+Kurz rausgehackt: Dezember 2017

Slowlectro/Nein Radio show: Nein Records waren in den letzten Jahren zusammen mit Rotten City, Versatile und noch einigen weiteren europäischen Labels Hauptlieferant von Slowlectro-Material mit psychedelischem Vibe – aktuell meine liebste Tanz- und Auflegemusik. Einer der beiden Labelchefs, der britische Produzent, Remixer und DJ Neil Parnell – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tronik Youth – hat zum Jahresende eine dreistündige Radioshow mit seinen Lieblingstracks von 2017 zusammengestellt. A beautiful ride, etliche Perlen dabei. //RRRhund\

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Experimental/Surreal Ambient/Lofi Post Punk: Im Juli hatte ich Traumatológia, das dunkle, experimentell-noisige Post Punk-Projekt von Zoltán Sindhu, vorgestellt. Seit ein paar Tagen sind auf bandcamp zwei neue Tracks des in New York lebenden Experimentalmusikers zu kriegen. „Control“ und „Collared“ hat Sindhu wieder in seinem typischen Lofi-Ductus arrangiert – Songstrukturen und experimentelle Soundexperimente fließen übergangslos ineinander. Eine Herangehensweise, die zusammen mit der Vorliebe für kratzig-dunkle Sounds für die dichte, alptraumhafte Atmosphäre in der Musik des gebürtigen Ungarn sorgt. Easy listening for the hard of hearing („C.C“, auf bandcamp). //RRRhund\

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Nu Kraut/Experimental Tribal Pop: Das Hamburger Trio Love-Songs hat ungeachtet seiner (sagen wir mal) wenig elektrisierenden Benennung vor ein paar Monaten ein ziemlich spannendes Album namens „id“ abgeliefert, auf dem es Ambient- und Kraut-inspirierten, luftigen Tribal Pop mit deutschsprachigem Sprechgesang zu hören gibt, der irgendwo zwischen der Hamburger Schule und Früh-80er-Roots verortet ist. Dass auf der Website der Band „Struktur & Bewegung“ als Tagline unter dem Bandnamen steht passt dann auch ganz gut. Hier das Video zu „Selbst die Randerscheinung“, das männlichen Muskelmassen in Schwarz-Weiß-Ästhetik huldigt – geht nicht so richtig an mich, hab’s nicht so mit Körperkult. Der exzellente Track aber sehr wohl. Im März sind die Jungs dann auch live in der Region zu besichtigen (8.3. Offenbach, 10.3. Karlsruhe, siehe auch Events) //RRRhund\

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Post Punk/Indie Rock: Als ich die Band vor zwei Jahren auf dem The Great Escape in Brighton gesehen habe, war der Sound noch ein bisschen anders. Aber der demonstrative Rotznasen-Gestus und die ausgesprochenen Livequalitäten waren bei Shame schon vorhanden, bereits sichtbar. Sehr unterhaltsam. Im Dezember standen sie ja bereits in Heidelberg als Support von Gurr auf der Bühne – im Februar touren die Jungs dann schon in Australien, kurz danach in den USA. Geht ganz schön fix. Dabei kommt der große Wurf, der Longplayer „Songs of Praise“, erst im Januar in die Läden (Dead Oceans, 12.1.). Alle Hunde bellen es schon: das nächste große Ding der Post Punk-Welle. Und die Single „Concrete“ ist schon gut, keine Frage. Ansonsten ist mir das alles ein bisschen zu gewollt, konzipiert. Da wird ordentlich an den Karriere-Strippen gezogen. //RRRhund\

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Goldenes Chamäleon (2)/Videotagebuch: Ein weiterer Künstler, der mich mit dieser goldenen Ader, mit diesem Drang zur konstanten Transformation, elektrisiert, ist der taiwanesische Weltreisende Alex Zhang Hungtai. Seit dem Dirty Beaches-Meisterwerken „Drifters“ und „Love Is The Devil“ (2013 zusammen als Doppelalbum bei Zoo Music erschienen) und einem Konzert im Frankfurter Zoom beobachte ich Jahr für Jahr gebannt die Mutationen dieses Mannes, der sich in den letzten Jahren vermehrt dem Saxophonspiel und der freien Improvisation zugewandt hat, und trotzdem an allen Ecken und Enden auftaucht. Ob in seiner Solo-Inkarnation als Last Lizard oder im portugiesischen Improv-Trio mit dem Elektroakkustiker David Maranha und dem Schlagwerker Gabriel Ferrandini. Ob als Teil seines Improv-Trios Love Theme oder als Teil der Twin Peaks-Familie in der Noir R’n’B-Formation Trouble (zusammen mit David Lynch-Sohn Riley und Dean Hurley, dem langjährigen Sound Supervisor des Kultregisseurs). Mit jedem Ton offenbart Alex Zhang Hungtai einen Teil seiner Persönlichkeit, die sich aus einer speziellen Biografie speist, einen eigenen Blickwinkel offenbart. Vermutlich hat es mich vor ein paar Tagen deswegen so berührt, „Hitchhiking“, sein Video-Tagebuch, zu schauen – skizzenhafte Episoden aus den vergangenen Monaten seines Schaffens, seiner Reisen. Weil sich mir dadurch die Möglichkeit geboten hat, diesen speziellen Blickwinkel für zwölf Minuten einzunehmen. Ein Geschenk, das ich mit euch teilen möchte. //RRRhund\

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Goldenes Chamäleon (1)/Synth Pop/Cover: Ich bin ein Fan von künstlerischen Chamäleons. Menschen, denen es zu langweilig ist, eine einmal gefundene künstlerische Sprache jahrelang oder gar jahrzehntelang immer wiederzukäuen. Menschen, die konstant neue Formen für ihre künstlerische Ader suchen – die ständig danach streben, sich neu zu erfinden. Wenn trotz aller Wandlungen ein goldener Faden in der Wahrnehmung, im Schaffen, sichtbar bleibt, bin ich fasziniert. Mache die Reisen alle mit. Selbst wenn mir einzelne Destinationen des Rundgangs mal weniger zusagen sollten. Den New Yorker Musiker und Produzenten Jorge Elbrecht etwa verfolge ich seit seiner Band Violens und deren Longplayer „True“ (von 2012). Eine brilliante Dream-Pop-Scheibe, die sich nicht zwischen ätherischem, schimmerndem Pop und brachialer Shoegaze-Soundwand zu entscheiden wusste; und in dieser fragilen Polarität die Brillianz ihres Masterminds offenbart hat. Elbrecht hat seit diesen Jahren zahlreiche musikalische Reisen unternommen (die an dieser Stelle auch regelmäßig Erwähnung gefunden haben), und sich auch geografisch ständig verändert. Seine Zeit nutzt er mittlerweile abwechselnd in New York, Los Angeles und Costa Rica (dort wurde er auch geboren). Neueste Inkarnation: das Synth Pop-Chamäleon. Und so hat er uns zu Weihnachten eine OMD-Coverversion unter den Baum gelegt: „Almost“. //RRRhund\

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Transmission: Groschi hat vor ein paar Stunden als kleines nachweihnachtliches Geschenk die #6 seiner monatlichen 12XU Radio-Show online gestellt, die wie immer mit vier Stunden feinstem, aktuellem Underground-Gitarrenmaterial aus Punk, Post Punk, Garage Punk, Noise und Indie Rock bestückt ist. Diesmal nicht ganz vier Stunden, denn in der zweiten Stunde gibt’s einen Ausschnitt aus dem letzten MXRRR-Set zu hören, der mit ein paar Klassikern, zu großen Teilen aber mit aktuellem Indie Rock-, Post Punk-, Goth Rock-, New Wave- und Power Pop-Material bestritten wurde. Die typische MXRRR-Beschallung nachts ab 2:30 Uhr in der Nachtschwärmerboutique eben. Vielen Dank, Groschi!

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Indie/Lo Fi Pop/C86: Charmefaktor galore. Und Songs, Leute – gute Pop-Songs im einfachen Gewand. Eine Mischung aus C86-Sound und 90er LoFi Indie Rock haben The Stroppies im Gepäck. Die Referenzhölle ruft Guided by Voices, The Great Unwashed und frühe Go-Betweens – mehr „klassisch Indie“ geht kaum. Die Basistracks des selbstbetitelten Debüts hat das Quartett aus England und Australien kurzerhand live auf eine Tascam-4-Spur-Maschine gebannt (ja, sowas gibt’s noch) – um dann für die Overdubs, etliche technische Hin- und Her-Schiebereien und das Leben an sich etliche Monate zu brauchen. Das Ergebnis kam anfänglich als Tape raus (bei Hobbies Galore in Melbourne). Das hat dann aber ordentlich Wellen geschlagen und ging weg wie warme Semmeln. Und so haben die Aufnahmen eine Reinkarnation als Vinylpressung erlebt (bei Tough Love Records draußen). Auf bandcamp kann man nachhören warum. Sweet. //RRRhund\

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Elektronik/Avantgarde/Experimental/Futuristische Alienmusik: Kurz vor Jahresende hat noch ein avantgardistisches Meisterwerk das Licht der Welt erblickt. Konzeption, Komposition, Sounddesign, Originalität – Perfektion allenthalben. Gemeint ist der „Walzerzyklus“, eine EP von Atom™ & Lisokot (gerade bei Raster erschienen, Vinyl folgt im Januar), bei der inhaltlich, konzeptionell, musikalisch alles um den klassischen 3/4-Takt kreist und doch nichts so klingt wie man es ob dieser Beschreibung vermuten würde. Enthalten sind drei Leitmotive zu exakt zwei Minuten, die vier Tracks zu präzise drei Minuten unterteilen – natürlich in Dreierschritten. Die kalte, minimalistische Maschinenmusik des deutschen Elektronik-Avantgardisten und Techno-Produzenten Uwe Schmidt wird dabei in ein immer wieder neues Spannungsverhältnis zur ätherisch-entrückten Stimme der russischen Sängerin und Performance-Künstlerin Lisokot gebracht. Das Ergebnis klingt wie eine Erinnerung an die Zukunft – ungehörte futuristische Alienmusik. Jetzt warte ich nur noch auf die passenden Videos … Hier als Anspieltipp „Transhuman melody“. //RRRhund\

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Experimental/Lyrical Noise/Power Electronics: Kristin Hayter macht keine Gefangenen. Die Experimentalkünstlerin aus Lincoln, Rhode Island, hat sich mit ihrem noisigen Projekt Lingua Ignota Vergeltung im biblischen Ausmaß zum Thema gemacht. Künstlerische Vergeltung für reale verbale und handgreifliche Übergriffe von obsessiven Männern – Thema häusliche Gewalt. Heilig ist ob dieses Themenkomplexes natürlich rein gar nichts. Irgendwo zwischen der diabolischen Stimmgewalt einer Diamanda Galas und den emotionalen Soundwänden von Phamakon hat die klassisch ausgebildete Sängerin ihren eigenen Platz in diesem weitgehend kompromissfreien Musikfeld gefunden und hinterlässt den Hörer nach dem extremen, intensiven Erlebnis ihrer Stücke oft weidwund, spirituell angeknockt. Das liegt hauptsächlich am sehr zielgerichteten musikalischen Vorgehen, an der Dynamik der Arrangements, am Verzicht auf systematischen Breitwand-Bruitismus, an den Pausen und Lücken, die sie in den infernalischen Noisekonstruktionen für ihre Stimme lässt. Eine Stimme die von leiser Fragilität bis zum Wuttornado die Klaviatur aller denkbarer Dynamikstufen nutzt – emotional den akkustischen Raum beherrscht, das Innerste nach außen kehrt, und so den Hörer überwältigt. Aber durchaus auch an minimalistisch-lyrischen Kontrapunkten, die musikalisch immer wieder gesetzt werden und eher einem dunkel-doomigen Songwriter-Kontext zu entstammen scheinen. In vielfacher Hinsicht außergewöhnlich. („All bitches die“ und „Let The Evil of His Own Lips Cover Him“ sind dieses Jahr erschienen und auf bandcamp zu finden.) //RRRhund\

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Electronic/Zulu subculture/Gqom Oh!/Mixtape: Während wir uns gerade durch den mitteleuropäischen Winter quälen hat im südafrikanischen Durban der Hochsommer längst begonnen. Wer etwas von der afrikanischen Hitze gebrauchen kann und auf ungewöhnliche, hart groovende Beats steht, sollte mal „Washa“ (steht im Zulu-Slang für sowas wie „heißer Scheiß“) auschecken. Das neueste Mixtape von Gqom Oh! – Sparten-Label für die Vertreter dieser zeitgenössischen Zulu-Subkultur – wurde wieder von der italienischen Crudo Volta-Crew gemixt und präsentiert die neuesten Stilmutationen von Gqom-Größen wie Citizen Boy, Formation Boyz, Emo Kid oder Dominowe im unwiderstehlichen Groove-Flow. Shake it! //RRRhund\

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Post Punk: Auch für mich schön, obgleich ich das Festival ja sogar besucht habe – die Show von Protomartyr auf dem Le Guess Who?-Festival hatte ich aber ausgelassen. Jetzt habe ich, habt ihr, die Gelegenheit das ganze Konzert des Trios aus Detroit auf soundcloud zu streamen. Natürlich mit viel Material vom aktuellen Album „Relatives in Descent“. Noch mehr Liveshows vom Le Guess Who?-Festival? gibt es hier. //RRRhund\

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Experimental/Film Score/Neo Classical/Electronic: Nanook of the North wurde 1922 gedreht, gilt als einer der bedeutendsten Dokumentarfilme der Stummfilmära und dokumentiert den harten Alltag einer Eskimo-Familie in der Arktis. Nanook of the North ist aber auch eine polnische Experimental-Formation, die zwischen der Kälte elektronischer Arrangements und den warmen Klängen klassischer Instrumentierung jongliert. Da die Namensgleichheit kein Zufall ist und das polnische Sopot Film Festival auch noch einen Auftrag erteilte, haben sich der Komponist und Violinist Stefan Wesołowski sowie der Elektronikproduzent Hatti Vatti (bürgerlich Piotr Kaliński) an ihre Vertonung des klassischen Stummfilmstoffs gewagt. Zu diesem Zweck sind die beiden für die Aufnahmen nach Reykjavík und zum Abmischen nach Grönland gereist. Das Ergebnis kann sich hören lassen, die weiten Wege haben sich wohl gelohnt: Die Hörprobe „Afernat“ fängt die eisige Weite des filmischen Ambientes nämlich wunderschön ein. Die Scheibe erscheint dann im Februar bei Denovali (23.2.). Sehr beachtlich ist auch das halbstündige Live-Set, dass die beiden für den Boiler Room abgeliefert haben. //RRRhund\

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Experimental/Neue Musik/Spoken Word: Zwei Legenden der Avantgarde haben gemeinsame Sache gemacht. Die Rede ist von der multimedialen New Yorker Performance-Künstlerin Laurie Anderson und dem Kronos Quartett, das seit Jahrzehnten Türen zwischen moderner Kammermusik und avantgardistischen Strömungen öffnet. Anderson wurde zum Album durch das Erleben des Hurricans Sandy inspiriert; im Zentrum der Kompositionen steht das Spannungsverhältnis zwischen gesprochenem Wort und Musik. Konzeptionell interessant ist dabei die Herangehensweise: Mithilfe der Software „erst“ initiieren die Instrumente die Sprachausgabe. Das Kollaborationsprojekt trägt den Namen „Landfall“ und steht ab Februar im Plattenladen (16.2., Warner). Hier das programmatische „We learn to speak yet another language“. //RRRhund\

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Industrial Bass: Die Instrumentalversion des Tracks habe ich bereits beim letzten MXRRR verbraten, die Vocals-Fassung hätte stilistisch nicht so recht ins Set gepasst – aber allein der fette, Industrial-inspirierte Slo-Mo-Beat ist einfach schon so geil, das er sofort verarbeitet werden musste. „As a young delinquent I always cherished the idea of sonic warfare, or noise confrontation“, meint The Bug dazu. Für die reguläre Fassung von „Bad“, den ersten Track von der aktuellen Doppel-A-Single, hat sich der britische Produzent die Bass-Ikone Flowdan ans Mikro geholt – also zwei Genre-Veteranen unter sich. Das Schwarz-Weiß-Video dazu präsentiert die klaustrophobische Härte des Vorstadtlebens in der sozialen Randstadt. Einfach richtig gut. //RRRhund\

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bandcamp – Best of 2017

Spannende Jahresendlisten: Abgesehen von drei Scheiben habe ich hier überhaupt nichts auf dem Schirm, und das ist großartig. Die kochen komplett in ihrem eigenen Saft. Aber der Saft schwappt in einem Riesentopf, der mittlerweile so groß ist, dass der hintere Rand längst hinterm Wahrnehmungshorizont verschwunden ist. Das aktuell wichtigste und vielfältigste Musikportal der Welt mit seinen Top 20-Alben des Jahres – die Favoriten des bandcamp-Universums. Aber naturgemäß werden typische RRR-LeserInnen in den hinteren Sektionen mehr direkte Treffer landen: #40–21 #60–41 #80–61 #100–81 //RRRhund\

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Electro: Im neuen Video von Helena Hauff quält sich ein Rennradfahrer eine enorme Steigung hoch und liefert sich dabei ein Slo-Mo-Geschwindigkeitsduell mit einem Motorroller – ein Super-8-Streifen aus dem Familienarchiv oder nur Retro-Fake? „Gift“ stammt jedenfalls definitiv vom empfehlenswerten, aktuellen 12-Zöller „Have You Been There, Have You Seen It“ (bei Ninja Tune erschienen). Feiner Electro mit eleganten Schmutzpartikeln. Helena Hauff-Qualitätsware. //RRRhund\

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Female Futurist R’n’B: Ja, in der Tat – R’n’B bei RRRsoundZ. Wir sind immer wieder für Überraschungen gut, das musikalische „Step across the border“ ist hier Programm. In den letzten drei, vier Jahren haben sich in diesem oft eher kommerzverseuchten Musikbereich einige aufregend gute Künstlerinnen mit futuristischen Klangvisionen hervorgetan. Hingewiesen wurde an dieser Stelle bereits auf FKA Twigs, Klein sowie die Black Power Avantgarde Electronica von Moor Mother, die allesamt mit dekonstruktivistischer Herangehensweise für neue Hörerlebnisse sorgen. Neu zu diesem erlauchten Kreis zählt für mich auch Mhysa aus Philadelphia. Auf ihrem Debütalbum „fantasii“ (gerade bei Halcyon Veil erschienen) liefert die „Black queer femme cultural producer, sound designer, womanist + Diva“ grandiose Arrangements, nutzt ihre einzigartige Sicht auf R’n’B nur als Schleuse zu neuen elektronischen Klangwelten. Hier die Single „Strobe“. //RRRhund\

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Post Punk/Electro Rock: Zum Jahresende gibt es jetzt noch den Titeltrack des White Hills-Albums „Stop Mute Defeat“ als Video. Eine abgehangen groovende Liebeserklärung an New York, die Heimatstadt der Band – eine Ode an die Energie der akrobatischen U-Bahn-Tänzer, die kings and queens des öffentlichen Raums. //RRRhund\

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Alternative/Stuttgart Sound: „Hier bleibe ich stehen“, die neue Single vom neuen Peter Muffin-Album „Ich und meine 1000 Freunde“ kommt mit Video, und das hat natürlich Die Nerven-Bassist Julian Knoth im Fokus – ist ja schließlich sein Soloprojekt. Musikalisch also Stuttgart-Sound deluxe, visuell natürlich Schwarz-Weiß und im Wechselspiel zwischen Schattenboxen im leeren Parkhaus und In Your Face-Nahaufnahme-Modus. Zwei Seiten der gleichen Medaille wie sich herausstellen wird – Fight Club in Stuttgart. Oder so. //RRRhund\

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Neo Classical/Semi Electronic/Avantgarde: Wenn klassisch ausgebildete Musiker Soundexperimente fabrizieren. We Like We heißt dieses experimentelle dänische Frauen-Quartett, das auf seinem Debütalbum „Next To The Entire All“ (Anfang Dezember bei Sonic Pieces erschienen) mit Cello, Violine, Percussion und Gesang unfassbar schöne, ergreifende Stücke aufs Band gezaubert hat. Gut geeignet, um eine einsame Winterlandschaft zu betrachten: „I’m not for more“. //RRRhund\

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DJ set (2)/Electronic/EBM/Ethno: Ein sattes 2-Stunden-Set der rumänischen Produzentin für das Brause-Radio beschert uns den typischen Sound der Comème- und Cititrax-Künstlerin – moderne Elektronik zwischen Tribal Ethno-Einflüssen, Düster-Acid und EBM-Roots. Immer wieder gerne: Borusiade. //RRRhund\

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DJ set (1)/Modern Techno/EBM/Post Industrial: Grandioser, harter Mix von Blush Response für Secret Thirteen, bei dem der von New York nach Berlin umgesiedelte DJ und EBM Techno-Produzent kongenial alte Meister der dunklen Elektronik-Schiene mit aktuellem Material verbindet. Fängt mit einem alten Conrad Schnitzler-Juwel an, und wird danach nicht schlechter. Ziemlicher Huf. //RRRhund\

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New Wave/Post Industrial/Electro Pop: Geneviève Pasquier ist nicht nur ein Dauergast beim Maschinenfest, sondern schon seit Jahren eine Institution der schwarzen Elektronikszene. Hinter dem Künstlernamen steckt die deutsche Elektronikspezialistin Isabelle Wörner (ehemals bei Thorofon aktiv), die dieses Jahr mit „Louche Effect“ (bei ant-zen erschienen) bereits ihr viertes Studioalbum abgeliefert hat. Besonderes Merkmal des hochinteressanten, innovativen Post Industrial-Album ist neben Wörners wohlbekanntem, außergewöhnlichen Gesang die eigenartige, filigran herausgearbeitete Atmosphäre – spannungsgeladene Electronica, die oft eher auf raffiniert gesetzte, feine Nadelstiche als den Vorschlaghammer setzt – manchmal aber eben auch Ausflüge ins Electro Pop-Areal macht. Wie zum Beispiel bei der aktuellen Single „Misty streets“. //RRRhund\

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Experimental/Psychedelic Underground/Ritual: Visuell und akkustisch spektakulär. Und bis jetzt das einzige Projekt, das ich aus dem ganzen Mittelalter-Dingsbums ertrage. Wobei … da möchte ich die gar nicht verorten. Vielmehr sind Heilung ein heidnisches Kollektiv, das sich der Vertonung nordischer Riten und Runen verschrieben hat und sich dabei sowohl historischer Materialien – Tierhäute für die Trommeln, Knochen als Percussioninstrumente, Geweihe, Bronzeringe –, als auch moderner Elektronik bedient. Der Name ist Programm. Bei allem historischen und streckenweise auch martialischem Bezug verweigert sich die Formation nämlich den üblichen politischen Verbindungslinien. „Remember, that we all are brothers. All people, beasts, trees and stone and wind.“ In diesem inhaltlichen Quadranten – Neo Folk et al – leider eher eine Seltenheit. Umso besser. Hier „LIFA“, das ganze Konzert Ritual vom Castlefest 2017. //RRRhund\

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Dark Alternative: Anna von Hausswolff hat im Frühjahr 2018 mit „Dead Magic“ (2.3., City Slang) ihr viertes Album am Start. Wie schon bei der letzten Scheibe nutzt die schwedische Künstlerin in der neuen Produktion Orgelsounds als besonderes akkustisches Merkmal – diesmal die Orgel der Marmor Kirken in Kopenhagen. Die erste Hörprobe „The mysterious vanishing of Electra“ kommt mit einem Super Widescreen-Arrangement irgendwo zwischen Swans, Sunn O))) und Pink Floyd. Und natürlich mit dem kraftvollen, spannungsgeladenen, dramatischen Gesang der Sängerin aus Gothenburg, der sich nie zwischen schwarzer Magie und blendender Schönheit zu entscheiden vermag. Zum Glück, das beschert uns nämlich Gänsehautmomente. Sehr beeindruckend. //RRRhund\

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Alternative/Weird cover: Als Xiu Xiu letztens per Band-Newsletter angekündigt haben, die berühmten, klassischen, bärtigen Rock-Männer aus Texas mit einer Split-Cover-7″ zu würdigen war ich erstmal verblüfft. Dabei war doch eigentlich klar, dass es sich bei den Ergebnissen nur um bandtypische Dekonstruktionen handeln konnte, die mit dem altbackenen Macker-Rock’n’Roll-Gestus des Originals nichts mehr gemein haben. Also ab dafür: Jamie Stewarts und Angela Seos Vision des „Sharp dressed man“. //RRRhund\

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+BLAST FROM THE PAST: Italien, 70er Jahre. Der Komponist Roberto de Simone arbeitet an einem außergewöhnlichen Projekt: Zusammen mit seiner Truppe Nuova Compagnia Di Canto Popolare entsteht eine moderne theatralische Oper, die den Stoff des klassischen, neapolitanischen Märchens „La Gatta Cenerentola“ (zu Deutsch „Die Aschenkatze“) aufgreift. Wer jetzt an Aschenputtel denkt, liegt goldrichtig, denn auch die Gebrüder Grimm haben eine eigene Interpretation der klassischen Sage geschaffen, deren Motive sich bis ins 3. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen lassen (etwa die Schuhprobe). Einer der musikalischen Höhepunkte in De Simeones legendärer Oper in der Tradition süditalienischer Musik ist der fiebrige „2° coro delle lavandaie“, der Zweite Gesang der Wäscherinnen. 1976 erscheint eine 12″ bei der italienischen Sparte der EMI, die heute bei Discogs gerne mal für 150 Euro oder mehr gehandelt wird, und eine ungewöhnlich reduzierte, tribalistische, tanzbare Einspielung dieses Stücks enthält: Die Rhythmussektion des Orchesters im swingenden, straighten Flow, der sich konstant ins Rauschhafte steigert. Darüber liegt minutenlang nur der energische Sprechgesang der Compagnia, bevor ein paar Waldhörner (oder sind es Trompeten?) für zunächst nur sparsam gestaltete, monotone, dunkle Flächen sorgen. Ganz am Schluss klinken sich ein paar Querflöten in den ekstatischen Reigen ein. Im Ergebnis OBM – Organic Body Music, körperbetonte Tanzmusik, die noch ganz analog eingespielt wurde – und heute ein Kultklassiker im Düsseldorfer Salon des Amateurs ist. //RRRhund\

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Punk Rock/Street Punk: Zur Abwechslung mal eins, zwei, drei, vier. Bei Sabotage Records sind die sympathischen Street Punks von Dead Hero aus Bogota, Kolumbien gelandet, die sich auf „La Vida Continua“ herrlich an den britischen und französischen Sounds der frühen 80er orientieren. Musikalisch äußerst kompetent dargeboten, peitscht die Scheibe ordentlich nach vorne und lebt vom auffälligen, kratzigen Gesang von Paula Suarez. Kann man machen. //RRRhund\

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Electronic/Experimental/Schwarze Szene/SlowMo R’n’B: Kommt nur noch recht selten vor, dass ich noch große Augen und Ohren kriege, wenn ich auf eine neue Band stoße. Genau das ist aber gerade passiert, als mir das Video zu „Грустная Сука“ („Sad bitch“) über den Weg gelaufen ist, hinter dem die Russen IC3PEAK stecken. Das Duo aus Moskau präsentiert sich mit finsterem SloMo-R’n’B mit leichten Grime-Einflüssen – vor allem aber mit Psycho-Vibes, die eher an den experimentellen Teil der schwarzen Szene erinnern. Neben dem spektakulären Stilmix lebt die Nummer vor allem vom dynamischen, exzentrisch-dramatischen Gesang von Nastya, die mal engelsgleich daherkommt um im nächsten Moment zur Furie zu werden – ein aggressiv emanzipatorischer Gestus, der seine Wirkung nicht verfehlt. Außergewöhnlich. Und großartig. //RRRhund\

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Experimental/Drone/Ambient: Vor Jahren, zu Zeiten des Debütalbums der Band, hat noch manch einer behauptet, dass ihr Spiel zwar sehr gut aber zu retro sei. Konkret, dass der Einfluss von Bauhaus-Gitarrist Daniel Ash zu deutlich hörbar ist. Vorwürfe, die beim zweiten Album der Band schon nicht mehr haltbar waren, und mit der neuesten Veröffentlichung – ihrer ersten Soloarbeit – ganz verstummen werden. Die Rede ist von Gemma Thompson, Gitarristin der Post Punk-Königinnen Savages. Bashan ist Thompsons Soloprojekt, und in diesem widmet sie sich nun neuen musikalischen Gefilden. Das schlicht „EP 1“ betitelte Debüt ist eine ambientesque Drone-Konzeptarbeit und spiegelt Arbeiten des amerikanischen Malers Morris Graves. Ein faszinierender mystischer Naturalist, den man auch den abstrakten, US-amerikanischen Expressionisten der Nachkriegszeit zurechnet. Ein Künstler, der in seinem Werk mit einem sehr engen Naturbezug und einem sehr eigenen Blick aufgefallen ist – anders gesagt: ein Schamane im Künstlergewand. Thompson greift diesen metaphysischen Charakter in ihren akkustischen Spiegelungen auf, arbeitet mit Wiederholungen, imitiert organisch das Spiel der Gezeiten, Wellenbewegungen, ein An- und Abschwellen der Töne. Lyrische Seelenmusik zum tief Eintauchen, wunderbare Veröffentlichung einer großartigen Gitarristin. Recommended. //RRRhund\

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Garage Rock/Low Fi/Trash: Zur Abwechslung Stuttgart. Bei den Wolf Mountains tobt sich Die Nerven- und Karies-Schlagzeuger Kevin Kuhn (Ihr wisst ja: „… hat viel zu …“) zusammen mit seinen beiden Kollegen im Garagen Rock- und Low Fi Trash-Universum aus – die Band landet dabei stilistisch irgendwo zwischen dem Dwyer-Quadranten und der Weezer-Umlaufbahn. Hier das aktuelle, natürlich genauso trashige Video zu „Vacation“, ein Song vom aktuellen Longplayer „Superheavvy“ (im Oktober bei This Charming Man Records erschienen). Die Band ist auch gerade auf Tour, allerdings ist aktuell kein Termin in der Rhein-Neckar-Region bekannt. //RRRhund\

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New Weird Britain/Soulful Indie Rock/Kraut Garage: Neee, nicht der deutsche DJ und Produzent. Seit zwei, drei Jahren macht eine neue Band Londons Süden und demnächst auch noch ganz andere Orte unsicher. Warmduscher (in der frühen Phase auch Warmdüscher) besteht aus Mitgliedern von Fat White Family, Childhood und Paranoid London und hat swampy groovy soulful Indie Rock hart an der Grenze zwischen drogeninduziertem Wahnsinn und geruchsintensiven Hygieneproblemen im Gepäck – „dirty stuff to drive you mad“. „Whale city“, der große Wurf, kommt wohl im Juni. „Khaki Tears“, die charmante, sehr rohe erste Scheibe von 2015, ist noch ganz anders und offensichtlich spontan zusammengeschreddert worden (auf bandcamp zu finden). Hier aber das trashige Video zur aktuellen Single „The Sweet Smell of Florida“ das doch tiefe Einblicke in das ästhetische Verständnis der Band bietet. Thx Timo! //RRRhund\

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Electronica/Dub/Post EBM: Das schwedische Elektronik-Trio Vanligt Folk war vor ein paar Jahren hierzulande höchstens ausgewiesenen EBM-Spezialisten (Stichwort: die „schwedischen DAF“) und Musik-Hipstern bekannt. Das lag zum einen am schwedischen Gesang. Außerdem entwickelte die Band rasch eine ganz eigene, szeneuntypische musikalische DNA – vermengte Dub- und Ethno-Tribalelemente mit dem aggressiven, schwarzen Sound. Mittlerweile haben die Drei etliche 12″es und einen Longplayer auf dem Buckel. Und mit jedem Release wurde das musikalische Terrain mehr in Richtung „undefinierbar“ und „einzigartig“ verschoben – moderne Electronica vom Feinsten. Auf dem neuesten Release („Palle Bondo“-12″, heute beim schwedischen Vinyl-Label iDEAL Recordings erschienen) ist von den EBM-Roots nichts mehr zu hören, anstattdessen mischen sich Trip Hop-Vibes à la Massive Attack mit Ethno-Einflüssen und schwedischer Weirdness. Hier „Kostymfest/Sken av Palmpsalmighet“. //RRRhund\

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