+Kurz rausgehackt: Januar 2020

Experimental/Kraut Gabba/Industrial/Noise/Brexit II: Auch Petbrick, also Iggor Cavalera (Sepultura / Soulwax / Mixhell) und Wayne Adams (Big Lad / Johnny Broke), haben ihren Kommentar zur aktuellen politischen Situation im Jahr 2020 abgegeben, und der Reminder am 31.1. war sicherlich kein Zufall (denn eigentlich ist die Single vom aktuellen Album „I“ bereits am 6. Januar erschienen). Eine direkte musikalische Attacke, eine Hardcore-Mischung aus experimenteller Elektronik, aus Noise, Field Recordings und dem Gedengel von Cavalera, die eine eindeutige stilistische Zuordnung nicht zulässt und mit dem Gastgesang des irren Warmduscher-Sängers Mutado Pintado kommt. Als Bonus gibt es noch einen derben Remix von $hit and $hine – was wollt ihr mehr? Deuten wir es einfach als Frontalangriff auf den britischen Mama-Liebhab-Bär und seinen amerikanischen Kuschelfreund (vermutlich umgekehrt, aber zur „Feier“ des Tages …): Hier ist „Gringolicker“. Euer Reimkönig (in a 90s MTV slang fever). //RRRhund\

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Electronic/Post Punk/Brexit I: „The year is 2020, the date is 31 January, the day is Brexit. We stand divided and ruled by fear and ignorance. Just remember, don’t let the bastards grind you down.“ Das RRR-Wort zur Tagespolitik: Broken English Club, das post-punkige Elektronikprojekt des Produzenten Oliver Ho, hat heute aus Anlass der Brexits den Song „Don’t let the bastards grind you down“ als Digital Release rausgehauen, und wir hauen mit raus. //RRRhund\

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Post Rock: Maserati sind pünktlich zum zwanzigsten Bandjubiläum mit dem ersten neuen Album seit fünf Jahren zurück. „Enter the Mirror“ wurde von John Congleton (Explosions In The Sky, Swans, Angel Olsen) produziert. Der erfahrene Produzent hat den motorisch groovenden, spaceigen Instrumentalstil der Band mit einem wuchtigen Sound aufgeladen. Hier die erste Single und Album Closer „Wallwalker“. //RRRhund\

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Post Punk: Habt ihr im November verpasst? Dann gibt’s hier eine neue Chance. Vor zwei Monaten hatte ich Zeropolis aus London und ihre Debüt-EP auf FDH Records / Blank Editions vorgestellt (31.1.). „Straight, tanzbar, mit fettem Sound, mit Doom & Gloom-Vibe, hymnischem Gesang und guten Songs“, schrieb ich damals. Passt immer noch. Hier das Video zu „Your life“. //RRRhund\

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Alternative Rock/Crossover Punk: Keine Ahnung was die Modelkarriere gerade macht, aber das ist ja auch eher was für diese Lifestyle-Magazine und hier komplett irrelevant. Seit ich die beiden vor ein paar Jahren live auf dem Maifeld Derby gesehen und für sehr gut befunden habe, zählt die Band bei mir zum gerne goutierten Hauptmenü. Die Zwillinge Wyatt und Fletcher Shears, besser bekannt unter dem Namen The Garden, sind mit einem neuen Album zurück („Kiss My Super Bowl Ring“, 13.3., Epitaph Records) und pflegen auch beim neuesten Werk ihren sehr eigenen, skurillen Stilmix aus Stop-and-Go-Punk und Weirdo LoFi-Electronica, das Ganze mit ungewöhnlichen, kreativen Arrangements verbacken. Hier der Album Opener, das komplett übermüdete „Clench to stay awake“, das natürlich irgendwann ekstatisch explodiert. //RRRhund\

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Post Punk/Atonal Noise Punk: Mal wieder bei Groschi von 12XU aus dem bandcamp-Stream gesaugt. Ganz schön eigenständig, ganz schön ungewöhnlich, ganz schön geil, diese Vangas aus Atlanta, Georgia. Kahle Post Punk-Strukturen werden auf der Debüt-Single „Dog Walker b​/​w Waltz In E Minor“ mit atonalem Noise Punk-Inferno geflutet. Ich glaube, von denen werden wir bald mehr hören. //RRRhund\

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Art Punk/Riot Grrrl/Post Punk: Wie die Zeit vergeht, schon wieder mehr als zwei Jahre her, dass ich die The Tissues aus Los Angeles mit ihrem Debütalbum vorgestellt habe. Schon Anfang Januar haben Sängerin Kristine Nevrose, Gitarrist Jerry Narrows, Bassistin Bianca Ayala und Schlagzeugerin Tara Edwards ihren zweite Platte namens „Blue Film“ veröffentlicht, die stilistisch an das Debüt anknüpft: kämpferischer DIY-Femme Art Punk, der an die Genreklassik zwischen Siouxsie & the Banshees, Pylon oder X-Ray Spex andockt und dabei eine breite Palette an Stimmungen abdeckt. Hier das Video zur Single „Rear window“, die stilistisch eher auf der kratzigen Linie der Band liegt und den Irrsinn des Alltags auf die Spitze treibt. Titel und Video des Songs sind natürlich eine Anspielung auf den Hitchcock-Klassiker von 1954 (deutscher Titel: „Fenster zum Hof“), den man wegen seiner klaustrophobischen Atmosphäre übrigens unbedingt mal auf großer Leinwand sehen sollte, wenn sich die Gelegenheit bietet. //RRRhund\

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Experimental/Instrumental/Improvisation/Modern Classical: Fantastischer Release aus der Winter-Serie von Geographic North, in deren Rahmen außergewöhnliche Kompositionen erscheinen, die extra für die kalte Jahreszeit geschaffen wurden. Louise Bock ist der Künstlername von Taralie Peterson, eine Veteranin der amerikanischen Avantgarde und der Improvisationskunst (unter anderem bei Spires that in the Sunset Rise). Im Rahmen des Projekts Lousie Bock konzentriert sich die bekannte Multiinstrumentalistin ganz auf das Cello. Auf „Abyss: For Cello“ wechseln sich emotionale, droneige Flächen mit an- und abschwellende Minimal Art-Mustern und klassisch improvisierten Stücken ab, die auch atonale Strukturen nicht scheuen. Gerne verschwimmen kontrastierende Stilelemente auch mal organisch ineinander. Peterson hat die Stücke im letzten Winter aufgenommen, bei „Oolite,“ hat Gastmusikerin Kendra Amalie dezente Gitarrenarbeit beigesteuert. Eine abwechslungsreiche, mal hypnotische, aber auch mal geisterhaft-beunruhigende Veröffentlichung. Sehr schön. //RRRhund\

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Indie Rock/LoFi/Wave Rock: „Lazy, drooling, lo-fi riot grrrl“, lautet das Motto. Die Saarbrücker Band Speedgirls hat gerade ihre erste EP veröffentlicht, die stilistisch zwischen den Garagen-Roots des Lofi-Indie-Sounds und New Wave-Anteilen hängt. Elizabeth Pich und Lisa-Marie Schmitt bedienen die Saiteninstrumente und sind auch für den Gesang zuständig, Kathrin Molter sorgt für den Beat. Die Songs handeln von Trucker Girls, Serienmördern und einsamen alten Vampiren oder referenzieren auch mal Comicfiguren (eine weitere Passion von Eli). Hier das witzig-sympathische Video zu „Count Smackula“, das Goth-Klischees trashig persifliert. Ich mag es („Living in the Fast Lane“ EP, Vinyl bei Buddy Building Records / Tape bei Ichi Ichi). FFO Beat Happening, Television Personalities, Girlpool, Chastity Belt. //RRRhund\

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Dark Alternative/Post Punk/Electro Wave Rock: Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle sehr enthusiastisch die Debüt-EP von Talk To Her vorgestellt („Home“, 2018 bei Shyrec erschienen), die dann auch in meinen Top Ten im Post Punk-Bereich für 2018 aufgetaucht ist. Jetzt hat das Quartett aus dem italienischen Padova mit „Love Will Come Again“ (14.2., Shyrec / Icy Cold Records) seinen Debüt-Longplayer fertiggestellt, der stilistisch in die gleiche Kerbe haut. Die tighte rockende Rhythmusgruppe ist das Kraftpaket, das die spaceige New Wave-Gitarre und den melancholischen Gesang trägt. Kraftvoller, tanzbarer Dark Alternative-Sound mit leichten Post Rock-Anleihen. Im Video zur pulsierenden, wuchtig rockenden, ersten Single „IBISCO“ folgen wir den dynamischen Bewegungen einer jungen Boxerin, gegengeschnitten sind Aufnahmen von politischen Street Riots – Aufbegehren und Widerstand als Mittel gegen den alltäglichen Schmerz, als Kampf gegen Entfremdung und Isolation, als befreiender Akt. //RRRhund\

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Synth Wave: Kultige Old School-Single aus dem Orcus von London. „New wave girls (Waving from next bus stop)“ von Bram Droulers ist eine Hommage an die Frauen in der schwarzen Szene und kommt im genial gestrickten, klassischen Synth Wave-Gewand. Den stimmigen Gastgesang hat Lottie Bentham beigesteuert. Ein Hit! Der Londoner Wave-Künstler hat zum Song aber auch noch einen spannenden Kurzfilm im historischen Super 8-Look hinzugefügt, in dessem Zentrum die zufällige Begegnung zweier New Wave Girls steht. //RRRhund\

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Post Punk/Synth Punk: Auf Le Turc Mecanique ist einfach Verlass. Mindestens zweimal im Jahr weiten sich meine Pupillen, wenn ich den neuesten Release des Pariser Underground-Labels zu Ohren kriege. Auch die Power von Videodrome aus Bordeaux hat mich sofort mitgerissen, „Live Fast! Die Like David Carradine“ (27.2.) scheint mit seiner tanzbaren Wucht, mit seiner muskulären Kraft der erste Post Punk-Knaller des Jahres zu werden. Eine heftig schiebende Rhythmusgruppe, eine noisig nölende Gitarre, coole Synthie-Sounds und der kraftvolle Gesang addieren sich zu einem fetten Ergebnis. Diese jungen Wilden könnten gut mit Rendez-Vous touren … sollen sie mal machen, und dabei auch bitte den Rhein kreuzen. Bonuspunkte gibt es außerdem für den Bandnamen mit der Referenz auf den besten Cronenberg-Film; dass sie nicht die ersten waren, die auf diese Idee gekommen sind, und dafür demnächst auf discogs die Nummer (7) hinten angestellt bekommen, ist mir Latte. Gebongt! //RRRhund\

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Art Pop/Post Punk/Minimal: Hinter dem Namen The Wants steckt eine eingängige, tight groovende Post Punk-Band aus New York, die zu zwei Dritteln aus Bodega-Gitarrist Madison Velding-VanDam und Bodega-Bassistin Heather Elle besteht. Rollt mit der rhythmischen Präzision von Minimal Techno windschnittig auf dem Post Punk-Highway: die erste Single „The Motor“ (Container, 13.3., Council Records). //RRRhund\

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Post Rock/Slowcore: Passt gut zu diesem Tag. Ein Kleinod, ein kleiner Schatz sind die frühen Schlafzimmer-Aufnahmen der Londoner Post Rock-Band Deathcrash, die seit ein paar Tagen auf der Bandcamp-Seite des lokalen Boutique-Labels Blank Editions stehen. „Sundown (A Collection of Home Recordings)“ enthält fünf magische, intime Slowcore-Songs, die für Fans von Bands wie Codeine oder Slint eine Labsal sein sollten. Die perfekte Musik, wenn es einfach der richtige Tag ist, um im Bett liegen zu bleiben. Zum verlieben. //RRRhund\

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Punk/Melodic Punk: Was eine Hitmaschine. Personality Cult war urprünglich mal das Soloprojekt von Ben Carr und ist mit dem zweiten Album zu einer Art Szene-Supergroup mit ehemaligen und aktuellen Mitgliedern von den Paint Fumes, Last Year’s Men, Natural Causes, Mind Spiders und noch einigen anderen Bands aus der DIY-Szene von North Carolina mutiert („New Arrows“, 14.2., Dirtnap Records). Carrs außergewöhnliche Songwriting-Skills und spannende wie stimmige Arrangements, die wie einfach aus dem Ärmel geschüttelt wirken, machen diese Scheibe zu einem Großereignis der simplen Gitarrenfreuden in diesem Frühjahr. //RRRhund\

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Experimental/Improvisation: Dirty Beaches meets Dirty Projectors. Die Hand scheint wieder in Ordnung zu sein – der wiederhergestellte Alex Zhang Hungtai hat ein musikalisches Lebenszeichen von sich gegeben und das Video eines Livesets mit Deradoorian gepostet, das am 13. Januar bei einem Konzert im Zebulon in Los Angeles mitgeschnitten wurde. In tiefes Rot getunkte, magische, spirituelle, psychedelische Improvisationskunst mit Orgelsounds, Stimme und Saxophon. Wunderbar. //RRRhund\

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Electronic/Emotional Drone/Indonesian Heritage: Hinter dem Künstlernamen The Keep steckt Produzent Oliver Knowles, der von Gothenburg aus seine Fäden spinnt. Auf seiner „Primer“-EP für das Londoner Label Houndstooth verwebt der Schwede den Vibe katalanischer Straßenfeste mit seinen indonesischen Wurzeln zu dichten Soundkomplexen. Aus emotionalen Drones gesponnene Ambient-Flächen wechseln sich mit Gamelan-inspirierten Rhythmusspuren ab und sorgen für eine vibrierende, farbenfrohe, assoziative Hörwelt. Sehr gelungen. //RRRhund\

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Post Punk/Wave Punk/Goth Punk: Das neueste Highlight im Roster des hochklassigen Berliner Label Adagio830 sind Gomme aus Paris. Die dreiköpfige Post Punk-Band ist in Sound und Ausdruck von Betsy Roszkowiak und Hannah Todt geprägt, zwei Frauen, die aus San Francisco und Wien in die französische Metropole zugewandert sind. Dementsprechend werden in den mehrsprachigen Texten – Französisch, Englisch und Deutsch – Themen wie die Entfremdung von Migrierenden oder die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft reflektiert. Bereits im April 2019 ist „Absent Healing“, die starke Debüt-EP der Band, erschienen, die vom Berliner Label jetzt mit einer Vinylpressung geehrt wurde. Stilistisch setzt die Band an der klassischen Schnittstelle zwischen Wave und Punk an: Der Sound wird von der atmosphärischen, Chorus-getränkten Goth Punk-Gitarre dominiert, die von einer treibenden Rhythmusgruppe nach vorne getragen wird. Darüber liegt der Gesang von Betsy und Hannah, der mit catchy, stimmigen Songs von den Absurditäten des Alltags in der französischen Hauptstadt erzählt. Ein echtes Kleinod, diese EP. Hoffentlich bald mal hierzulande auf Tour, die Band. Hier das Video zum „February song“. Die EP auf der bandcamp-Seite von Adagio830. //RRRhund\

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Post Punk/Indie Rock: Lié aus Vancouver sind zurück. Das Frauen-Trio von der kanadischen Westküste hat mit „You Want it Real“ (28.2., Mint Records) den vierten Longplayer angekündigt und pflegt weiter seinen exzellenten Stilmix aus treibenden Post Punk- und feurigen, schrägen Noise Rock-Elementen. Ausgesprochen surreal: das aktuelle Video zur Hörprobe „Digging in the desert“. Das Album auf bandcamp. //RRRhund\

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Art Punk/No Wave/Post Punk: Da ist faktisch gar kein Mister am Werk. Vielmehr ist Mr. Wrong ein hochenergetisches, schräges Frauen-Trio aus Portland. Auf ihrem zweiten Longplayer „Create a Place“ servieren Moffett, Ursula und Leona schnelle, quirlige Art Punk-Songs mit rhythmisch geschickt verschachtelten Arrangements und klassischem Femme Punk-Gesang. Sollte sowohl Fans der Genre-Klassik (X-Ray Spex, Slits, No New York) wie der neuen Schule (Shopping und Konsorten) gut munden. //RRRhund\

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Post Hardcore/Post Punk: Neues aus Stuttgart – wer jetzt aber die nächste Band aus dem Soundfeld Die Nerven oder Human Abfall erwartet, liegt falsch. Am ehesten kann man beim Debüt von Knife Eyes vielleicht noch Spurenelemente aus dem Karies-Universum erkennen. Da bei den vier Songs auf „Gewirr“, der Debüt-EP des Quartetts (bereits seit Ende August draußen), aber eine ganz eigene Stil-Mahlzeit zusammengekocht wurde, fällt das Karies-Element kaum ins Gewicht. Der Post Punk des Quartetts ist nämlich nur Basis für energische Post Hardcore-Elemente aus den 90ern, beim Gesang scheuen die Jungs aber auch nicht vor kleinen Screamo-Ausbrüchen zurück. Beobachtenswert und am 22. Februar als Support für Molchat Doma in der Alten Hackerei in Karlsruhe zu sehen. //RRRhund\

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Punk Rock/Punk ’n’ Roll/Street Punk: Don’t spill your beer! 1-2-3-4-Straßenpunk aus London in rasanten Tempo und derber Lautstärke von Chubby and the Gang („Speed Kills“, 17.1., Static Shock). Zwölfmal Vollgas, und das meist im Rahmen der klassischen zwei Minuten Songlänge – und auch die Marshalls stehen auf Windstärke 12. Man nehme einen Esslöffel frühe Damned und füge nach Belieben etwas Cockney Rejects, frühe Motörhead sowie weitere Zutaten aus der Londoner Traditionslinie der letzten 50 Jahre hinzu. Das mit dem Bier erwähnte ich ja bereits. Unkomplizierte Sache. //RRRhund\

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Garage/Noise/Hardcore: Wie würde es klingen, wenn der Garagenrock-Gott Ty Seagall mit Lightning Bolt-Drummer Brian Chippendale eine Scheibe aufnimmt? Die Antwort lautet Wasted Shirt und das erste Werk trägt den Titel „Fungus II“ (28.2., Famous Class). Alles ist genau wie man sich diese Kombination vorstellt: Shouting-Gesang und monumentale, derbe Garagensounds auf den Gitarrenspuren, das Ganze unterlegt von Chippendales furiosem Schlagzeugstil. Hier die Hörprobe „Double the dream“ mit der Vogel-und Bienchen-Animation von Somer Stampley, die Jodorowsky wahrscheinlich gut gefallen würde. Was für ein Start in die Woche … //RRRhund\

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Futurist Folk/Vocal Art: Außergewöhnlich. Die Stimmvirtuose Lyra Pramuk kennt man von Kollaborationen mit Holly Herndon. Jetzt steht die tschechische Künstlerin mit Oper-Ausbildung und aktuellem Wohnsitz in Berlin vor der Veröffentlichung ihres erstes Soloalbums „Fountain“ (20.3., Bedroom Community), das allein auf ihrer Stimme basiert und klassische Vokalkunst mit Performance-Techniken, dem Gespür für Pop und aktueller Klubkultur zu einer Art futuristischem Folk vereint. Hier die Hörprobe „Tendril“. //RRRhund\

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Electronic/Downtempo/Synth/Post Industrial/Ambient: „I’m not here to tell you stories. I’m here to make you forget I’m telling you one.“ Noch so ein Volltreffer auf ant-zen – schade, dass das traditionsreiche Elektroniklabel aus Lappersdorf die Produktion von physischen Tonträgern mittlerweile komplett eingestellt hat, sonst wäre ich hier sofort zur Tat geschritten (bin ich natürlich trotzdem, aber halt digital). Mit „Re-cover (synartic & militant songs)“ hat def nämlich ein kleines Electronik-Meisterwerk zwischen spannend unterlegten Spoken Word-Passagen, mystischen Synth-Soundscapes, cineastischen Downtempo-Tracks, tribalistischen Post Industrial-Rhythmusstudien und gefährlich schwelenden Ambient-Nummern geschaffen. Der außergewöhnlich sensitive Produzent lässt dabei ein Werk entstehen, das technisches Know-how und imaginatives Gespür organisch zu einer einzigartigen traumartigen Soundblase verbindet – eine hermetische Klangsphäre, in der sich der Hörer nur allzu gerne verliert. //RRRhund\

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Electronic/90s Rave/Breaks/Acid: Nichts für Epileptiker – der C64-inspirierte, visuelle Funkenflug, den Tom Jenkinson AKA Squarepusher im Video zu „Nerveslevers“ serviert. Der Breakcore-Acid-Track mit den auffälligen 303-Sounds wurde wieder mit dem klassischen, analogen Equipment-Set-up des Elektronik-Wizards aus den 90er Jahren produziert und ist eine Hommage an Jenkinsons Jugend in der Rave-Szene Englands („Be Up a Hello“, 31.1., Warp Records) //RRRhund\

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Experimental Synth Punk: Yes! Die Maple Death-Crew in Höchstform. Die erste Veröffentlichung des neuen Jahres beim Londoner Kultlabel übernehmen die mittlerweile rein elektronischen Hallelujah! mit ihrer Single „Your duck“ – ein genial klimperndes Synth-Punk Cover des Stooges-Klassikers in bester Tradition des subversiven 80er-Undergrounds. Die Residents applaudieren. //RRRhund\

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Electro Pop: Ab und an muss ich ja auch mal was mit Pop Appeal für den Grooveblog posten. Getaroom! servieren uns ihre neue Single „The Other Day“ mit dem Gastgesang der Londoner Produzentin C.A.R. … der Winner ist natürlich die minimalistische, subtil funkende, gedämpft pluckernde Nu Disco-Bassline unter dem sommerlichen Pop Sound. Nur Tina Weymouth hätte noch weniger gespielt. //RRRhund\

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Alternative/Grunge Pop: Die haben einfach was. Sorry hatte ich im Oktober bereits einmal vorgestellt, aber mit einem Song ist es bei dem Duo aus Nord-London einfach nicht getan. Schön LoFi und kantig, bleibt dabei aber enorm charmant: „Rock ’n’ Roll star“. Das Duo aus Nord-London ist wohl ein heißer Tipp für 2020, im Frühjahr erscheint nämlich das Debütalbum „925“. //RRRhund\

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Post Punk/Goth Cow Punk: Zu einem nächtlichen Roadtrip mit David Lynch-Vibe und Fuß auf dem Gaspedal laden uns Bambara beim Video zur aktuellen Single „Heat lightning“ ein. Der Song besticht durch eine Mischung aus Goth und Americana-Elementen – ganz als ob Birthday Party mit den Bad Seeds nächtens auf einem verlassenen Rodeo-Areal eine wüste Party gefeiert hätten … und die menschlichen Überreste jetzt nach Hause eiern. Die neueste Single der New Yorker Post Punk-Formation ist auf dem Longplayer „Stray“ zu finden, der Mitte Februar bei Wharf Cat Records erscheint (14.2.). //RRRhund\

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Minimal/Electro: Vom Minimal Wave-Sublabel Cititrax habe ich schon lange nichts mehr vorgestellt, dabei veröffentlicht Veronica Vasicka dort immer noch schweinegeiles, magnetisches Zeug. Neuestes Beispiel: Tornische. Dahinter stecken der Spanier Julio Tornero und die Weißrussin Hanna Chamiarytskaya (AKA Anneq), die von Madrid aus ihre musikalischen Fäden spinnen. Nachdem Julio und Hanna sich über den Weg gelaufen waren und es musikalisch gleich gefunkt hatte, haben sich die beiden durch Julios Archiv mit Elektronik-Tracks gewühlt und etliche Stücke mit frischen Sounds im Stil klassischer NDW-Duette neu aufbereitet. Zu unserem Glück haben sich die beiden dabei geschmackssicher nur der besten, rohen Vorbilder bedient und sind zudem auch nicht in der Vergangenheit hängengeblieben. Eine spritzige, moderne Mischung von 80er Jahre New Wave, 90er Detroit Electro, einem Tacken Italo Disco und aktuellem Indie Pop – eine Synthese aus catchy Melodien und dem subversiven Gesang von Hanna: die Single „Fotodesintegracion“ („Interiorismo“ ist vor Kurzem bei Minimal Wave / Cititrax erschienen, das Vinyl ist auf 500 Stück limitiert) FFO Medio Mutante, Liaisons Dangereuses //RRRhund\

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Dark Wave/Synth Wave/Minimal: Keine Frage, minimalistische Electro Wave-Duos mit pluckernden Sequencern und dunklen Frauenstimmen sind gerade en vogue. Boy Harsher sind längst etabliert, spielen hierzulande in ausverkauften Sälen und werden auf schwarzen Dancefloors längst rauf und runter gespielt. SDH aus Barcelona stehen kurz vor dem zweiten Album (dazu demnächst mehr), noch dazu kriegen wir das katalanische Duo im Februar hier in der Stadt live zu sehen (auf dem Schatten über Mannheim 2020). Das US-Duo SYZYGYX ist nach einem Release auf Cold Transmission („Fading Bodies“) im Frühjahr ebenfalls in Europa auf Tour. All diese Projekte sind hier in den letzten Jahren aufgetaucht. NNHMN (gesprochen Non Human, bei der ersten SIngle noch unter dem Namen Non-Human Persons) dagegen noch nicht. Dabei hat das vielversprechende Duo mit der Wahlheimat Berlin nach wenig mehr als zwei Jahren Lebensdauer bereits einen bemerkenswerten Output vorzuweisen: zwei Singles, zwei EPs und einen Longplayer haben Sängerin Lee und Elektronik-Spezialist Michal Laudarg bereits auf ihrer bandcamp-Seite stehen und damit bereits einige Aufmerksamkeit erregt. Das visuell ansprechende Video zu unserer Hörprobe „Special“ hat das Duo selbst konzipiert und abgedreht – eine Studie über die Schwierigkeiten von Borderline-Persönlichkeiten Liebe und Nähe auszudrücken … und zugleich eine Hommage an Nicos Rolle in Philippe Garrels Frühsiebziger-Streifen „La Cicatrice intérieure“. Der Song ist auf dem Longplayer „Shadow in the Dark“ zu finden, die Vinylfassung ist ab sofort bei Θʀ⊿cu⌊⊕ ʀ⋵cøʀɖs in der Preorder-Phase. Hier noch die bandcamp-Seite von NNHMN. //RRRhund\

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Kraut/Synth/Instrumental/Neo Psych: Die neue Berliner Schule? Nicht nur Sebastian Lee Philipp mit seinem Projekt Die Wilde Jagd lässt die deutsche Hauptstadt wieder auf der großen Bildfläche des Kraut-Revivals erscheinen. Auch die Arcane Allies tragen mit ihrem Album „Saraswati“ (Ende Oktober bei Pink Tank / Tonzone Records erschienen) zur erheblichen Aufmerksamkeitssteigerung bei. Sequencerlinien dienen bei den langen Stücken des Minimal-Krautrock-Trios als roter Faden für motorisch treibende und zugleich organische Schlagzeugspuren sowie spacige Gitarrenjams, Synthflächen und die Klänge eines Theremin. Ab und an ist auch ein bisschen klassisch-teutonischer Kraut-Sprechgesang im Spiel. Hinter dem Namen Arcane Allies stecken Sidney, Christiana und Joel, die sich 2016 während einer US-Tour mit der Psych-Surf-Band Dai Kaiju zusammengetan haben und seitdem nach Berlin umgezogen sind. Als Inspirationsquellen dienen nach Angaben der Band sowohl die deutsche Kraut-Klassik (Can, Neu!, Tangerine Dream) als auch die US-Formation Moon Duo, aber eben auch Techno- und Electro-Künstler(innen) wie Derrick May, Jeff Mills oder Jessy Lanza und Laurel Halo aus dem Umfeld des Labels HyperDub. Diese Einflüsse vermengen sich im Jam-orientierten Stil der Band zu einer organischen Einheit – ein klasse Debüt. //RRRhund\

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Live Kraut: Sebastian Lee Philipps Kraut-Formation Die Wilde Jagd hat eine Hypertone-Live-Session absolviert. Hier die geniale, fast dreizehnminütige Liveversion von „Flederboy“, natürlich eine Nummer vom Album „Uhrwald Orange“ (2018 bei bureau b erschienen), das ich hier schon mehrfach vorgestellt habe. //RRRhund\

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Experimental/Post Industrial: Hinter dem Namen hackedepicciotto stecken die Berliner Szene-Legenden Alexander Hacke und Danielle de Picciotto, die seit 2010 als moderne Kulturnomaden ohne festen Wohnsitz durch die Weltgeschichte zu ziehen, um den deprimierenden Routinen der modernen Welt zu entgehen. Seit 2010 hat das Paar drei Alben von recht unterschiedlichem Charakter veröffentlicht, von Wüstendrones (beim letzten Album „Perseverantia“) bis hin zu bedeutungsschwangeren, dunklen Melodien („Menetekel“) war bisher schon eine große stilistische Bandbreite abgedeckt. Nun steht das vierte Album „The Current“ (31.1.) in den Startlöchern, und schon wieder ist alles anders: Wuchtige Drone-Elemente werden durch kraftvolle Rhythmusgerüste, die Hackes Neubauten-Vergangenheit durchscheinen lassen, zum schwingen gebracht – mit dem Ergebnis einer feurigen Tribal-Klangschaft, die Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Depression verjagen, den Hörer mit Kraft und Energie aufladen soll. Danielle de Picciotto trägt mit ihrem klassichen Hintergrund, vor allem mit erhabenen Chorarrangements und leuchtenden Violinenharmonien zum magischen, symphonischen Gesamtsound des Albums bei. Die Scheibe haben die beiden in Berlin und Blackpool aufgenommen. Im Frühjahr wird das Material dann live auf den Bühnen Europas präsentiert, auch bei uns in der Region findet sich ein Termin (28.2., Frankfurt, The Cave). Hier das Video zu „The seventh day“. Und hier der Link zum Album auf bandcamp. Checkt auch mal das tolle Interview auf The Big Takeover. //RRRhund\

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Black Metal-Infused Low Fi Punk/Occult Anarcho Punk: Ein Sound wie im finsteren Kerker, wenn man sich wegen der infernalischen Lautstärke lieber eine Ecke weiter aufhält. Ein Vibe wie beim Anarcho Punk der legendären Crass Records-Band Rudimentary Peni. Und finstere Texte mit Lovecraft-Anleihen. Nach Veröffentlichungen auf Hospital Productions und Blackest Ever Black sind die Dark Punks von den Raspberry Bulbs aus Brooklyn mittlerweile auf Relapse Records gelandet, und veröffentlichen dort im Februar ihr neues Album („Before The Age Of Mirrors“, 20.2.). Gewohnt finster: die Hörprobe „Ultra Vires“. //RRRhund\

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Post Punk/Dark Alternative/Darkgaze: Hinter dem Namen Parking Dance steckt das brillante Soloprojekt von Matthieu Bonnécuelle. Auf „What More?“, dem Album für das Pariser Icy Cold Records – ja, die haben hier gerade ein Abonnement: eine geniale Veröffentlichung nach der anderen – liefert der französische Einzelkämpfer gute Songs in stimmigen, dunkel verhallten Arrangements ab. Lebendig nach vorne stapfende Drum Computer-Spuren und ein klassischer Wave-Bass bilden die Basis für shoegazige Echo-Wave-Gitarren und mal melodiösen, mal spaceigen Sprechgesang. Das Ergebnis ist ein rundes Gesamtbild, gute Scheibe. //RRRhund\

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+++BLAST FROM THE PAST: Auch eine Art 1977 – Educational Television Broadcast von 1969. Leonard Bernstein präsentiert für CBS in der New Yorker Philharmonie im Rahmen der Young People’s Concerts ein wahres Moog-Monster und dann lässt er eine Synth-Version von Bachs Fuge in G-Moll laufen. Die Reaktionen aus dem Publikum sind unbezahlbar. Happy new year! //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ
 
 
 
 
 

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