+Kurz rausgehackt: Mai 2019

Experimental/Noise/Retribution: Heute schon ein bisschen angeschrien worden? Selbst wenn die Antwort „Ja“ lautet, kann ich aus ein bisschen jetzt ganz viel machen – Kristin Hayter ist nämlich mit ihrem genauso energischen wie lyrischen Projekt Lingua Ignota zurück und hat ein neues Album im Gepäck („Caligula“, 19.7., Profound Lore Records). Bei der Hörprobe „Butcher of the world“ wird erstmal ein klassisch anmutender Klangteppich gelegt, über den Hayter dann aber alsbald mit Windstärke 12 ihren Schmerz und ihre Wut in die Welt bläst. Im weiteren Verlauf klingt das Stück dann aber mit fragileren Töne aus – spannende, starke Kontraste, typisch Lingua Ignota. //RRRhund\

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Experimental Post Punk/Post Industrial: Böses Zeug von Cube aus dem sonnigen Kalifornien – da quietscht’s und knarrt’s an allen Ecken zwischen den scheppernden Drum Patterns, dem verzerrten Bass, den simplen wie effektvollen Keyboard-Licks. Kurz danach überrascht die Scheibe mit Kaputtnik-Dub Techno, der in Stresssignale und Psycho Vocals umbricht. All das findet in dem einzigartig eigenständigen Sound-Universum von Adam Keith aus Oakland statt, der hinter diesem außergewöhnlichen halbelektronischen Projekt steckt, das mit enormer Persönlichkeit und Emotionalität daherkommt – man könnte sagen: ein Songwriter im musikalischen Stachelkleid. Treffer (digital bei bandcamp, das Vinyl gibt’s via Superior Viaduct). //RRRhund\

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Mutant Electro/Queer Wave/Industrial Dance: Leute, ganz schön geiler Track aus dem Berliner Underground – eine fies, geil magnetische Verknüpfung von Mutanten-Electro und tanzbarem Industrial Marke Mittachtziger, die mit dem Gesang der queeren Berliner Szene-Ikone Petra Flurr kommt. Zu finden ist „Seuche“ auf „Nylon Speech“, der neuen 12″ von Liber Null-Chef Manos Simotas, auf dem Produzentensessel und an den Decks besser bekannt unter dem Künstlernamen Unhuman. Fetzt, spiel ich im Juni im Radio (erscheint am Freitag bei Bite). //RRRhund\

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Synth Punk/Post Punk: Public Interest heißt dieses coole Soloprojekt von Chris von Marbled Eye, das auf seiner ersten EP für Erste Theke Tonträger sechs mitreißende, einfach instrumentierte Synth Punk-Songs mit australischem Vibe serviert („Between“ 12″, 4.6.). Knüller. FFO Diät, Useless Eaters, Ausmuteants, P.U.F.F., Total Control //RRRhund\

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Post Punk: Die B Boys sind mit dem zweiten Album zurück („Dudu“, 26.7., Captured Tracks). Das New Yorker Trio präsentiert sich mit seinem gewohnt erfrischenden Stop-and-Go-Sound, der an den einfachen aber inspirierten Freuden des End-70er Post Punks ansetzt. Diesmal haben die Jungs Arrangements zusammengepuzzelt, die neben den offensichtlich gesetzten Wire-Einflüssen an The Clash und die frühen Talking Heads erinnern. Hier das ebenso lebensfrohe wie kritische „I want“, das mit dem Gastgesang von Veronica Torres von Pill kommt. //RRRhund\

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Dark Kraut/Space Pop: Und nochmal Höga Nord – weil ein guter Release kommt ja selten allein. Carcassonnne präsentieren sich auf ihrer „Curses EP“ mit warmem wie höhlenartigem Dark Kraut-Sound im entspannten, tanzbaren Tempo (17.8.). Der coole Bass-Sound liegt irgendwo zwischen dem spanischen Labelsound von Rotten City Records und den Franzosen Vox Low. Quite good. //RRRhund\

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Japanese Kraut: Neue EP der japanischen Kraut-Sensation Minami Deutsch für die schwedischen Szenespezialisten Höga Nord – der Titeltrack der „Can’t Get There EP“ (26.7.) hält alle Versprechen, die das hypnotisierende Genre zu bieten hat: tanzbar, magnetisch, psychoaktiv, sexy. Die EP kommt mit drei Originaltracks und zwei Remixen von Mythologen und Jamie Paton. //RRRhund\

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Experimental/Vocal Multilayers/Shortwave Electronica/Electro Dub: Fantastische Kollaboration der beiden Experimental-Szeneveteranen John Duncan (LAFMS, Zusammenarbeit mit Pan Sonic, Chris & Cosey, Jim O’Rourke) und Joachim Nordvall (Orchestra Of Constant Distress, Saturn And The Sun, The Skull Defekts u.v.a.; Labelchef bei iDEAL Recordings, wo das Album auch gerade erschienen ist). Auf dem ungeheuer atmosphärischen Album „Conventional Wisdom“ verarbeiten die beiden die vielschichtigen, magnetischen Spoken Word-Passagen von Duncan – was eine Stimme – mit minimalistisch eingespielten Electronica-Passagen und den wie die Faust aufs Auge passenden Avantgarde-Arrangements von Nordwall, die immer mal wieder Ausflüge in die Electro-Dub-Moderne machen. FFO Scott Walker, Pere Ubu, Coil. //RRRhund\

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Electronic/Synth: Unter dem Titel „The Blow“ veröffentlicht das englische Label Front & Follow eine Serie von Split-Releases aus der elektronischen Szene – die sehr gelungene Ausgabe „Vol. 6“ bestreiten Polypores und Field Lines Cartographer. Hinter Polypores steckt Stephen James Buckley, der sich nicht festlegen lässt, was die verschiedenen Stimmungslagen seiner bisherigen Veröffentlichungen angeht – Polypores steht für einen dynamischen Wechsel von Synth-Musik zwischen hell und dunkel. Auch die klaustrophobischen acht Tracks auf dieser Split scheinen mal aus dem Boden gekrochen zu kommen, während andere spaceig in den Kosmos schießen – eine willkommene Bandbreite. Field Lines Cartographer ist das Ambient- und Drone-Projekt von Mark Burford aus Lancaster, der im Technobereich unter dem Projektnamen Impulse Array agiert. Bei Field Lines Cartographer nutzt Burford Analog-Synthesizer und Field Recordings, um seine dunkel schimmernden Klanglandschaften zusammenzuweben, in denen oft ein dunklerer Strudel auf den Hörer lauert. Gutes Teil. //RRRhund\

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Club Mix: Auch mal wieder fällig. Ich wollte euch ursprünglich eigentlich den Mix von Lena Willikens für BBC 1 kredenzen. Aber erstens ist der für Lena-Verhältnisse gar nicht mal so spannend, und zweitens ist sechs Stunden Lena besser als eine Stunde Lena – dann blüht sie nämlich erst richtig auf, entwickelt eine ungewöhnliche musikalische Narration. Wie hier im Dream Team mit Vladimir Ivkovic im Boat in Belgrad im April … //RRRhund\

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Indie/Blue R’n’B/Dub: Nicht gerade meine typische Baustelle, aber ab und an tut sich auch im modernen Feld des R’n’B was gutes Hörenswertes auf. Velvet Negroni heißt dieser neue Künstler, der bei seiner Debüt-Single für das (einst klassische Goth) Label 4AD tiefblaue R’n’B-Vibes in kreativen Dub-Verpackungen präsentiert, bei anderen Tracks aber gerne mal mit Indie Rock-Sounds arbeitet oder auf violetten Prince-Rock verweist. Der Komponist und Sänger, der eigentlich Jeremy Nutzman heißt, stammt aus Philadelphia und hat schon mit Bon Iver getourt, bevor er letztes Jahr auf dem New Yorker Label b4 seine Debütsingles veröffentlicht hat. Hier das leicht entflammbare Video zum gleichzeitig kühlen und gefühlvollen „Confetti“ („Neon Brown“, 30.8., 4AD). //RRRhund\

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Alternative/French Pop: Heute schon aus dem letzten Loch gepfiffen? So campy war Mike Patton vermutlich seit der Coverversion der Commodores-Nummer „Easy“ nicht mehr. Zumindest kann ich mich an nichts erinnern. Der Sänger von Faith No More und Br. Bungle sowie Labelbetreiber von Ipecac hat sich mit Jean-Claude Vannier, dem Arrangeur von Serge Gainsbourg(!) für ein humorvolles, schräges Album zwischen French Pop, Glam Rock-Klassik und abstrusen Rock-Arrangements zusammengetan. Beteiligt ist außerdem die halbe Backing-Band von Beck, zwei Musiker der Prog-Legenden Magma sowie ein Streichensemble. Was eine illustre Mischung („Corpse Flower“, 13.9.). Amused, der … //RRRhund\

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Instrumental/Power Trio: Ich dachte eigentlich schon „Das reicht für heute“. Aber Leute, heute ist ein fantastischer Musiktag, denn gerade ist dieses unglaublich schöne und inspririerende Live-Set von The Messthetics für die Tiny Desk-Serie von NPR in meiner Timeline hochgepoppt und hat mich elektrisiert, verzaubert. Die Chemie im Zusammenspiel, die lyrische Tiefe, die dynamischen Feinabstufungen, die die Rhythmusgruppe der D.C.-Legenden Fugazi mittlerweile mit dem Ausnahmegitarristen Anthony Pirog erreicht hat, sucht ihresgleichen. Ein kleines Zauber-Set in einem außergewöhnlichen Setting: Das durfte ich euch nicht vorenthalten, das musste gleich raus. //RRRhund\

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Dream Synth: Große Aufregung im Trentemøller-Lager. Drei Jahre nach dem letzten, sehr erfolgreichen Longplayer „Fixion“ hat der Kopenhagener Kult-Produzent mit „Sleeper“ die erste Single von einem neuen Album online gestellt. Im meditativ-traumartigen Schwarz-Weiß-Video bewegt sich die Kamera in nebliger Landschaft langsam über eine Brücke und folgt dabei einem Vogel. Zu hören gibt es dazu eine verträumte, instrumentale Synth-Sequenz. Bin schon sehr auf die nächsten Wortmeldungen des Meisters gespannt (Wie? Was? Wann? Wo?) … //RRRhund\

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Shoegaze/Post Punk/Violent Psych: Karl Brausch von Love A und den Matches bastelt schon seit 2016 an seinem Soloprojekt The Dead Sound, das shoegaziges Songwriting mit brutalen Psych-Noise-Gitarren und dunkler Atmosphäre im Stil von A Place to Bury Strangers paart. Ende 2018 ist aus dem Soloprojekt eine livefähige Bandbesetzung geworden, weil jetzt Bandkollege Dominik Mercier und Lars Borrmann (früher bei Freiburg) mit an Bord sind. Nachdem Anfang 2019 Demos bei Chris gelandet sind und auch gezündet haben, steht jetzt Mitte Juli via Crazysane Records mit „Cuts“ der Debüt-Longplayer des Trios in den Läden (die Preorder-Phase ist heute gestartet, nur 150 schwarz und 150 in transparent/neon Pink Splatter für die Vinylfassung, also ranhalten). Hier das Video zur Leadsingle „Into the dark“. FFO A Place to Bury Strangers, The Jesus and Mary Chain, Soft Moon

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Noise Rock/Industrial Post Punk: Die Schweizer YC-CY sind mit ihrem dritten Album zurück, mit dem die Band neue Maßstäbe für die Entwicklung des eigenen Sounds setzt („Béton brut“, gerade bei X-Mist Records erschienen). Die Gitarren sind meist ins Unmenschliche entfremdet, klingen wie alienartige Maschinenstörgeräusche. Das Songmaterial bewegt sich zwischen ohrenzerfetzendem Industrial Hardcore, schrägem Psycho-Post Punk und brutal schleppendem Noise Rock. Derbste Sorte, es gibt wenig Bands, die im harten Soundkosmos gerade derart kompromisslos agieren. Hier das Video zu „A lifetime to live, a second to die“. //RRRhund\

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Noise Rock: „Nothing b/w A Veteran of Nothing“ ist das erste Lebenszeichen der Australier Bat Piss nach einem Sabbatical. Die 7″ des Trios aus Melbourne wurde in neuer Besetzung eingespielt und bratzt fies und dreckig einen weg. „Nothing“, die A-Seite, stapft mit einem fies verzerrten Bass durch den dissonanten Matsch, den die Gitarre hinterlässt. Darüber liegen die Vocals von Sänger Thomy Sloane, der uns wie gewohnt seine aufgestaute Wut und Frustration entgegenwirft. Und die B-Seite „A Veteran Of Nonsense“ ist keine Spur schwächer – die gewohnte Klasse der Australier. //RRRhund\

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Avant Pop: „Internet’s Farewell“ ist das aktuelle Video des belgischen, musikalischen Chamäleons Manu Louis – eine bildhafte Meditation über den aktuellen Status des Internets. Der Track mit dem Gastgesang von Heidi Heidelberg stammt vom aktuellen Album des in Berlin lebenden Produzenten, auf dem ihm der schwierige Spagat zwischen Synth Pop und Hochkultur gelungen ist („Cream Parade“, bei onIgloo Records erschienen). Den avantgardistischen Clip hat Systaime gedreht. //RRRhund\

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Alternative Rock/Acid Punk/Noise Pop: Die Norweger Deathcrush sind zwar schon seit Anfang des Jahrzehnts aktiv und haben bereits unzählige kurzformatige Veröffentlichungen – 12″es und Singles – vorzuweisen. Dennoch erscheint erst dieses Jahr, genauer gesagt Ende Mai, mit „Megazone“ (31.5., Apollon Records) das Longplayer-Debüt des Trios aus Oslo. Während die Band bei einem Teil der Songs poppig-tanzbare Strukturen mit giftig glühenden Gitarren überlagert, hackt sie bei anderen Noise Pop in Breitseiten raus – in diesem Spektrum spielt sich die Scheibe ab. „Riot-Musik fürs 21. Jahrhundert“, sagt John Doran von The Quietus. Hmmm, da würden mir vorher schon noch ein paar andere Bands einfallen – aber wer bin ich, dass ich weiß wie die Millenials ticken. Das Video zu „Dumb“. Das Video zum eher poppigen Album Opener „Ego“. //RRRhund\

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Alternative Rock/Post Hardcore: Frühling. Grün. Gras. Kaffee. LSD. Glücklich. Grau. Traurig. Das sind die Stichworte, die Pile aus New York zum passend benannten, neuen Longplayer „Green and Gray“ liefern (gerade bei Exploing in Sound Records erschienen). Was beim bereits siebten Album der Ostküsten-Indie Rocker mit grünem, klassischen, 70er Jahre-beeinflussten Rock-Songwriting für den verträumten Hippie beginnt, wird bald mit grauen Post Hardcore-Elemente kontrastiert. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das opulente Doppelalbum weiter fort. Definitiv eine Platte, die sich nicht augenblicklich erschließt, sondern ein komplexes Magnus Opus – musikalisches Terrain, das erkundet werden will. //RRRhund\

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Noisy Space Rock/Mid-80s Hardcore/Hard Kraut: Auf ihrer zweiten LP („The Last Offices“, 3.5., Drunken Sailor Records) bewegen sich No Negative auf giftigsten Rock-Terrain – zwischen noisigen Hawkwind-Einflüssen, den metallischen Exkursionen von Black Flag in den Mittachtzigern, dem Wahnsinn der Butthole Surfers und einem Ticken Kraut-Flow à la Oh Sees. Feine fiese Platte. //RRRhund\

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Ambient/Drone/Post Industrial/Electronic Shoegaze: Vanity Productions ist das Soloprojekt von Posh Isolation-Mitgründer Christian Stadsgaard, sein persönlichstes musikalisches Vehikel. Während die letzten paar Veröffentlichungen recht distanzierte, abstrakte Geschichten waren, die mich irgendwie auch kalt gelassen haben, sieht es bei der neuesten EP ganz anders aus. „Only the Stars Come Out At Night“ besteht aus drei hochemotionalen Ambient- und Drone-Tracks, die den Vibe und die Magie, aber auch die Melancholie von Sommernächten transportieren. Eine Art elektronischer Shoegaze, der streckenweise durchaus an die Intensität der Arbeiten des Serben Abul Mogard erinnert, und doch diesen typischen Posh Isolation-Vibe hat, den ich vor einer Weile schon verloren gegangen glaubte. Toll. //RRRhund\

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Experimental/Dark Ambient/Soundscapes: „Sensudestricto“ ist das zweite Album des Duos UnicaZürn (gerade bei Touch erschienen) – ein Projekt, hinter dem der Gitarrist David Knight (Shock-Headed Peters, Danielle Dax, Lydia Lunch) sowie der Saxophonist und Elektronik-Wizard Stephen Thrower (Coil, Cyclobe) stecken. Zu hören gibt es einnehmende, freigeistige, abstrakt-experimentelle Ambient-Aufnahmen, die sich in einer Bandbreite von Dark Ambient-Drones über Carpenter-esque Horror-Synth-Themen bis hin zu melancholischen, tiefblauen Scores mit dem Vibe älterer Alex Zhang Hungtai-Aufnahmen bewegen. „Hat es je eine bessere Zeit gegeben, sich zu den Sternen zu verpissen“, fragen die beiden zu Beginn des Infosheets nach. Vermutlich nicht … //RRRhund\

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Dark Wave/Goth/Death Rock: A propos schwarze Szene – diese Perle aus Frankreich hatte ich euch noch vorenthalten. Goth Rock mit Death Rock-Vibe aus Paris, der dem Bacchus frönt: Je t’aime und „Dance“. Ich war langsam, die Nummer kam vorab schon 2018 raus, nur das Video ist noch einigermaßen frisch – der Song läuft vermutlich längst in der schwarzen Disse eurer Wahl (s/t, Vinyl / CD / digital bei Icy Cold Records). //RRRhund\

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Death Rock/Synth Wave: VR Sex, der Drab Majesty-Ableger mit dem Death Rock-Vibe, hat pünktlich zum Release Date des Debütalbums „Human Traffic Jam“ (am Freitag bei Dais erschienen) noch ein hübsch hässliches Video zu „Maiden China“ rausgehauen, dass an die ganzen fiesen Slasher-Streifen der 80er auf VHS andockt. Girl Revenge als Subgenre ist aber ganz 2000er (und 70er, aber das weiß ja kein Mensch mehr). //RRRhund\

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Synth Wave/Cold Wave: Und nochmal Cold Transmission. Das elektronische Duo S Y Z Y G Y X besteht aus Luna Blanc and Josh Clark und liefert 80er-inspirierten Synth Wave mit kühler Frauenstimme im Stil von Boy Harsher und SDH. „The Graveyard Compilation“ enthält 18 Tracks, die von der „Broken Mirrors“ EP, der „Encounters“ EP und dem „Is That All There Is“-Longplayer stammen. //RRRhund\

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Cold Wave/Post Punk/Goth Rock: Die schwarze Szene habe ich die letzten Wochen ganz schön vernachlässigt (liegt wohl an der Jahreszeit) – hier mal ein bisschen frische Ware aus der Flut an neuen Veröffentlichungen. Closed Mouth ist das neueste Soloprojekt des französischen Szeneveteranen Yannick Rault (Triple Sun, Bluebeard’s Castle, So What?, Sander & Melody, Twenty Years usw.). Auf „[ O N E ]“ präsentiert er 14 für Cold Transmission remasterte Tracks seines Debüts, die geschmackvoll und stilsicher mit dem Erbe von Cold Wave, Punk Post und Goth Rock spielen, und sich dabei nur an den besten Vorbildern orientieren (CD oder digital, gerade erschienen). //RRRhund\

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Petrol Girls bei NPR

Punk/Post Hardcore: Die feministische Punk-Band Petrol Girls hatten wir hier schon mal. Bei NPR steht gerade das nächste Woche erscheinende, neue Album der Wahl-Wiener*innen komplett mit einem schönen Band-Feature zum Durchstreamen bereit („Cut & Stitch“, Hassle Records). //RRRhund\

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Extreme Power Electronics/Rhythm & Noise: Vorsicht, sehr irreführender Name! Hinter den Künstlernamen Soft Issues steckt ein Duo aus Leeds, das vor Kurzem via Opal Tapes sein gleichnamiges, ultrabrachiales Debüt-Tape rausgehauen hat. Krach zwischen Power Electronics und Rhythm & Noise, der mit seinem enormen Energielevel Adrenalinflutungen im Körper verursacht. Hardcore. //RRRhund\

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Synth Pop/New Wave: Super abgehangen und relaxed, ist „Truther“, die erste Single von Missions vom Debüt-Album „Subcreature“ (2.8., Holodeck Records). Hinter dem Künstlernamen steckt der Elektronik-Produzent Josh Mills (bei dem Nachnamen kann ja schon nichts mehr schiefgehen), der in der Szene von Austin groß geworden ist, mittlerweile aber nach Los Angeles umgezogen ist, und von dort aus seine Fäden spinnt. Bei der Leadsingle beweist der Wahl-Kalifornier ein feines Gespür für einen gut eingesetzten Vocoder-Gesang, kalt-elegante Flächen und das richtige Händchen für Rhythmustracks im Synth-Wave-Universum. Nice ist auch das durchgestylte Video. //RRRhund\

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Alternative/Experimental: Gar nicht Pop. Angela Seo hat zusammen mit Anna Lian Tes auch das dritte Video vom Xiu Xiu-Album „Girl With Basket of Fruit“ (in Europa bei Altin Village & Mine draußen) abgedreht – die mutigste und sperrigste Scheibe, die die Avant-Popper seit vielen Jahren abgeliefert haben. Allein die Musik bei „It comes out as a joke“ ist schon anspruchsvoll genug; in Zusammenhang mit dem rituellen Setting, mit den ganzen mythologischen Aspekten der Bildkomposition entsteht aber ein magisch-psychosexuelles Gesamtkunstwerk. Very special. Schon wieder. //RRRhund\

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Garage Punk/Alternative Rock/Noise Rock: Heute ist Punk-meets-Noise Rock-Tag. Auch das französische Power-Duo Franck Racket vermengt Noise Rock und Punk-Anteile bei simpler, dreckiger Produktion. Das Duo aus Lille – Franck Racket am Sechsaiter und am Mikro, Pierre Level an der Schießbude – existiert erst seit 2017 und hat mit „Screaming Skull“ im März seinen Debüt-Longplayer rausgehauen, der gleich mal beim kleinen US-Label Forbidden Place Records gelandet ist. Die ersten vier Tracks sind nach vorne preschende Songs, die auf klassische ’77er-Punk-Strukturen aufbauen, dann aber mit ungewöhnlichen Arrangements und Sounds aus der Klassik fliehen. Ab „Dog eat dog“ kommt über Indie- und Alternative Rock-Einflüsse noch mehr Varianz und Vielschichtigkeit rein. Gute Platte. //RRRhund\

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Grunge Punk/Noise Rock: Niedrigdosis ist mal irgendwie komplett untertrieben – die kennen nämlich nur den Vorwärtsgang. Low Dose aus Philadelphia haben sich aus der Asche der Kult-Noise Rocker Fight Amp gegründet, wären ohne die raue Powerhouse-Stimme der gigantischen Sängerin Itarya Rosenberg (von Legendary Divorce) aber nur die Hälfte wert. Wuchtiger, Grunge-durchtränkter Punk mit Noise Rock-Einflüssen und jeder Menge Adrenalin im Koffer – das könnte glatt eins der Rockalben der Saison werden. Monsterplatte (s/t, Ende März bei Brutal Panda / Knife Hits Records erschienen). Die Scheibe bei bandcamp. FFO Metz, Slint, early PJ Harvey, early Subpop. //RRRhund\

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Alternative Groove/Post Punk: Mit dem nächsten Album bricht das kanadische Künstlerkollektiv Crack Cloud wohl endgültig aus den klassischen, stilistischen Idiomen des Post Punk aus, und öffnet sich in Richtung grooveorientiertes Terrain. „The next fix“ heißt der erste Teil der „Pain Olympics“-Serie, bei der sich die Ex-Junkies mit verschiedenen Aspekten der Suchtproblematik befassen. Kunst als Befreiung. //RRRhund\

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Math Rock v4.0: Das japanische Power Trio Kukangendai (空間現代) reist an Orte, an die noch keine Band gelangt ist. Die Formation liefert auf „Palm“, ihrem ersten Longplayer, der außerhalb Japans erscheint, mit unfassbarer Präzision gespielten, minimalistischen, dekonstruierter Math Rock, der trotz aller kompositorischer Ver- und Entkupplungen melodiöse Raffinessen und anorganische Funk-Vibes bereit hält. Das Ergebnis klingt seltsamerweise gleichzeitig konstruiert und organisch verwurzelt. Vermutlich liegt es daran, dass Genreklassiker wie Bastro und Polvo im Vergleich verblassen – Math Rock v4.0. Die Scheibe ist Ende April bei Stephen O’Malleys Ideologic Organ-Label erschienen. FFO Polvo, Nissenenmondai, Schneller Toller Meier //RRRhund\

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West Coast Jangle Pop/Fuzz Pop/Shoegaze: Da hat der Haug musikalisches Zuckerbrot im Sommerangebot – Supercrush stammen von der Westküste der USA und sind die neue Band des Szeneveterans Mark Palm (Ex-Modern Charms). Zu hören gibt es herrliche Fuzz Pop-Songs in der besten Tradition der frühen 90er. „Never Let You Drift Away“ (gerade bei Erste Theke Tonträger erschienen) ist eine Compilation der ersten vier 7″es; der erste Longplayer soll direkt noch dieses Jahr folgen. FFO Swervedriver, Teenage Fanclub, Sugar, Smashing Pumpkins, The Doughboys, Sloan, My Bloody Valentine //RRRhund\

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Electronic/Post Industrial: Die DVA Damas-Sängerin Taylor Burch hat zusammen mit dem extremen Techno-Experimentalisten Samuel Kerridge ein Album voller majestätisch voranschreitender Post Industrial-Kompositionen veröffentlicht („The Other“, gerade bei Downwards erschienen). Die sieben Stücke auf dem Album – schlicht „Transmission 1“ bis „Transmission 7“ benannt – leben ihren rhythmisch quirligen aber soundtechnisch kalten, spaceigen Sound in großen, theaterartigen Räumen aus. Und für große Räume und große Lautsstärken sind diese Kompositionen auch gedacht. Schon nach wenigen Sekunden habe ich mir gewünscht, eine Livepräsentation im Kraftwerk in Berlin genießen zu dürfen – in ohrenbetäubender Lautstärke („Atonal-Crew, könnt ihr mich hören?“). Darüber liegt die kühle, unprätentiöse Narration von Burch. Futurismus pur … „Die Musik, die 2077 aus jedem Autoradio quillt“, meint ein inspirierter User auf Soundcloud. Hier der Album Closer „Transmission 7“. //RRRhund\

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Synth/Computermusik: Das neue Werk der italienischen Komponistin Caterina Barbieri wird wohl als bestes Synth-Album in vielen Jahresendlisten auftauchen. Wer es schafft, dem (k)alten Genre der Computermusik soviel Emotion zu entlocken, nimmt diesen Platz auch zurecht ein. Die sechs hochklassigen Stücke auf „Ecstatic Computation“ (sic!, gerade bei Editions Mego erschienen, Vinyl / Digital, das CD-Format sucht man leider vergebens) leben von den schnellen Permutationen der rhythmischen Muster, von einem Vibe nervöser Ekstase. Der Hörer gelangt in all dieser psychedelischer, hypnotisierender Bewegung dennoch zu meditativer Ruhe – als ob es Barbieri gelungen wäre Bryan Gysins Dreamachine in Töne zu gießen. Faszinierend. //RRRhund\

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Synth: Die Produzentin Judith Juillerat ist 2005 zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit geraten, als sie gegen 600 Mitbewerber einen Remix-Wettbewerb für Björks „Army of me“ gewann; es folgte ein Album auf dem Berliner Electroclash-Label Shitkatapult, das komplett mit analogen Instrumenten, ohne Computerunterstützung eingespielt wurde. In diesem Jahrzehnt war sie dann wieder an den Produktionen der Aufnahme + Wiedergabe-Band Black Egg beteiligt, bevor es Juillerat wieder in Richtung Soloarbeiten zog. Beim Pariser Label Unknown Pleasures Records ist mit „Oneironautics“ jetzt ein inspiriertes Konzeptalbum erschienen, das in der typischen Arbeitsweise der Synth-Spezialistin entstanden ist, und mit seinem traumartigen Sounds auf den Schlafphasen des Menschen basiert. Hier die Hörprobe „Between you, me and the gatepost“. //RRRhund\

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Indie/Mannheimer Schule: Kirchner Hochtief ist das Gesamtkunstwerk des Wahl-Mannheimers David Julian Kirchner – zugleich Band, Ausstellung und persiflierendes Promo-Business. Ab heute abend läuft im Mannheimer Port 25 die Ausstellung zum Projekt an; nach deren Ende erscheint im Herbst bei Staatsakt mit „Evakuiert das Ich-Gebäude“ das Debütalbum (20.9.). Eine Hörprobe kriegen wir mit „ID“ aber schon jetzt serviert, und die ist auch ganz vernünftig. Indie Rock mit sperriger Haltung à la frühe Blumfeld. Die Hamburger Schule ist von Mainz nach Mannheim umgezogen. So sieht es zumindest das Infosheet … hier wird auf jeden Fall ein ganz dickes Brett gebohrt, hier werden alle Register gezogen, um den Selbstoptimierungswahn zu hinterfragen. Allerdings ist die Umsetzung auch schon fast optimal. //RRRhund\

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Post Punk/Math Rock: Neue Doppel-A-Seiten-Single der brillianten Londoner Newcomer Black Midi. „Talking heads“ hat mit der New Yorker Kultband der Achtziger wenig gemein, sondern balanciert hart auf der Kante zwischen Math Rock, Post Punk und Früh-Achtziger Pop à la XTC. Kenne jemand, der die bald auf dem Great Escape in Brighton sieht und bin neidisch. //RRRhund\

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Garage Punk/Power Pop: Einfache Rock’n’Roll-Freuden – frische Kost von meinen Korrespondenten beim Great Escape-Festival in Brighton. Einen richtigen guten (und … ähhhh … auch ekligen) Eindruck haben die Tasmanier(!) A. Swayze & the Ghosts auf der Bühne gemacht. Das Quartett von der abgelegenen Insel südlich von Australien hat mit „Suddenly“ schon einen richtig guten Garagen Punk-Song bei Rough Trade auf 12″ draußen und beruft sich was die Einflüsse angeht auf gute alte Bekannte (Iggy & The Stooges, Television, Fugazi, The Ramones, The Saints). Ein Hit ist ein Hit ist ein Hit. //RRRhund\

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Cover/Minimal Wave/Post Industrial: Jetzt erst richtig wahrgenommen – Peaches hat eine kalte, kraftvolle, kurzum ziemlich überzeugende Coverversion von Throbbing Gristles „Convincing people“ zur Genesis Breyer P-Orridge-Tribute Compilation von Unknown Pleasures Records beigesteuert (bereits 2018 erschienen). Das werde ich bei Gelegenheit mal in einem Set verwursten. //RRRhund\

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Electro/Dark Synth/Synth Wave: Die kanadische Synth Wave-Dame Xarah Dion hatte ich an diesem Ort auch bereits vorgestellt. Jetzt steht mit „Plein Nord“ (1.6., Zodiaque Musique) der dritte Longplayer der Produzentin in den Startlöchern, dessen Titel als französisches Wortspiel zugleich Richtung Norden weist als auch auf die Veränderungen anspielt, die der Arktis durch menschliches Zutun bevorstehen. Stilistisch bewegt sich die Lead Single „Ethos eros“ (zugleich der Album Opener) im Spannungsfeld zwischen klassischem und modernem Cold Wave, zwischen tanzbarem Electro und modernen Produktionsskills. Sehr fein. Das Album bei bandcamp. //RRRhund\

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Alternative/Noir/Gloom Rock: Vor gefühlt zehntausend Jahren habe ich an dieser Stelle Clay Rendering, das dunkle Projekt des Ehepaars Mike und Tara Connelly, vorgestellt. Dann war bis auf ein paar EPs ewig nichts mehr von denen zu hören. Mit Grund. Denn aus dem Duo ist mittlerweile ein Quartett, eine richtige Liveband geworden, und Clay Rendering sind aus dem Mittleren Westen nach Los Angeles umgezogen. Neu an Bord sind Sera Timms von Black Mare am Bass und Joe Potts von Sollilja an den Drums. Im Juni erscheint nun mit „California Black Vows“ das neue Album der Band bei Hospital Productions (14.6.). Nächtlicher Gloom Rock: die erste Hörprobe „Don’t understand you“. //RRRhund\

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Post Punk/Noise Rock/No Wave: Als diese Seite gestartet wurde, konnte man gefühlt alle paar Wochen was über einen coolen Release auf Captured Tracks lesen. Mittlerweile kommt für mich so selten was Spannendes, dass ich die Releases des New Yorker Kultlabels kaum noch regelmäßig abscanne. Offensichtlich ein Fehler, denn ohne Harry hätte ich beinahe diese coole Platte von Drahla übersehen („Useless Coordinates“ ist gerade erschienen). Das Trio aus Leeds hat auf seinem Longplayer-Debüt eine ziemlich gelungene Mischung aus Post Punk-, Noise Rock- und atonalen No Wave-Elementen im Gepäck. An manchen Stellen meint man den Proto-Punk von Television oder die tanzbaren Strukturen von Pylon durchzuhören. An anderen, als hätte man die Sonic Youth der ganz frühen, schrägen Phase mit dem Flow der 90er-Jahre Indie Rock-Inkarnation gekreuzt. Für diesen Vergleich spricht auch die instinktive Herangehensweise an die manchmal durchaus verkopften Arrangements – die Nordengländer klingen immer organisch, das Klangbid bleibt spannend; selten ahnt man die detaillierten Arrangements voraus, weiß meist nicht, was einen als Nächstes erwartet. Für die schrägen No Wave-Elemente ist auf dem Debüt überwiegend das Saxophon von Gastmusiker Chris Duffin (vom XAM Duo) verantwortlich – besonders prägnant beim zentralen Epos „React/Revolt“, das zuerst in der New Yorker No Wave-Ecke die Zähne zeigt, um im zweiten Teil energisch nach vorne zu preschen. Zusammengehalten werden diese dynamischen instrumentalen Ausflüge vom ruhigen, aber bestimmten Gesang von Gitarristin Luciel Brown. Live wechseln die Bandmitglieder auch gerne mal die Instrumente durch. Die konzeptionelle Videoarbeit der Band wiederum erinnert an avantgardistische Kunstzirkel. Hier das Exemplar zur Leadsingle „Stimulus for living“. Hier das ganze Album auf bandcamp. Drahla live beim Route du Rock 2019. FFO Sonic Youth, Television, Pylon, Autolux, June of 44, Rodan //RRRhund\

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Post Punk: Huch, das ging schnell. Ein paar Monate nach Veröffentlichung des zweiten Longplayers „Joy As An Act Of Resistance“ gibt es mit „Mercedes Marxist“ bereits eine neue Single der Idles. Der Song verhandelt die Identitätskonflikte von Sänger Joe Talbot, der sich selbst als Marxist sieht, aber Probleme mit seinem Konsumverhalten hat, zu gerne teure Sneakers kaufen geht. Das Cover stammt vom befreundeten Maler Russell Oliver. //RRRhund\

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Post Punk/Noise Rock/Shoegaze: Im Moment ist gerade eine ziemlich coole, neue Band aus Rotterdam in Europa unterwegs und macht am 10. Mai auch im Slow Club in Freiburg Halt. Neighbours Burning Neighbours teilt sich (ehemalige) Mitglieder mit The Sweet Release of Death, Cusack und AC Berkheimer, und haust auch etwa im gleichen stilistischen Quadranten wie die genannten Bands: Post Punk, Noise Rock und Shoegaze heißen die Eckfahnen des spannenden ersten Tracks „Hesitate“, der dynamisch wie kreativ zwischen diesen Indie Rock-Spielarten meandert. Der Song handelt vom Mut ins Unbekannte einzutauchen und sich auf die Kräfte einzulassen, die dort auf einen warten. So, als ob man sich mit seinen Vertrauten den übermächtigen Kräften des Meers hingibt, und einfach den Ort akzeptiert, an den einen die Wellen tragen – Hauptsache zusammen. Kaufen kann man den Song übrigens noch nicht, die Band will sich erstmal live erproben und entwickeln, bevor etwas auf Band geknallt wird. In diesem Sinne ist die einzige Möglichkeit die Band im Moment wahrzunehmen, am Freitag die Show in Freiburg zu besuchen. //RRRhund\

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Alternative Rock/Dark Alternative: Wer mal wieder auf der Suche nach einer aufregenden Rock-Band ist, sollte sich unbedingt mal die niederländische Formation Gold um die charismatische Sängerin Milena Eva reintun. Drei Gitarristen und dazu eine klassische Rhythmusgruppe vervollständigen die opulente Besetzung, die in der Livesituation allenthalben für offene Münder sorgt. Stilistisch bewegt sich das Sextett im dunklen Rockbereich, hat den Post Rock à la Godspeed You! Black Emperor dabei genauso aufgesogen wie den 4AD-Sound der Throwing Muses. Besonders gelungen ist diese Mischung beim aktuellen Album „Why Aren’t You Laughing?“, das Anfang April bei Artoffact Records erschienen ist. Am besten kommt die Band aber tatsächlich live – hier ein knapp einstündiges Set vom DesertFest in Berlin. //RRRhund\

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Alternative Rock/Noise Rock/Hardcore: Die französischen Noise Rocker Sofy Major haben nach einigen Besetzungswechseln mit „Total dump“ ein wuchtiges, neues Album veröffentlicht, das beim Thema Songwriting und Arrangements ordentlich zulegen konnte (bei Atypeek Music / Solar Flare / Deadlight Entertainment / Antena Krzyku / Corpse Flower Records). Zu hören gibt es den typischen Stilmix des Power-Trios: Dichter Alternative Rock, der immer wieder mit Noise Rock- und Hardcore-Elementen angespitzt wird. Die Aufnahmen hat Dave Curran (Unsane, Big Business) produziert und die Energie der Band dabei exzellent eingefangen. Gute Scheibe. //RRRhund\

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Songwriter/Slow Burning Dreamscapes: Kurz bevor die südafrikanische Songwriterin Lucy Kruger von Kapstadt nach Berlin gezogen ist, hat sie mit ihrer Begleitband The Lost Boys noch eine Suite minimalistischer, introvertierter Songs zu Band gebracht, die als stiller Begleiter für schwierige Abende fungieren soll. Die sensible Hörprobe „The ocean at night“ legt nahe, dass das Unterfangen gut gelungen, das Spinnennetz für die unbearbeiteten Leiden eures inneren Kindes gut gesponnen ist („Sleeping Tapes for Some Girls“, erscheint im Laufe des Jahres bei Unique Records). Gute Nacht! //RRRhund\

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Alternative/Songwriter: Eine ganz eigenartige Magie verspüht „Miracle in the Night“, das introvertierte, aktuelle Album des Songwriters John Southworth – bereits sein zwölftes. Der Kanadier ist ein Archäologe der Liebe, der sich durch die Relikte seiner eigenen Erinnerungswelt tastet, um episodenhafte Geschichten zu erzählen, die sich – ähnlich der eigenartigen Parallelwelt der Black Lodge in David Lynchs Twin Peaks – ohne Anfang oder Ende in Zeitlupe fortzubewegen scheinen. Seine langjährige Band, The South Seas, instrumentiert die zwölf Songs des Albums schwebend, organisch und zurückhaltend, mit wenigen effektvoll gesetzten Höhepunkten, und stellt so das seltsam modulierende Organ des Songwriters, die Songs mit der surrealen Aura, ganz in den Vordergrund. Wundervoll. Und very special. //RRRhund\

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Songwriter/Post Rock/Slow Core/Experimental: Hinter dem Künstlernamen Picastro verbirgt sich seit den späten 90er Jahren die kanadische Künstlerin Liz Hysen, die sich trotz stilistischer Nähe eher als Komponistin und Arrangeurin denn als Songwriterin im folkloristischen Sinn sieht. Auf den neuesten Album „Exit“ (14.6., Sleeping Giant Glossolalia) hat sie sich deswegen sogar zum Großteil dem Dienst am Mikro entzogen und anstattdessen befreundete MusikerInnen gebeten, ihren Part upfront zu übernehmen. Und so finden sich auf dem Album Nummern mit dem Gesang von Jamie Stewart (Xiu Xiu), Tony Dekker (Great Lake Swimmers), Adrian Crowley oder Alexandra MacKenzie (Petra Glynt). Das alles ändert nichts am feingliedrigen, introvertierten Charakter, sondern sorgt für eine Aufspreizung der vokalen Klangfarben über den elegant ausarrangierten Post Rock-Kompositionen. Der Herbst im Frühsommer: die erste Hörprobe „Mirror age“ //RRRhund\

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Hardcore Punk/Berlin-Szene/Allee der Kosmonauten: Aus aktuellem Anlass zwei Nachträge zur Berlin-Ausgabe von RRRsoundZ – die Radiosendung, Abteilung „Frische Bands aus der Allee der Kosmonauten-Szene“, weil wir die zwar genannt hatten, aber aus Zeitgründen nicht spielen konnten. Lustigerweise zwei Bands, die mit genau dem gleichen Personal kommen, wenn man discogs Glauben schenken darf. „Tape 1“ ist die erste Veröffentlichung von Gilb, die energisch-giftigen Hardcore Punk mit krachigem LoFi-Sound zum Besten geben, den T-Rex in der Allee auf 8-Spur geknallt hat. T-Rex AKA Tilman Rexilius (unter anderem bei Pretty Hurts) war hier aber nicht nur an den Reglern, sondern auch an den Instrumenten aktiv; außerdem ist auch Denes Bieberich von Pigeon und Molde sowie Phuong Vu von den Deltoids am Start. Wer da genau was bedient, ist mir aber noch nicht ganz klar (denke mal Denes Schießbude, Phuong Bass und Tilman Gitarre/Gesang). Das bereits 2018 veröffentlichte Tape kam jedenfalls so gut an, dass das komplette Teil – sechs Songs zwischen 1:07 und 2:10 Länge – mittlerweile auch auf eine 7″ gepresst wurde, die weggeht wie warme Semmeln. Während ich das schreibe sind auf bandcamp noch neun Stück verfügbar; wer das Teil will, sollte sich also ranhalten. T-Rex, Denes und Phuong Vu stecken aber auch hinter Benzin, die gestern gerade ihr erstes Demo via bandcamp rausgehauen haben. Bei Benzin bedient aber T-Rex den Bass und Phuong die Gitarre (meine Vermutung: bei Gilb ist’s umgekehrt). Phuong steuert auch den selbstbewussten, deutschsprachigen Gesang bei, was gleich für einen 80er Jahre-Dreh à la Hans-a-plast oder Östro 430 sorgt. Die Mucke ist aber deutlich HC-lastiger als es die Bands der ersten Stunde waren (oder sein konnten). Sieben Nummern zwischen 0:49 und 1:45 – das sagt schon viel aus. Hier geht es nur uptempo vorwärts: punk as fuck. Übrigens die erste Veröffentlichung von Billo Tonträger, noch ein neuer Player auf dem Berliner Label-Parkett. Dahinter steckt vermutlich die gleiche Person, die vor ein paar Wochen auch ein paar meiner Berliner Wahrnehmungsfehler korrigiert hat. Würde mich schon interessieren, wer das ist. Aber das finde ich auch noch raus. //RRRhund\

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Modern Post Punk Classic: Die Mädels und Jungs von der Domino Recording Company haben sich gerade ’nen goldenen Orden verdient, weil sie „No Passion All Technique“ das lang vergriffene, erste Album der Detroiter Post Punk-Heroen Protomartyr von 2012 endlich wieder zugänglich gemacht haben. Enthalten ist unter anderem der Krachertrack „Jumbo’s“, der mich 2014 auf meiner ersten Protomartyr-Show im Kölner Gebäude 9 als unerwartete Zugabe ins Weltall geschossen hat (und Daniel auch, gell?). Braucht man. Auf bandcamp ist dat Ding auf Vinyl schon wieder ausverkauft, aber wenn ihr mal die diversen Mailorder checkt, ist die Scheibe schon noch zu kriegen. //RRRhund\

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Noise Rock: Heißer Tipp von Daniel, die sind bisher irgendwie an mir vorbeigegangen. Buñuel (yup, die haben sich nach dem legendären spanischen Regisseur benannt) sind eine italienisch-amerikanische Noise Rock-Truppe mit Mitgliedern von Afterhours, Il Teatro degli Orrori und dem Sänger von Oxbow, die sich angenehm von der Klassik des Genres abhebt. Hier das energische „The hammer the coffin“ vom zweiten Album „The Easy Way Out“ (bei La Tempesta International erschienen). //RRRhund\

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Electronic/Tribal/Dark Ambient: Das von Frankreich aus agierende, russisch-britische Elektronik-Duo UVB76 hatte in den letzten Jahren mit spektukulären Live-Sets für Aufmerksamkeit gesorgt, was wiederum zu einer ganzen Latte Gigs weltweit geführt hat. Die Shows in Asien haben Gaetan Bizien und Tioma Tchoulanov dazu genutzt, um Bilder und Field Recordings für ihren Debüt-Longplayer „SĀN“ einzufangen, der gerade beim Pariser Label Teenage Menopause Records erschienen ist. Dunkle, roh tribalistische, wuchtig groovende Elektronik-Patterns fügen sich mit Bildern aus chinesischen Metropolen, von Städten, die immer in Bewegung bleiben, niemals ganz zur Ruhe kommen, zu audiovisuellen Gesamtkunstwerken. Hier das Video zu „Siji“. //RRRhund\

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Alternative/Electro/Electroclash: Auch das neueste Video der belgischen Raveyards ist wieder ein Knaller. Genau wie der Track an sich. Der angedubbte, geisterhaft-wuchtige Groove von „Fazer“ lässt einen beim Tanzen ins Dunkle stürzen. Irgendwann stürzt das Rhythmusgerüst selbst dann vorwärts, bevor der wuchtige Halftime-Beat schließlich wieder Oberhand gewinnt. Darüber liegen rasiermesserscharfe Flächen, die einem beim Tanzen die Haut aufscheuern, sollte man nicht auf den Füßen bleiben. Die surreal entrückten Vocals sorgen endgültig für ein musikalisches Paralleluniversum. Geiles Zeug aus Ghent. //RRRhund\

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Post Industrial/Existenzialisten Noise Rock: neues Gewalt-Video :: +Wagner goes +Kamerun #gewalt #tagderarbeit #lieberschneideichmirdiehändeab |/|\PP

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