund\

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+++BLAST FROM THE PAST: Nachdem Bands wie Altin Gün mit dem türkischen Sound der 70er Jahre gerade große Erfolge feiern, haben Finder’s Keepers exotische Synth Psychedelia aus dieser Zeit ausgegraben. „Cehennem“ von Gökçen Kaynatan ist ein irrwitziger Ausritt in das Bewusstsein eines türkischen, oder genauer gesagt anatolischen Rock’n’Roll-Pioniers der 70er Jahre. Kaynatan hatte sich schon recht früh in seiner Karriere mit der einheimischen Musikindustrie angelegt und infolgedessen dann eher ein Leben im Hintergrund des Pop-Daseins geführt. Sein wichtigster Impuls war sicherlich die Einführung der Sounds des vielseitigen, tragbaren Modular-Synthis AKS von EMS in die türkische Klangsphäre. Kennengelernt hatte Kaynatan das Gerät während einem Sabbatical im Rahmen eines Aufenthalts im rheinischen Köln. Nach der Rückkehr in die Heimat wurde er Hauskomponist und Ein-Mann-Band des ersten türkischen Fernsehsenders TRT, und damit zum Fixstern einer neuen musikalischen Ära der türkischen Musik. Zusätzlich hat er im Kämmerlein immer fleißig an seinen eigenen Synth-Visionen gearbeitet, diese aufgenommen und akribisch archiviert. Finder’s Keepers haben auf „Cehennem“ drei Stücke von Gökçen Kaynatan kompiliert, die zwischen 1973 und 1975 entstanden sind, und die Ausnahmestellung des Musikers zum ersten Mal für Ohren außerhalb des türkischen Kulturkreises dokumentieren. Instrumentalnummern, die mal einfach spaceig, mal außerirdisch und experimentell („Cehennem Yolu“ = Road To Hell) daherkommen. Musik, die zugleich den Einfluss der kosmischen, deutschen Krautszene verarbeitet und orientalische Tradition neu denkt – im Ergebnis eine einzigartige, faszinierende Mischung. //RRRhund\

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Voodoo Field Recording: Mal was ganz anderes für euch Sound-Alchemistinnen und -alchemisten. Eine akustische Fernreise ins Land fremdartiger, unbehandelter Field Recordings – noch vor dreißig, vierzig Jahren begehrtes Rohmaterial kultisch verehrter Experimentalkünstler und auch heute noch ein faszinierendes Sujet. Die Reise auf „Vodou / Rara“, einer 10″ auf dem Londoner Label The Tapeworm, führt uns in die Straßen von Port-au-Prince auf Haiti, schenkt uns rare Eindrücke aus dem fiebrigen Reich der Voodoo-Rituale. Ein Gebiet, in dem die Trommel zugleich Instrument und heiliges Objekt ist. Während wir auf der A-Seite Ohrenzeuge eines solchen Voodoo-Rituals werden, das sich innerhalb einer alltäglichen Straßensituation entspinnt, wird auf der B-Seite eine weibliche Rara-Band dokumentiert: Musik, die in österlichen Straßenprozessionen zelebriert und vom Klang der Vaksen, selbstgebauten Trompeten aus Bambus oder Kaffeedosen(!), dominiert wird. Achim Mohné ist wohl eher ein Psudonym. Wer das Vinyl will, sollte sich sputen; die Pressung ist limitiert auf 100 Stück. Für den Rest bleibt die digitale Fassung. //RRRhund\

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Post Punk/Art Rock: Die Kanadier Body Lens haben letztes Jahr ihre Debüt-EP rausgehauen und sich damit stilistisch irgendwo im Art Rock-igen Post Punk-Feld eingenistet. Das Quintett aus Lethbridge, Alberta bestellt ein Feld zwischen Pylon und den Lithics, wobei Sänger Brandon eher eine superdepressive Mischung aus Ian Curtis und Fred Schneider gibt. Gute Mischung. //RRRhund\

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Free Noise Punk goes Stadium Assault: Huch, damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Eine neue Single, ein neues Album von Lightning Bolt aus Providence, Rhode Island. Früher, in den frühen 2000ern, haben Brian Chippendale und Brian Gibson Bühnenauftritte ja konsequent verweigert und standen in der Regel mit ihrer mächtigen Backline mitten im Raum – in der Regel nach kürzester Zeit im Auge eines wild tobenden Moshpits, der alles aufzufressen drohte. Ein Szenario, das letztendlich aber nie in dieser Dimension materialisierte. Das achte Weltwunder des Hardcore sozusagen. Bei der neuen Single „Air Conditioning“ hört man heraus, dass das Duo Infernale schon seit Jahren auf Bühnen steht, und auch noch auf größeren. Ein gewisser Stadion-Rock-Vibe, eine etwas andere Produktion hat den infernalischen Sound von Lightning Bolt infiltriert, kann der ungeheuren Energie der beiden Irren aber keinen Strich anhaben. Welcome back! Das Album „Sonic Citadel“ mit elf frischen Tracks erscheint dann demnächst bei Thrill Jockey – das Chicagoer Label hat auch angekündigt, den gesamten Back-Katalog der Band wiederzuveröffentlichen. Nice for you guys. Ich habe schon alles … außer dem neuen Album natürlich. //RRRhund\

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Hardcore: Heute mal ein bisschen Gebretter, und deswegen kurz und knapp. Richmond, Virginia, in straight und wütend – klassischer Ostküsten-Hardcore, komplett schnörkellos. Die Rede ist von der „Through The Blade“-7″ von Under Attack, die euch hier die Gehörgänge freibläst. Mal wieder auf Irong Lung, einfach eine gute Adresse. //RRRhund\

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Experimental/Electronic: Vor fiebriger musikalischer Spannung knistert „Carne.“, die neueste Veröffentlichung von Rene Nuñez AKA Horoscope. Der Produzent mit kubanischen Wurzeln arbeitet von Brooklyn aus und speist seine Inspiration offensichtlich aus dem Kontrast zwischen seinen Latin-Roots und der metropolen Welt des Big Apple, in der er jetzt lebt. Versatzstücke aus Noise, Free-Jazz, Dream Pop ergänzen das Stilkaleidoskop der Veröffentlichung, die von einem ständigen Wechsel konstrastierender Klangwelten geprägt ist (bei Wharf Cat Records draußen). //RRRhund\

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Post Punk/Nu Kraut: „A lo-fi journey around Los Angeles through the eyes of a Bowie-inspired photographer.“ Jetzt auch mit Video – die fabelhaften Automatic aus L.A. und „Too much money“. Schöne Gelegenheit diese Band mit den simplen, magnetischen Arrangements und dem ultra Pop Appeal noch ein Weiteres mal zu posten – die Scheibe will ich unbedingt („Signal“, 27.9., Stones Throw). //RRRhund\

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Electronic Hardcore: Boom, boom, boom. Man meint fast, es ist wieder 1995 und man hält zum ersten Mal eine Veröffentlichung von Digital Hardcore Recordings (Atari Teenage Riot et al) in den Händen. Bloß sind wir hier beim New Yorker Label Bank Records und fast 25 Jahre weiter. Da das Zeug die letzten Jahre aber gar nicht in Mode war, ist bei der „Braindance Through The Midnight D-Beat“-12″ der Fine Jewelers ein gewisser Frischefaktor vorhanden. Schön gegen den Sound der Zeit gearbeitet. //RRRhund\

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Experimental/Kraut/New Age/Industrial: Eine wüste rohe Mischung haben Taras Bulba auf Lager. Hinter dem Künstlernamen stecken Fred Laird und Jon Blacow, die davor bei der Earthling Society zusammen aktiv waren und ein neues, noch experimentelleres musikalisches Vehikel für ihre kreativen Neigungen ins Leben gerufen haben.Tasras Bulba ist zu so etwas wie einer inneren Weltraummission für New Age-Ideen, rhythmische Mantras und Ambient-Landschaften geworden – ein Potpourri aus asiatischen Klängen, Krautrock-Grooves, psychedelischem Blues und Space Dub, die in bester DIY-Manier nach und nach in Homerecording-Sessions auf improvisiertem, halbdefektem Equipment zusammengeknallt wurde und manchmal klingt wie Nachrichten von einem anderen Stern, die erst noch dekodiert werden müssen. Vom Unterbewusstsein. Hier die Hörprobe „The neon midnight“ („One“, erscheint Anfang September bei Riot Season). FFO Midori Takada, Tony Scott, CAN, Neu!, 6 organs of Admittance, The Orb, David Lynch / Angelo Badalementi. //RRRhund\

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Electronica/Alien Couch Music/Experimental: Wer elektronische Jams einer verrückteren Richtung sucht, ist „The Hollow Hum“, der neuen EP des in England lebenden Australiers YAWS, genau richtig. Crazy dekonstruierte, abgespacete Upbeat-Tracks zwischen IDM, Acid und Arrangement-Experimenten inklusive jeder Menge Überraschungen. Dazu tanzen werde nur wenige, hier wird der irrwitzig-dekonstruktivistische Anti-Flow zelebriert (im Juli bei Alien Jams in London erschienen). //RRRhund\

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Dub-infused Dream Pop/Kraut/Ambient: Die australische Sängerin und Komponistin Carla dal Forno stammt ursprünglich aus der umtriebigen Szene von Melbourne. In diesem Jahrzehnt hat sich sich aber in der Berliner und Londoner Szene, hauptsächlich im Umfeld des Kultlabels Blackest Ever Black, bewegt und hat meine Aufmerksamkeit mit spannenden Projekten wie F ingers geweckt, bevor sie dann mit genialen ersten Soloveröffentlichungen, mit nebligem, angedubtem Dream Pop („You Know What It’s Like“ and „The Garden EP“) erst richtig abgehoben ist. Mittlerweile haben sich die Nebelschwaden etwas verzogen und dal Forno hat mit Kallista Records ein eigenes kleines Label gegründet. Dort veröffentlicht sie im Oktober ihr zweites Album („Look Up Sharp“, 4.10.). Dream Pop mit Dub-, Kraut- und New Wave-Elementen: das atmosphärische „Took a long time“.

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Indie Rock/Proto Punk: Auf’s große Pferd haben Omni aus Atlanta beim dritten Album gesetzt und sind beim Indie-Branchenriesen aus Seattle gelandet („Networker”, 1.11., Sub Pop Records). Das hat sich in Form von mehr Studiozeit, einen HiFi-artigeren Sound und nicht zuletzt in Form von mehr Gitarrenspuren ausgewirkt, die Frankie Broyles (Deerhunter) auf Band knallen durfte, und für noch mehr Television-artige Vibes sorgen. Ansonsten mischen sich wie gehabt 60ties-Einflüsse mit New Wave-Minimalismus, Glam und Proto-Punk und sorgen für einen genialen Bandsound – die erste Single „Sincerely yours“. //RRRhund\

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Indie Rock: Das New Yorker Quintett Bodega hat mit Tai Lee nicht nur eine neue Schlagzeugerin sondern auch eine neue EP am Start, die sich stilistisch von der Post Punk-Welle mehr in Richtung klassischer Big Apple-Indie Rock-Sound bewegt. Das legt zumindest die erste Single „Shiny new model“ nahe, die geichzeitig Titeltrack des neuen Kurzspielers ist (What’s Your Rupture, 11.10.). Nettes Video übrigens – die Band tummelt sich in einer Bodega. //RRRhund\

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Alternative Rock/Indie Rock: Ed Fraser, der Sänger der epischen Berliner Noise Rocker Heads., hat mithilfe zahlreicher befreundeter Gastmusiker ein Soloalbum eingespielt, bei dem er sich mehr der lyrisch-geisterhaften Seite des Songwritings hingibt – eine Platte, die thematisch von Verlust und zerbrochenen Beziehungen geprägt ist („Ghost Gums“, 13.9., This Charming Man Records). Die Hörprobe „Swallow“ schwillt atmosphärisch an und ab, und transportiert viel vom melancholischen Alternative Rock-Sound der End-90er. Das Video dazu ist ein bisschen, als ob Stranger Things in einem deutschen Lost Places-Szenario spielt; eine moderne Spukgeschichte mit den drei Berliner Kids Victor, Magnus und Anton in den Hauptrollen, die hauptsächlich im südlich von Berlin gelegenen, sagenumwobenen, verlassenen, sowjetischen Militärkrankenhaus Beelitz von Christiania Krueger in magischen Bildern eingefangen wurde. //RRRhund\

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LowFi High-Impact Synth Wave: Detriti Records haben neben den weißrussischen Post Punk-Shooting Stars Molchat Doma noch eine ganze Menge geiles Zeug zu bieten. Wenn man genau hinschaut, kann man eigentlich keinen schwachen Release auf dem Berliner Label für Underground-Wave- und Post Punk-Juwelen entdecken. Eine weitere Kostprobe gefällig? Die „Earthlings“-12″ von Ascending – 2017 ursprünglich als Tape erschienen – ist ein Musterbeispiel dafür, dass Low Fidelity kein Hinderungsgrund für schweinegeilen, spaceig-magnetischen Synth Wave ist – hier der Closer „ASC#04“. Voll der Ohrwurm, Hammertrack. //RRRhund\

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Industrial Techno/Tribal: Frische Sounds für die nächste Rabid Electronix-Sendung – bei Horo ist mit „Omen Rising“ gerade eine neue Doppel-12″ des spanischen Produzenten Sam KDC erschienen, die wunderbar ins neue, brachiale, elektronische Subformat der Radiosendung auf bermuda.funk passt. Verhallte, episch-düstere Flächen aus der Gruft, dazu Tribal Grooves für den perfekten Tunnel. Tanzmusik für die Adepten der Körperkünste. Und ganz nebenbei: Das Vinyl von Horo ist immer sehr hübsch. //RRRhund\

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Indie Rock/Psych Rock/Proto Punk: Eine 80er-beeinflusste Psych Rock-Nummer, irgendwo zwischen den frühen Psychedelic Furs (vor allem das hier dezent in den Hintergrund gemischte, flächige Saxophon!), den Power Pop-Vibes der Go-Go’s und modernem Psychedelic Rock. „Dream cleaver“ heißt die ziemlich gute, neue Single der kalifornischen Death Valley Girls – eine Huldigung von Terrence McKenna, dem Erforscher von DMT, die vor allem von den kraftvollen Vocals von Sängerin Bonnie Bloomgarden lebt. Sound für den Psychonauten von heute. //RRRhund\

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Indie Pop/Garage Rock: Wer sich manchmal in die simplen musikalischen Zeiten der 2000er Jahre mit ihren klar strukturierten, tanzbaren Garagen-Pop-Bands zurücksehnt, ist hier genau richtig. Gaffa Tape Sandy sind ein Trio, das 2015 in Bury St Edmunds ins Leben gerufen wurde, schon früh in der englischen Live-Landschaft für Aufsehen gesorgt hat und mittlerweile in Brighton ansässig ist. Die Family Mammal EP (im Juni bei Alcopop Records erschienen) bietet gutes, klassisches Songwriting – unschuldig garagenrockenden Indie Pop mit straighten Arrangements und zweistimmigem Gesang. Jolly good tunes auf hohem Niveau, die Scheibe hat das Zeug zum Klassiker. //RRRhund\

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Psych Punk/Garage/Sludge: Sie kommen aus Birmingham und haben euch etwas mitgebracht. Allerdings nichts Schönes. Auf dem Cover gibt ein Feldweg in beschaulicher Landschaft den Blick auf einen Atompilz frei. Das passt. Nicholas Bullen war Gründungsmitglied von Napalm Death und Scorn und hat sich mit John Pickering (Gründungsmitglied von Doom und Sore Throat) zusammengetan um ein fieses neues Rockmonster zu gebären. Es hört auf den Namen Rainbow Grave und hat eine dystopische Punk-Mentalität im Gepäck, die stilistich in fiesen sludgey Psych-Rock übertragen wurde. Dreckige Gitarren und von Effekten entstellter Gesang überlagern die repetetiven Muster der Rhythmusgruppe in minimalistischen, alles niederwalzenden Songstrukturen. Ein bisschen wie eine Psych Rock-Version der New Yorker Industrial Metaller Uniform („No You“, im Juli bei God Unknown erschienen). //RRRhund\

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Garage Punk/U.S. Hardcore circa ’82: Hui, schöner Föhn. Die Sore Points aus dem kanadischen Vancouver haben den perfekten Mix aus dem 77er Sound der britischen Punk-Bewegung und dem U.S.-amerikanischen Westküsten-Hardcore der frühen 80er auf Lager. Auf der „Not Alright“-EP für Slovenly wird das mit komplett durchgetretenem Gaspedal und brummigem Garagen-Sound zum Besten gegeben. Knallt. //RRRhund\

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Experimental/Improvisation/Shoegaze: Und nochmal Improvisation aus dem britischen Königreich. Finn Ryan (Drums, Samples) und Julia Reidy (Gitarre, Stimme, Samples) brennen bei ihrem Projekt Sno Globe ein Feuerwerk an Klangideen und Arrangementvielfalt ab. Die stilistische Spannbreite erstreckt sich dabei zwischen dekonstruierten, spaceig-vibrierenden Shoegaze-Soundwänden und scharf konturierten Groove-Rock-Experimenten. Dabei nimmt das Duo aus der britischen Hauptstadt gerne mal bassig pulsierende, mal hell perlende Sequencerlinien zur Hilfe und sorgt so für mehrschichtige musikalische Ebenen. Durch die improvisatorische Verschiebung von Rhythmusschwerpunkten und Sound-Texturen über diesen Fixpunkten gelangen Ryan und Reidy so zu immer neuen musikalischen Permutationen, organischen Verschiebungen, die für den Hörer ortbar bleiben. Die würde ich gerne live sehen („Syon3 – Shake Up“, gerade bei Whities in London erschienen). //RRRhund\

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Dark Wave Dancefloor: Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass „Desire“ von Dancing Plague ein sicherer Kandidat für die Jahresbestenliste in der Kategorie Schwarze Szene ist? Klasse klassisch-pathetischer Goth-Gesang im Stil von Kirk Brando (Theatre of Hate) und Konsorten – und unten drunter zappelt’s schön minimalistisch tanzbar wie manisch elektronisch. Ein Hit. //RRRhund\

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Indie: Die großen Themen der Zeit in Geschichten über kleine Leute verpackt. Letztes Jahr hat er noch ein Album mit Hen Ogledd veröffentlicht, jetzt ist Richard Dawson in der Soloinkarnation zurück, um sein sechstes Studioalbum zu veröffentlichen („2020“, 11.10., Domino / Goodtogo). Angelegt als zeitgemäße Studie zur Lage einer Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs erzählt Dawson von verärgerten Beamten, die von besseren Tagen träumen und von Amateur-Fußballern, die denken, dass sie Lionel Messi sind. Oder eben von von Joggern, die ihrer Angststörung jetzt mit langen Läufen begegnen anstatt auf Immoscout lustlos nach Häusern zu schauen, die sie sich ohnehin nicht leisten können – wie bei der ersten Single „Jogging“. Eine warme, lakonische Songwriter-Nummer des Barden aus Newcastle, die aber stilistisch zwischen Pop und leicht angeproggtem Indie Rock verpackt wird. Das Video dazu wurde von Edwin Burdis gedreht. //RRRhund\

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Post Punk/Deutschsprachige Subkultur: Beim Gregor von Sounds of Subterrania muss man öfter im Stream vorbeischauen, da kann man sich als Blogschreiber (oder auch einfach als Musikliebhaber) immer wieder schöne Tipps abholen … in diesem Fall aus dem eigenen Dunstkreis. Hinter Dr. Drexler und „Beton muss her“ steckt David Jahnke, der Sänger der Augsburger Bands Fräulein Brecheisen und N.I.C.H.T.S.! 2.0, und knüpft hier mit seinem Soloprojekt auf die bestmögliche Art an den deutschsprachigen Underground der frühen 80er an. Minimalistischer, schräg rumpelnder Post Punk, irgendwo zwischen S.Y.P.H., Wirtschaftswunder und den frühen Abwärts. Im Oktober erscheint mit „Kapitalakkumulation“ dann die erste Soloplatte bei In Gute Hände – ein Augsburger Ableger von Sounds of Subterrania. //RRRhund\

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Psych Rock/Garage: Vuelveteloca heißt diese chilenische Underground-Band, die mit ihrem doomigen Psychedelic-Rock, mit ihrem fünften Album „Sonara“, 2017 beim Londoner Szene-Primus Fuzz Club Records gelandet sind. Mittlerweile haben sich einige coole Remixe angesammelt, zum Beispiel von The Holydrug Couple, The KVB, The Men oder Al Lover. Das sehr gelungene Exemplar zu „Chepical“ haben aber A Place to Bury Strangers verbrochen, und das hört man auch am düster scheppernden Sound. //RRRhund\

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Noise Punk: „All approved by the Pope of Dope“, oder auch: Wie ein Ausrufezeichen, wenn ein einfacher Punkt nicht mehr ausreicht. Trans International vs. Vatikan 1:0. Oh wait … 8:1 – „Dry mouth“ ist das unterhaltsame neue Video der belgischen Noise Punk-Truppe Cocaine Piss, die im September dann auch live in Mannheim zu sehen ist (25.9., Forum). Vermutlich ohne Kruzifixe. Zu finden ist die Nummer auf dem aktuellen, Steve Albini-produzierten Album „Passionate & Tragic“, das im April bei Hypertension Records erschienen ist. //RRRhund\

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Post Punk/No Wave/Art Rock: Letztes Jahr hatte ich Ganser, ein Quartett aus Chicago vorgestellt, das seinen kratzigen Post Punk mit Einflüssen aus Cold Wave, No Wave und Art Rock zum Leben erweckt. Auch bei der aktuellen Single „Bad form“ ist die energische Gitarrenarbeit von Charlie Landsman wieder sehr auffällig, sehr Ostküste, sehr Chicago und bildet einen super Kontrast zum Sprechgesang von Alicia und Nadia. Beim Video hat die Band übrigens zusammen mit Kirsten Miccoli selbst Regie geführt. Ich mag die. //RRRhund\

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Post Punk: Schon wieder Irland. Nach den Fontaines D.C. ist mit The Murder Capital noch so eine energetische, irische Band in der englischen Musikpresse-Hypemachine hochgekocht worden, die wie die Faust aufs Auge in die Generation von Bands wie Shame oder den Idles (sowie den zu Beginn schon erwähnten irischen Zeitgenossen) passt. Glaubt ihr nicht? Dann checkt mal den Punch und die Frische der Liveversion von „More is less“. Zu finden ist der Track auf dem Debütalbum „When I Have Fears“, das von Flood (PJ Harvey, New Order, Foals) produziert wurde und nächste Woche bei Human Season erscheint (16.8.). //RRRhund\

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Electro Pop/Post Wave: Urban Legend. Die bleiben mit jedem neuen Track, den ich finde, ziemlich cool, die beiden von Grün Wasser. Im neuesten Video zu „Driving“ reiben uns Keely Dowd (Vocals) und Essej Pollock (Elektronik) die Geschichte von Resurrection Mary unter die Nase – eine Frau, die nach einer durchtanzten Nacht in Illinois angefahren wurde und dann nach einer Fahrerflucht sterbend zurückblieb. Die Legende besagt, dass Mary seitdem Männer heimsucht, die nachts alleine mit dem Auto unterwegs sind. Ein Phänomen, das im Video von Giuliana Foulkes gradios umgesetzt wurde: as in ultra spooky. Ein weiterer Track von „Not OK With Things“, dem Debüt-Longplayer des Chicagoer Duos, das im Oktober bei Holodeck erscheint. //RRRhund\

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Post Wave Disco/Ambient: Letzten Dezember hatte ich Vevil, die Formation um Vitaly Borodin aus dem weit entfernten Abstrakhan vorgestellt, die auf der Debütsingle mit einer einzigartigen stilistischen Spreizung zwischen Post Punk und experimentellem Prog auf sich aufmerksam gemacht hat. Jetzt ist mit „Последняя дискотека [Poslednyaya diskoteka = Letzte Diskothek]“ eine neue Single der Südrussen erschienen, die ein Vorgriff auf eine neue EP ist und eine ähnliche Charakteristik hat. Während die titelgebende A-Seite ein Totentanz zur Klimakrise, zu den sibirischen Flächenbränden und zugleich eine kühl-spaceige, sehr elektronische New Wave-Nummer für den Dancefloor ist, sind die Feuer auf der B-Seite gelöscht, der makabre Totentanz beendet („Погасли костры [Pogasli kostry = Gelöschte Brände]“) – ein zweiminütiges, postapokalyptisches Ambient-Fragment und erneut ein spannender Kontrast. //RRRhund\

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Dreamy Ambient/Hermetic Psychedelic Soundscape: Die Veröffentlichungen von Blackjack Illuminist Records verfolge ich jetzt auch schon ein paar Jahre. Auffällig an der Politik von Head Honcho Alexander Leonard Donat ist, dass man Kopisten, Abziehbilder im Labelprogramm vergebens sucht. Alle Labelkünstler stehen für eine eigene Soundvision, sind in der Lage, ihr Innenleben künstlerisch eindrucksvoll in eine eigens geschaffene, distinguierte Kunst-Welt zu transponieren, in Klang zu gießen. Das verhält sich auch bei „My Mind As Your Amusement Park“ von Phantoms vs. Fire nicht anders. Das Debütalbum des Brazilianers Thiago Desant ist ein einzigartiger Ausflug in eine hermetische psychedelische Klangwelt, die mal romantisch naturnah daherkommt um im nächsten Moment ins surreal Alptraumhafte zu kippen. Wirklich böse wie bei den finstersten Kollegen aus dem Dark Ambient ist das Klanguniversum von Desant aber nie – die dunklen Momente erinnern eher an alptraumhafte Sequenzen, an Situationen, wenn in Carrolls „Alice’s Adventures in Wonderland“ die Protagonistin in Gefahr gerät … und man doch weiß, dass am Ende alles gut sein wird. Alles nur ein Traum. Wenn auch … huch … ein sehr intensiver – da wird doch niemand nachgeholfen haben?! Musikalisch nutzt Desant einen reichhaltigen Werkzeugkasten, um diesen Effekt zu erzielen: spaceige Synth-Flächen mit vielen sorgsam austarierten Sounds, Field Recordings mit Naturgeräuschen, entfernte, prozessierte Musikfetzen und andere Musique Concrète-Elemente, pulsierende Gitarrenspuren, verorgelte Flöten und Stimmen, kinetische Glitch-Passagen, tribalartige Percussion und ab und an auch mal elektronische Rhythm Tracks aus dem modernen dekonstruierten Feld. Kreative, psychedelische Schamanenmusik in modernem Gewand – eine faszinierende Scheibe. //RRRhund\

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80s Synth Pop/Madchester: Gibt’s denn überhaupt schlechte Bands auf DAiS Records? Ist gibt vielleicht ein paar, die stilistisch nicht meine Baustelle sind, aber insgesamt ist das Qualitätsniveau der Veröffentlichungen der letzten Jahre schon ganz erstaunlich. Das gilt auch für die Synth Pop-Boys von Body of Light, die mit „Time to kill“ einen echten Kracher in feinster 80er-Manier am Start haben. Dafür haben die Jarson-Brüder irgendwo zwischen Pet Shop Boys, New Order (etwa 1987) und dem Madchester-Sound angedockt (auch dem gleichnamigen Album zu finden, das vor Kurzem bei DAiS erschienen ist). //RRRhund\

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Alternative/Groovy Post Punk: Arte war so nett, eine komplette Show des kanadischen Post Punk-Kollektivs Crack Cloud mitzuschneiden, das im August zum ersten Mal in unserer Region vorbeischaut (20.8., Mainz, Schon schön). 40 Minuten funky Post Punk und auch schon einiges Material vom Debütalbum, das erst im Herbst erscheint. Ein aktuelles Interview bei The Quietus. //RRRhund\

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Industrial/Harsh Noise/Power Electronics: Immer noch viel zu verdauen hat man bei Pharmakon. Auch „Self-regulating system“, die Leadsingle vom vierten Album von Margaret Chardiet aus New York, transportiert wieder eine unbändige Energie, die in spannende Kreativganglien kanalisiert wird („Devour“, Sacred Bones Records, 30.8.). Chardiet hat dem Album wie immer einen Konzeptunterbau verpasst – diesmal ist die selbstzerstörerische Natur des Menschen das Thema. Beim Aufnahmeprozess hat sich diesmal Einiges getan, „Devour“ ist das erste Album, das live im Studio eingespielt wurde, und zwar jeweils mehrere Tracks am Stück, um eine ähnlich intense Situation zu erzeugen wie bei Chardiets ergreifenden Live-Performances. //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ

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