+Kurz rausgehackt: Juli 2019

Verspannungskassette #1: Groschi’s back in business! Nach dem Betreiber meines Lieblingsblogs 12XU vor einiger Zeit seine umfassende Radio-Show aus Gründen des Aufwands (die Sendungen gingen immer vier Stunden! – checkt mal die alten Ausgaben auf Mixcloud) und der Belastungssteuerung beerdigt hat, gibt es jetzt ein Nachfolgeformat. Die Verspannungskassetten haben den Charakter eines durchgeknallten Mixtapes alter Schule und in der Ausgabe #1 haut euch Groschi derben Garagen Punk, Hardcore und Weirdcore in einem Lichtgeschwindigkeitsmix um die Ohren. Dreckiger, ungebremster Gitarren-Underground voll aufs Maul! //RRRhund\

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Songwriter: Die neue Schule hinterlässt ihre Duftmarken. Diese feine Fassung von „Wound wrapped in song“, die Jungstötter zusammen mit Anja AKA Soap & Skin aufgenommen hat, und die Albumversion um Meilen schlägt, gibt es demnächst wohl auch zu kaufen. Von Fabian Altstötter – so heißt der Mann ja eigentlich – halte ich eine ganze Menge; da stehen uns in den nächsten Jahren noch einige große Platten bevor, davon bin ich überzeugt. //RRRhund\

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Indie/Songwriter: Die epidemieartige Opiod-Krise in den USA hat sich mittlerweile so ausgeweitet und verschärft, dass der Tod durch Überdosis die häufigste Todesursache unter 50 Jahren ist – eine dramatische Entwicklung, die hierzulande nur Wenigen bekannt sein dürfte. Auch Freunde von (Sandy) Alex G. (bürgerlich Alex Giannascoli) sind offensichtlich nicht verschont geblieben, und so hat „Hope“, die aktuelle Single des Musikers aus Philadelphia, thematisch einen sehr düsteren Anstrich. Das neue Album erscheint im September bei Domino („House of Sugar“, 13.9.), im Februar (Sandy) Alex G. in Deutschland auf Tour (17.2., Wiesbaden, Schlachthof) //RRRhund\

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Alternative Rock/Riot Grrrls: „The center won’t hold“, die aktuelle Single der wiedervereinigten Riot Grrrls Sleater-Kinney verläuft für die gewohnten Arrangements der Band relativ untypisch. Zwei Drittel des Songs verharren in einem spannenden, eigentümlich blockierten Groove, der erst gegen Ende die Zwingschrauben löst und wild losgaloppiert. Es handelt sich übrigens um den Titeltrack des neuen Albums, das im August erscheinen wird (16.8., Caroline Records). Kommenden Februar kann man die Band dann live in der Batschkapp zu Frankfurt begutachten (22.2.). //RRRhund\

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Alien Kraut Punk/Psych Rock/Post Punk: Ziiiiiemlich geile Band aus dem Castle Face Records-Universum, diese Prettiest Eyes. Nach dem Debüt-Longplayer („Looks“, 2014, Aagoo Records) war vor zwei Jahren mit „Pools“ der Zweitling beim Garagen-Kult-Label aus Los Angeles erschienen und hatte bereits für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Jetzt beim dritten Longplayer „Vol. 3“ hat man allerdings das Gefühl, dass die Band erst so richtig ihr Potenzial entfacht hat. Eine alienartige Mischung aus krautigen Beats, fremdartigen Keyboard-Sounds und garagiger Post Punk-Mentalität: die Single „Nekrodisco“. //RRRhund\

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Dark Wave/Electro Wave: Die holländische Formation Bragolin hat letztes Jahr schon mit dem Riesenhit „Into those woods“ (vom Album „I Saw Nothing Good So I Left“, 2018 bei bei Young & Cold Records erschienen) gefolgt von einem umjubelten Auftritt beim WGT ihren Claim in der Schwarzen Szene abgesteckt. Jetzt gibt’s wieder musikalische News von der Utrechter Band um Edwin van der Velde: Im August erscheint mit „Let Out The Noise Inside“ (wieder bei Young & Cold) ein kollaboratives Album mit dem Elektronikspezialisten Adam Tristar, das der atmosphärischen Seite der Dark Waver die elektronische Tightness des holländischen Produzenten hinzufügt – eine sehr harmonische, gelungene Mischung wie die erste Single „The end dwells in us all“ zeigt. Wird man oft hören. Das Video dazu ist ganz schön Psycho. //RRRhund\

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New Wave/Dark Electro/Industrial Dance: Nach einigen fantastischen 12″es schickt sich der in Berlin lebende, australische Produzent Kris Baha im Herbst an, seine erste LP zu veröffentlichen. „Palais“ erscheint im September bei Cocktail d’Amore Music (16.9.); die wuchtige erste Vorabsingle „Living Nothingness“ suggeriert, dass Baha auch mit dieser Scheibe seinen unglaublichen Lauf an hochqualitativen Releases zwischen New Wave-, Post Industrial- und dunklen Electro-Elementen fortsetzen wird. Ein heißer Anwärter auf eine der Platten des Jahres in der Schwarzen Szene. //RRRhund\

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Indie Rock/Dream Pop/Shoegaze: Und auch DIIV sind zurück. Zwei Jahre nach dem letzten, sehr gelungenen Wurf („Is the is are“, Captured Tracks), haben die Mannen aus New York um Zachary Cole Smith eine neue Platte in den Startlöchern („Deceiver“, 4.10., Captured Tracks). Die erste Single „Skin game“ bietet keine stilistischen Überraschungen – gewohnt warmer Indie Rock mit psychedelischen Dream Pop- und Shoegaze-Vibes. Inhaltlich geht es um Smiths Kampf mit seinen Suchtproblemen; der Mann war in den letzten Jahren häufiger Gast in Entzugskliniken und scheint jetzt auf einem guten Weg zu sein. //RRRhund\

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Sleazy Funk: „Revenge is a dish best served bold. Melt in the mouth disco basslines on a fragrant bed of feedback. Try it with the boom bap tapenade. Here for a good time, not a long time.“ Wer die Londoner New Weird Britain-Formation Warmduscher bisher schon cheesy ’n’ greasy fand, hat das neue Material noch nicht gehört. Sleazy Funk vom Grellsten: „Midnight dipper“, die erste Single vom neuen Album „Tainted Lunch“. Das Video als gefakter Video-Dreh einer Black Metal-Band ist jedenfalls tödlich amüsant. Der Rest des Albums soll übrigens ein kunterbunter Stilreigen aus Funk, Punk, Hip-Hop und Lounge Rock sein. Und Iggy Pop ist dermaßen Mega-Fan, dass er sogar als Gastmusiker auf der Scheibe zu finden sein wird – da bin ich ja mal sehr gespannt. //RRRhund\

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Art Rock/Post Punk/Kraut/Dub: EXEK, die Art Rock-igen Post Punker aus Melbourne, sind mit dem dritten Album zurück. Folgt man den musikalischen Hinweisen der ersten Single, wird sich der Longplayer stärker am postmodernen Stil des letzten Longplayers („Ahead Of Two Thoughts“, 2018 auf W.25th erschienen) als den noch experimentelleren, abstrakten Entwürfen der darauffolgenden „A Casual Assembly“-12″ orientieren. „Unetiquetted“, so der Titel der Vorabsingle, ist jedenfalls ein richtiger Song und kommt mit den minimalistischen Dub- und Kraut-Anteilen im Arrangement, mit diesem eigenartig pendelnden Groove, den man beim letzten Album liebgewonnen hat. In den Infos verrät die Band, dass sie sich an Brian Enos Theorie des Studios als Instrument orientiert, also aktiv nach den Veränderungen im Songwriting-Prozess sucht, die ein Aufnahmeprozess unter Studiobedingungen mit sich bringt. Die Scheibe wird „Some Beautiful Species Left“ heißen und erscheint in Europa bei französischen Label SDZ Records (6.9.). //RRRhund\

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Post Punk/Dark Alternative: In der neuen Visualisierung von Veil of Light zu „Europe“ werden sich all diejenigen wiederfinden, die die Hitzewellen in Europa mittlerweile genauso bedrohlich finden wie ich. Der Track ist die dritte Auskopplung vom aktuellen Album des Züricher Dark Alternative-Projekts („Inflict“, Avant! Records, 2019), das zuvor bereits zahlreiche Veröffentlichungen bei Szene-Kultlabels wie aufnahme + wiedergabe, Beläten oder Manic Depression Records vorzuweisen hatte. //RRRhund\

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Dark Alternative/Dark Pop: Die hatte ich vor einer Weile im Rahmen von bermuda.music special auf bermuda.funk vorgestellt. Das neue Album von Lost Under Heaven ist schon seit einer ganzen Weile unterwegs („Love Hates What You Become“, bei Mute Records erschienen), aber es erscheinen immer noch ziemlich coole, sehenswerte Videos. Wie zum Beispiel das Exemplar zum schwelenden „Black sun rising (expanded)“ – ein sehr eindringlicher Song zum Thema Klimakrise, und ein klasse Video noch dazu. //RRRhund\

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Indie Rock/Post Punk: Geschickt zwischen Pop, Goth und Indie Rock austariert. Die Pleasure Leftists sind vier Jahre nach ihrem beeindruckenden Longplayer-Debüt „The Woods of Heaven“ (2015 bei Deranged erschienen) mit dem zweiten Album zurück. „The Gate“ ist diesmal bei Feel It! Records erschienen und führt den songorientierten Stil der Band aus Cleveland fort, der vor allem auf die kraftvolle Stimme von Sängerin Haley Morris sowie die atmosphärische, abwechslungsreiche Gitarrenarbeit fußt. Im Grunde genommen organischer, songorientierter Indie Rock. Wären da nicht die stilistischen Anleihen, die das Quartett beim frühen, nordenglischen Post-Punk-Sound aus Manchester (Factory Records et al) nimmt, die heiß-kalte Gitarrenarbeit erinnert bei einigen Stellen an Greg Sage (Wipers). So ist es wenig überraschend, dass die Scheibe auch tatsächlich in der Nordwest-amerikanischen Post Punk-Kult-Stadt Portland aufgenommen wurde: Stan Wright von den Arctic Flowers hat bei der Produktion für den bisher besten Studiosound der Band gesorgt und das sowieso gute Songwriting in ein günstiges Licht gerückt. Eine Scheibe, die ich wieder oft hören werde. //RRRhund\

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Post Industrial/Deconstructed Beat: Frisch von einer japanischen Videopremiere geklaut. „Still high“, der Opener von „Technical Support“, dem neuen Album des St. Petersburger Post Punk-Duos Supernova 1006 (erscheint diese Tage bei Young & Cold Records), ist für die Bandverhältnisse ungewöhnlich elektronisch geraten, erinnert etwas an die Dark Alternative-Szene der frühen 90er (NIN et al). Dekonstruierte Beats und elektronische Dauerstress-Signale bestimmen das Klangbild, die Gitarrenarbeit fungiert eher als Beiwerk. Inhaltlich geht es um die Informationsflut im Internet und staatliche Versuche, dieses Kontinuum zu kontrollieren. In Russland wurde ein Gesetz verabschiedet, dass das Internet ab 2020 unter staatliche Kontrolle stellt – die Informationen im Netz durch eine gigantische Firewall filtert: für die Bevölkerung das Ende der Informationsfreiheit im Netz. Entsprechend ist das Video zu diesem recht kurzen Song auch eine Bilderorgie, die eine Vielzahl von Botschaften transportiert. Supernova 1006 war im Mai auch Bestandteil des Features über die Post-sowjetische Post Punk-Szene in unserer Radiosendung auf bermuda.funk. //RRRhund\

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Art Punk/Post Punk: Dass auch das Private durchaus politisch ist, ist eine der zentralen Botschaften der Washingtoner Art-Punks Priests. Die Band hat gerade eine der ultrasympathischen Tiny Desk-Shows für die US-Radiostation NPR abgeliefert und hat dabei die Songs „Jesus’ son“, „The seduction of Kansas“ und „I’m clean“ vom aktuellen Album „The Seduction of Kansas“ zum Besten gegeben – in ungewöhnlicher Besetzung und mit ungewöhnlich runtergedimmter Instrumentierung. //RRRhund\

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Lo-Fi Synth Punk: Theo Zhykharyev ist in seiner Inkarnation als garagige Ein-Mann-Synth-Punk-Band ein Phänomen: immer batschige, coole Knarzsounds auf Lager, immer simple, leicht irre Arrangements am Start. Die Art von guter Laune, die nicht alleine natürlichen Ursprungs zu sein scheint. Dazu kommt noch der recht eigene Stilmix: den Versuch Tubeway Army und DC Hardcore zu paaren, haben noch nicht viele unternommen. „People in the Sun“ ist nach einigen Kurzspielern der erste Longplayer von Powerplant aus London. Eine der besten Synth Punk-Veröffentlichungen der Saison – und mit der Meinung bin ich nicht alleine. Wer mit einem Vinylrelease auf Erste Theke Tonträger geehrt wird, zählt sowieso zum heißen Scheiß – die Scheibe ist fast ausverkauft. //RRRhund\

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Minimal Synth Punk/Nu Kraut: Doch, die sind cool. Izzy Glaudini, Lola Dompé und Halle Saxon sind Automatic, ein reduziertes Synth Punk-Trio aus Los Angeles, das ohne Gitarre auskommt und seit 2017 die kalifornische Metropole unsicher macht. Motorische Beats, ein sehr gitarrig gespielter Fretless-Bass und einfache Synth-Linien reichen für die Go-Go’s-Fans vollkommen aus, um hookige, charmante Songs aus dem Hut zu zaubern. Hier das Video zur aktuellen Single „Too much money“, die auf dem im September erscheinenden Debüt-Longplayer „Signal“ zu finden sein wird (27.9. Stones Throw). Und hier noch das Video zur ersten Single „Calling it“ //RRRhund\

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Experimental/Cinematic Drone/Ambient Doom/Electroacoustic/Modern Classical: Epische Veröffentlichung aus dem Puce Mary-Universum. Auf der bandcamp-Seite von Frederikke Hoffmeier ist mit „An Exploitative Version of Surrogacy“ eine neue kollaborative Aufnahme von Puce Mary, dem Produzenten Francesco Leali, dem Haunter Records-Label-Chef Heith und dem Cellisten Alessandro Branca aufgetaucht, die aus zwei tumultartigen Ambient-Stücken besteht, die um die Klänge eines Cellos aus dem 17. Jahrhundert kreisen, diese in höhlenartigen Drone-Sounds baden, mit Stimmverfremdungen, Noise sowie futuristischen Glitch-Passagen überlagern. Episch, heftig und spannend. //RRRhund\

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Open Form Composition: Der Posaunist, Komponist und Produzent Peter Zummo (durch seine Arbeit mit Arthur Russell, Love of Life Orchestra, Downtown Ensemble, Flying Hearts und mit den Lounge Lizards bekannt) kommt aus der metropolen New Yorker Avantgarde-Szene, die für ihre stilistische Offenheit und Emperimentierfreude bekannt ist. Die Aufnahmen auf dem aktuellen Album „Deep Drive“ sind bereits fünf Jahre alt und stammen von einer Tour in Großbritannien, die 2014 mit einer Sextett-Besetzung aus englischen und US-amerikanischen Musikern bestritten wurde: Der Bassist Ernie Brooks, der Schlagwerker Bill Ruyle, der DJ Keith McIvor (besser bekannt unter dem Namen JD Twitch von Optimo), der Elektronik-Produzent und Posaunist Ralph Cumbers sowie der Cellist Oliver Coates halfen Zummo, seine minimalistischen Open Form-Kompositionen mit dem richtigen Spirit auf die Bühne zu bringen, und im Anschluss gleich im Studio zu dokumentieren. Zu hören gibt es bis jetzt die A-Seite des Longplayers, das atmosphärische, fast 14-minütige „Prepare for docking“, das durch die Stimme von Joyce Leigh Bowden (ebenfalls durch seine Arbeit mit Arthur Russell bekannt) und die geklöppelten Zither-Sounds von Ruyle geprägt wird, die einen eleganten Kontrapunkt zum Posaunenspiel von Zummo bilden. Ensemble-Improvisation vom Feinsten – bin schon sehr auf den Rest gespannt (13.9., Tin Angel Records). //RRRhund\

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Indie/60s Psych/Dream Pop: Super mellow Psych Pop für die Indie-Generation von 2019 von den Schweden Death and Vanilla. Das Trio aus Malmö hat mit „Are You A Dreamer?“ im Mai beim britischen Szene-Spezialisten Fire Records ein neues Album veröffentlicht, das von dichten Dream Pop-Vibes durchdrungen ist, vor allem in Sachen Songwriting und Atmosphäre glänzt. Davor hatten die Drei sich mit mehreren Soundtrack-Arbeiten beschäftigt – ein Unterfangen, das sich tief in die DNA der neuen Scheibe eingelagert hat. Hier die sehr gelungene, sogartige Lead-Single „A flaw in the iris“. //RRRhund\

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Alternative Rock/Shoegaze/Noise Pop: „We call ourselves an alternative rock band with shoegaze influences. Sound wise, imagine if Alternative Nation on MTV 1997 and a drum machine fall into a cotton candy machine. The cotton candy wheel breaks and derails.“ Zucker aus Schweden, Zucker mit gefährlich scharfen Kanten. Die Bandmates von Spunsugar stammen aus der Provinz des schwedischen Bible Belts, sind jetzt in Malmö ansässig und haben die Zutaten im Gepäck, die Noise Pop schon immer großartig gemacht haben: gutes Songwriting sowie den Arrangement-Kontrast aus zuckersüßen Melodien, rumpelnden, wuchtigen Beats und giftigen Shoegaze-Gitarren. Hier ist die geniale Debüt-Single „I shouldn’t care“ (kommt bei Adrian Recordings) … einfach perfekt. Ich freu mich schon auf mehr. (Die Single lief dann auch ein paar Tage später in unserem Feature über die Shoegaze-Szene der 2010er Jahre auf bermuda.funk) //RRRhund\

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Cover: Beak> haben sich anlässlich einer Protestveranstaltung von Extinction Rebellion (britische NGO mit Thema Klimakatastrophe) in einer erweiterten Besetzung des Funk Wave-Klassikers „Papa’s got a brand new pigbag“ von 1981 angenommen – groovt wie Hölle. Genau wie das Original von Pigbag eine Reminiszenz an den James Brown-Funk der End 60er und Früh-70er. //RRRhund\

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Post Punk/Dream Pop: Das „No“ könnte man in dem Fall auch getrost streichen. Die Post Punk-Formation No Sisters hat vor ein paar Tagen das Video zu einer neuen Single online gestellt, und wenn man die Augen schließt, meint man einen unveröffentlichten Tracks aus den „Sister“-Sessions von Sonic Youth zu hören. Der Track ist der Aufmacher einer neuen EP, die das Quartett aus Melbourne im August veröffentlicht („Influence“ EP, 23.8.). Wundervoll verträumte Gitarrenarbeit und ein schwebender Groove im Hintergrund, im Video dazu Plastikblumen anstatt Effekttreter: „My new career“. //RRRhund\

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Alternative/Deep Blu R’n’B Wave: Wow. Fünf Jahre ist das schon wieder her, die Veröffentlichung des letzten Longplayers. Meine australischen Lieblings-Herzensbrecher HTRK hauen Ende August mit „Leo in Venus“ bei Ghostly Int. eine neue Scheibe raus. „You know how to make me happy“, die aktuelle Single von Jonnine Standish und Nigel Yang, ist für die musikalischen Verhältnisse der australischen Slo-Mo-Waver ein happy Uptempo-Song. That being said … //RRRhund\

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Alternative/Electronic Indie: „You’re a sorcerer, you’re a necromancer, you’re a mind inside a clock-work.“ Ähhh … ja und nein. Also nein, bin ich natürlich nicht, aber ja zu Karpov not Kasparov, diesem skurril-witzigen, Schach-besessenen, elektronischen Duo aus Bukarest, das mir Yugofuturism mal wieder nahe gebracht hat, weil sie die beiden auf westliche Bühnen holen. Hier die SIngle „Mechanical Turk“, die Wolfgang von Kempelens legendären „Schachautomat“ von 1770 zum Thema hat, der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Europa in Aufruhr versetzte. Die Vision, dass eine Maschine besser Schach spielen könnte als ein Mensch, ist seit 1997 längst Realität geworden. 1770 saß aber natürlich nur ein unangenehm starker Schachspieler in der Apparatur und hat das Teil bedient, den verblüfften menschlichen Gegnern Niederlagen in Serie zugefügt und so einen Mythos geschaffen, der bis heute trägt. //RRRhund\

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Cold Wave: Alte Bekannte auf dem Blog. Seite Ende Juni ist mit „Things Don’t Talk“ ein neues Album von Crystal Soda Cream im Umlauf (als Tape oder digital bei Wilhelm Show me the Major Label draußen). Das Cold Wave-Trio aus Wien macht da weiter, wo es bei der letzten Scheibe („Work & Velocity“, 2016 bei Totally Wired erschienen) aufgehört hat – Flanger-Bass, klare Chorus-Gitarre und klassischer, unprätentiöser Cold Wave-Gesang. Theresa Adamski, Sebastian Ploier und Philipp Forthuber verstehen es dabei, die subtilen Feinheiten des Cold Wave-Genres organisch und unverkrampft auszuloten, pathetische Untiefen zu umschiffen – immer noch mein dunkles Lieblingsboot aus Wien, very nice. Hier das lyrische Video zu „A drill“, das belegt, dass die visuelle Komponente für die Band eine große Rolle spielt. //RRRhund\

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Crowdfunding: „Mountains of Madness“, das letzte Album der österreichischen Indie-Legenden H.P. Zinker soll zum ersten Mal auf Vinyl veröffentlicht werden … wie es sich für so einen Meilenstein gehört. Da so ein Doppelalbum schon einiges kostet, hat Noise Appeal Records ein Crowdfunding gestartet, um das Projekt auf den Weg zu bringen. Mit den wärmsten Empfehlungen von RRRsoundZ. //RRRhund\

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EBM/Dark Wave: Schwarze Elektronik aus Brooklyn. Einfach nur, weil man das wunderbar nach irgendeinem Stück von Buzz Kull spielen kann. Ein ähnlicher Sound, ein ähnlicher Vibe – abgesehen davon, dass hier der französische Minimal-Sound der frühen 80er als Einfluss eine etwas größere Rolle spielt. „Wraith“ von Silent EM aus New York stammt vom Album „The Absence“, das gerade beim kleinen Szene-Spezialisten Disko Obscura in New Orleans erschienen ist – klassisch treibender, elektronischer Dark Wave mit EBM-Skelett. Im Video folgen wir Jean Lorenzo (so heißt der Mann bürgerlich) zu ikonographischen Orten in New York (Coney Island et al), die klassische 80er Waver-Tolle und das lange Gewand immer im Bild. //RRRhund\

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Electronic Rock/Nu Kraut: „This is a dialogue between man and machine.“ Heieiei, voll verpasst, dabei habe ich über die vor ein paar Jahren sogar ein richtiges Feature für den Blog geschrieben. Die finnischen Space-Rocker von K-X-P haben bereits im Mai mit „IV“ ihren – nomen est omen – vierten Longplayer beim heimischen Label Svart Records veröffentlicht. Die Scheibe besteht diesmal nur aus drei Tracks – allerdings handelt es sich um monumentale kosmische Space-Monster, die 22, 7 und 14 Minuten lang sind. Moderner Kraut-Rock aus der ersten Liga. Hier eine Radio Edit des kürzesten Stücks (ich möchte ja so früh in der Woche nicht eure Aufmerksamkeitsspanne überfordern …). Und hier das ganze Album für die Leute mit mehr Kondition. //RRRhund\

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Post Punk Sleaze: Die Viagra Boys haben jüngst die Flesh & Bone Studios im Londoner Stadtteil Hackney heimgesucht – um mit Saxophon und Speed-Dealern aus Stockholm eine einmalige Live-Session einzuspielen. So die Ankündigung der NTS-Radiostation, die die Session auf die Beine gestellt hatten. Das Album der schwedischen Post Punk’n’Roller stammt ja eigentlich schon aus dem letzten Jahr, war bis vor Kurzem in Deutschland aber nur zu völlig irrwitzigen Preisen zu kriegen. Ob da in Schweden nicht genug abgesetzt, aber zu viel konsumiert worden war? Wir wissen es nicht. Tun wir also einfach so, als ob „Street Worms“ ganz frisch wäre und proklamieren noch einmal: eine der besten Platten des Jahres. Und live sind die sowieso großartig. //RRRhund\

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Punk/Post Punk: Zur Optik des Oh Sees-Videos passt das neue Video der Idles zu „Never fight a man with a perm“ ganz wunderbar – deswegen schießen wir das gleich hinterher. Das Szenario ist aber ein ganz anderes … //RRRhund\

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Psych Rock/Prog: Es steht zur Abwechslung mal wieder ein neues Album der Oh Sees an („Face Stabber“, Castle Face Records, 18.8.). Die aktuelle Single kommt mit schrägen Prog-Elementen und einem irre verdrogtem Retro-Computervideo, für das die Eaten Alive Illustrations-Crew verantwortlich zeichnet. Crazy shit! //RRRhund\

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Experimental/Improvisation: Ungewöhnliche Kombination. Oren Ambarchi, Mark Fell, Will Guthrie und Sam Shalabi haben sich unter dem Titel „Oglon Day“ für ein kollaboratives Album im Grenzfeld zwischen moderner Elektronik und Improvisation zusammengetan. Zwei lange Stücke, eins um die 18-Minuten-Marke, das andere knapp 14 Minuten lang, füllen jeweils eine Plattenseite der Veröffentlichung und sind von einer pointillistischen Arbeitsweise, von einer streng geometrisch aufgezogenen Elektronikstruktur getragen, die aber konstant organisch von Guthrie und Shalabi durchwoben, zu immer neuem Leben erweckt wird. Ein fokussiert-spannender Leckerbissen für Freunde der modernen Improvisation (Ende Juni bei Londoner Label 33-33 erschienen). //RRRhund\

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Experimental/Ambient/Drone/Psychedelic Underground: Der Avantgarde-Schlagwerker Jon Mueller hat bei seinem neuen Album „Canto“ ausnahmsweise mal seine perkussive Kernkompetenz in Kontemplation gewandelt, beschwört mittels medidativer Drone-Elemente und prozessierter Gesangspassagen eine tiefe Reise in die Innenwelt. Alchemische Gongklänge, die an die metallenen Audioinstallationen von Harry Bertoia erinnern, treffen auf schamanistische Stimmstudien im Stile von La Monte Young und Marian Zazeela. Eine Reise, die mit Fragen beginnt, in Verwirrung und Dunkelheit driftet, um schließlich in Ruhe zu enden. Alle drei Tracks – „Oil“, „Wick“ und „Flame“ – sind nach bekannten Sufitexten benannt – drei Teile eines heiligen Ganzen, eine faszinierende Veröffentlichung aus dem Psychedelic Underground. FFO John Duncan, La Monte Young, Harry Bertoia, Lussuria //RRRhund\

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Experimental/Electronic: Der Wiener Experimentalproduzent Jung an Tagen zählt aktuell zu den hypermodernsten und spannendsten Vertretern seiner Zunft. Beim Wiener Szenespezialisten editions mego ist vor Kurzem mit „Proxy States“ das dritte Werk des anonym arbeitenden Künstlers erschienen, das radikale Konzeptmusik mit den Riten der Technoszene paart, um so zu ebenso magnetischen wie nervenzehrenden Ergebnissen zu kommen. Das gilt insbesondere für die Hauptachse des Albums, für die vier Tracks, die „Wreath Products“ im Namen tragen und auf einer Kollision zwischen einem 16-taktigen und einem 17-taktigem Synth-Schema fußen, das jeweils über minimale Verschiebungen eine neue Syntax erlangt, über den Wandel der unterlegten Rhythmuspatterns neu geerdet und gewichtet wird. Die Ergebnisse fallen höchst unterschiedlich aus, schwanken zwischen ultrafuturistischer Clubmusik und hermetischer, unnahbarer Klangforschung im Bereich wenig gehörter Frequenzen. A propos Frequenzen. Die Signalkollisonen auf der Scheibe erwiesen sich als so ungewöhnlich und anspruchsvoll, dass es unmöglich war, das Werk auf Vinyl zu pressen: es wäre zu Auslöschungen gekommen, Teile des Klangs wären auf Teerpappe verschwunden. Am besten vorstellen kann man sich das bei den vier Tracks, die den Hauptteil umringen, beim Urknall-artigen Opener „Spill (False)“ wie bei den fremdartig-maschinellen „Instructions for a sound machine“, die den Kern einleiten. Futurismus 2019. //RRRhund\

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Electronic: Sigha hat sein Label OCS nach fünf Jahren aus dem Winterschlaf geholt und unter seinem Faugust-Alias eine neue EP veröffentlicht („Parallel Rave Fantasies“, vor Kurzem erschienen). Bei der Arbeit an den fünf Tracks der EP hat sich der Produzent von seinen frühen Erfahrungen mit Elektronik inspirieren lassen, und diese Einflüsse dann in aktuellen Sounddesign, mit modernen Produktionsmethoden transkribiert. Die Ergebnisse sind ein eigenartig spannender Zwitter zwischen Dancefloor-tauglich und Wohnzimmer-Sound geworden. Hier der EP-Opener „Cold harbour“, bei dem harte, physische Rhythmus-Patterns erst einen Roboter-haften Tanz in der Maschinenhalle aufführen, um später von spaceig-kosmischen Flächen begleitet zu werden. Dynamische Elektronik, zugleich abstrahiert und physisch. Very nice. //RRRhund\

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Alternative/Semi Electronic: Tom Fleming war Songwriter, Sänger und Multi-Instrumentalist der leider aufgelösten Art-Pop-Formation Wild Beasts. Bei One True Pairing, seinen neuem Projekt, setzt er seine fragil-schräge musikalische Reise fort. Die erste Nummer heißt jedenfalls schon mal genau wie das Projekt selbst – man vermutet: ein programmatischer Song für den Sound, den man zu erwarten hat. Inmitten disharmonischer Gitarrensounds tuckern halbwilde Sequencer. Flemings markante androgyne Stimmlage erkennt man natürlich sofort. Inhaltlich geht’s in dem Song um die fatale wie unrealistische Online-Fiktion perfekter Matches in Beziehungen. Anstattdessen arbeitet sich Fleming an den Ecken und Kanten echter Beziehungen ab: „Dies ist ein Lied über die Hoffnung, über die Niedergeschlagenheit und das Wiederaufstehen. Es geht darum, etwas falsch zu machen und dann die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind.“ (die Single kommt bei Domino) //RRRhund\

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Alternative/Electronic Post Punk/Dada Dub: Klingt fast wie ein deutschsprachiges Update der Fun Boy Three für 2019. „Bankrott“ ist eine ziemlich coole Single vom Debüt (s/t, im Juni bei Numavi Rec erschienen) von Gran Bankrott (früher nur Gran), eines Wiener Multiinstrumentalisten und Produzenten aus dem Umfeld des Szeneladens AU, der Post Punk-, Dub- und Electro-Elemente charmant kombiniert und dabei geistreich gestrickte Geschichten „aus dem blanken, urbanen Leben“ erzählt. Produziert und komponiert hat er das Album dann auch ganz alleine – mit Ausnahme von ein paar Saiteninstrumenten, die ihm Philipp Forthuber (von Crystal Soda Cream und Lady Lynch) auf Band geknallt hat. Am 10. August kann man Gran Bankrott zusammen mit Die Wilde Jagd und Tellavision in den EAW-Hallen in Esslingen sehen – natürlich eine Veranstaltung vom KOMMA in Esslingen. //RRRhund\

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Sludge/Grind/Crust/Post-Metal/Doom/Post Hardcore: Plätschert bei euch gerade alles so unerträglich sommerlich vor sich hin? – Dann habe ich genau das richtige für euch. Der Body Horror und der Brachialsound des aktuellen Video der australischen Sludge-Könige Lo! sollten dem ein Ende bereiten. „As fools ripen“ ist bereits 2017 auf dem dritten Album der Band aus Sydney erschienen („Vestigial“, Pelagic Records). Das Video ist aber ganz frisch … und steigert im Verlauf die Surrealismus-Quote ins Gigantische. //RRRhund\

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Noise Rock/Hard Psych/Sludge: Schon das Cover sieht aus, als wäre ein fieser Marvel-Endgegner in einen LSD-Bottich gefallen – schrille Farben, grotesk entstellter Gesichtszug, Psychose. Und auch akkustisch passt das ganz gut. Die Rede ist von „The Ecstasy Of Infinite Sterility“, dem zweiten Album der griechischen Noise Rocker Krause (kürzlich bei Riot Season Records erschienen). Das Quartett aus Athen hat zwei Jahre nach dem Debüt ein fies kratzendes Werk abgeliefert, das an das AmRep- und Touch and Go-Universum der 90er andockt, und doch mit ganz eigener Tonalität versieht. Der extrem kratzige Bass-Sound, die Gitarrenarbeit von Babis und Alex, die ab und an auch harte Psychedelic- oder Sludge-Elemente absorbiert, sorgen für ausreichend identitätsstiftende Pfeiler im Universum der harten Bands. //RRRhund\

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Noise Punk/Sludge/Slowcore: Die Musikerinnen von Lungbutter sind langjährige Veteraninnen der DIY-Szene von Montréal. Brooks, Sadler und Zozula waren früher bei Bands wie den Femmaggots, Harsh Reality, Caymans, Nennen, Wreckage With Stick oder Nag unterwegs und unterhalten auch enge Verbindungen zum Misery Loves Company-Kassetten-Label, dem La Plante-Kollektiv, und zur Campus-Radiosstation CKUT. Der feurige Noise Punk des kanadischen Frauen-Trios meandert zwischen freien Noise-Attacken, Sludge Rock und Slowcore-Passagen. Der Bandsound wird dabei vor allem von der virtuosen, nimmermüden Gitarrenarbeit von Kaity Zozula geprägt, die mal am unteren Ende des Griffbretts wüste Sludge-Riffs rotzt, um im nächsten Augenblick giftig-beißenden, höhenlastigen Noise in den Gehörgang zu schicken. Da Zozulas Sound gleich von drei Gitarrenamps in den Raum getragen wird, entsteht ein mächtiges, episches Klangbild. Aber auch der trockene Sprechgesang von Sängerin Ky Brooks bleibt im Kopf hängen. Darunter treiben Sadlers wuchtige Drums die Songs voran. In manchen Reviews sind schon die Begriffe „Neanderthaler-Sludge“ und „Rasenmäher-Riffs“ gefallen – durchaus passend zum minimalistischen Set-Up, zum Sound der Band. Bei Constellation Records (schade, die BDS-Nähe, der pauschale Israel-Boykott des ehemaligen Vorzeige-DIY-Labels ist eigentlich unerträglich; man hätte sich mehr kritisches Bewusstsein bei der Labelwahl gewünscht) ist jetzt mit „Honey“ der erste Longplayer des Trios erschienen, der von einem asketischen, kreativen Punk-Spirit angetrieben wird – 33 rabiate wie kreative Minuten, die dem Frauen-Trio aus Montréal bald auch mehr internationale Aufmerksamkeit garantieren sollten. //RRRhund\

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Electronic Post Punk: In diesem Jahrzehnt ist der punkig-fruchtige Electro Clash-Sound der 2000er in Richtung Minimalismus mutiert, hat sich selbst dizipliniert, reduziert und dann mit den Pionieren der Post Punk-Szene aus den End-70ern und frühen 80ern gepaart. Herausgekommen sind Projekte wie Factory Floor. Oder eben das britische Underground-Electro-Duo The Golden Filter, das vor ein paar Tagen ein cooles Video zum eiskalten, neuen Electro Funk-Track „Infinity“ online gestellt hat. Zu finden ist die Nummer auf „Autonomy“, dem neuen Longplayer von Stephen Hindman und Penelope Trappes, der nächste Woche beim Band-eigenen Label 4GN3S erscheint (dig. / Vinyl). //RRRhund\

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Dark Electro: Dirk Da Davo kann’s immer noch. Der ehemalige Kopf der Electro Wave-Kultband The Neon Judgement hat sich das Talent bewahrt, catchy elektronische Wave-Musik zu komponieren. Das gilt auch für das neue Projekt Neon Electronics, das er mit Glenn Keteleer (von Radical G) und Pieter-Jan Theunis (von Skiska Skooper) bestreitet, und nicht nur vom Namen her an die alte Klasse anknüpft. Hier das ultramagnetische „More“ vom aktuellen Album „Apollo“ – ein Hit ist ein Hit ist ein Hit. //RRRhund\

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Post Punk/Noise Rock/Tough Wave: „Imposition Man aus Graz nehmen bei T-Rex in der Allee der Kosmonauten in Berlin auf, und veröffentlichen auf einem Wiener Label – wie kommt denn das?“, habe ich mir vor ein paar Wochen gefragt. Um dann von Haug vom Mannheimer DIY-Label Erste Theke Tonträger zu erfahren, dass hinter diesem Soloprojekt Marian steckt, der früher in Graz gewohnt hat, aber vor einer Weile nach Berlin gezogen ist und ansonsten auch bei bei den Cult Values, Cold Leather und Catholic Guilt spielt (beziehungsweise gespielt hat). Also bei genauerem Hinsehen eher eine Berliner Geschichte. Auf dem selbstbetitelten Longplayer für Cut Surface in Wien gibt’s jedenfalls knackigen Post Punk-Sound mit Atmosphäre und Schmutz an der richtigen Stelle zu hören. Klasse Teil, da wollte ich glatt das Vinyl haben. //RRRhund\

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Berlin-Szene/Synth Punk: „Dumpfer Bass, schroffe Kanten, Arbeitslosengeschrei, anspruchslose, aber wirksame Tonfolgen. Mentale Hygiene der Generation Mischgetränk.“ So beschreiben die Infant Sanchos den radikal einfachen Synth Punk auf ihrer Debüt-LP für das Kölner DIY-Label Contraszt! Records. Ein Minimalismus, der die Texte zwischen Reflektion und Wut in den Vordergrund rückt. Batscht ordentlich und fügt sich prima ins rohe Bild der neuen Berliner Underground-Szene. //RRRhund\

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Electronic/Experimental: Letztes Jahr hatte ich Aïsha Devi, die in der Schweiz geborene, nepalesisch-tibetanische Klangkünstlerin, anlässlich ihres Durchbruchalbums „DNA Feelings“ vorgestellt (bei Houndstooth erschienen) und im Januar auch in unserer Radiosendung über die aktuelle weibliche Elektronik-Avantgarde auf bermuda.funk vorgestellt. Jetzt ist bei Houndstooth mit „S.L.F.“ gerade eine neue 12″ mit fünf Tracks erschienen, die Devis abgefahrene, avantgardistische Arbeitsweise zwischen esoterischen Klangexperimenten, dekonstruierten Rave-Elementen und Pop-Sensibilität präsentieren. //RRRhund\

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Electronic: Alessandro Cortini, das langjährige Bandmitglied der Nine Inch Nails, hat in den letzten Jahren seine Solokarriere massiv vorangetrieben – mit beeindruckenden Ergebnissen. Zwei Jahre nach dem audiovisuellen Meisterwerk „Avanti“ ist Cortini mit den halb-elektronischen, komplex-emotionalen Dynamiken auf dem neuen Album „Volume Massimo“ bei Mute Records gelandet (27.9.). Zu hören gibt es jetzt schon den Album Opener „Amore Amaro“, der verhalten startet, um dann trotz Verzicht auf alle Klang-Ornamente ein kleines emotionales Feuerwerk zu zünden. Stark. //RRRhund\

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Post Punk/Noise Rock: Ihre erste Veröffentlichung hat die Basler Band Rausch auf bandcamp gestellt. „Glas essen“ kommt mit vier Songs im modernen, deutschsprachigen Post Punk-Stil, mit Gitarrenarbeit zwischen noisigen Passagen an der Feedback-Grenze und scharf konturierter Post Punk-Klassik, mit straight treibender Rhythmusgruppe und expressiven Texten. Guter Start – bin gespannt, was Moritz, Rahel und Quentin demnächst noch abliefern. //RRRhund\

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Hard Rock/Power Pop: Die sozialistischen, Power Pop-infizierten 70er-Hard Rocker Sheer Mag um das Gesangs-Powerhouse Christina Halladay sind zurück. Das Quartett aus Philadelphia veröffentlicht im August das zweite Album „A Distant Call“ (23.8.), das sich textlich wie gewohnt von der inhaltlichen Toxizität der musikalischen Vorbilder stark abhebt und in kleinen Alltagsgeschichten von den Verhältnissen im Spätkapitalismus erzählt. Die erste Hörprobe „Blood from a stone“ swingt dennoch leichtfüßig durchs Wohnzimmer, lässt die Laune steigen und die Füße tippeln. //RRRhund\

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Synth Punk: Energisch stampfenden, katalanischen Synth Punk haben Ca de Bestiar (benannt nach einer mallorquinischen Hunderasse, die vom Aussterben bedroht ist) aus Barcelona im Gepäck. Bei Magia Roja ist gerade die „Chicos Salvajes“ 12″ erschienen, die sechs Stücke enthält und nach einem schön rohen Bastard-Kind von Bands wie Liaisons Dangereuses, Esplendor Geometrico, Suicide und Killing Joke klingt. So sieht das jedenfalls das Label. Hier das Video zum Titeltrack. //RRRhund\

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Shoegaze/Post Punk/Violent Psych: The Dead Sound, das ehemalige Soloprojekt von Karl Brausch (Love A), das mittlerweile zur Band herangereift ist und shoegaziges Songwriting mit brutalen Psych-Noise-Gitarren und dunkler Atmosphäre im Stil von A Place to Bury Strangers paart, hatte ich ja bereits im Mai vorgestellt (und im Juni im Rahmen von bermuda.music special auch im Radio gespielt). Nicht erwähnt hatte ich, dass auch unser lokaler Mastering-Wizard Christian Bethge bei der Produktion auch seine Finger im Spiel hatte. Da „Do you fear?“, die neue Single, aber sowieso ein Knaller ist, habe ich die Gelegenheit gleich nochmal beim Schopf ergriffen. Das Debüt „Cuts“ ist in ein paar Tagen bei Crazysane Records draußen (19.7.). //RRRhund\

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Alternative: Philip Quinn war vor einiger Zeit noch Gitarrist der großartigen Girls Names aus dem nordirischen Belfast, die mittlerweile wohl endgültig das Zeitliche gesegnet haben. Zu dieser Zeit war Gross Net noch Quinns – ziemlich elektronisches – Nebenprojekt. Aus dem Nebenprojekt ist mittlerweile die Hauptbeschäftigung, aus der elektronsischen Orientierung wieder ein umfassender songorientierter Alternative-Einschlag geworden. Als aktuelle Einflüsse nennt der Nordire dann auch Psychic TV, Popol Vuh, and Rachmaninoff – nette Spreizung. „Gross Net Means Gross Net“, das zweite Album von Quinn, wird Ende August beim renommierten U.S.-Szene-Label Felte Records erscheinen (30.8.). Hier das hübsch angepsychte Video zur Leadsingle „Gentrification“. //RRRhund\

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Death Rock/Glam/Darkgaze/Post Punk: Die Part Time Punks Sessions – Ableger eines wöchentlichen Szene-Club-Events im Echo Park, L.A. – sind eigentlich immer ein schöner, qualitativ hochstabiler Gradmesser, was gerade in der kalifornischen schwarzen Szene an guten Bands hochkommt. Auch bei der Veröffentlichung von Fearing verhält sich das nicht anders. Auf „Part Time Punks 1​.​21​.​18“ präsentiert das kalifornische Quartett einen hochatmosphärischen, glamorösen, Shoegaze-beeinflussten Death Rock, der die Pathos-Fallen der 80er Jahre-Vorbilder erfolgreich umschifft. Unprätentiös und einfach gut. //RRRhund\

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Post Punk/Peace Punk: Von den Portland-Bands hat man in letzter Zeit definitiv zu wenig gehört. Ich vermisse diesen songorientierten Post Punk-Stil mit Melancholie und Punch gerade ein wenig. Jetzt ist aber schon mal eine neue Scheibe der Arctic Flowers mit der klasse Stimme von Alex Carroccio am Start. „Straight to The Hunter“, das dritte Albums des Quartetts aus dem amerikanischen Nordwesten, ist gerade beim Kölner DIY-Label Contraszt! Records zu kriegen. //RRRhund\

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