+Kurz rausgehackt: Dezember 2018

Smut Electronics/Dark Ambient/Musique Concrète: Schon wieder ein beeindruckender Relase auf L.I.E.S. – Lili Schulder, die Produzentin mit dem numerischen Alias 51717, war bisher vor allem als eine Hälfte von Shadowlust bekannt und präsentiert sich auf „Paranoia Star“, ihrem Soloddebüt für das New Yorker Elektroniklabel, mit schmutzig-roher Underground-Synth-Musik, mit Field Recordings und eindringlichem Gesang. Ganz stark sind die kinetischen, kalten Dark-Ambient-Soundflächen, die man so schnell nicht mehr aus der Seele verbannen kann und Freunden des L.O.K.I.-Sounds gut gefallen dürften. Eine spannende Mischung aus experimentellem Urwuchs, minimalistischer Computermusik und Musique Concrète. //RRRhund\

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Post Punk/Prog/Psych/Ambient/Experimental: Immer straight Richtung Osten, nur 3.300 Kilometer – zu Fuß in schlappen 673 Stunden zu erreichen. Natürlich nur die reine Laufzeit (sofern man an den diversen Grenzübergängen, in den verschiedenen Krisengebieten auf der Wegstrecke nicht unnötig aufgehalten wird) … mmmm, vielleicht ein andermal. Vevil stammen aus dem südlichen Russland, aus der Stadt Astrakhan, die in der Nähe des kaspischen Meers gelegen ist. Das Trio hat mit „Цинизм [Zynismus]“ gerade eine auch konzeptionell äußerst spannende EP abgeliefert, die sich der eindeutigen stilistischen Zuordnung verweigert. Der Titeltrack beginnt grundsätzlich wie jedes kleine Post Punk-Meisterwerk: ein straighter, treibender Beat, ein repetetiver Bass, atmosphärische Gitarren-Chords. Dann wird die Spannungskurve erhöht und der typisch russische, dunkle Sprechgesang setzt ein. Eine gute Hookline, diese angenoisete Math Rock-Steigerung. Die erste echte Überraschung erlebt man nach zweieinhalb Minuten, wenn beim zweiten Durchgang anstatt der erwarteten Noise-Orgie der Groove auf einmal auf Halftime gedreht und dann mit einer progigen Psych-Orgel – Sun Ra meets Ummagumma – ins All geschossen wird. Ebenso elegant gelingt der erneute Umstieg in den Post Punk-Drive. Am Schluss dreht sich alles astral im Kreis. Ein richtig guter Track, toll arrangiert – eine originelle Bereicherung für jedes Post Punk-Set. Aber die eigentliche Abfahrt beginnt erst jetzt. Ab dem zweiten Track wird dem Rock dann komplett abgeschworen, darf die Rhythmusgruppe eine Pause einlegen: Bei „Новый мир [Die neue Welt]“ treffen neo-klassische Piano-Improvisationen auf Megaphon-Experimente, bei „Вдоль алых стен [An den scharlachroten Wänden entlang]“ schweben sphärische Gitarren-Chords über postindustriellen Dark-Ambient-Flächen und psychedelischen Orgelfiguren – very special. Für die exotischeren Klangquellen – Piano, Orgel, Synth, Violine – sorgt Gitarrist und Sänger Vitaly Borodin, ein echter Multiinstrumentalist (unter anderem auch Violinist beim südrussischen Prog-Schlachtross Vespero). Zusammen mit Drummer Igor Taranenko ist er auch für das Songwriting bei Vevil verantwortlich. Man liegt also vermutlich nicht wirklich falsch, wenn man den Mann als wichtiges Zentralgestirn der Formation beschreibt. Die „Цинизм“-EP ist im Dezember auf bandcamp erschienen – für die Post Punk-Fraktion nur Track No. 1, und für Menschen mit „Step across the border“-Mentalität bitte das komplette Menü in drei Gängen. Wohl bekomm’s. //RRRhund\

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Experimental/Black Noise/Post Doom Metal: Krach. Grooves. Elektronik. Und sonst gar nichts. Kein Jazz, keine Pilze. Heiligenschein [hey … der ist aber nicht auf’m Cover zu sehen, aber ich seh ja auch nicht mehr so gut]. Spinnweben und Drähte. So stellen sich die Jungs aus Hamburg vor. Das brachiale Experimental-Duo Ex-Kopf besteht aus Alsen Rau an der Schießbude und Helge Meyer an der Noisekonsole. Mit ihrer selbstbetitelten Debüt-EP auf Hafenschlammrekords (die hatten wir dieses Jahr schon mal bei der Sauerstofff-Veröffentlichung) liefern die beiden fünf monotone, vor sich hin rauschende, graue Monolithen aus Krach und einfachen, schleppenden Grooves ab. Völlig kompromisslose Veröffentlichungspolitik dieses noch recht frischen Labels. Ich bin begeistert – habt ihr gemerkt, oder? //RRRhund\

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Math Rock/Post Rock: Die Finnen Nyos sind im vierten Jahr der Existenz bereits beim vierten Album angekommen – durchaus bemerkenswert. Die aktuelle Vorab-Single ist einer wundersamen Begegnung gewidmet, die das Math Rock-Duo aus Jyväskylä auf Tour in Litauen hatte: Da stand tatsächlich irgendwann ein echtes Zebra am Straßenrand. Das fröhliche Thema von „Zebracazebra“ wird von Drummer Tuomas Kainulainen und Gitarrist Tom Brooke dann auch mit manischer Spielfreude, geradezu kindlicher Euphorie durchexerziert und ausgelebt, völlig im Hier und Jetzt durchgeprügelt – so ähnlich muss sich Weihnachten mal in frühester Kindheit angefühlt haben, bevor Jahr für Jahr graue Schleier der Erkenntnis für immer mehr Ernüchterung gesorgt haben („Now.“, 22.2.). In diesem Sinne: ab dafür, für ein paar Minuten unbelastetes Hier und Jetzt. //RRRhund\

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Synth: Ein wundervolles, animiertes Video hat die argentinische Illustratorin Yanet Briggiler für das zentrale Motiv der Synth-Formation Slovenska Televiza gestaltet, bei dem es um melancholische Stimmungen geht, die aus Primärerfahrungen in der Kindheit herrühren. Zu finden ist die schöne, instrumentale Synth-Nummer des spanischen Duos auf der „Documento“-EP, die im August beim englischen, aber mittlerweile in Spanien ansässigen Label Peripheral Minimal erschienen ist. //RRRhund\

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Songwriter/Folk Noir: In stimmungsvollem Schwarz-Weiß kommt das neue Video zu Marissa Nadlers „Said goodbye to that car“ vom aktuellen Album „For My Crimes“ (im September bei Sacred Bones / Bella Union erschienen), bei dem die in Boston lebende Songwriterin selbst Hand angelegt hat. Eine wunderschöne winterliche Zaubernummer. //RRRhund\

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Psych Rock/Sinister Psych Drone: Die dunkel-droneige, schwedische Psych-Band The Janitors ist eigentlich schon etliche Jahre unterwegs. Erheblichen Popularitätszuwachs dürften jetzt aber die Fuzz Club Sessions bringen, die das Quintett dieses Jahr für das Londoner Kultlabel aufgenommen hat – das Video zur Live-im-Studio-Version von „Here they come“ weist die Düsterrocker aus Stockholm nämlich als wahre Livekapazität mit besonderem Gespür für das Zusammenspiel aus. Lecker (18.1., Fuzz Club Records). Mittlerweile ist noch mehr Janitors-Goodness aus den Fuzz Club-Sessions aufgetaucht, hier der 15-Minuten-Trümmer „A-Bow“. //RRRhund\

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Funky Punky: Kurzweiliger Spaß aus Köln, der gerade – zurecht – durch die ganze Szenelandschaft wandert. Die Tics haben mitreißende, knackig kurze Songs mit jeder Menge Drive im Gepäck. Die Einladung, bei allem Bewusstsein, trotz der allgemeinen Misere die Hüften zu manisch groovenden Zwei-Minuten-Songs wackeln zu lassen, und so zu neuer Kraft für die alltäglichen Kämpfe zu gelangen. Im März kommt bei Tomaten Records der Zweitling „Agnostic Funk“ – acht Songs in 18 Minuten. Sign o’ the times, hier ist „Blessed“, das die undurchdringliche Komplexität der aktuellen Drohkulissen zum Thema hat. //RRRhund\

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Kraut Disco: Dieser Track hätte mit seinem skurill-naiven Disco-Charme durchaus im ersten Krautspezial von RRRsoundZ – die Radiosendung beim Bermudafunk auftauchen können. Oder in einer Disse auf einer Hippie-Insel wie Gomera, wenn in seltenen Fällen am Wochenende die alten Kommunarden von den Bergen steigen, um im Valle Gran Rey mal kurz die Vorherrschaft der rekreativen Touristen infrage zu stellen. Verantwortlich für „Dis̄ kô Dis̄ kô“ ist das holländische Duo YĪN YĪN (aus dem Umfeld von Baby Galaxy), das am 12. Januar übrigens eine Melting Butter-Session im RAMA Tonstudio in Mannheim spielt. Das könnte witzig werden (die 7″ „Dion Ysiusk“ ist gerade bei Les Disques Bongo Joe erschienen, die präsentierte Nummer ist die Flipside). //RRRsoundZ\

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Synth Wave/Angst Pop: Hinter dem Künstlernamen Bloom Offering steckt die U.S.-Amerikanerin Nicole Carr. Die Produzentin aus Seattle hat nach einigen Tape-Veröffentlichungen bei Clandestine und anderen Genre-Platzhirschen gerade ihr Longplayer-Debüt auf Vinyl abgeliefert. Zu hören gibt es dunkle, simple wie kraftvolle, emotional aufgeladene Angst Pop-Tracks zwischen Synth Wave und Post Industrial („Episodes“ ist beim kleinen U.S.-Label The Helen Scarsdale Agency erschienen). //RRRhund\

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Goth/Witchgaze/Dream Pop: Die neue Single vom Duo Le Blonde aus New York, in der Sängerin Audi Martel von verhexten Erfahrungen berichtet, die nur für eine Seite gut ausgehen: „I break stallions“. //RRRhund\

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Goth Pop/Batcave meets NIN Goth Rock: Nochmal Vlimmer, und das aus gutem Grund. „XI“ und „XII“, die neueste Doppelveröffentlichung von Alexander Leonard Donats dunklem Soloprojekt ist nämlich zum Quantensprung in Sachen Songwriting und Arrangement-Vielschichtigkeit geraten. Egal ob beim hymnischen Goth Pop von „XI“ oder beim Batcave- meets NIN-Sound von „XII“: Da ist jetzt irre viel Pop-Appeal und und – ich traue es mich kaum zu sagen: kommerzielles Potenzial – wahrnehmbar. All das erreicht der Wahlberliner ohne die sehr spezifische, stilistische Identität des Projekts auch nur ansatzweise zu kompromittieren: Es werden weiterhin stilistische Türen in alle denkbaren Richtungen geöffnet; mit untrüglichem Gespür für den besten Schritt im richtigen Augenblick. Mein persönlicher Favorit ist „Krakenkombat“ von „XII“, bei dem ein alptraumhafter, The Soft Moon-artiger Soundwall auf Batcave- und Goth Rock-Klassik trifft (diese „Hanging garden“-Vibes, wenn das Tom mal kurz solo darf …). //RRRhund\

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Alternative/Semi Electronic/Sexy Scary Groovy: Die Russen Shortparis hatten wir bereits zweimal. Und seit dem fabulösen, sommerlichen Konzert in einer Frankfurter Kunstgalerie kann ich euch garantieren: Das wird noch etliche Male passieren. Irgendwo zwischen elektronischem Alternative-Sound und klassischem Songwriting, zwischen sexy, scary und groovy: „Страшно“ („Scary“), die neueste Single des Quintetts aus St. Petersburg. Im Frühjahr kommt dann ein neues Album. //RRRhund\

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Elektronik: Zum Runterkommen die ins Jahr 2018 gehievte HD800-Osmose der Heidelberglegende Dante Mirik aka D-MAN aka Dirk Mantei: „Untitled 1-6“. Sechs von 52 weeklybeats.com-Tracks und gleichzeitig das 25. Release von Workshop Records Bärlin. Souveräään geknöpfter Audiogleichstrom und für minimal-deepe zehn EUR via Hardwax — //*.Cii\

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Experimental/Avantgarde/AI Electronica: In exakt die gleiche Kerbe schlagen Holly Herndon & Jlin mit ihrer aktuellen Kollaboration Spawn. Extreme, AI-generierte Vokal- und Videoverorgelungen – the sound of 2020 im Jahr 2019: „Godmother“ //RRRhund\

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Experimental/AI-generated Multimedia/Electronica: Wenn ihr mal kurz eine multisensorische Schickung braucht, seid ihr beim aktuellen Video von Lorem genau richtig – alle Gesichter im Video zu „3402 Selves“ wurden von einer künstlichen Intelligenz generiert und die Töne noch gleich mit dazu. Francesco D’Abbraccio (den man auch als die eine Hälfte von Aucan kennt) forscht mit seinem experimentellen Multimediaprojekt im Bereich von automatisch generierter Kunst in Bewegtbild und Ton. Der Italiener hat mit „Adversarial Feelings“ gerade sein Debütalbum fertig gestellt, das – dem avantgardistischen Sujet angemessen – in einem speziellen Format erscheinen wird: als SD-Karte und Buch (13.2., Undisclosed Recipient). //RRRhund\

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Post Punk/Kraut: Im Video zu „Drink and glide“, der neuen Single, bitten die Snapped Ankles zur Business-Yogastunde im Park. Einer der Fortgeschrittenen im Bürodress hat danach die Hüfte schön frei für ein bisschen Street Dance Action. Sehr witzig, der Streifen wäre im MTV-Zeitalter vielleicht sogar Kult geworden, wenn die Thematik nicht so perfekt in die Jetztzeit passen würde. Nächstes Frühjahr hüpft die krautige Post Punk-Formation aus London mal für ein paar Termine mehr über den kleinen Teich, aber leider ist alles furchtbar weit weg … Holländer müsste man sein. //RRRhund \

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Dream Pop/Shoegaze/New Wave: Das italienische Trio Be Forest hat gerade die nächste Single zum im Februar erscheinenden, neuen Album veröffentlicht. Das atmosphärische „Bengala“ fischt im epischen Teich des Trios aus Pesara, der sich immer noch aus den Quellen Dream Pop, Shoegaze und New Wave speist. Wunderbar („Knocturne“, 8.2., We Were Never Being Boring Collective). //RRRhund\

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Funky Post Punk/Political Disco: Da würde ich doch glatt einen Zusammenhang mit Crack Cloud, den aktuellen kanadischen Shooting Stars, sehen (weil es eben auch Besetzungsüberschneidungen gibt). N0V3L aus Vancouver verfolgen eine ähnliche Route, halten ihren Post Punk tanzbar und die Gitarren scharf und clean, die Texte politisch. Ein kreatives Kollektiv, das ein Haus in Vancouver belebt(!). Musik für ausgebrannte Tanzflächen, die zum Forum, zum Ort des Dialogs über politische Aktion und Widerstand geworden sind – Entertainment und Sozialkritik in einem, so stellen die Sechs sich das vor („NOVEL“, 15.2., Flemish Eye Records). Für eine Liveaudienz auf der ersten Tour muss man leider wieder ziemlich weit fahren, aber dafür spielen am gleichen Abend auch die grandiosen Pill aus New York (6.2., Luxemburg, Rotondes). //RRRhund\

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Post Punk/Kraut/Psychedelic: Auch im Mutterland der Nicht-Bewegung tobt die Nu Kraut-Welle schon längst (die ja auch in unserer Radiosendung beim Bermuda.funk gerade abgefeiert wird, checkt mal die zweite Kraut-Folge am 28.12. um 20 Uhr). Vor Ewigkeiten hatte ich an dieser Stelle bereits Love-Songs aus dem Norden sowie Die Wilde Jagd aus dem Westen vorgestellt. Nun also Die Türen, die „Haus- und Hofband“ des Staatsakt-Labels, die sich im Januar anschickt ein monströses Triple-Album namens „Exoterik“ zu veröffentlichen (bei Sony Records … natürlich nicht! Aber am 25. Januar – das stimmt wirklich). Der beliebteste Koordinatensatz der letzten fünf Jahre im Indie-Gitarrensektor, also Post Punk, Kraut und Psychedelic, gilt auch für das Quintett von überall (hauptsächlich aber aus Berlin wie etwa der Labelkopf Maurice Summen). Das Besondere am Ansatz der Band ist die inhaltliche Schärfe bei unwiderstehlichem Mitsingfaktor – das gilt zumindest für die SIngle „Miete Strom Gas“: ein echter Kracher zwischen 60s Psych-Gitarre, motorischem Kraut-Beat und Monster-Hookline. Syd Barrett-Pink Floyd meets Berliner Schule, das Ergebnis reitet einen minimalistischen Groove, im Chorus covern Trio die Godfathers … mit durchschlagendem Erfolg. 5.2., Karlsruhe, Kohi-Kulturraum, ihr wisst Bescheid. //RRRhund\

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Alternative Rock/Post HC Rock/Emo: Einfach weil ich mal wieder Bock auf so ’ne Geschichte hatte. Citizen aus Michigan hätten sich in der Indie-Gitarrenlandschaft der 90er recht wohlgefühlt. Das legt zumindest die ziemlich gute, aktuelle Single „Open Your Heart“ nahe, die mit dem typischen Post HC-Gitarren-Stakkato der frühen 90er, Marke Ostküste, einsteigt, um dann in melodischere, schwer romantische, warme Vibes aus dem Emo-Bereich abzubiegen und schließlich in einem wunderbaren, winterlichen Piano- und Strings-Arrangement landet. Passt gut zu Weihnachtsplätzchen und Herzschmerz. Zucker. //RRRhund\

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Electro/Synth Pop: „Baby I can drive my car“ … und zwar als Frau in Saudi-Arabien. Mit gefühlt 500 Jahren Verspätung. Ein gewohnt bissiger Kommentar der Berliner Underground-Ikone Gudrun Gut (DIN A Testbild, Mania D, Malaria!), die nach einigen Jahren Veröffentlichungspause mit „Moment“ gerade ein neues Album rausgehauen hat, das zwischen Electro, Avantgarde und Spoken Word-Passagen changiert. Hatte gerade viel Spaß mit dem Retro-Video, das mich mit seinem historischen Bluebox-Verfahren an die Formel 1-Zeiten der 80er erinnert. //RRRhund\

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Experimental/Kraut/Post Rock/World: Hui, das ist mal eine Metamorphose. Das experimentelle Projekt Liberez aus dem südenglischen Southend-on-Sea (nomen est omen) hat ja schon ein paar Veröffentlichungen mit verschrobenem Zeug bei den Post Punk-Szene-Platzhirschen Nightschool und Alter draußen. „Way Through Vulnerability“, das neueste Werk auf Alter hat aber stilistisch ein ganz anderes Level erreicht. Bisher hatten wir schon Elemente aus Avantgarde und Industrial im Sound des Kollektivs verortet, die auch weiterhin wahrnehmbar sind, im Identitätskern bleiben. Die neuen Mitglieder Reay, Saunders and Ugarteburu bringen aber zusätzlich so unterschiedliche Elemente wie krumme Flamenco-Taktungen und fieberartigen Tribal Ambient in das Projekt ein. Da ist es schon fast ein Wunder, dass das Gesamtwerk nicht zur kunterbunt-beliebigen Hupfdohlenveranstaltung mutiert. Denn im Gegenteil: Uns erwartet ein subtiles, vielschichtiges, mehrdimensionales, psychedelisches Spektakel. Enorm spannende Platte. //RRRhund\

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Alternative/Voodoo Fire Leftfield/Avantgarde Pop: Carvaggio auf links gedreht. „Girl With Basket of Fruit“, die neue Platte von Xiu Xiu, kommt tatsächlich bereits im Frühjahr … und das Artwork ist präapokalytisch violett. Die Platte wurde diesmal mit einer Unmenge alter und neuer Mitstreiter, also in großer Besetzung, eingespielt und enthält auffällig viele Voodoo-artige Percussion-Elemente, die zum Großteil auf die Kappe der haitianischen Percussion-Musiker Emmanuel Obi und Ayo Okafor gehen. Außerdem sind auch alte Bekannte wie Eugene Robinson (Oxbow) oder die Bass-Koryphäe Devin Hoff am Start. Die erste Hörprobe „Scisssssssors“ ist selbst für die außerordentlichen Verhältnisse der Schräglinge aus L.A. far out, brodelt heißes Zeug aus. Im Video präsentieren sich Angela Seo, Jamie Stewart und Co. mit allerlei Anspielungen auf magische Riten und Glaubenssysteme. Die europäische Fassung des Albums wird übrigens beim Leipziger Label Altin Village & Mine erscheinen, das aktuell gefühlt jeden Monat an Renommee zulegt („Girl With Basket of Fruit“, 8.2.). Im März sind Xiu Xiu dann live auf dem sehr empfehlenswerten Psych in Bloom-Festival im Komma in Esslingen zu Gast, und das in außergewöhnlicher Besetzung: Neben Stewart stehen noch Thor Harris (Swans) und Jordan Gieger (von Shearwater) auf der Bühne (16.3.). Da außerdem auch noch Hochkaräter wie die Throw Down Bones oder The Oscillation angekündigt sind, sollte man sich dieses Wochenende im Kalender für einen Ausflug ins Schwäbische fett markieren. //RRRhund\

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Alternative/Electronic/Post Punk/Post Hip Hop: Knaller. Was Farai auf ihrem Debütalbum zusammen mit dem Produzenten TONE abliefert ist ein aufregender Bunt-Unbunt-Kontrast. Eine aufregende Mischung aus grauen Post Punk-Synths, den bunten Grooves von Marc Pell (von Micachu & The Shapes), den farbenfrohen Vibes der South East London-Distrikte und eben der dichten, punkigen, urbanen Lyrik von Farai Bukowski-Bouquet selbst, die – was auch deutlich wird – ein MItglied der afrikanischen Diaspora in der britischen Hauptstadt ist. Ein energischer, mitreißender, bunter Hund von Platte. //RRRhund\

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Alternative/Queer Fetish Dance: „Flex, or: How I Learned To Stop Worrying And Embrace My Fragile Masculinity“ Huch, die schon wieder – und schon wieder ganz anders. Die stilistischen Chameleons von HMLTD (sprich: Humiliated) hatten ja jüngst David Ball von Soft Cell zu seinem ersten Remix seit gefühlt einem Jahrzehnt verleiten können, und haben hier schon wieder einen Kracher am Start. Diesmal ist das Post Punk-Sextett aus London mit Gastsänger/-in (wer weiß das schon – und darum geht’s hier auch ein bisschen) Xvoto.Delete in einer schrillen, Gender-Dance-Verorgelung unterwegs, die mit allerlei Fetisch- und SM-Anspielungen im Pop-Kontext daherkommt. Spannend allemal. //RRRhund\

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Electronica/Modern Synth Pop: Im Oktober war hier bereits die exzellente Uptempo-Single „Routine“ von Finlay Shakespeare zu hören. Nun legt der noch sehr junge Produzent aus Bristol im Februar beim Wiener Label Editions Emego sein Longplayer-Debüt vor. Das Album ist komplett in Live-Sessions entstanden und wurde dann erst spät nachbearbeitet – vielleicht erklärt sich so einzigartige Energie, die sich auch aus verschiedenen Pionierphasen elektronischer Substile speist. Die Scheibe ist voller frischem, energischen Electronica-Pop – eine sehr gelungene Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart. Hier der Album-Opener„Luleå“ – grandioser Electro Funk mit schönen Pop-Hooklines und Cabaret Voltaire-Sequencer. („Domestic Economy“, 1.2., DoLP oder digital bei Edition EMEGO). //RRRhund\

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Alternative Rock/Noise Rock/Psych Rock: Jon Perry, der Drummer von GNOD und Al Wilson, der Bassist und Sänger von GHOLD, haben sich für ein neues Projekt zusammengetan. Unter dem Namen SHUCK servieren die beiden rotzige Noise Rock-, Punk-und Psych-Hymnen, die ihren jeweiligen Ursprungsbands einiges in Sachen melancholischem Pop Appeal und euphorischer Energie voraus haben. Live wird sich dann noch Andy Jackson an der Gitarre hinzugesellen. Die erste Veröffentlichung heißt „Wunder“ EP, die erste Hörprobe „Aliens“. //RRRhund\

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Post Punk: Die Veröffentlichung des Die Nerven-Albums „Fun“ im Jahr 2014 hat – das fällt insbesondere jetzt in der Rückschau auf – in breiter Fläche recht langfristige Wellen des Einflusses entfacht. Es tauchen auch jetzt immer noch Bands auf, die die Stilistik und den Sound dieses Meilensteins in irgendeiner Form wahrgenommen und weiterverarbeitet haben. Das gilt zum Beispiel auch für „I’m sorry“ von Kala Brisella – vor allem der Gitarrensound und die Dynamik der Rhythmusgruppe erinnert bei dieser Single sehr an den Post Punk-Sound aus Stuttgart. Vocals und Text haben dagegen mehr vom angenehmen Teil der Hamburger Schule (Schorsch Kamerun, Goldene Zitronen). Aber all das ändert sowieso nichts daran, dass „I’m sorry“ vom zweiten Album des Trios aus Berlin, eine gute, eine mitreißende Nummer ist („Ghost“ ist bei Tapete Records erschienen). //RRRhund\

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Alternative/Dream Pop/New Wave: Ein trügerisches „Land of security“ überfliegen die Engländer The Faded North im neuen Retro-Touristen-Video zur aktuellen SIngle. „Security“ kommt mir tiefblauer Gitarre, atmosphärischem Gesang und gleichmäßig rollender Rhythmusgruppe. Am Schluss hat die Band dem Arrangement einen Spannungsbogen verpasst, auf den die Foals zur „Total Life Forever“-Phase oder auch DIIV beim letzten Album stolz gewesen wären. Zu finden ist der Song auf der brandneuen EP der Wahl-Wiener, die heute erschienen ist („What Did I Miss?“, 7.12.). //RRRhund\

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Indie Rock/Kraut Pop/Post Punk Dub: Auf dem Londoner Kult-Label Fuzz Club Records ist gerade „Vonal-Axis“, die fünfte LP der Franzosen Steeple Remove, erschienen. Eine angenehme Mischung aus Shoegaze-Drones, kosmischem Psych Pop und angedubbtem Post Punk: die aktuelle Single „Ferris noir“. //RRRhund\

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Indie Rock/Shoegaze: Toller Song der Australier Earache. „Voices“ ist klassisches Indie Rock-Material mit starkem C86- und leichtem Shoegaze-Touch – starkes Songwriting ohne Schnörkel. Ein Ohrwurm, der irgendwo zwischen My Bloody Valentine, den Pastels, Talulah Gosh und dem typischen Label-Sound von Sarah Records einpendelt. Das stimmige LowFi-Video für das Duo aus Canberra hat Tim Guthrie zusammengeschustert („Last“, 9.1., Black Wire Records / Lacklustre Records). //RRRhund\

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Psych Rock/Noise Rock/Experimental Rock: Auch die zweite Vorab-Single von der neuen Gum Takes Tooth-Scheibe knallt. „Borrowed Lies“ wiegt sich zwar in einem 6/8-Groove, der an die Kölner Kraut-Götter Can erinnert, knarzt und fetzt aber dafür an einigen Ecken und Enden ganz schön. Sehr eigenständiger Psych Rock mit eleganten, hochklassigen Arrangements und einer fein eingewobenen Noise-Kante im Sound (das Album „Arrow“ kommt im Januar bei Rocket Recordings). //RRRhund\

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Dread Dub: Ja genau, Dub in überhaupt nicht sonnig, sondern in stockfinster – das ist so ein Mikrotrend der letzten beiden Jahre. Nachdem der Industrial- und Dark Ambient-Veterane Lustmord bereits letztes Jahr mit Mitstreitern unter dem Namen Dread (sic!) ein brilliantes, dunkles Dub-Album abgeliefert hat, folgt jetzt die Formation G36. Die Anarcho-Dub-Punks aus Nagasaki haben Ende November mit ihrer „Floor Weapons Vol.1“-EP auf Pressure minimalistisch-langsame und brutal übersteuerte Mutanten-Dancefloor-Waffen abgeliefert, die von Manga, Science Fiction und SM inspiriert sind und bei DJs wie Don Letts, Ossia und JK Flesh bereits rauf und runter laufen. Embrace the dub darkness. //RRRhund\

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Electronic/Forward/Grime: Alle Warnlämpchen auf Rot. Ein Track aus einer Elektronikecke, die normalerweise nicht meine Baustelle ist – weil diese Horrorstrings à la Hitchcock und der eiskalte Aliengesang einfach Beachtung verdienen, nachhaltig Eindruck machen, gibt’s mir einem halben Jahr Verspätung „Rude“ von Shygirl; wie die Sternstunde eines Cyber-Horror-Soundtracks – wohl einer der Singles des Jahres in dem Bereich („Cruel Practice“, NUXXE). //RRRhund\

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Deconstructed Post Punk/Abstract Art Rock: Die englischen Housewives befinden sich im Anflug auf den zweiten Longplayer, der im Frühjahr 2019 beim Londoner Hauslabel Blank Editions erscheinen wird. Jetzt gibt’s schon mal die erste Vorabsingle „Speak to me“ zu hören, die im Vergleich zum Material vom ersten Album erkennen lässt, dass der Band das Kunststück gelungen ist, die Konturen der Arrangements zu schärfen, den Abstraktionsgrad der Stilistik aber gleichzeitig weiter zu erhöhen. Im Video folgen wir typischen Sequenzen in Google Street View – ein Spiegel der Frustrationen und der Entfremdung, die das Individuum im Alltag der digitalen Welt erleben kann. //RRRhund\

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Hardcore/Noise Rock: Cocaine Piss, die belgischen Hardriegel mit der sehr energischen Sängerin Aurélie, hatten wir schon mal (waren ja dieses Jahr auch beim Maifeld Derby am Start – natürlich im Brückenaward-Zelt). Das Quartett aus Lüttich hatte sich die letzten Monate wieder nach Chicago ins Electric Audio-Studio zurückgezogen, um mit Produzentenlegende Steve Albini das zweite Album einzuspielen (das kommt dann im Frühjahr bei Hypertension Records). Von den fertig gestellten Ergebnissen ist die Band so euphorisiert, dass sie uns schon mal ein Stückchen Kuchen mitgebracht hat – allerdings zu einem Kaffeekränzchen, bei dem’s mal kurz und zackig aufs Maul gibt, weil die Band den Kuchen letztendlich doch für sich behält. Damit der Spaß nicht gar zu kurz ist – die beiden frischen Tracks haben so einen gewissen Japan-Touch und pendeln um die 1-Minuten-Marke ein – wurden noch ein paar Remixe mit Material vom Debüt hinzugefügt. Draußen am Freitag („My Cake“ auf lim. 12″ oder digital, 7.12., Hypertension Records). //RRRhund\

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Electronic/Ambient: Der Klangkünstler Tomasz Bednarczyk zählt in der Ambientszene der letzten zwei Dekaden zu den Meistern seines Fachs. Nach fast zehn Jahren ohne Veröffentlichung (in diesem Genre) ist auf Lawrence Englishs australischem Label Room40 mit „Illustrations For Those Who“ gerade ein neuer Longplayer des Polen erschienen, der mit einem minimalen Set-up entstanden ist; die Quelle des Tiefgangs eher in der akribischen Erforschung einzelner Klangquellen als im vielfachen Aufeinanderschichten sucht. Die Texturen sind dabei absichtsvoll jenseits der Perfektion gestaltet, Rauschen und Knistern sorgen in Zusammenhang mit der Tönung der Flächen tatsächlich für elektroakkustische Wärme. Schöne Scheibe, ich begebe mich mal auf die Jagd nach der CD. //RRRhund\

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Experimental/Doom meets Indonesian Tradition: Mal was ganz anderes – indonesische Avantgarde, so muss man das wohl nennen. Völlig abgefahrene Mischung vom Duo Senyawa aus Jogjakarta. Wukir Suryadi sorgt für den gesamten Klangteppich, der sowohl mit traditionellen indonesischen als auch mit selbstgebauten Instrumenten zum hintergründig brodelnden Leben erweckt wird. Oben drüber liegen die völlig irren, hypnotisierend-theatralischen Gesangseinlagen von Rully Shabara. Senyawa gelingt hier eine abgefahren doomige Synthese aus folkoristischen Elementen und diversen westlichen Experimentalgenres. Crazy stuff. //RRRhund\

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Post Punk/Electro/Synth Wave/EBM/Industrial Dance: Neues vom australischen Produzenten Kris Baha – „In your arms“ ist der Titeltrack der neuen 12″-EP für das in Berlin ansässige, Italienische Label She Lost Kontrol. Ein veritabler Hit aus dem Feld zwischen Industrial- und EBM-beeinflusstem, dunkel Electro, der durch die emotionalen Vocals, das Aufarbeiten eines profunden Verlusts, an Wucht gewinnt. Demnächst auf jedem gut sortierten schwarzen Floor. //RRRhund\

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Synth Wave/Power Wave: „Paris – La Nuit – L’Ennui – Exquis – Personne – N’envie – La Lune – Ici.“ Den jungen Mann aus Paris hatte ich bis jetzt auch nicht auf dem Schirm, bevor gestern die Ankündigung für den neuesten Veröffentlichungs-Batch des exzellenten spanischen DIY-Labels Oraculo Records reingeschneit ist. Dabei zählt Sydney Valette schon seit einigen Jahren zu der in letzter Zeit sehr aktiven Szene Underground-orientierter, französischer Wohnzimmerproduzenten, macht seinen Kram also alleine zuhause und kommt dabei zu erstaunlich starken, dunklen wie romantischen Ergebnissen. Eine ganze Latte an EPs und 7″es sowie drei Longplayer sind seit 2011 bereits erschienen – in der Werkschau zeigt sich eine kreative, stilistische Spreizung im dunklen Electronik-Bereich, dennoch aber eine enorme Fokussierung des Heimwerkers: Valette weiß immer genau wie er klingen will, das hört man. Vorstellen möchte ich euch Valette mit einer klasse Nummer, die seiner Heimststadt gewidmet und auf einer 7″ von 2014 zu finden ist: „Paris“. Aber zurück zu Nico von Oraculo Records, der gerade eine neue 12″-EP namens „Space And Time“ angekündigt hat (28.11., digital oder 12″ Vinyl), die im Vergleich tatsächlich eher mit spaceigem Material bestückt ist. Vinyl lohnt sich bei Oraculo übrigens: Die Pressungen sind immer exzellent, und so ist es auch kein Zufall, dass das Label bei DJs aus der schwarzen Szene ein echter Geheimtipp ist (war … hihihi). „Fight back“, der Longplayer-Vorgänger vom Februar 2018, ist definitiv etwas härter, und war wohl auch ein Stückweit ein Durchbruch für den Pariser Produzenten. //RRRhund\

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