+Kurz rausgehackt: März 2020

Goth Punk/Death Rock: Alle, die die letzten beiden Radiosendungen des Blogs gehört haben, wissen, dass die australische DIY-Szene hier gerade schwer im Fokus ist. Neuester Fund ist „Celebration“, die aktuellste Veröffentlichung der Occults aus Brisbane (die Stadt wird dann nach Sydney in unserer Australienserie eine Rolle spielen). Das Goth Punk-Trio hat die sieben düsteren Songs bereits Ende 2017 auf Band gehämmert, aber erst jetzt auf die Menschheit losgelassen. Die scharfen, treibenden Beats von George Browning, der dumpf dröhnende Death Rock-Bass von Sam McKenzie und die atmosphärisch glühende Gitarre von Jasmine Dunn fügen sich mit dem kühlen Sprechgesang zu einem dunklen, dreckigen Goth Punk wie ich ihn mag. Die stehen quasi schon auf der Playlist der Brisbane-Sendung, ich muss nur noch den Song aussuchen. //RRRhund\

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Alternative/Krach Pop/Electronic Progressive Psycho Metal: Heftige neue Single des New Yorker Produzenten Jorge Elbrecht, das derbste Material seit seinem Coral Cross-Projekt. Beim Track „Traces of death“, der A-Seite der „Gloss Coma 003“-Single, kollidieren programmierte Metal-Drum-Patterns im EBM-Sound mit kühlen Synth-Linien, elektronischem Krach und dem stark verfremdeten Gesang von Ariel Pink. Krach-Pop für eine Welt, die gerade aus den Fugen gerät, quite a ride. //RRRhund\

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Experimental/Unusual Meditation Tape: RRRsoundZ goes Geisterbeschwörer. Ein äußerst rätselhaftes Projekt, diese Tongues of Light. Seit Sam A. McLoughlin 2016 zum ersten Mal das Team of Light – YouTuber verschiedener Kulturen, die mittels Lichtsprache archaisch kommunizieren und kosmische Energie kanalisieren wollen – zu einer ätherischen Gemeinschaft zusammencollagiert hat, und dann als Ergebnis „Channelled Messages At The End Of History“ herauskam, umgibt das Projekt ein Schleier offener Fragen. Bei Andy Votels und Demdike Stares Label Pre-Cert Home Entertainment ist nun mit „The Myth Of Separation And Selfhood“ ein zweites dieser Meditationstapes eigenartiger Natur auf Vinyl gepresst worden, das aus zwei langen Stücken um die 20-Minuten-Marke besteht („Unity“ und „Void“) und eben wieder aus collagierter Ritualen der verschiedenen Beteiligten besteht, die in Zungen, in Sprachen sprechen, für die unser programmiertes Gehirn nicht ausgelegt ist und Nachrichten überbringen möchten, die woanders ankommen sollen, das Bewusstein verändern wollen. Die Stimmen wurden vorsichtig mit Synth-Flächen unterlegt, und das Ergebnis klingt dann etwa wie eine Mischung aus Breadwoman und Carl Michael Von Hausswolff. Spannend allemal. //RRRhund\

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Electronic/Ambient/Downtempo/Chamber Pop/Ritual Psychedelia/Spriritual Jazz: Auch heute Melbourne, aber heute geht’s ab in die Berge. Irre Couch-Platte zum herunterfahren, ein tiefenentspannter, süchtig machender Edel-Tranquilizer von Album aus den Blue Mountains hinter der südaustralischen Metropole (die nach den Buschfeuern leider nicht mehr blue sind). Hinter dem Künstlernamen CS + Kreme stecken Conrad Standish (der Ehemann von HTRK-Sängerin Jonnine Standish, die auch als musikalischer Gast auftaucht) und Sam Karmel, zwei australische Produzenten, die im Februar mit „Snoopy“ vielleicht den Geheimtipp des Jahres rausgehauen haben. Langspieler darf man in diesem Fall übrigens wörtlich nehmen, denn viele der acht Tracks sind länger als sechs Minuten. Das Album beginnt dicht und ambientesk. Ein bisschen als ob man den Coil-Klassiker „Gold is the Metal“ in einer Opiumhöhle genießen würde – also stark verlangsamt und wie hinter einem Schleier. Ab und an kommen mutierte, verhuschte Downtempo-Beats dazu – Bristol auf Rohypnol. Wenn mal kurz und unerwartet die Stimmen der Protagonisten auftauchen, ist das in diesem Setting so, als ob der Leiter der Höhle kurz beim Kunden auftaucht, um nachzufragen, wie das werte Befinden ist und ob es noch die Spezialität des Hauses sein dürfe. Im späteren Verlauf der Scheibe werden die Dinge dann etwas klarer, die Höhle wurde verlassen, um mit veränderter Wahrnehmung mal kurz einen Spritual Jazz-Club mit dunklen Anteilen zu besuchen oder mit einem neoklassischen Kammerpop-Ensemble in Kommunikation zu treten. Mit leichter Hand wechseln Songstrukturen und instrumentale Passagen voller simpel gestrickter, ritueller Low-brow-Psychedelia, und bei jedem Durchlauf gibt es neue Referenzen und Einflüsse zu entdecken. Eine Platte, die euer Zeitempfinden auf die Matte legt, ihm das Mundstück reinschiebt und beruhigend zuredet. Vielleicht genau der richtige therapeutische Ansatz für eure Covid-Isolation. Mit Sicherheit aber am Ende des Jahres in den Listen Eingeweihter zu finden. //RRRhund\

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Alternative/Indie Rock/Glam: Hatten vor zwei Jahren ja schon mit ihrem Debüt-Album überzeugt, diese Dänen. Jetzt sind die The Love Coffin mit dem Nachfolger „The Second Skin“ (24.4., Third Coming Records) zurück und setzen nochmal einen drauf. Romantische, schwelgerische Songs mit Glam-Faktor, die durch die vulkanische Stimme von Jonatan K. Magnussen eine besondere Qualität erlangen. //RRRhund\

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Cold Wave/Remix: Der Norweger Karl Morten Dahl produziert seit etlichen Jahren unter dem Namen Antipole mit Gitarre, Synth und Drum Computer, vor allem aber mit seinem auffällig dunklen Organ Dark Wave- und Post Punk-Songs für die schwarze Szene. Letztes Jahr war für den Produzenten aus Trondheim ein besonderes Jahr, hat doch die Veröffentlichung des zweiten Albums „Radial Glare“ beim renommierten deutschen Szene-Label Young & Cold Records für neue Aufmerksamkeit und für neue Vernetzungen gesorgt. Ein Produkt dieser Vernetzungen sind die „Perspectives“-Alben mit Remixen von befreundeten Künstlern. Vor Kurzem ist mit „Perspectives II“ nun der zweite Teil dieser Remix-Serie erschienen und für den atmosphärischen Actors-Remix von „Decade apart (feat. Paris Alexander | Eirene)“ gibt es auch ein schönes Video. //RRRhund\

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Alternative/Experimental/Low-Fi Pop: Military Genius ist das Soloprojekt von Bryce Cloghesy, den man von den kanadischen Post Punk-Bands Crack Cloud und N0V3L, aber auch von Kooperationen mit Blanka kennt. Bei seinem eigenen Projekt verfolgt der Kanadier aber ganz andere, ruhigere Sound-Spuren, mischt elektronische und organische Instrumentierung, wandelt mal im Dub-beeinflussten experimentellen Graustufen-Terrain, um beim nächsten Track eine LowFi-Pop-Ballade mit Piano aus dem Hut zu zaubern. Eine schöne Sammlung charmant hingehuschter, musikalischer Skizzen, die mich ein bisschen an die Vorgehensweise von Alex Zhang Hungtai erinnert („Deep Web“, bei Tin Angel Records draußen). //RRRhund\

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Electro: Ich mag ja immer noch sehr gern Electro, diese Vorform von Techno, die meist sehr kalt, technisch, minimalistisch und reduziert mit Breakbeats das Tanzbein zum schwingen bringt und Mitte der 80er Jahre genauso in der Hip Hop- wie in der New Wave-Szene zuhause war. Vor allem, wenn die Ahnengalerie aus der Minimalszene so deutlich hörbar wird wie beim schwedischen Label Stilleben Records, das bereits seit Ende der 90er Jahre existiert und vom bekannten Szene-Produzenten Luke Eargoggle betrieben wird. Künstler wie Legowelt, Obergman oder die DMX Krew tummeln sich auf dem Gothenburger Liebhaberlabel, aber natürlich auch Releases des Meisters selbst. Sehr gut gefällt mir auch die neueste Veröffentlichung, die selbstbetitelte 12″ von IXRQ – fünf exzellente Tracks kalte Robotermusik mit dem Stil von 1984, aber den Sounds von 2030. //RRRhund\

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Dark Punk/Goth Punk/Post Punk: Was eine glorreiche Gitarre, den Raum flächig mit silbrig schimmerndem Mollakkorden ausfüllend, und zugleich auch mit 100 Prozent Punk-Energie – eine geniale Mischung. Zu hören auf dem ersten Album der Dead Cells aus dem kanadischen Vancouver („I“, seit Februar bei Erste Theke Tonträger draußen), einem modernen Goth Punk-Meisterwerk, das den klassischen Sound von ’82 brillant nach 2020 transportiert. Im Gegensatz zu den alten Helden knallt die Rhythmusgruppe ihre Tracks nämlich supertight nach vorne, und liefert erst die Basis, über die sich die Gitarre und der klassische Sturm-und-Drang-Gesang so genial entfalten können. Dazu catchy-magnetische Songs, die hängenbleiben. Ein zugleich atmosphärisches wie kraftvolles Album mit Mitsingfaktor, here to stay. //RRRhund\

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Experimental/Avantgarde: Wenn ihr mal was ganz anderes braucht. Das Londoner Label Discrepant hat schon länger einen Faible für ungewöhnliche Künstler aus Portugal, also einem sonst wenig beachteten Randbereich der europäischen Avantgarde. Neuestes Beispiel ist „Tau Tau“ von Calhau!, eine futuristische Sprachstudie des portugiesischen Duos Alves von Calhau und Marta von Calhau (natürlich Künstlernamen), die das gesprochene Wort und elektronische Manipulationen ganz ins Zentrum dieser Arbeit stellen. Von Wortspielen über politische Kritik bis zu Neuinterpretationen portugiesischer Folk-Traditionen – hier steht in minimalistischen Konstruktionen die menschliche Stimme im Mittelpunkt. Das Ergebnis klingt für meine mitteleuropäischen Ohren sehr ungewöhnlich, frisch, ungehört. Faszinierend. //RRRhund\

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Minimal Art/Neo Klassik/Prog/Post Rock/Elektronica: Steve Reich-Epigonen aus Taiwan. Das Go Go Machine Orchestra schafft als Quintett einen Schönklang zwischen Minimal Art-Roots, Prog, Post Rock-Sequenzen und geschickt gesetzten Räumen. Das Ganze mit viel Piano-Loops, Mike Oldfield-Gitarre, Vibraphon, aufgelösten, minimalistischen Jazz Drums und elektroakkustischen Anreicherungen. Pretty nice, und manchmal fast zu schön, aber die Fünf wissen das auch immer wieder zu brechen. Hier die KEXP-Session vom Trans Musicales-Festival, Dezember 2019, in Rennes. Die würde ich mir jederzeit anschauen. //RRRhund\

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Slolectro/New Beat: Insgesamt hatte ich beim letzten Album von Boy Harsher ja das Gefühl, dass das Dark Electro-Duo aus Northampton seinen kreativen Zenit bereits überschritten hat – ganz im Gegensatz zur Popularitätskurve, die immer noch steil nach oben geht. Und dann kommt dieser ultracoole, sexy New Beat-Edit von „R.O.V.“ aus den Part Time Punks-Sessions um die Ecke und straft mich Lügen. Einer der besten Boy Harsher-Tracks überhaupt, ich bin geradezu besessen davon. //RRRhund\

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Psychedelic Electro Pop/Dub: Wow, schon das achte Album („Escape“, 4.5., Dekmantel). Die sind mal definitiv enorm geschmackssicher, und das auf gefährlichem Terrain. Da, wo Musik schnell zum Kaugummi-artigen Plastikprodukt wird, formt das ursprünglich mal kalifornische, aber mittlerweile in Europa ansässige Electro Pop-Duo Peaking Lights seine eingängigen, entspannten Hits, die durch Dub- und Psychedelia-Elemente einen besonderen Charakter und Charme erhalten. Toller Pop. //RRRhund\

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Electronic/EBM: Eine musikalische Goldmine, der Mann. Den multitalentierten Grafiker Reuben Sawyer hatte ich gerade letztens mit seinen coolen Soloprojekten The Column und Anytime Cowboy vorgestellt. Zusammen mit Dylan Travis von Some Ember unterhält er bereits seit 2014 aber auch noch das EBM-inspirierte Elektronik-Projekt Window, das Ende März beim Pariser Label Third Coming Records seine „Endless Cycle EP“ veröffentlichen wird (27.3.). Schön ungeschliffen, düster, tanzbar und mit Drive: die Hörprobe „Ashen“, die auch gleichzeitig der erste Track der EP ist. //RRRhund\

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Psych Blues: Wenn Deltablues vom Mississippi auf kosmische Sounds aus Deutschland aus den 70ern trifft, ist man bei Pretty Lightning aus Saarbrücken gelandet – genau, die hatten wir hier schon mal. Das Duo besteht aus Christian Berghoff und Sebastian Haas, die beide auch bei der Kraut-Band Datashock aktiv sind. Seit heute steht das vierte Album „Jange Bowls“ in den Regalen, bereits das zweite, das beim Szene-Kultlabel Fuzz Club Records erscheint. Hier das Video zur superentspannten Single „Greyhound“. //RRRhund\

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Tropical New Wave Kraut Punk: … so benennt die Band selbst aktuell ihren Stilmix. Endlich eine neue Scheibe vom innovativen Genfer Quartett Massicot. „Kratt“ (gerade bei Les Disques Bongo Joe erschienen) setzt den Weg fort, den Colline Grosjean, Lea Jaecklin, Mara Krastina und Simone Aubert bisher musikalisch gegangen sind. Mit motorischer Präzision gespielt, verdichten sich Percussion aus Lateinamerika und dem Mittleren Osten, skelettartig reduzierte No Wave-Strukturen, paganistischer Folk und spröde, gerne auch mal atonale Overlays zu einem Klangbild mit hohem Wiedererkennungswert. Die Band sehe ich vom Mindset her in der europäischen Tradition des politischen, experimentellen Noise Rock; auf einer Linie mit Bands wie The Ex, die ursprünglich mal ziemlich krachig waren, um dann eine musikalische Reise um die halbe Welt zu beginnen ohne die eigene DNA aufzugeben. Klasse! //RRRhund\

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Indie Rock/Psych Rock/Strange Stuff: Gut waren diese Tropical Fuck Storm schon von der ersten Veröffentlichung an. Es ist aber wirklich spannend zu verfolgen wie das Psych-Rock-Quartett aus Melbourne sich nach und nach einen völlig einzigartigen Stil erarbeitet. Neuestes Beispiel ist die aktuelle Single „Suburbiopia“ (7″ oder digital, natürlich wieder bei Flightless draußen), die eine völlig abgespacete Fluchtmöglichkeit aus dem Dilemma bietet – mit orientalischem Vibe und verfremdeten Drum Sounds. Eine Band auf einer faszinierenden Reise. //RRRhund\

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Post Punk/Art Rock/New Wave: This is pop. In kalt und glitzernd. Die Kanadier Body Lens hatte ich im August schon mal mit ihrer Debüt-EP vorgestellt. Da diese elektrisierende Mischung aus dunklem Sprechgesang, Post Punk-Rhythmusgruppe und kristallklaren Art Rock-Gitarren – ich glaube gebrauchte Roland Jazz Chorus-Verstärker aus den 80ern sind in Kanada in den letzten drei Jahren ganz schön im Preis gestiegen – aber so klasse funktioniert, kredenze ich euch auch den Nachfolger „BL Mini“ (seit Mitte März draußen). Vier crispe Tracks des Quintetts aus Lethbridge, Alberta, die ich jeden Tag hören könnte. //RRRhund\

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Indie Rock/New Wave/Power Pop: Noch mehr eingängiges, tanzbares Zeug mit Sirenengesang, Bläsern und diesen gerade wieder so beliebten cleanen, twangy Früh-Achtziger-Gitarren. French Vanilla sind ein Quartett aus Los Angeles und haben letztes Jahr mit „How Am I Not Myself?“ ihr zweites Album vorgelegt, das für Fans von den B-52s, Martha & the Muffins und Pylon ein gefundenes Fressen sein sollte. //RRRhund\

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Experimental Rock/Microtonal/Kraut: Eine enorm spannende Band, diese Horse Lords. Seit Anfang des Jahrzehnts spinnt das Quartett aus der kleinen, aber sehr feinen Indie-Szene von Baltimore auf Basis der Reinen Stimmung mit stark modifizierten Saiteninstrumenten (die Bünde auf dem Griffbrett wurde eigenhändig versetzt), polyrhythmischen Strukturen und modularer Synthese, mikrotonale, experimentelle Rockmusik. Dabei sind die Vier genauso von Klassikern der Experimentalmusik (La Monte Young et al) wie von der deutschen Kraut-Klassik (immer wieder Neu!) und folkloristischen Elementen aus aller Welt beeinflusst. 2012 erschien das Debüt von Andrew Bernstein, Owen Gardner, Sam Haberman und Max Eilbacher, und mittlerweile wurden weitere vier Alben veröffentlicht, die letzten paar bei Northern Spy. Das gilt auch für das neueste Werk „The Common Task“, das seit Mitte März erhältlich ist und von furiosen rhythmischen Überschneidungen, von erstaunlich organischen Verwebungen der reichhaltigen Arrangementelemente lebt. Experimentalmusik zum Tanzen. Der instrumentale, siebeneinhalbminütige Album Opener „Fanfare for effective freedom“ etwa startet wie eine komprimierte Minimal Art-Suite, erhält dann über eine Schwerpunktverschiebung absichtsvoll eine rhythmische Unwucht, polyrhythmische Ebenen, um dann fließend in eine dichte, orientalische Takt- und Klangwelt abzubiegen und schließlich in perkussiven Mustern zum Höhepunkt und zum Schluss zu gelangen. Der Track fühlt sich an, als wären vier verschiedene Teile in Perfektion zusammengesponnen worden, ohne dass die Nahtstellen noch explizit hörbar sind. Ein kleines Meisterwerk. //RRRhund\

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Instrumental Psychedelic Doom/Post Rock: Bereits seit fast zehn Jahren verstricken uns Insect Ark in einem dunklen, existenziellen Instrumentalstrudel. Auf dem dritten Album „The Vanishing“ (bei Profound Lore erschienen) haben die alptraumhaften Horror-Visionen, die spaceigen Weltraumexkursionen und die rohen Noir-Texturen von Multiinstrumentalistin Dana Schechter (aktuell auch bei den Swans, sonst auch bei Bee and Flower und Gifthorse) und dem neuen Drummer Andy Patterson (SubRosa) aber eine ganz neue Dichte, eine neue Schwerkraft erlangt. Tonnenschwere, weitläufige Flächen und sorgsam ausarrangierte, feingledrige Passagen sorgen für Songstrukturen, die beim Hören volle Aufmerksamkeit einfordern, und bieten dafür eine geführte, psychedelische Reise zur Staubkrümel großen Präsenz des Selbst in der universellen Perspektive. Gewaltig und erhaben. //RRRhund\

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Post Punk/Shoegaze/Kraut/Post Industrial: Da hat sich das Trio mit dem nächsten Wurf ganz schön Zeit gelassen. Nach der fantastischen „Remnant“-EP von 2017 legen die Kalifornier Houses of Heaven im Mai mit „Silent Places“ (1.5., Felte) ihren Debüt-Longplayer vor. Gegründet wurde die Band von Keven Tecon, der früher bei den genialen Veil Veil Vanish und Vaniish (checkt mal „Memory Work“ von 2014, eine Platte, die ich immer noch sehr schätze) seine Finger im Spiel hatte. Der Bandsound von Houses of Heaven wird durch eine geschickte Verquickung von Drum-Computer-Spuren und Live Drums, durch flächige, sphärische Synth- und Gitarrenarrangements definiert. Dabei verschmilzt das Trio Post Punk-, Shoegaze- und Post Industrial-Elemente zu einem Kraut-infizierten, rauschhaften Gesamtsound. Keven Tecon, Adam Beck und Nick Ott erweisen sich beim spooky Album-Opener „Sleep“ als Meister klaustrophobischer Spannungsbögen und liebevoll ausgearbeiteter Textur. Bin schon sehr auf den Rest gespannt, ich habe große Erwartungen. //RRRhund\

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Post Punk/Post Rock/Post Hardcore: Und der nächste Knaller auf Icy Cold Records – veröffentlichen die überhaupt etwas, das man ignorieren kann?! „Beyond the Lines“ von Mestre aus Metz kommt jedenfalls mit einem höchst gelungenen Stilmix daher: die fett produzierte Rhythmusgruppe liefert donnernd, treibende Post Punk-Grooves, die Gitarre meandert zwischen Post Punk-Wut, Goth-Rock-Klassik und Post Rock-Weite, dazu gibt es minimalistische Einsätze von Keyboardmelodien im Stil von The Sound, während der verzweifelte Gesang eher an den Post Hardcore von Bands wie And You Will Know Us By The Trail Of Dead oder At the Drive-In erinnert. Klasse! Hier das Video zu „Education of broken dreams“. //RRRhund\

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Noise Punk: Die Nachricht ist zwar nicht mehr ganz frisch, aber überbringen möchte ich sie trotzdem. Girls in Synthesis sind eine der besten und giftigsten Bands der aktuellen englischen Szene und haben für Mai die Veröffentlichung ihres Debüt-Longplayers „Now Here’s An Echo From Your Future“ (22.5., Harbinger Sound) angekündigt. Die Single „Pressure“ präsentiert die drei Londoner Noise Punks erneut in bestechender Form, mit kompromisslos nach vorne preschender Rhythmusgruppe, brachialsten Gitarrenspuren und mitreißendem Gesang. Für das Album darf man wirklich die besten Erwartungen haben. Einfach nur geil. //RRRhund\

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Weird Punk/Synth Punk/Garage: Die aktuelle Welle an Weird Punk-Bands vor allem aus Down Under ist auch ein Thema in der nächsten Ausgabe von RRRsoundZ – die Radiosendung am 27. März, wenn wir einige Exemplare aus Melbourne vorstellen. Heavy Larry ist aber ein Projekt aus Sydney, das mit „Natural Selection“ gerade auf Warttmann Inc. eine Selektion eigenartiger Tracks abgeliefert hat. Übrigens ein Label, das sich auf diesen schrägen Sound spezialiert hat. Stellt euch einfach vor man hätte Devo die Gitarren abgenommen, durch billigste Casio-Keyboards von 1983 ersetzt, die Jungs auf neumodische Designerdrogen aus den extraterrestrischen Slums des Saturn gesetzt, und dann gleich auch noch zur Feldstudie hochgeschossen … und das sind die ersten Drafts der Erlebnisse, die dann zur Erde zurückgesendet werden. So kommt man der Sache näher. //RRRhund\

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Melodic Punk Rock/Garage/Indie Rock: Hui, das geht direkt ins Herz, dieser Gesang, diese Songs. Die Madrider Punk Rocker Biznaga haben mit „Gran Pantalla“ gerade einen ziemlich genialen, dritten Longplayer für Slovenly abgeliefert, der so frisch wirkt wie ein Erstling und vor guten Songs und Emotionen geradezu überläuft. Richtig gute Scheibe, bin hingerissen. //RRRhund\

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Experimental/Ambient Industrial: Sindre Bjerga und Frans De Waard sind die Tech Riders. Auf ihrem Tape „Of the Lost Ark“ (bei IKUISUUS draußen) liefern die beiden Rotterdamer zwei fantastische, subtile Industrial Ambient-Stücke, die vor Spannung nur so knistern. Verrauschte, heftig prozessierte Field Recordings, einfache Flächen und introvertiert-melodische Versatzstücke formen sich zu atmosphärischen Tracks mit wohlgeformten narrativen Strukturen. Toll. //RRRhund\

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Experimental/Electronic/Ambient: Other People ist das Label des innovativen, chilenisch-amerikanischen Elektronikmusikers Nicolas Jaar und hat dieses Jahr schon einige interessante Releases vorzuweisen. Zum Beispiel „Imbalance“, das Debütalbum des Beiruter Experimental-Künstlers Sary Moussa, der auch unter dem Namen radiokvm produziert und daneben schon Musik für Theaterstücke, Tanzperformances, Kurzfilme und Museumsinstallationen komponiert hat. Auf dem aktuellen Werk widmet er sich ganz der Klangwelt seiner Kindheit, verarbeitet genauso politische Unruhen wie griechisch-orthodoxe Gesänge. Hier das Video zum hochemotionalen Album Opener „In praise of shadows“, der zwischen modernem Ambient und neoklassischer Harmoniearbeit seinen Platz findet, die Schatten der Vergangenheit hörbar macht. //RRRhund\

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Experimental Electro Pop/Synth/Post Dub: Anfang Februar hatte ich mit L Twills eine spannende, neue Elektronikkünstlerin vorgestellt, die auch mit ihrer enorm vielfältigen Stimmarbeit beeindruckt, die immer wieder zwischen den sirenenhaften Flächen der klassischen 4AD-Damen und dem Erzählflow moderner Vokalakrobatinnen wechselt. Jetzt steht die Release-Show zum Debütalbum „[Freedom/Fiction]“ (Vinyl kommt am 20.3. bei Misitunes) als dreiteiliges Video auf YouTube, sodass ihr euch ein gutes Bild von der auffälligen stilistischen Spannweite, den spannenden Experimenten der Wahl-Hamburgerin machen könnt. Sehr cool. //RRRhund\

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Synthwave/Minimal/Post Industrial: Coolness-Faktor 12 von 10. Dame Area sind ein elektronisches Duo aus Barcelona, das am rohen, minimalistischen Synth Wave der frühen Achtziger andockt – an Projekte mit der Schnittstelle Industrial wie Chris and Cosey, Liaisons Dangereuses, Einstürzende Neubauten, Cabaret Voltaire oder DAF –, und diesen Sound kraftvoll, mit voller Hingabe zelebriert. Macht auch live sicher einen Riesenspaß („La Soluzione é Una“, 28.3., BFE Records / Màgia Roja). Im September gab’s mit „Yo Quero, Yo Puedo“ bereits eine ziemlich gute 12″ auf dem schwedischen Label Kess Kill. //RRRhund\

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Electronic/Experimental: Langjährigen Leserinnen und Lesern des Blogs ist Borusiade schon häufiger untergekommen, unter anderem war die bulgarische Produzentin auch Teil meines Radiofeatures über die weibliche Avantgarde des letzten Jahrzehnts. Jetzt hat die meist in Berlin residierende Künstlerin mit „Fortunate Isolation“ ihren zweiten Longplayer vorgelegt, der diesmal bei renommierter Adresse, nämlich bei Dark Entries Records in San Francisco erschienen ist. Barock anmutende Goth- und Dark Wave-Elemente dienen der Elektronik-Auteure wie immer nur als Spiegel der Vergangenheit, um einen umfassenden Blick auf die Gegenwart zu werfen, und werden mit aktuellen Produktionsmethoden und neoklassischen Versatzstücken zu einem kühlen wie romantischen Klangbild vermengt, das überwiegend auf die heimische Couch und den Kopfhörer als den Club zielt. Schon von der ersten EP an ist die Bulgarin mit lyrischen Texten und hypnotischer Stimme aufgefallen, und auch diesmal beherrscht ihr Organ den Äther, sobald es auftaucht – als Beobachterin einer Welt, die sich rasant wandelt. Wieder ein feines Album. //RRRhund\

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Industrial Post Punk/Noise Rock: Die Niederländer RMFTM (früher: Radar Men From the Moon) sind mit einem neuen Album auf Fuzz Club Records zurück („The Bestial Light“, 8.5.), haben jetzt einen zweiten Drummer sowie einen neuen Sänger in der Besetzung. Vor allem aber ist die Zeit des Elektronikexperimente gerade wieder vorbei, sind die Jungs aus Eindhoven komplett zurück im groben Gitarrenterrain. Die erste Hörprobe „Eden in reverse“ zeigt die Band hart wie selten, irgendwo zwischen Industrial Post Punk und Noise Rock. //RRRhund\

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Punk/Garage/Post Punk/Synth Punk: In den letzten Jahren habe ich häufiger mal Bands des DIY-Labels FDH Records aus Philadelphia gefeatured, einfach weil bei den Releases eine hohe Qualitätsdichte vorzufinden war. Jetzt hat das Label ein cooles Mixtape zum Pay-what-you-want-Preis auf bandcamp gestellt, sodass ihr euch mal geschmeidig durch’s Label-Roster hören könnt. Recommended. //RRRhund\

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Alternative/Post Punk: Protomartyr, die Post Punk-Könige aus Detroit sind Ende Mai mit einem neuen Album zurück („Ultimate Success Today“, 29.5., Domino). Die erste Single „Processed by the boys“ kommt im langsam polternden Halftime-Groove – das Video dazu parodiert quälend einen brasilianischen Fernseh-Clip und zahlt zugleich auf die Niederungen des amerikanischen Traums ein, ein konstantes Thema im Œuvre der Band. //RRRhund\

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Indie Rock/Fuzz Rock/Shoegaze: Australien mal wieder, Melbourne mal wieder. Eher aus dem melodiösen Indie Rock-Kontext stammen Flyying Colours, die bereits seit Anfang des Jahrzehnts unterwegs sind und und einige Alben zwischen Power Pop, Shoegaze und Fuzz Rock auf dem Buckel haben. Nach fast vierjähriger Pause weiß auch die aktuelle Single „Big mess“ (bei Club AC30 / Poison City Records draußen) zu überzeugen. //RRRhund\

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Indie Rock/Fuzz Pop: Heavy Gitarren, zuckersüße Melodien, hymnischer Gesang und Drive. „Tune in, drop out“ ist die erste Single von Beach Riot aus Brighton nach ihrer Debüt-EP im vergangenen Herbst – klassischer Fuzz Pop mit Dampf, melodische, einfache Freuden zum Einstieg in den Tag (bei Alcopop draußen). //RRRhund\

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Alternative/Deep-blue Electro Pop/New Wave: Hui, der Song sollte Fans des HTRK-Sounds gut reinlaufen. „Limits“ (gerade bei Felte erschienen), die neue Single der Chasms ist ein wunderschönes, in tiefes Blau getunktes, hochemotionales Stück SloMo-Electro Pop. Das erreicht das Duo aus Los Angeles vor allem durch das kühle, minimalistisch-atmosphärische Arrangement, das im Gegensatz zur fragilen, warmen Stimme von Sängerin Jess Labrador steht. Die B-Seite „Until it happens to you“ ist tanzbar, kommt mit Dub-Elementen und entspanntem Groove. //RRRhund\

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Avantgarde Pop: Den norwegischen Gitarristen Stian Westerhus kennt man eigentlich eher aus der Frühphase der Crossover-Jazz-Popper Jaga Jazzist und sonst aus der norwegischen Experimentalszene um das renommierte Label Rune Grammofon. Bei House of Mythology, dem Label der Ulver-Leute, hat er mit „Redundance“ dagegen gerade ein spektakulär gutes, halbelektronisches Avant Pop-Album veröffentlicht, das ob seiner gequälten, hochemotionalen Songs und genial-innovativen, heiß-kalten Arrangements wie ein magnetischer, dunkler Stern am Nachthimmel funkelt. Beamt mich völlig weg: die Single „There’s a light“. //RRRhund\

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Dark Punk/Post Punk: Sydney via Berlin. Eigentlich haben Erin Violet und Joseph Thomas, die Masterminds hinter Dead Finks, ihr Projekt bereit Mitte des Jahrzehnts an der australischen Westküste begonnen, bevor sie 2019 in die deutsche Hauptstadt umgesiedelt sind. Nichtsdestrotrotz transportiert „Dead Fink Era“, das Debüt-Tape der Band deutlich den liebenswerten Schmutz der australischen Post Punk-Szene (man denke an Low Life und Total Control). Das gilt vor allem für die Hörprobe „Bitter pill“, die und mich vom allerersten Ton an sofort mitgerissen. Andere Songs setzten anscheinend eher auf die Synth-Sounds der 80er, und das sollte beim musikalischen Gespür dieser Protagonisten ebenfalls gut funktionieren. Bis Ende März kann ich warten … gerade so (20.3., Urge Records) //RRRhund\

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Post Punk: Diese neue Post Punk-Band aus Berlin mit Leuten von Pigeon, Benzin und AUS hatte ich vor ein paar Wochen bereits einmal mit einem Stück für die Flennen-Compilation vorgestellt. Jetzt steht die bereits angekündigte Scheibe von Liiek in den Startlöchern, wurde standesgemäß von T-Rex in der Allee der Kosmonauten mitgeschnitten und kommt dann im April (s/t, 11.4., adagio830). Seit vergangenen Freitag ist das Vinyl in der Preorder-Phase. Neben dem bereits hier geposteten „Waterfall“ gibt es jetzt noch das Stück „Ruin“ zu hören. Liiek sind in den nächsten Tagen auch zum ersten Mal bundesweit auf Tour (in Reichweite: 12.3., Frankfurt, Klapperfeld) //RRRhund\

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Experimental: In einen ganz anderen Raum hat sich der Mod-König Paul Weller (ja genau, der von The Jam) mit seiner neusten Veröffentlichung „In Another Room“ begeben (Ende Januar bei Ghost Box erschienen). Beeinflusst von experimenteller Tape-Musik und früher Elektronik hat der bekannte Songwriter eine 7″ mit vier Experimentaltracks rausgehauen, die jeweils um die zwei Minuten lang sind und durchaus was können. In einem entwurfsartigen Set-up wechseln sich introvertierte Piano-Loops mit Cut-Up-Strukturen und prozessierten Field Recordings ab. Eine echte Überraschung aus der Hand des alten Barden. //RRRhund\

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Experimental/Ritual/Dark Ambient/Post Industrial: Dunkel-okkultes Genre-Werk mit eher ungewöhnlichem Thema. Das Trio Hasufel beschäftigt sich auf „Winter on the Hill Cumorah“ (bei Chondritic Sound erschienen) mit der Geschichte der Mormonen-Kirche und dem Leben und Sterben deren Gründers Joseph Smith. Stilistisch ganz klassisch zwischen Ritual, Dark Ambient und Industrial angesiedelt, dürften sich Freunde des okkulten, englischen Undergrounds der frühen Achtziger (wie etwa die alten Current 93) mit dieser Veröffentlichung wohlfühlen. Sowas kriegt man ja heutzutage sonst kaum noch zu hören. //RRRhund\

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Post Punk Electronics/EBM/Post Industrial: Und nochmal elektronisches Old School-Zeug. Letztes Jahr hatte ich schon einmal ein Tape von Michael Keenan AKA CRT vorgestellt, der aus der Underground-Szene von Atlanta seit fast einem Jahrzehnt hart funkende Electronica zwischen Industrial Techno, EBM und Rhythm & Noise ausspuckt. Frisch draußen ist „State X-Ray“, eine klasse 12″ auf DKA Records mit sechs Tracks – hier das Video zu „Skin beneath skin“ FFO Target- und Traxxx-Sound, frühe Severed Heads et al //RRRhund\

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Rough Electro: Schon seit vielen Jahren immer eine ganze Kante roher als die Produktionskollegen ist Ren Schofield, besser bekannt unter dem Namen Container. Man merkt dem Produzenten einfach die langjährige Erfahrung in der U.S.-amerikanischen Noise-Szene an, der Mann tickt einfach ganz anders als der typische Wohnzimmer-Beatbastler für den Club. Scharfkantige Sounds gibt es also auch wieder auf „Scramblers“, dem neuesten Longplayer zu hören, der Ende Februar bei Alter in Großbritannien erschienen ist. Hier der Electro-Batscher „Nozzle“. //RRRhund\

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Electronic/Minimal/EBM: Rotierende Sequenzer, ein- und ausfahrende U-Bahnen in gespiegelter Optik, Pendler-Alltag in der Hauptstadt. Irgendwie gut, der minimalistische Berlin-Sound von Piska Power, dem Elektronikprojekt von Stefan Junge. Die Single „Stulle“ zahlt mit ihrem superfetten Klangbild auf die aktuelle EBM-Welle in der Techno-Szene ein und erinnert zugleich an die rohe Pionierzeit in den frühen 80ern als diese Art von elektronischer Musik noch den Spirit von experimentellem Punk hatte. Ganz einfach und doch sehr geil („Eiter mit Stulle“, 12″, im November bei Power Station erschienen). //RRRhund\

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Northcore/Post Hardcore: Nach einer 7″-Trilogie („Negativ Psykologi #1–3“) docken die Dänen Tvivler (auf Deutsch: Zweifel, eine Band mit Leuten von Lack und Children Of Fall) mit dem Hardcore-Sound auf ihrem Debüt-Longplayer „Ego“ ein bisschen an den Vibe des Hamburg-Sounds und anderer nördlicher Ausläufer an (3.4., This Charming Man-Records). Das gilt vor allem für den leidenschaftlichen Gesang, der sich mit dem neoliberalen Alltag in der Heimatstadt Koepenhagen auseinandersetzt. Mit den rasanten D-Beats und den undogmatischen Post Hardcore-Elementen wird aber letztlich eine ganz eigener Schuh daraus. Hat Feuer im Arsch und genug Eigenständigkeit. Gefällt. //RRRhund\

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Experimental Metal/Death Metal/Prog: Die verrückten Franzosen Igorrr sind schon wieder mit einem neuen Album am Start („Spirituality And Distortion“, 27.3., Metal Blade Records) und haben sich für die Lead Single „Parpaing“ George Fisher von Cannibal Corpse ans Mikro geholt. Ansonsten sind die Arrangements mal wieder irrwitzig und die Musiker wahnsinnig – bei der neuen Single ist das besondere Salz in der Suppe wie ein Modular-Synth-System und andere elektronische Spielereien in eine klassische Metal-Nummer eingebaut werden. Die sind einfach (immer noch) special. Mittlerweile steht mit „Camel dancefloor“ noch eine weitere Single online. //RRRhund\

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Dark Electro Pop: Eleganter, dunkler Elektronik-Pop-Sound aus der eigenen Stadt. „Pleasures“ ist die erste Single von der „Sins“-EP von Geistha aus Mannheim. Zentrales Schaffensthema des/der non-binären SängerIn und ProduzentIn ist alles was mit Dunkelheit und Finsternis zusammenhängt, und das schließt in diesem Fall sowohl Sexualität, Religion, als auch Themen einer non-binärer Identität ein. Musikalisch bewegt sich der Sound zwischen sanft schwebenden Synth-Sounds, einem leicht angedubbtem Rhythmusgerüst und einer clubbigen Downtempo-Basslinie. Schöner Pop, den man am 24. Oktober im Paket mit Rue Oberkampf und Nøx im Forum in Mannheim live begutachten kann. //RRRhund\

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Dark Pop: Die Dame kennt man abgesehen von ihrem Debütalbum für Tri Angel auch als Remix-Künstlerin für Björk und Zola Jesus, und genau das Niveau, das diese Auftraggeberinnen suggerieren, wird auch auf dem zweiten Album der amerikanischen Produzentin hörbar. Ausladende Arrangements und fein austariertes Sounddesign hat Katie Gately auf ihrem neuen Longplayer „Loom“ (bei Houndstooth draußen) im Angebot. Manchmal wie eine Mischung aus dem verträumten Exkursionen von Kate Bush und den Schlangenbeschwörungen der frühen Danielle Dax, beeindruckt das Material dieses außergewöhnlichen Dark Pop-Albums mit Vielschichtigkeit und Tiefgang. Der Sound ist dabei aber ganz 2020, von Retro keine Spur. Spannend. //RRRhund\

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Alternative/Art Rock/Neo Prog/No Wave/Russian Scene: Mal wieder eine coole Band aus der russischen Szene, mal wieder eine Band aus dem fantastischen Live-Roster von Yugofuturism. Интурист (Inturist) ist eine weitere Band von Jenya Gorbunov, ein Veteran der Moskauer Musikszene, der auch bei ГШ / Glintshake (hatten wir in der Sendung über die russische Post Punk-Szene vorgestellt) aktiv ist. Im Gegensatz zu ГШ / Glintshake ist Интурист (Inturist) eher als Kollektiv angelegt, das heißt Mastermind Gorbunov zieht je nach Bedarf Musiker zum Projekt hinzu und wieder ab. Es gibt bis jetzt zwei Alben – „Командировка“ (Komandirovka = Geschäftsreise) von 2018 und „Экономика“ (Ekonomika = Wirtschaft) von 2019 –, die konzeptionell verbunden sind, den gleichen Protagonisten durch die sozialen Absurditäten des russischen Alltags der Gegenwart torkeln lassen und musikalisch vom verkopften Art Rock der Siebziger (Gong und Konsorten) und Achtziger (man denke an den Wire-Ableger Dome oder an Tuxedomoon) geprägt sind. Eingespielt hat das Album erlesenes musikalische Personal aus der Alt-Jazz und Alternative-Szene der russischen Metropole, und so wundert es wenig, dass die Band enorm ausgereift wirkt, Vieles auf den Punkt bringt. Hier ein Fanvideo zum Song „Мужчина моего отца“ (Muzhchina moyego ottsa = Der Mann meines Vaters) vom Debütalbum, der einen ganz guten Eindruck von der Stilspreizung der Band vermittelt. Und checkt mal das Feature und Interview beim wie immer empfehlenswerten The Quietus, wen ihr mehr wissen wollt (Link im Kommentar). //RRRhund\

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Alternative/Post Punk/Russia: „My hate is enough for everyone.“ Die sibirische Formation Ploho zählt zu den bekannteren, bereits etablierten Vertretern des östlichen Post Punk und wurden auch an dieser Stelle sowie in der Sendung von RRRsoundZ über die russische Szene bereits vorgestellt. Sänger und Gitarrist Viktor Uzhakov hat vor einiger Zeit mit Bitcevsky Park ein Nebenprojekt auf die Beine gestellt. Im Video zur Single „Хватит на всех“ (Khvatit na vsekh = Überhaupt genug) folgen wir einem provokanten Unsympathen auf seinem Weg durch die Stadt. Musikalisch kreuzen sich hier Indie Pop und kraftvoll rollender Post Punk – ein sibirischer Falco mit der Rhythm Section von Billy Idol, wenn man es eigenwillig auf den Punkt bringen will. Артём hat auf Sierpien Records mit „Темно и Страшно“ (Temno i Strashno = Dunkel und beängstigend) allerdings gerade eine neue EP von Bitcevsky Park veröffentlicht, die mehr Richtung Cold Wave und Dark Wave zielt. //RRRhund\

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Dark Electro/EBM: Die französische, EBM-inspirierte Electro-Formation Maman Küsters hat einen leckeren neuen Longplayer zusammengebacken, der aus sechs frischen Tracks sowie sechs Remixes besteht, die prominente Produzenten wie The Hacker, Years of Denial, Marc Caro (yep, der berühmte Regisseur und Filmproduzent) oder Marc Collin (von Nouvelle Vague) beigesteuert haben („L’extase et la terreur“, 27.4., Unknown Pleasures Records). Besonders gut gefällt mir der subtile funky Track „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ – natürlich eine Hommage an den dystopischen Roman von Philip K. Dick von 1968, der spätestens durch die Verfilmung von Ridley Scott unter dem Titel „Blade Runner“ weltweit zu Ruhm gelangte. //RRRhund\

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Post Punk/Cold Wave/Minimal/Industrial: Eric von der französischen Post Punk-Formation Futur Facile hat mit Mort Lente ein ziemlich cooles Soloprojekt am Start. Auf seinem Debüt-Tape für das bretonische Label distag serviert er neun Songs mit einer rohen Mischung aus Cold Wave-Roots, Minimal-Strukturen und Industrial-Sounds, die feurig schwarz zündet und aus dem ganzen Mittelmaß der Szene deutlich heraussticht. Recommended. //RRRhund\

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Alternative: Der Songtitel hat mich ja sofort an den charmanten Sprachwitz von Fun Boy Three erinnert, musikalisch ist das aber natürlich eine ganz andere Baustelle: ein grooviger, moderner, raffiniert arrangierter, halbelektronischer Track. Nadine Shah hat vor ein paar Woche mit „Ladies for babies (Goats for love)“ eine neuen Song online gestellt; der Songtitel ist eine (familiäre) Referenz zu Sexismus im traditionellen Familienkontext. Im Song geht es um eine selbstbewusste Frau, die mehr als eine Gebärmaschine sein will und sich über klassische Rollenverteilungen lustig macht. Eine direkte Antwort und eine Persiflage auf „All that she wants“ von Ace of Base, das Ganze satirisch und mit vertauschten Rollenmustern wie Shah anmerkt. Die erste Single vom neuen Album der Londonerin, das sich mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen mittleren Alters auseinandersetzt („Kitchen Sink“, 5.6., Infectious Music). //RRRhund\

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Electronic/Dub Pop: Katzen und Otter sind out – Igel sind jetzt der Shit. Der entspannt blubbernde Dub Pop von Der Assistent bei der Single „Neue Lunge“ wird einem durch den stacheligen Protagonisten des Videos schon sehr schmackhaft gemacht. Hinter dem Künstlernamen steckt Tom Hessler von den Fotos, bald mehr bei Staatsakt. //RRRhund\

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Experimental/Industrial/Dub: Ein Knaller nach dem anderen im neuen Batch von Tesla Tapes. Self-Help ist das Projekt des experimentellen Synth-Fuddlers Mark Dicker (auch bei Trencher und Palehorse) und des Gnod-Kollaborateus John Doran (auch mal bei Årabrot). Auf „Grand Hotel Ibis“ (50 Tapes / digital), ihrem ersten Release, hatten die beiden Unterstützung von illustren Kollaborateuren: Musiker von Throbbing Gristle, The Utopia Strong, GNOD, Lone Taxidermist und einigen anderen Bands haben die beiden bei ihrem dichten Industrial-inspirierten Werk unterstützt. Die drei Original-Tracks setzen ganz auf die Macht der menschlichen Stimme, setzen auf die Kraft von Geschichten über die Schwächen der menschlichen Natur und angeblich wirksame Gegenmaßnahmen, fesseln den Zuhörer. Den eindrucksvollen, rohen Sound-Maelstrom darunter hat Dicker hauptsächlich mithilfe modularer Synthesizer erzeugt. Schon der erste, zehneinhalbminütige Track „Observation Number 1“ haut einen daher mit seinem dichten Soundschwall einfach nur aus den Socken, daran haben auch Gastmusiker wie Chris Haslam von GNOD (Elektronik) sowie Chlöe Herington (von VÄLVĒ, Saxophon) und Sam Barton (Teeth Of The Sea, Kornett) ihren Anteil, steuern Struktur und Free Improvisation-Feuer bei. Doran zitiert dazu mal aus Schriften zur Kognitiven Verhaltenstherapie, Versatzstücken aus Hypnotherapie-Kassetten, Notizen aus der Kritischen Theorie und YouTube-Videos über Achtsamkeit; kurzum aus allerlei Angeboten wie man in einer kranken Welt angeblich mittels Selbsthilfe-Maßnahmen einen klaren Blick und seine psychische Integrität bewahren kann. Beim zweiten Track „Fundamentalism Number 1“ übernimmt Marion Andrau (Melting Hand) das Mikro und wird im weiteren Verlauf von Sarah Bee, Tida Bradshaw (Body Vice), Lisa Lavery (Sweet Williams), Amy Mauvan und Natalie Sharp (Lone Taxidermist) dabei unterstützt; dazu bläst Michael York (The Utopia Strong, Teleplasmiste, Coil) den Dudelsack. Chris Carter (Throbbing Gristle) hat für diesen Track noch einen graustufigen Industrial Dub-Remix beigesteuert, den es als Bonus am Schluss gibt. //RRRhund\

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Synth Soundtrack: Outlandish und charmant ist der Soundtrack des niederländischen Synth-Wizards Roberto Auser zu „Love and Saucers“, einem Dokumentarfilm über den faszinierenden US-Amerikaner David Huggins, der seit den 60er Jahren immer wieder in Gemälden seine – mitunter sexuellen – Begegnungen mit Außerirdischen festgehalten hat. Fremdartige, minimalistische Ambient-Stücke im Stil der 80er Jahre, die mal ins spaceige, mal ins entspannte Terrain wandern. Erlesene, spannende Couch-Musik. //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ
 
 
 
 
 

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