+Kurz rausgehackt: Februar 2020

Electronic/Experimental: „Wist and Wrath in equal measure.“ ANA ist ein recht frisches, neues britisches Underground-Label, das sich rohen elektronischen Experimenten zwischen dem Dancefloor und der Wohnzimmer-Couch verschrieben hat. Bereits im vergangenen August ist aus Anlass des ersten Label-Jubiläums mit „Diktat“ eine erste programmatische Compilation des Labels mit Sitz in London und Manchester erschienen, die die stilistische Spreizung der Labelkünstler illustriert. Von Dub Techno über düstere Step-Tracks bis hin zu abgespaceten Experimentaltracks reicht die Spannweite der neun Tracks FFO UVB-76, Horo, 5 Gate Temple //RRRhund\

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Electronic/Experimental IDM/Mutant Crossover: Wenn man schon nach wenigen Takten einen Energieschub, einen Tritt in den Arsch kriegt, ist das im Elektronikbereich vermutlich die Definition von „fresh“. Hausu Mountain mal wieder mit einem Ausrufezeichen in der gleichförmigen, wöchentlichen Release-Wolke – „Pure Mud Volume 7“ (20.3.) von Prolaps ist eine Sammlung irrer IDM-Tracks, bei denen Pop-, Techno-, Nu Metal- und Noise-Elemente zu einer bunten, adrenalingetränkten Mischung vermengt werden, die sofort ins Hirn poppt. Dig it! //RRRhund\

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Electronic/Minimal Pop/Dub: Nochmal Frankreich, nochmal Charmeattacke. Einen ebenso schrägen wie einnehmend vor sich hinstolpernden, synthetischen Depro-Pop-Song mit Minimal-Dub-Twist-Nicht-Groove haben Scarlatine mit „Crier dans la mer“ zusammengeklopft. Eine ganz eigen- und einzigartige Stilmischung. Love it or leave it! //RRRhund\

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Alternative/Post Punk/Minimal Pop: „Ich brauche niemanden, der mich an die Hand nimmt“, war schon das Motto auf der ersten Scheibe von 2016. Jetzt sind die ultracoolen Französinnen Tôle Froide mit einem neuen Album zurück („La Redoute“, gerade bei Le Turc Mecanique / AB Records / Kakakids / Mon Cul c’est du Tofu erschienen). Die Rhythmusgruppe baut bei den elf Tracks des Albums auf einfache Post Punk-Strukturen, Gitarren sucht man im Klangbild des Trios aus Lyon wie immer vergebens. Definitiv kein Manko, sorgen doch die Orgel- und Keyboardsounds von Leslie für das besondere Salz in der Soundsuppe. Dominiert werden die simplen wie großartigen Songs, die gerne auch mal als 40-sekündige, minimalistische Miniaturen daherkommen, jedoch wie immer vom ultracharmanten Gesangsstil von Morgane und Pauline. Doch täuscht euch nicht: was manchmal recht pastellfarben klingt, ist in den Texten bissig und stachelig, vielschichtig und unberechenbar. Klasse. //RRRhund\

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Underground Hip Hop: Kriminell guter Flow – Hip-Hop-Stunner auf Irong Lung(!). Luke Sick, einer der besten Underground Rapper der West Bay, hat sich mit Wolfagram, einem der besten westkanadischen Produzenten zusammengetan, und ein Tape zusammengeschustert, das an die goldene, rohe, kreative Phase des Genres in den End-80ern und Früh-90ern erinnert. Also an eine Zeit, zu der sich Hardcore und Hip Hop spirituell so nahe standen wie nie wieder danach. Als es ganz normal war, Public Enemy und Attitude Adjustment, die Beatnigs und LARD zu hören. Also an eine Zeit, bevor alles in einem kommerziellen Scheißhaufen versank und nur noch die Dollarzeichen in den Augen der Protagonisten rotierten. So vereinfacht, blauäugig und naiv möchte ich das jetzt gerade sehen, und daran ist dieses Tape auf Iron Lung Schuld („Yegg War“, 13.3.). //RRRhund\

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No Core/Post Hardcore: Als ob die Residents sich seit neuestem einer mächtig schrägen Mischung aus No Wave und noisigem Post Hardcore verschrieben hätten. Das ist mein Eindruck der New Yorker Formation Shimmer, ein Quartett aus Brooklyn, das aus Mitgliedern von Palberta, Tredici Bacci und Guerilla Toss besteht, und auch visuell, insbesondere mit den außergewöhnlichen Videos, zu überzeugen weiß. Hier die Single „To the left“ vom Album „And I Revel“, das im November bei Decoherence Records erschienen ist. //RRRhund\

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Surreal Psych Pop Suite: Magnum Opus auf Sacred Bones Records. Caleb Landry Jones kennt man eigentlich als Schauspieler, unter anderem aus dem Twin Peaks-Universum (er spielt in der dritten Staffel Steven Burnett). Nun stellt sich heraus, dass der Künstler von der Westküste ein Multitalent ist – Jones debütiert nämlich im Mai auf dem New Yorker Kultlabel mit einer epischen Psych Pop-Scheibe („The Mother Stone“, DoLP, 1.5.). Schon der siebeneinhalbminütige Album Opener „Flag Day / The Mother Stone“ ist mehr komplexe Suite als klassischer Song, kommt mit opulenter Instrumentierung, mit Streichern und einer klanglichen Achterbahnfahrt, mit vielschichtigen, scheinbar undurchdringlichen Arrangements daher. Der Song scheint in einer Art Zwischenwelt zu existieren, irgendwo zwischen Traum und physischem Kontinuum. Ein bisschen, als ob in einem surrealen, transgressiven Zirkus-Paralleluniversum die verschwurbelsten psychedelischen Momente der Beatles auf das dunkle, unergründliche Universum von David Lynch treffen. Musikalisch genauso irre wie visuell: das Video. Leute, ich glaube hier kündigt sich ein Meisterwerk an. Die Scheibe auf bandcamp. //RRRhund\

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Alternative/Shaman Electro Pop/Trip Hop: Mal ganz anderer Sound aus dem belgischen Ghent. Die Electro Pop-Formation Rumours vermischt tropische Elemente mit Trip Hop, Wohnzimmer-Electro und Ambientflächen. Hannah Vandebbussche, Stefanie Mannaerts und Jonas Boermans produzieren bereits seit einigen Jahren ihren atmosphärischen, mythisch aufgeladenen Sound und haben nach der „Infant EP“ (2015) und dem „Megamix“ Album (2018) mit „How Many Roses“ (bei Sentimental Records erschienen) gerade ihre dritte Veröffentlichung am Start. Hier das Video zur Single „Fearless“, die programmatisch für die Mentalität und Experimentierfreude des Trios steht. FFO The Knife, Björk, Zola Jesus, Crystal Castles //RRRhund\

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Power Pop/No Wave/Post Punk: Vor ein paar Wochen hatte ich die Formation Public Practice aus dem Big Apple vorgestellt, die das New Yorker Erbe der Endsiebziger in die Neuzeit transportiert. Jetzt hat das Quartett um die eingängige Sängerin Sam York und das musikalische Mastermind Vince McClelland (vorher bei Wall) mit „Gentle Grip“ den ersten Longplayer angekündigt (15.6., Wharf Cat Recorda). Pop Appeal und tanzbarer Drive zwischen B-52s und Pylon: die erste Single „Compromised“. Die Scheibe auf bandcamp. //RRRhund\

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Ambient/Soundtrack: Die niederländische Regisseurin Esther Kokmeijer hat sich in den letzten Jahren auf die gewaltigen Naturschauspiele der Antarktis konzentriert – liefert in ihren „Stillness“-Filmen atemberaubende Aufnahmen von Eisbergen und der Eistundra. Kongenialer Partner beim Ton ist der Landsmann Rutger Zuydervelt, den man im musikalischen Terrain hauptsächlich durch sein Projekt Maschinefabriek kennt. Auf „Stillness Soundtracks II“ (Ende Januar bei Glacial Movements erschienen) liefert er eisige, gläserne Flächen monumentalen Ausmaßes, die einen auch akustisch tief in die weiße Landschaft führen, die Kokmeijer für uns so eindringlich festgehalten hat. Ein wahres Ambient-Meisterwerk. FFO Biosphere. Der Soundtrack auf bandcamp. //RRRhund\

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+++BLAST FROM THE PAST: Mal was ganz anderes auf Nightschool Records – „Znayesh Yak? Rozkazhy“ (etwa „Weißt du wie? Sag’s mir“) ist eine Sammlung von experimentellen Folk-Songs, die Svitlana Nianio & Oleksandr Yurchenko in den 90er Jahren in der Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion in der Ukraine aufgenommen haben. Die beiden langjährigen Protagonisten der geheimnisumwitterten Novaya Scena von Kiev pflegen auf dem Album einen sehr eigenständigen, intimen, reduzierten Arrangementstil, der oft nur mit Yurchenkos geklöppeltem Hackbrett und Keyboard-Melodien von Nianio unterlegt ist. Das Ergebnis klingt dann manchmal so, als habe man die unschuldigen Anteile des Wickerman-Soundtracks in die Eislandschaft der russischen Tundra transportiert. Magisch märchenhaft. //RRRhund\

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Blackest Ever Black-Special von Carla dal Forno auf der Londoner Radiostation NTS

Label Special: Das Ende des Londoner Kult-Labels Blackest Ever Black hat vergangenes Jahr eine große Lücke gerissen. Als kompromisslos freigeistiger, experimenteller Vertreter einer Musikwelt ohne Genreschranken hat das geschmackssichere Label von Kiran Sande jahrelang auch immer wieder für musikalische Highlights auf unserem Blog gesorgt und wird bereits schmerzlich vermisst. Die ehemalige Blackest Ever Black-Künstlerin Carla dal Forno hat im November auf der Londoner Radiostation NTS einen ganz persönlichen Rückblick auf das Labelprogramm zusammengestellt. Hört mal rein. Daniel Cole hat sich auf bandcamp daily, dem Musikblog der beliebten, digitalen Musikplattform, ebenfalls gerade mit dem Erbe von Blackest Ever Black beschäftigt. //RRRhund\

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Electronic/Release Party: Mit „Brutalist Constructs“ stellt am Samstag das kleine Mannheimer Label auxweg aus der misere seine erste Vinylveröffentlichung im Rahmen einer Release-Party im Büro Brutal vor. Auf der 12″ gibt es vier mal clubige, mal experimentelle Elektronik-Tracks von DSH, Conti, Dogpatrol und C3llardoor zu hören, die stilistisch zwischen Techno, Vapor Wave, Trap, experimentellem, rohen House und ungeschliffenen Wohnzimmer-Experimenten changieren. Undergroundige Elektronik verschiedener Coleur und damit sehr sympathisch. Bin schon sehr gespannt, was die Jungs (well, my guess) in Zukunft abliefern werden. //RRRhund\

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Electronic/Psych Dance/Electro/Dub: Neues aus dem Universum von Tesla Tapes, dem kultigen Kassetten-Label aus dem Umfeld des Gnod-Kollektivs. Morgens um Fünf, wenn’s einem im Club schon neblig im Kopf wird, und alles in einem rauschhaften Fluss von Farben und Klängen verschwimmt, hat die Uhr dieses Projekts geschlagen. Dwellings X Locean ist eine Kollaboration von Gnodbod-Mitbegründer Chris Haslam und der Locean-Sängerin Lauren Bolger. Klar pulsierende Trap-, Dub-, Techno- und Pop-Beats werden mit traumhaften Klangflächen, vor allem aber mit dem betörenden wegschwimmenden, hypnotisierenden Gesang von Bolger überlagert und sorgen dafür, dass der Dancefloor zur luziden Projektionsfläche wird. Ganz toll („Which Myth Are You Living?“, 50 Tapes oder digital auf bandcamp). //RRRhund\

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Experimental Psych Rock/Psycho Wave: Locean sind eine Band aus Manchester aus dem Umfeld des Gnod-Kollektivs. Lauren Bolger (Gesang), Jefferson Temple (Gitarre), David McLean (Bass), Neil Francis (Tapes und Electronik) und Jon Perry (Drums) servieren auf „Chav Anglais“ (im November bei Artifical Head Records erschienen) eigenartig schleppenden, experimentellen Psychedelic Rock, der durch den halb-luziden aber eindringlichen Gesang von Bolger erst richtig zur Droge wird. Musikalisches Heroin. //RRRhund\

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Post Punk meets Depressive Americana: Anytime Cowboy ist ein weiteres Soloprojekt von Reuben Sawyer von The Column. Auf seinem Debütalbum für Third Coming Records (s/t, 28.2.) präsentiert Sawyer jangly Post Punk-Songs, die mit einer Art Americana auf Anti-Depressiva gekreuzt wurden, und schafft so eine ganz eigenartige, zugleich teuflisch ausgebrannte und attraktive Atmosphäre. Hier die Hörprobe „On the narrow streets“. //RRRhund\

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Synth Pop/Bedroom Pop: The Column ist das musikalische Soloprojekt des Illustrators Reuben Sawyer. Auf „Sparrow’s Tongue“ präsentiert er seine wohlgeformten Synth Pop-Songs, die sich an den Fallstricken der modernen Welt abarbeiten und an die charmante LoFi-Ästhetik von Black Marble erinnern. Hier die Hörprobe „Tastes the same“. //RRRhund\

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Alternative/Kraut: In ein psychedelisches Klangbad legt uns das mexikanische Duo Lorelle Meets The Obsolete auf der neuen EP „Re-Facto“ (Sonic Cathedral, 13.3.). Das gilt insbesondere für den Pye Corner Audio-Remix des Titeltracks, der einen mit schwebenden Krautflächen und sanft pulsierender, elektronischer Percussion sanft auf die Couch drückt und in einen Halbtraum wiegt. //RRRhund\

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Dream Pop/Cold Wave/Shoegaze: Die habe ich schon einmal im Radio gespielt, die Topographies, aber an dieser Stelle gefeatured hatte ich das Trio aus San Francisco noch nicht. Die Band war mir zum ersten Mal als Teilnehmer einer der berühmten Part Time Punks-Sessions der schwarzen Westküsten-Szene aufgefallen – ein ätherisch-verträumter Shoegaze-Stil, der sich auch auf der tollen „Cherry Blossom“-Single (im August bei Sonic Cathedral erschienen) niedergeschlagen hat. Auf ihrer neuesten Veröffentlichung, der „Difference & Repetition“-EP, haben sich die Drei in dunklere Soundgefilde bewegt, die vier melancholischen Dream Pop-Songs mit repetetiven Cold Wave-Strukturen organisiert, und zelebrieren ihre selbst geschaffene Klangwelt zugleich mit schwebender Eleganz. Wieder sehr schön. //RRRhund\

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Psych Sludge/Kraut Noise Rock: Die neuesten Könige lyrischer, psychedelisch-repetetiver Noise Wände heißen Twin Sister. Die Band mit Mitgliedern von den Dead Neanderthals, Sex Swing und Mugstar kommt komplett ohne Gitarre aus. Jason Stöll, Otto Kokke und Renë Aquarius erzeugen ihre emotionalen Effekte anstattdessen mittels verzerrter Keyboard- und Bassflächen, die von minimalistischen aber wuchtigen Drumpatterns unterlegt werden. Enorm. Hier die Hörprobe „Drab“ (s/t, 17.4., God Unknown). //RRRhund\

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Psych Rock/Fuzz/Stoner/Heavy Shoegaze: Dieses Quintett ist in der britischen Psych-Rock-Szene eine moderne Legende. Helicon aus Glasgow hatten in den 2010er Jahren schon unzählige Shows gespielt, bereits etliche EPs veröffentlicht, bevor 2017 schließlich der erste Longplayer bei Fuzz Club Records erschien und auch international ordentlich Aufmerksamkeit erregte. Jetzt steht mit „This Can Only Lead To Chaos“ (auch bei Fuzz Club draußen) der Zweitling in den Regalen und schreibt die Fuzz-geschwängerte Geschichte der schottischen Band weiter. Heavy Psych-Rock mit gelegentlichem Sitar-Einsatz, der auch Ausflüge ins Stoner- und Shoegaze-Terrain wagt. //RRRhund\

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Garage/Noise/Hardcore: Absolut sehenswert ist das Video zu „All is lost“, der zweiten Single von Wasted Shirt (Garagenrocker Ty Seagull und Lightning Bolt-Drummer Brian Chippendale). Dafür sorgt die abgefahrene Stop-Motion Animationstechnik mit Tonstrukturen und MRT-Aufnahmen, die Regisseur Adam Davies für die Produktion eingesetzt hat. Musikalisch gibt’s wieder röhrende Fuzz-Sounds im Breitwandformat und Chippendales polterndes Drumming auf die Ohren. Geilo. //RRRhund\

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Experimental Electronic/Rhythmic Instrumentals/Avantgarde: Ha, auf das Video hatte ich nach Auftauchen des Teasers zwei Wochen gewartet, und dann doch den Release-Zeitpunkt verpasst. CEL ist eine Kollaboration des Avantgarde-Künstlers Felix Kubin mit dem Drummer Hubert Zemler. Das deutsch-polnische Duo hat am Freitag via Bureau B einen fulminanten Debüt-Longplayer rausgehauen und präsentiert bei den sieben Instrumental-Tracks eine Art irres halbelektronisches Testlabor für rhythmische Kadenzen und elektrostatische Entladungen. Das Ganze wird mittels Vibraphon, Xylophon und einiger afrikanischer Percussion-Elemente noch mehr Richtung Irrenhaus getrieben. Auf jeden Fall eine Form von Wahnsinn, die Methode hat, denn die reduzierten, aber vielfach überlagerten Rhythmuspatterns von Zemler passen ganz hervorragend zu den ruhelosen, unberechenbaren Elektronikverspulungen von Kubin. Zusammengehalten hat die ganze Sache der Hamburger Produzent Tobias Levin, der sich mittlerweile hauptsächlich mit Arbeit, die Spaß macht, zu beschäftigen scheint. Knaller. Hier das abgefahrene Video zu „Elektrybałt“, bei dem Josephin Böttger Regie geführt hat – natürlich eine Hommage an Kubricks legendäres Science-Fiction-Epos „2001: Odyssee im Weltraum“. //RRRhund\

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Underground Electronic/Experimental/Post Industrial/Leftfield/EBM/Rhythmic Noise: Hinter dem Pseudonym Stallone the Reducer versteckt sich der Detroiter Produzent Samuel Consiglio, der Mitte der 2000er Jahre für die weirden Elektronik-Anteile im Sound von Adult. verantwortlich war. Auf „Ruthless People“, einer aktuellen Veröffentlichung beim belgischen Hardriegel-Label Unknown Precept präsentiert er eine Sammlung von harten, schrägen Elektronik-Experimenten, die er zwischen 2016 und 2018 aufgenommen hat. Orgastische post-industrielle Aliens treffen auf eckige, noisige Rhythmuspatterns und eine fiese, prozessierte Geräuschekulisse. Manchmal lustig, manchmal derbe, immer gut: echte Mutantenmusik. //RRRhund\

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Cold Wave/Dark Pop: Voll der Hit. This Cold Night ist das Dark Pop-Vehikel von Chase Morledge aus Austin, Texas. Der enorm talentierte Songwriter hat mit „The Divided Self: An Anthology“ für den US-Markt gerade eine Spenden-finanzierte Vinylpressung mit einer Art Best-of seiner letzten drei Releases herausgebracht, die bereits ausverkauft ist, aber Mitte des Jahres auch in einer kleinen Pressung bei Young & Cold Records erscheinen wird. Erinnert mich an die Fähigkeiten von Robin Proper-Sheppard, dem Songwriter-Genie hinter Sophia und The God Machine: das einfache, unheimlich gute „Black cherry“, das ebenfalls auf der Compilation zu finden sein wird. //RRRhund\

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Alternative: Der Mann hat immer wieder gute Momente als Songwriter und Arrangeur. Diese melancholische Alternativversion des Songs „Bad man“ ist genau ein solcher. Den Indie-Hero (Sandy) Alex G. kann man übrigens am 17. Februar im Schlachthof in Wiesbaden abchecken. //RRRhund\

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Electropunk/Electrotrash/Industrial/D-Trash: „Like an unholy union between Genesis P-Orridge, Kevin Bloody Wilson [australischer Komiker mit derbem Akzent] and Noam Chomsky“, beschreibt ein User auf bandcamp die Sache, und hat das Ziel damit ziemlich gut im Fadenkreuz. Concentration sind ein deutsch-australisches Projekt aus Melbourne und Cottbus(!), das mit der aktuellen Veröffentlichung auf Avon Terror Corps, einem Label aus Bristol, gelandet sind. Zachariah Kupferminc, Matt Sativa und Thrush haben auf der „I’m Not What I Was EP“ vier derbe Tracks zwischen Electrotrash und Industrial im Gepäck, die nichts für Zartbesaitete sind. Derbe Sounds, die kreative Kombination von Stilelementen und politische Intention sorgen für ein scharfes Gebräu. Als Closer servieren die Drei dann noch eine Coververson von Seven Year Bitch. Hat in seiner inneren Konsequenz und äußeren Form enorme Strahlkraft. //RRRhund\

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Alternative Rock/Post Hardcore/Noise Rock: Es gibt immer Leute, die zwangsoptimistisch sind – ganz egal wie schlimm eine Situation tatsächlich ist. Nichts als hohle Phrasen, meinen The K. … Drei Jahre nichts mehr gehört von der belgischen Noise Rock-Band aus Lüttich, aber das Warten auf den Nachfolger der ersten beiden Alben („My Flesh reveals millions of souls“ von 2012 und „Burning Pattern Etiquette“ von 2015) hat jetzt ein Ende. Die zehn Songs auf „Amputate Corporate Art“ (3.4, Jaune Orange) wurden diesmal zusammen mit Tim De Gieter aufgenommen, der in den letzten Jahren durch Produktionen für Amenra und Brutus aufgefallen war. Sébastien von Landau (Gitarre/Gesang), Sigfried Burroughs (Drums) und der neue Bassist Gregory Danger haben vor ein paar Tagen „The future is bright“, die erste Single vom neuen Album online gestellt, und die schiebt mächtig nach vorne. Im Super-Widescreen-Video von Pieter De Ridder hat ein Angestellter an Weihnachten die Faxen dicke und sackt seinen Chef ein … Und checkt gerne mal unser Feature von 2016 über die Band auf dem Blog. //RRRhund\

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Alternative Rock/Grunge: Vor ein paar Jahren durfte ich die skurille, halbelektronische LoFi-Pop Show eines schrägen, adoleszierenden, schwedischen Görs auf dem Great Escape Festival in Brighton miterleben. Auch wenn das Ganze musikalisch unfertig wirkte: Offensichtlich war da eine selbstbewusste, junge Frau mit komplett eigenen Vorstellungen von Musik auf der Bühne, und wollte sich insbesondere von alten, weißen Männern nicht in ihr ganz eigenes Ding reinreden lassen. Stand meilenweit über dem Urteil. Also wurde der Name ShitKid, damals der Künstlername von Åsa Söderqvist, unter unbedingt beobachtenswert abgespeichert. Habe ich dann aber irgendwie doch nicht geschafft, also ShitKid zu verfolgen. Fast Forward, drei Jahre später: Offensichtlich ist aus dem Soloprojekt ShitKid längst ein Duo geworden, und auch eine stilistische Wandlung hat stattgefunden. Åsa Söderqvist und Lina Molarin Ericsson waren letztes Jahr für ein paar Tage in den USA. Hauptsächlich, um eine Show beim prominenten SXSW-Festival in Austin zu spielen. Die Schwedinnen haben die Gelegenheit genutzt, um ein paar Tage im Studio zu verbringen – und zwar nicht irgendwo und mit irgendjemand: In L.A. haben die beiden mit Buzz Osborne und Dale Crover von den legendären Melvins aufgenommen und in Austin mit Paul Leary von den Butthole Surfers sowie Josh Freese (NIN, Devo, The Replacements et al). Diese halb auf Englisch, halb auf Schwedisch eingesungenen Recording Sessions wurden jetzt auf dem Album „Duo Limbo / Mellan himmel å helvete“ (gerade bei PNKSLM Recordings in Stockholmerschienen) zusammengefasst und präsentieren die massiv rockende Seite der Schwedinnen: Dicke Alternative Rock-Arrangements im Geist der 90er dienen als Basis für den mal aufgekratzten, mal hymnischen Gesang von Söderqvist und Ericsson. Auch wenn nicht alle Songs zünden sind da mit „Get jealous / Blir svartsjuk (på dej!)“ und „Eagles over America / Örnar Över Amerika“ zwei massive Hits dabei. Außerdem war letztes Jahr auf Amphetamine Reptile Records bereits eine 10″ erschienen, die ShitKid zusammen mit den Melvins aufgenommen hat. //RRRhund\

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Nordic Folk/Ritual: Wer mit Wardruna und Heilung gut klarkommt, wird auch hier begeistert sein. Die sibirische Schamanen-Folk-Formation Nytt Land widmet sich auf ihrem sechsten Album „CVLT“ (24.3., Infinite Folg Productions) den altisländischen Texten der Lieder-Edda (manchmal auch Poetische Edda benannt), einer der umfassendsten Sammlungen der alten nordischen Mythologie. Das Kollektiv bedient sich einer Mischung aus traditionellem Kehlkopfgesang, historischen Instrumenten, aber auch moderner Gitarrenarbeit und Elektronik, und sorgt für ein enorm atmosphärisches Ergebnis. Dabei sticht besonders die hypnotisierende Stimme von Natasha Pakhalenko hervor, die sich alter Gesangstechniken der Saamen und Sibirier sowie des Kehlkopfgesangs der Tuva bedient und so die Magie des alten Nordens beschwört. //RRRhund\

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Experimental/Industrial Dub: Wie fühlt es sich als Betroffener an, in einem Land zu leben, das die eigene Kultur und Religion für die Wurzel allen Übels hält? Die Antwort lautet Saint Abdullah. Hinter dem Projekt stecken die kanadisch-iranischen Brüder Mohammad und Mehdi Mehrabani-Yeganeh, die überwiegend im Westen aufgewachsen sind. Mittels gleißend verzerrter Industrial-Flächen, entkernter, rotierender Dub-Loops, eingespielter Spoken Word-Passagen und ab und an eingestreuter Free Jazz-Samples verleihen die beiden ihrer Trauer, ihrem eigenen Schmerz über diese antagonistische Gesellschaftssituation genauso Wucht wie lyrische Tiefe und kommen zugleich zu einem Ergebnis, das multikulturellen, metropolen Geist atmet. Ziemlich beeindruckend: die Hörprobe „The carnal soul“ („Where do we go, now?“, Tape oder digital, 28.2., PTP). //RRRhund\

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Songwriter/Folk Noir: Wenn hochspannende Inspirationsquellen in ein dichtes Werk münden. Die neue Platte sei vom Prozess der persönlichen Transmutation in angsterfüllenden Zeiten inspiriert; außerdem von japanischer Nachkriegsfotographie, von Urmusik, von Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“, von Wölfen, Drone, den Zeichnungen von Francis Bacon, den Fotos von Francesca Woodman, den Filmen von Chris Marker, von der Erfahrung, dass ein Gemeinwesen zusammenbricht, und von der Kraft, die eine einzige menschliche Stimme entfachen kann, gibt Hillary Woods preis. „Birthmarks“ (13.3., Sacred Bones Records), die neue Scheibe der Songwriterin wurde aufgenommen, als sie hochschwanger war und konstant zwischen dem irischen Galway und dem norwegischen Oslo gependelt ist. Woods erforscht die oszillierenden und flüchtigen Prozesse des Selbstseins und des Werdens, des Wachstums eines neuen Lebens und der Geburt des Selbst inmitten kontinuierlicher sozialer und persönlicher Veränderungen in der Außenwelt. Es geht um die innere Transmutation. Die Songwriterin beobachtet in diesem Zusammenhang vor allem die alchemischen Prozessen, die Welt des Unsichtbaren, bewegt sich auf einer Forschungsreise durch dichtes, undurchsichtiges Gewebe. Kongenialer Sparringspartner bei der Umsetzung der acht Songs des Albums war der norwegische Noise-Künstler und Filmemacher Lasse Marhaug, der Woods‘ Songs mithilfe von Field Recordings, analogen Synth Sounds, mit Flüsterstimmen und aufgenommener Atmung, aber auch mit dichten Noise-Texturen, heftigen Cello-Passagen, dichter Percussion, mit Noir-Saxophon und elektronischen Zusätzen aufgeladen hat. //RRRhund\

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Kraut Pop/New Wave: Auch eine Band, die wir schon länger auf ihrem Weg zum wohlverdienten größeren Bekanntheitsgrad verfolgen. Cold Beat aus San Francisco sind mit dem neuen Album „Mother“ (28.2.) diesmal bei DFA Records in New York gelandet, das sollte dabei hilfreich sein. Das Album ist während der Schwangerschaft von Sängerin und Songwriterin Hannah Lew entstanden. Die Songs sind von den glücklichen Seiten dieser fundamentalen Veränderung geprägt; aber auch vom Paradoxon, ein Kind in eine Welt zu setzen, in der gefühlt gerade alles den Bach heruntergeht. Im farbenprächtigen Video zur Single „Prism“ präsentiert sich das Quartett mit der liebgewonnenen, leichtfüßigen Mischung aus psychedelischem Kraut Pop und New Wave. //RRRhund\

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Post Hardcore/Noise Rock/Math Rock: Darf ich vorstellen – Pinko sind ein feuriges Post Hardcore-Trio aus dem texanischen San Antonio, das der langen Genre-Tradition des südlichen U.S.-Bundesstaats alle Ehre macht. Auf dem Debüt-Longplayer „You & You“ (im Dezember bei Hex Records erschienen) regieren komplex rockende Arrangements, werden massive Riffs von hyperaktiven Drums nach vorne gepeitscht, darüber giftet der Gesang. Die Band um Gitarrist Guillermo Mendez ist tight und dreckig, zudem noch on fire – und das ist in diesem Stilquadranten dann schon die ganze Miete. Unbedingte Empfehlung. FFO Drive Like Jehu, Unwound, Brainiac //RRRhund\

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Post Punk/Noise Rock/Shoegaze: Mehr auf der harten, noisigen, sozusagen auf der New Yorker-Seite des Shoegaze- und Post Punk-Spektrums sind Submeet aus Italien angesiedelt. Das gilt inbesondere für die Single „Terminal“, die mit einm polternden, Tom-lastigen Beat und brachialen Gitarren die alten Swans und A Place to Bury Strangers channelt. Titeltrack des Longplayers auf Lady Sometimes Records, ein kleines italienisches DIY-Label, das von der Römerin Esmeralda Vascellari betrieben wird, und sonst eher poppigere Töne veröffentlicht. //RRRhund\

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Russian Post Punk: Transmission from Berlin. Wenn man glaubt, dass Blind Seagull (nach Molchat Doma) das nächste große Ding aus dem osteuropäischen Post Punk-Stall von Detriti Records sein könnten, ist man mittlerweile kein großer Prophet mehr. Das Trio aus der russischen Exklave Kaliningrad beeindruckt mit einem dichten Output auf hohem Niveau, mit enormem Gespür für Atmosphäre und den klassischen, unerwarteten Arrangement-Wendungen in den Songs, die an die frühe Phase des Genres erinnern. Jetzt hat Detriti-Mastermind Davide persönlich ein Video zu „Hunt“ vom aktuellen Album „Nails“ editiert, das mit seiner LowTech-Video-Optik erneut das stilistische Gespür, das Talent des Labelbetreibers für das ganz eigene Design beweist. Unser Labelportrait über Detriti Records lief im Oktober 2019 im Rahmen von RRRsoundZ – die Radiosendung auf Bermuda Funk. //RRRhund\

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Kraut Punk/Prog: Noch am gleichen Tag, als das Demo reinkam, wurde die Band vom Label unter Vertrag genommen – das ist doch recht aussagekräftig, und dürfte nicht allzu häufig vorkommen. Noch mehr europäisches Kraut-Talent. Omni Selassi aus Bern arbeiten eher im rhythmischen, motorisch pumpenden, lebensbejahenden Post Punk-Seitentrakt des Genres. Kein Wunder, hat das Schweizer Trio mit Lukas Rutzen und Mirko Schwab doch gleich zwei Schlagzeuger in der Besetzung (die aber auch noch Electroharp und Synths bedienen). Die Band nutzt ein stabiles Rhythmusgerüst und überlagert diese tanzbare Basis mit proggigen Chord-Changes (der klassische Drei-über-Vier-Trick), dem magnetischen, lichtdurchfluteten Gesang von Gitarristin Rea Dubach – was eine tolle Stimme –, sowie spaceigen, elektroakkustischen, elektronischen Zusätzen. Die Band gelangt so auf der aktuellen Single „Sylvester Styleonce“ (im Oktober bei A Tree In A Field Records erschienen) zu einem einzigartigen stilistischen Ort, die Nummer wirkt frisch und ungehört – hat enorme Sogwirkung, Hitpotenzial. Der Song wird in zwei Versionen präsentiert: die vierminütige Applause-Version ist perfekt für Dancefloor und Airplay, der fast achtminütige normale Mix bietet dafür mehr Arrangement-Überraschungen. Ich will mehr. //RRRhund\

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Nu Kraut/Space Rock/Post Rock: Berliner Kraut Underground. Anfang Dezember hat sich auf bandcamp mit Tisch Drei eine vielversprechende, neue Kraut-Formation vorgestellt, die seit 2017 aktiv ist, wohl aus dem Umfeld des Neuköllner Zuhause Kollektivs stammt und offensichtlich aus zwei Musikern besteht. Auf bandcamp stehen erstmal drei Songs, die aber bereits einen guten Einblick in die kreative, spaceige Klangspreizung des Duos bieten. Ich habe einfach mal das fast zehnminütige „In der Wüste“ mit seinem wuchtigen Beat und seinen Vocoder Vocals ausgewählt, weil es Upload Nummer 1 war. //RRRhund\

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Femme Punk/Riot Grrrl: Und zwar aus Japan. Otoboke Beaver sind ein Quartett aus Kyoto, haben sich nach einem der lokalen, anrüchigen Love Hotels benannt und haben auf „Itekoma Hits“ (eine Compilation diverser schwer zu kriegender EPs sowie einige neu aufgenommene Stücke, 2019 bei Damnably erschienen) explosiven, brutal arschtretenden Punk mit In Your Face-Vocals im Gepäck. Accorinrin (Lead Vocals, Gitarre), Yoyoyoshie (Gitarre, Vocals), Hiro-chan (Bass, Vocals) haben sich bereits 2009 an der Uni von Kyoto zusammengetan, Kahokiss (Drums, Vocals) ist erst später dazugestoßen. Seit 2017 erregen die Vier international Aufmerksamkeit und sind fleißig am touren. Jetzt haben die Japanerinnen auch endlich meine Wahrnehmungsbarriere überwunden, besser spät als gar nicht. //RRRhund\

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Garage Punk: „Wild one. Primitive riff. Dräck garage. Metal trash“ steht auf dem Cover. Könnte man natürlich auch „Wild Primitive Dräck Metal. One Riff Garage Trash“ lesen – funktioniert beides, und steht nicht ohne Grund da. Hoppla, Reverend Beat-Man und seine Schweizer Jungs in vollem, giftigen Galopp, so macht Garagen Punk wirklich Spaß. Die „I’m a Stranger to Me“-EP (7″, 21.2.) auf Slovenly ist das erste Lebenszeichen von The Monsters seit fünf Jahren, und was für eins: Die fiesen Monster bewegen sich nicht nur immer noch, sie kratzen, beißen und schlagen auch aus. //RRRhund\

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Indie/Shoegaze/Dream Pop/Post Punk: Das erste große Shoegaze-Ding des Jahres kommt wohl aus Los Angeles. „Hide“ (auf „Black Aura My Sun“ zu finden, gerade bei Felte erschienen) von Deserta fußt auf einem kühlen Synth-Gerüst, das mit verträumtem Gesang und der Supernova-Energie brachialer Shoegaze-Gitarren aufgeladen wird. Der Sound zieht sich zusammen und breitet sich dann wieder aus – wie ein atmender Organismus. Aus diesem Kontrast und dem gutem Songwriting speist sich die Schönheit der ersten Single vom Debütalbum von Doty (Saxon Shore, Midnight Faces), der hinter diesem Projekt steckt. Andere Songs verbinden eher Dream Pop- und Post Punk-Anteile, die Platte bleibt aber insgesamt eher songorientiert und im Pop-Kontext. //RRRhund\

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Indie Rock/Shoegaze/Dream Pop: Ein bisschen Shoegaze am Montagmorgen vertreibt … eigentlich gar nichts. Aber sorgt immerhin für einen sanft schwebenden Einstieg in die Woche. Man nehme drei Esslöffel My Bloody Valentine und verrühre mit zwei Esslöffeln Stereolab. Heraus kommt „Pill“, die erste Single und Album Opener des Zweitwerks der Dream Pop-Band Peel Dream Magazine aus Brooklyn, New York („Agitprop Alterna“, 3.4., in Europa bei Tough Love Records). //RRRhund\

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Experimental/Musique Concrète/Field Recordings Collage/Improvisation: TQ N-aut heißt ein recht neues englisches Experimentallabel, das von Andy Wood vom TQ-Fanzine und David Howcroft vom N-aut-Tape-Label betrieben wird. Die beiden haben sich zum Ziel gesetzt, unbekannten Experimentalkünstlern mehr wohlverdientes Gehör zu verschaffen – ein Ansatz, der gleich meine Aufmerksamkeit erregt hat. Zumal die erste Veröffentlichung dann auch noch programmatisch und gut geraten ist. „Agency“ von St. James Infarmary besteht aus einem einzigen, knapp zwanzigminütigen Stück, das auf einem klassischen, (de)konstruktivistischen Ansatz fusst: Basis ist eine Field Recordings-Collage aus etlichen übereinander geschichteten, gesprochenen Radiobeiträgen, Störgeräuschen (Morsezeichen und ähnliches) und Musikeinspielungen (wie etwa der englischen Nationalhymne), die Mastermind G.W. Lang dann noch mit Improvisationen auf der Gitarre und (vermutlich auch noch) weiteren Klangquellen anreichert. Old School-Experimentalmusik mit einem verstörenden, surrealen Touch. Interessant ist, dass St. James Infarmary bereits seit 1985 mit wechselnden Gastmusikern als Projekt existiert, in der frühen Phase aber wohl eher der C86-Bewegung zuzurechnen war; da hat Lang noch eher 60s-inspirierte Indie Pop-Songs geschrieben. Der Weg zu den aktuellen Klängen muss schon spannend gewesen sein. //RRRhund\

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Electro Pop/Trip Hop/Post Dub: Eine ziemlich gute Stimme und ein cooler Style. L Twills heißt diese elektronische Solokünstlerin, die gerade von Hamburg aus ihre Fäden spinnt. Mitte Februar erscheint via Misitunes das Debütalbum „[Freedom/Fiction]“ (20.2.), das zu großen Teilen in Los Angeles aufgenommen wurde und deutliche Spuren der Wüste, der Hitze und der Trockenheit in sich trägt, über die diese Stadt geklatscht wurde. Hier das Video zur großartigen Single „Antigone’s dream“, die kalte, harte Electro-Sequenzer mit einem Trip Hop- und Dub-Gefühl verbindet. Darüber oszilliert L Twills‘ wandlungsfähige, chameleonhafte Stimme zwischen verschiedenen Gefühlsebenen, wechselt die Intensitätsgrade wie die harmonischen Grundstrukturen, die sie selbst geschaffen hat. //RRRhund\

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Electronic Indie/Synth Pop/New Romantic/Leftfield Progressive House: Wer auf der Suche nach einer perfekt durchproduzierten, tanzbaren, Electro Pop-Scheibe mit 80s Roots aber modernen Sounds und Grooves ist, wird hier fündig werden. John Kunkel ist der Kopf des Quartetts The New Division. Der Songwriter und Produzent aus Los Angeles präsentiert auf „Hidden Memories“ (self-released!) einen golden glitzernden Mix aus dem New Romantic-getränkten Synth Pop der 80er Jahre und mischt diesen Sound mit dem eingängigen Leftfield Progressive House der letzten beiden Jahrzehnte. Elektronische Musik mit Songwriting-Skills, produziert für große Räume, für ein breites Publikum. Würde prima einen Elektronik-Slot auf dem Maifeld Derby 2021 füllen – wenn das Album bis dahin so eingeschlagen ist wie ich gerade vermute, bin mal gespannt, wer das bald auf Vinyl presst. FFO Moderat, Jon Hopkins, (End-80er) Depeche Mode //RRRhund\

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Electronic/Electronic Post Punk/Dark Breakbeats: Der Berghain-Resident und Produzent Hayden Payne, besser bekannt unter dem Namen Phase Fatale, mit dem zweiten Longplayer. „Scanning Backwards“ (gerade beim Berghain-Label Ostgut Ton erschienen) nutzt die Sounds der dunklen Berliner Industrial Techno-Szene für eine Studie auf spannendem Terrain: Eine konzeptionelle Platte über die psychologische Manipulationsmöglichkeiten durch (auch mal unhörbare) Frequenzen und Musik, von manipulativer Militärtechnologie bis hin zu den Fetischen und Ritualen der queeren Berliner Underground-Clubkultur. Payne bedient sich dabei gebrochener Beats, seiner typischen Post Punk- und Shoegaze-inspirierten Soundflächen, schafft Räume, in denen sich Atmosphäre ausbreiten kann, und reduziert dabei auch gerne mal das Tempo, was sich angenehm vom aktuellen Berliner 135-140 BPM-Stampf abhebt. Payne hat sich bei der Produktion auch explizit von einzelnen Räumen im Club-Kult-Tempel Berghain inspirieren lassen – er hat registriert, welche Frequenzen in bestimmten Räumen Wirkung entfachen und dieses Wissen systematisch bei den Aufnahmen eingesetzt: das Berghain als Instrument gedacht. Mit dem Ziel, eine Synchronizität und Klang- und Hirnwellen zu schaffen. Eine ungewöhnliche Platte aus der Berliner Szene. //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ
 
 
 
 
 

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