+Kurz rausgehackt: November 2018

Experimental/Apocalyptic Ambient/Drone/Neo Classical: Der klassisch ausgebildete Pianist und Komponist Reinier Van Houdt verfolgt für seinen Ausbildungsstand ungewöhnliche Interessen, hat sich schon sehr früh mit Tape-Experimenten beschäftigt und ist fasziniert von allerlei musikalischen Bedingungen und Prozessen, die man nicht (oder schlecht) notieren kann – physikalische Aspekte, Klang, Raum, Krach undsoweiter. Seit 2012 ist der Niederländer auch Teil der Kultband Current 93. Und so ist sein Soloalbum „Igitur Carbon Copies“, das gerade beim Schweizer Experimentallabel Hallow Ground erschienen ist, durchaus schon dem Kontinuum der englischen Experimentalveteranen zuzurechnen. Das liegt natürlich maßgeblich daran, dass David Tibet dieser Literaturhommage – „Igitur“ ist der Name einer Sammlung von dunklen Texten über Zufall und Schicksal, die der französische Autor Stéphane Mallarmé 1869 unvollendet ließ – seine Stimme lieh. Aber eben auch daran, dass sich der ganze britische okkulte Underground der 1980er Jahre schon immer für abseitige Werke interessiert hat (man denke besipielsweise an die „Maldoror“-Hommages der frühen Current 93) – van Houdt befindet sich hier also in bester Traditionslinie. Zu hören gibt es eine äußerst spannende Mischung aus magischem Ambient Drone, neoklassischen und elektroakkustischen Experimenten, körperlosen Stimmen, Field Recordings von anonymen Anrufen und einer Vielzahl weiterer Klangdetails, die vor allem durch Tibets Lesung der Texte an mehrdimensionaler Streuung hinzu gewinnt. Die Texturen und Stimmungen wechseln in Sekundenbruchteilen, atmen ein halluzinogenes, surreales Meisterwerk aus – dringende Hörempfehlung („Igitur Carbon Copies“, als Vinyl oder digital bei Hallow Ground). //RRRhund\

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Alternative/Avant Synth Pop: „Into the sky // into the sun“. These New Puritans haben mit „Into the fire“ gerade den ersten neuen Song seit 2013 veröffentlicht – mit David Tibet als musikalischem Gast. Nach einem kurzen atmosphärischen Einstieg treibt ein vercheckter, perkussiver Uptempo-Beat die recht straighte Synth Pop-Nummer an, bevor das Current 93-Mastermind in einer Zwischenpassage tut was er tut. Welcome back, TNP! (Infectious Music, digital/7″ vinyl)

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New Wave/Dream Pop/Dub: „Shadow“, die neue Single der Chasms klingt ein bisschen, als ob HTRK gerade in einer Dubphase gelandet wären – tiefblauer, hermetischer, melancholischer Dream-Pop mit starken New Wave-Einflüssen, der rhythmisch auf einem minimalistischen, perkussiven Dub Groove dahinschwebt. Das Zweitwerk von Jess Labrador und Shannon Madden scheint richtig stark zu werden – die ersten zwei Hörproben haben mich jedenfalls verzaubert („The Mirage“, 22.2., Felte). //RRRhund\

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Indie: Achtung, Charme-Attacke aus Frankreich. Tôle Froide sind drei Kids, die mit Bass, Schlagzeug und goldig-kreativer Keyboards-Instrumentierung mitreißend simple Songs über die Morbidität und die Gefahren des Lebens raushauen. Indie-Sound – sehr old school, sehr naiv, sehr gut (das Tape ist zuerst bei AB Records und jetzt auch bei Le Turc Mecanique – in den Formaten Tape/Vinyl/digital – erschienen). //RRRhund\

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New Wave/Dream Pop: Vorhang auf für neue Musik von Be Forest. Die italienische New Wave- und Dream Pop-Formation hat gestern nach längerer Veröffentlichungpause mit „Atto I“ den ersten Track vom neuen Album „Knocturne“ online gestellt – ein Instrumentalstück, das mit seinem atmosphärischen Schwarz-Weiß-Charakter perfekt in die herbstliche Jahreszeit passt (die Scheibe kommt dann natürlich beim We Were Never Being Boring Collective). //RRRhund\

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Experimental Techno: Wenn beim Rave am Wochenende der Mann mit den bunten Pillen alles verdreht hat, dann sieht das Stofftier auf dem Bett wahrscheinlich so aus, wie die das verpixelte Teil auf dem Cover von Bonnie Baxters „Ask Me How Satan Started“-Tape für Hausu Mountain. Derbe verorgelter experimenteller Techno mit ordentlich Noise-Anteilen, der öfter mal in Breakbeat-Gefilden unterwegs und generell für jede Menge Überraschungen gut ist. Keine Scheuklappen, keine Gefangenen, schon gar nicht im Oberstübchen. Nice one … aber nice natürlich nicht. //RRRhund\

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Alternative/Weird Pop/Post Punk/Folk/Electronica: Vielschichtige Popfreuden. „Problem child“ ist die aktuelle Single von Hen Ogledd (das historische walisische Wort für die Region zwischen dem südlichen Schottland und dem nördlichen England). Das Trio mit dem interessanten Namen ist mittlerweile zu einem Quartett angewachsen und hat vor Kurzem mit „Mogic“ sein drittes Album bei Domino veröffentlicht. Eine aufregende, ziemlich schräge Pop-Platte mit vielen Ecken und Kanten, die ihre Einflüsse aus allen möglichen stilistischen Ecken und Enden zieht: Mal trifft Post Punk auf Folk-Strukturen, mal Techno-Rhythmik auf Indie Pop – die Band setzt die konstante inhaltliche Spannung zwischen historischen Mythen und moderner Technologie, die das Werk prägt, also auch stilistisch um. Da ist die aktuelle Single, das fluffig groovende „Problem child“ dann durchaus noch von der eingängigeren Sorte. Man könnte auch sagen: schon ein kleiner Hit. //RRRhund\

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Synth Pop: Kühler, technoider, französischer Synth Pop mit englischen Texten, um genau zu sein. Agar Agar sind seit ihrer Debüt-EP von 2016 in Frankreich Shooting Stars. Der kalte Sound, die Pop-Melodien, und die tiefe, unterkühlt-aufgekratzte Stimme von Sängerin Clara sowie die teenagerorientierten Texte dürfte die Hauptgründe für die Popularität des Duos aus Paris sein. Und dann kommen noch so coole Videos wie bei „Fangs out“ dazu, wo ein Ausflug mit 3D-Brille einen unerwarteten Verlauf nimmt. //RRRhund\

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Synth Pop: Ja tatsächlich, heute ist Pop-Tag bei RRRsoundZ … in diesem Fall mit dem Prädikat „leichtfüßig“. Das Duo Free Love stammt aus Glasgow und haut uns mit „Playing as punks“ einen entspannt groovenden 80er-Retro-Schmachtfetzen um die Ohren, der genug Hooklines hat, um in Videoschleifen mit Originalmaterial nicht weiter aufzufallen („Wer war das nochmal?“). Eine Schwalbe für einen … November („Luxury Hits“ EP, bei Full Ashram erschienen). //RRRhund\

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Post Industrial: Gewalt meets Friends of Gas goes Neubauten … oder so. Im neuen Video zu „Pawlow“ (von der neuen Single „Pawlow / Kein Mensch“, am kommenden Freitag bei Unter Schafen Records draußen – Achtung! Schon fast ausverkauft) schweigen die Gitarren ausnahmsweise mal. Anstattdessen liefert ein simples wie wuchtiges Drum Computer- und Bass-Arrangement, das an die Einstürzenden Neubauten zu „Yü Gung“-Zeiten erinnert, die Basis. Darüber legen Patrick Wagner, Nina Walser und Helen Henfling ein komplexes pawlow’sches Gesangsgitter, das durch das minimalistische Video ebenso effektiv wie simpel illustriert wird; dazu noch die gewohnte inhaltliche Stärke von Wagners Texten. Das funzt alles ganz wunderbar – demnächst im Qualitäts-Underground-Laden deiner Wahl laut aus den Boxen – wetten wir? //RRRhund\

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Post Punk/Kraut/Art Wave: Die Snapped Ankles haben ein neues Album in Vorbereitung („Stunning Luxury“, 1.3.). Das Trio aus London sagt mit seinem euphorisierenden Kraut-Rock, der sowohl Art Wave- als auch Post Punk-Elemente beinhaltet, diesmal den Spekulanten, die mit Gentrifizierungsstrategien und daraus resultierenden Mietpreisen in westeuropäischen Großstädten absichtsvoll ganze Communitys aus ihren Quartieren vertreiben, den Kampf an. Die erste Single „Drink and glide“ ist nichtsdestotrotz gewohnt motorisch treibend und gutgelaunt. Die Jungs sollen live übrigens schweinegut sein … das dürfen sie gerne auch mal auf dem Kontinent demonstrieren. //RRRhund\

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Ambient/Drone: Der Ambient von William Fowler Collins ist von tiefen, wabernden Träumen durchzogen. „Field Music“ (beim Washingtoner Label SIGE Records erschienen), so der programmatische Titel, bezieht sich sowohl auf die militärische Anwendung, die Collins beim Titeltrack in einer fieberartigen Voodoo-Adaption rhythmisch abstrahiert, als auch auf die Definition als physisches Selbst wie sie in der zentralen Hindu-Schrift „Bhagavad Gita“ definiert ist. Auf dem Cover ist wiederum der wenig glamouröse Bungalow zu sehen, in dem die erste Atombombe zusammengebaut wurde. Auch wenn man sich für den theoretischen Unterbau des Albums gar nicht interessiert, saugen einen die oszillierenden Drones der Stücke, die die Scheibe sonst dominieren, tief in einen magischen, dunklen Maelstrom, dem man sich nur schwer entziehen kann. FFO Eliane Radigue, frühe :zoviet*france: //RRRhund\

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Synth/Ambient/Cyber 80s: Wenn John Carpenter in seiner Hochphase zusammen mit Coil Musik für eine fiese psychologische Horrorserie komponiert hätte, die im bedrückend dauerfinstren, skandinavischen Winter spielt, hätte das Ergebnis so ähnlich klingen können wie das, was J.Ö.S. auf seinem aktuellen Album verewigt hat. Hinter der Abkürzung steckt der umtriebige, schwedische Synth-Tüftler Johan Öhman Sollin, der sich mit seiner futuristischen Mutanten-Synth-Musik auch schon hinter den Pseudonymen Johan Rohbau, Time Deleters, Knife And Ape, Minimen oder Sphynxs versteckt hat (so man denn die Mini-Labels findet, auf denen er das Zeug veröffentlicht hat). Mit „Ultra“ (bei iDeal Recordings erschienen) ist dem Schweden aber ein außergewöhnlich atmosphärischer Meilenstein voller abseitigem Magnetismus gelungen, der das Potenzial hat, zum Kultklassiker zu werden. //RRRhund\

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Alternative: Was ein Song. Irgendwo zwischen einer John Lennon-Ballade und Lenny Kravitz-Lässigkeit, das Ganze schön langsam in tiefste Melancholie getunkt – so klingt „Final call“ von Convertible. Hinter dem Namen steckt übrigens niemand anderes als der Österreicher Hans Platzgumer, der früher unter dem Namen HP Zinker aktiv war und jetzt für Noise Appeal Records ein Hammeralbum rausgehauen hat. Und das hier ist ein echtes Sahnestückchen von der Torte. Dazu kommt dann noch, dass das Video perfekt in den November passt, also raus damit, raus zu euch („Holst Gate“ ist bei Noise Appeal Records erschienen). //RRRhund\

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Experimental/Drone/Repetetive Psych: Leierkasten. Harmonium. Percussion. Klingt erstmal gefährlich nach Mittelalter-Retro der unangenehmen Art. Ist aber zum Glück weit gefehlt. Das Genfer Trio La Tène befindet sich nämlich eher auf einer Reise, die an die Ausflüge der Dirty Three erinnert. Droneige, sich wiederholende Loops sorgen in den langen, langen Stücken für intensive psychedelische Effekte, ein meditatives Versinken des Hörers, das sich mit mineralischer Tiefe weit von jedem New Age-Kitsch absetzt. Auf der neuen, dritten Scheibe, der Doppel-LP „Abandonnée/Maleja“ (6.12., Les Disques Bongo Joe) wurde die Trio-Besetzung mit Gastmusikern aufgebohrt – eine LP mit Dudelsack-Gästen, die andere mit Saiteninstrumentalisten eingespielt. Am Grundcharakter hat das aber nichts geändert. Ich lasse euch mal mit dem 20-minütigen „L’Abandonnée“ allein … falls ihr gerade Brion Gysins Dreamachine zur Hand habt, kann das nichts schaden. //RRRhund\

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Space Rock/Kraut/Psych: Quasi der portugiesische Beitrag zu den Metropolis-Vertonungen. „Germinal“ war auf dem „Distress Distress“-Album von 2017 zu finden, ist also schon eine ganze Weile unterwegs, aber das Video dazu ist nichtsdestotrotz ganz frisch und zudem auch sehr gelungen. Feinstes Material zwischen Kraut, Psych und Space Rock aus dem kultigen Fuzz Club Records-Universum: die 10.000 Russos. //RRRhund\

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Heavy Shoegaze: Hatte mal wieder richtig Bock auf diesen Sound und der Song ist auch wirklich gut. „HDC“ ist die aktuelle Single von Grivo aus Austin, die was das Songwriting angeht irgendwo zwischen Slowdive und Low einpendelt. Der Gitarrensound und die Arrangements erinnern aber eher an die Wucht und die Tiefe der frühen Nothing oder True Widow, und wegen dieser lukrativen Mischung aus Melancholie, Zuckerwatte und Kelle war ich dann sofort dabei („Elude“, Holodeck Records). //RRRhund\

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Electronic/Alternative: Minimal Electronica, die die Brücke von skandinavischen Alternative-Sounds der Gegenwart zum klassischen Sound der iberischen Halbinsel schlägt, serviert die isländische Formation Russian Girls bei ihrer Single „Por que rock“ (bei Trentemøllers hfn records erschienen) – und das liegt nicht nur am Sprechgesang. Schon ein ziemlich guter Track für so ein junges Projekt. Ursprünglich das Soloding von Guðlaugur Einarsson (auch beim Kraut-Techno-Trio Rafiðn, bei Skrattar und Captain Fufanu – für Kenner der isländischen Szene also wahrlich kein Unbekannter), hat sich der Gründer bald noch seine Freunde Tatjana Dís und Gylfi Sigurðsson mit ins Boot geholt. Der Rest der aktuellen EP mit fünf Tracks tendiert eher zum Slowlectro, die Geschmackssicherheit sowie einige kreative Überraschungen bewahren sich die Drei aber jederzeit. („Digua – Sisters & Brothers Vol. 5“, 5-Track-EP, hfn Records). //RRRhund\

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Minimal Synth/Electronic Post Punk/Goth/EBM: Auch vom Einzelkämpfer Marc Dwyer AKA Buzz Kull gibt es ein neues Album („New Kind of Cross“, das Vinyl kommt in Europa via Avant! Records). Klassische, stimmungsvolle, dunkle Minimal Synth-Stücke mit Post Punk- und EBM-Querverweisen, die stilistisch aus einem Guss daherkommen und auch von den Stimmqualitäten von Dwyer leben. Der Australier ist am 27. November live im Komma in Esslingen zu sehen. //RRRhund\

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IDM/Electro/Techno/Industrial/Ambient: TJ Hertz ist offensichtlich stark durch seine Biographie geprägt. In Tokyo als Sohn amerikanisch-philippinischer Eltern geboren, wuchs Hertz in Belgium und England auf, bevor er sich 2009 in Berlin niederließ und wenige Jahre später mit einigen Whitelabel-Veröffentlichungen von sich Reden machte. Die schillernde Biographie spiegelt sich im genreübergreifenden Stil von Objekt – so der Künstlername des profilierten Elektronik-Produzenten und -DJs – wider. Ein erster Höhepunkt war 2014 die Uptempo-IDM-Hymne „Ganzfeld“, die in gut sortierten Clubs rauf und runter lief. Parallel zu den Club-Produktionen folgte mit „Flatland“ die voll ausdeklinierte Definition des Objekt-Sounds: Hertz verschmolz auf seinem ersten Longplayer vielfältige Einflüsse aus IDM, Electro, Techno, Ambient und Industrial ebenso elegant wie aufregend in einen visionären, kalten, technischen Stil. Vier Jahre später liegt nun mit „Cocoon Crush“ ein neues Album vor, das auf diesem futuristischen Konstrukt aufbaut, aber mehr auf organische Sounds und cineastische Klangeffekte setzt, den Blick nach innen richtet (gerade bei PAN erschienen). Ein hypermoderner Meister seines Fachs. //RRRhund\

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Dark Alternative: Live fand ich ja Chelsea Wolfe und ihren neuen, recht überproduzierten Sound im Sommer gar nicht mal so toll, und das gilt auch für die Mehrheit des Materials vom aktuellen Album „Hiss Spun“ (im September bei Sargent House erschienen) – zu viel aufgeblasene Oberfläche, zu viel Pathos, zu wenig Substanz, zu dünn das Fundament, wenn man einen Blick dahinter wirft. Zu den rühmlichen Ausnahmen zählt jedoch das wuchtige „Scrape“, bei dem sich Wolfe zwischen Beth Gibbons-Vibes und überbordendem Sirenenmodus bewegt. Auch das blutrot getränkte Video, das sich aus Liveaufnahmen der Tour speist, weiß zu gefallen. Passt. //RRRhund\

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Experimental/Ambient: Wunderbares neues Video zu „Yamothei“ von Alex Zhang Hungtais Soloalbum „Divine Weight“, das im Frühjahr bei Non Worldwide erschienen ist und den taiwanesischen Weltreisenden in verfremdeten, verträumt-verhallten Saxophon-Klangwolken präsentiert. Im Video von Harry Chan folgen wir Ip Wai Lung bei einem nächtlichen Trip durch eine stahlblau-kalte, asiatische Metropole. Musik und Bild transportieren diese Kälte dabei nur an der Oberfläche, in der sichtbaren Welt. Das innere Wesen offenbart sich in der Emotionalität von Zhang Hungtais leidenschaftlichem Spiel: Sehnsucht wird gerade im Kontrast zur kalten äußeren Hülle als heiß brennendes Feuer wahrnehmbar. Ergreifend. //RRRhund\

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Kraut/Discipline Rock: Eine der ersten Bands hierzulande, die sich in den frühen 2010er Jahren wieder klar auf die motorischen Grooves von Neu! und Elektronik-Loops im Stile von La Düsseldorf bezogen hat, war wohl Camera. Mittlerweile sind die Jungs aus Berlin, die mal unter dem Namen Krautrock Guerrilla liefen, bereits beim vierten Longplayer angelangt, und kein bisschen müde. Im Gegenteil, sie gehen auf „Patrouille“, und das kann auch mal ein bisschen länger dauern. Genauer gesagt so knapp 12 Minuten („Emotional Detox“ ist gerade erschienen, natürlich beim Kraut-Platzhirsch Bureau B). //RRRhund\

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Post Punk/No Wave/Art Rock: Zum Glück hat Koen das Yugofuturism-Projekt gestartet, sonst würden uns all diese aufregenden, frisch klingenden Bands aus dem Osten entgehen. Nach den sensationellen Shortparis gibt’s jetzt den nächsten Treffer aus Mütterchen Russland: ГШ (auf Englisch Glintshake) sind kürzlich zu ihrer Muttersprache zurückgekehrt und haben eine völlig eigenständige, östliche Post Punk-Variante mit hoch anspruchsvollem Songwriting und aufwendigen Arrangements im Gepäck, die mit atonalen Bläsermelodien und abgefahrenen Art Rock-Elementen um die Ecke kommt. Hier „Феникс“, den Closer vom aktuellen Album „ОЭЩ МАГЗИУ“, als Hörprobe. Die Band hat in den letzten Monaten auf den wichtigsten osteuropäischen Festivals für offene Münder gesorgt, im Januar kann man sich die jungen Wilden aus Moskau dann im Offenbacher Hafen 2 selbst live anschauen (27.1.).

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Electronic/Minimal Fractured Techno/Mutant Trap: Letzten Monat hatte ich bereits „Fake Synthetic Music“, das aktuelle Werk der norwegischen Sängerin und Performance-Künstlerin Stine Janvin vorgestellt, die als Instrument hauptsächlich ihre Stimme nutzt. Nicht weniger faszinierend ist ihr Nebenprojekt ST/NE, bei dem die Künstlerin rhythmischeren Pfaden folgt. Hier der Titeltrack der „ME/WE“-12″-EP, der Muhammad Alis Kriegsdienstverweigerungsrede zitiert, um auf einem kaputten Stockhausen-Sample sirenenartige Gesangsloops zu stapeln – eine avantgardistische Polit-Soundcollage mit durchschlagender Wirkung, einfach perfekt. Werde ich mit Sicherheit in einem meiner nächsten Elektronik-Sets verbauen. //RRRhund\

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Psych/Semi Electronic/Groove: Neues von Gum Takes Tooth. Bei „The Arrow“, der ersten Single von der neuen Scheibe, nimmt das halbelektronische, experimentelle Psych-Duo aus London einen krautigen, zerlegten 6/8-Takt mit Jaki Liebezeit-Vibe als Basis für angeschrägte, abgespacete Gesangs- und Synth-Flächen bevor in der zweiten Hälfte des Tracks ein rotierender Bass Synthi-Lick für noch heftiger zappelnde Tanzbeine sorgt, und schließlich Schicht für Schicht ein enormer, bombastischer Soundwall entsteht. Monsternummer („Arrow“, 22.1., Rocket Recordings). //RRRhund\

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Alternative/Semi Electronic: „Ana“, die erste Hörprobe vom fünften Album des mexikanischen Duos Lorelle Meets the Obsolete („De Facto“, 11.1., Sonic Cathedral), wandelt stilistisch auf den experimentellen, halbelektronischen Spuren des neuen Low-Albums. Wummernd-monotone Bässe, psychedelischer Echo-Gesang bestimmen das Klangbild bevor melancholische Synth-Flächen sowie atmosphärische und droneig-noisige Psych-Gitarren hinzukommen und für Intensität sorgen. Wenn das mexikanische Duo beim Rest des neuen Albums die Spannung halten kann, haben wir das erste Highlight von 2019 vor der Brust. //RRRhund\

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Post Punk/Indie Rock/Kraut: Die hatte ich bis jetzt noch nicht auf dem Schirm, obwohl mal gar nicht mal mehr so neu – aber dafür hat man ja seine Community. Was die Gitarrenarbeit von Drew Kirby angeht, klingen die Mothers aus Athens, Georgia, auf ihrer starken Single „Pink“ ein bisschen wir die Fews: glasklare, ätherische Single Note-Licks schweben über dem Gesamtgebilde. Sängerin und Songwriterin Kristine Leschper hat dagegen ein bisschen etwas von einer verhaltenen, unterkühlten Siouxsie Soux, die mit der Songwriter-Fragilität von Angel Olsen versehen wurde. Unnerum treibt Schlagzeuger Matthew Anderegg mit runden, Tom-lastigen, motorischer Beats an, wodurch Bassist Patrick Morales sich einige rhytmische wie melodische Arrangement-Freiheiten herausnehmen kann. Eine runde Geschichte, die am Schluss in digitaler Verzerrung versinkt. Zu finden ist die Nummer auf dem Album „Render Another Ugly Method“ (vor ein paar Monaten bei Anti erschienen). //RRRhund\

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Hard Psych/Fuzz Rock/Noise Punk: Doch, ja, das kommt gut. Die Italiener The Gluts stellen sich mit einer der (mittlerweile) berühmten „Fuzz Club Sessions“ auf dem gleichnamigen britischen Kult-Psych-Label vor. Der atmosphärische, dunkle, Fuzz-getränkte Psych-Rock der Mailänder wird dabei immer wieder mit Noise Punk-Ausbrüchen aufgebohrt. Stimmige wie kantige Gitarren-Mucke für den Winter, die ich mir jederzeit live antun würde. //RRRhund\

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Instrumental Post Metal: Wer auf Bands wie Russian Circles oder Cult of Luna steht, sollte mit dem instrumentalen Post Metal-Sound von Ølten aus der Schweiz was anfangen können. Dramatische Kompositionen, die von der Kraft der Instrumentierung und gewaltigen, grau-droneigen Texturen leben. Wuchtige Winteralpträume in Klang gegossen („Ambience“, bei Hummus Records erschienen). //RRRhund\

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Belgium Hardcore/Jap Core/Crust: Blastbeats, Gewüte, keine Schnörkel. „Total Death“, das Debütalbum von Raw Peace aus Ghent (Leute von Blind To Faith, Imaginary Dictionary, Reproach und Agathocles), ist ein belgischer Hardcore-Meteor, der irgendwo zwischen skandinavischem Crust-Sound, Japcore und der neuen Welle des U.S.-Hardcore einschlägt. Wie so oft bei dieser Subsparte kommt einem auch die HC-Szene von New York in den Sinn, aber zum Glück die rohe, frühe von 1986, und nicht die ausgelutschte, formelhafte von 1996. Einzig beim auf Dauer etwas eintönigen Echoeffekt auf dem Gesang wünscht man sich nach vier, fünf Songs … also nach sechs, sieben Minuten … ein wenig Abwechslung. Ansonsten wütet diese Bestie wie man es sich von einer Bestie wünscht (26.10., Hypertension Records). //RRRhund\

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LoFi Electronica/Cold Wave/Existentialist Exotica/Space Jazz/Ambient: Ein neues, abgespacetes, genreübergreifendes Projekt des niederländischen Synth-Künstlers Danny Wolfers, der Electro-Fans durch sein Alter Ego Legowelt bestens bekannt sein dürfte. Seine neue experimentelle Formation hat er zusammen mit dem Kollektiv Baglover aus Den Haag auf die Beine gestellt, und dafür einen abenteuerlichen Synthesizer namens Star Shepherd zusammengebaut, der an die Pionierphase der Elektronikszene erinnert: Ein altes Casio 403-Keyboard wurde massiv verändert, gehackt, mit alten Gitarrenfußtretern, EQ-Einheiten und einem Kurzwellen-Radioempfänger erweitert, die Oszillatoren mit allerlei Harmonizing-Effekten aufgebohrt, um die Erzeugung komplexer harmonischer Strukturen zu ermöglichen. Am Ende der Soundkette wurden dann noch Hall- und Echoeffekte, Tremolo-, Vibrato- und Wah Wah-Effekte integriert. Die resultierende, komplexe Maschine hat die Neigung ein Eigenleben zu führen, und dieser Neigung haben Wolfers & Co freien Lauf gelassen. Herausgekommen ist ein herrlich freigeistiges, psychedelisches Synth-Album, das konstant alle Genregrenzen sprengt und doch seinen ganz eigenen Geruch verströmt („Current Explorations in Star Synthesis“, digital auf bandcamp oder als Tape bei Nightwind Records). //RRRhund\

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French Cold Wave: Den Monat des Nebels und der leichtfüßigen Fruchtlosigkeit hat sich das italienische, in Berlin ansässige Label She Lost Kontrol für seine siebte Veröffentlichung auserkoren. Diesmal eine ganz französische Kollaboration zwischen dem seit vielen Jahren aktiven Produzenten Black Egg (ein musikalisches Alter Ego von Usher San) und dem energiegeladenen Power Wave-Jungspund Blind Delon aus Toulouse, der an dieser Stelle bereits einige Male aufgetaucht ist. Ob dieser Kombination konnte bei „Dancefloor Dummies“ nur was Gutes rauskommen, und ich darf euch berichten: sogar etwas sehr Gutes. Geschmackssichere Reminiszenzen an die Cold Wave-Ära, die mal Richtung Kraftwerk, mal Richtung Fad Gadget auspendeln und dabei doch von diesen typisch französischen Sound durchtränkt sind. Klasse! //RRRhund\

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Lynchian Surrealities: Hinter dem Namen Thought Gang steckt ein Projekt, das David Lynch und sein legendärer Filmmusikkomponist Angelo Balamenti nach der zweiten Staffel von Twin Peaks zusammen auf die Beine gestellt haben, um ihre schrägeren musikalischen Visionen umzusetzen. Lynchian Alien Jazz voller surrealer Vibes – Sacred Bones Records haben die 20 Jahre verschollen gewähnten, außergewöhnlichen Aufnahmen nun zum ersten Mal in allen Formaten öffentlich zugänglich gemacht (DoLP / CD / digital). //RRRhund\

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Psych Rock: Ein monochromes Feuerwerk an wunderschönen, abstrakten Schwarz-Weiß-Texturen brennen die japanischen Psych-Göttern Acid Mothers Temple (and the Melting Paraiso U.F.O.) im neuen Video zum zwölfminütigen Monster-Track „Blue Velvet Blues“ ab. Die getragen schwebende Half-Time-Nummer spiegelt dieses Feuerwerk auch musikalisch im Spannungsfeld zwischen glühenden Wah-Wah-Gitarren und dem eher meditativen Gesangsstil. Ein weiterer Meilenstein der Szene-Veteranen, der auf dem neuen Longplayer zu finden sein wird, der Ende des Monats beim englischen Label Riot Season Records erscheint („Reverse Of Rebirth In Universe“, 30.11.). //RRRhund\

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Indie Rock/Psych/Math Rock/Prog: Famose neue 7″-EP von Tera Melos. Auf „Treasures and Trolls“ präsentiert sich das Indie Rock-Trio aus dem kalifornischen Sacramento in großartiger Form – komplex arrangierte Songs mit Prog- und Math Rock-Elementen treffen auf 60s Psych-Gesangsharmonien und die freakigen Sounds von Gitarrist Nick Reinhart, der ja bekanntlich einen Teil seiner opulenten Pedalphalanx selbst baut. Me likey! //RRRhund\

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Indie Rock/Post HC: Neues Video der alten Schweden Statues. Auch „Authoritarian roots“, die dritte Vorabsingle, stammt vom Debüt-Longplayer „Adult Lobotomy“, der Ende November bei Crazysane Records erscheinen wird (23.11.). Das Video taucht in die hässlichen Untiefen einer gewaltsamen Beziehung ein. Gewohnt politisch, gewohnt gut. //RRRhund\

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Dream Pop: „Divine Illusion“, die aktuelle Single der Chasms, war der erste Song, den das Dream Pop-Duo aus Los Angeles nach dem verheerenden Brand im Oakland Ghost Ship Ende 2016 geschrieben hat, und ist all den Opfern, Freunden, Musikern gewidmet, die dort ihr Leben ließen. Der dicke Breitwand-Mix von Josh Eustis (Telefon Tel Aviv) und der verzerrte Bass von Shannon Madden sorgen für Gänsehautmomente im kalifornischen Dream Pop-Universum. //RRRhund\

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Hardcore/Metalcore: Mmmmmmmm und Kelle, die Zweite. Voll auf die Semmel hämmern Warthog bei den vier Tracks ihrer aktuellen selbstbetitelten EP auf Static Shock Records – die perfekte Schnittmenge aus dem Schmutz im Sound von Motörhead, den Speed-Attacken von Mittachtziger-Slayer und End-Achtziger New York-Hardcore. Ganz straightes Brett mit unbändiger Energie – macht mal richtig Spaß. //RRRhund\

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Hardcore Punk/Total Crasher/Women of Punk: Zwei komplette Hardcore-Kracher für den Samstag. Frisch auf Irong Lung Records aus Seattle sind die Local Heroes von Lexicon, die auf ihrem Fünf-Track-Demo mit infernalischer Energie die Grenze zwischen extremem Punk und weißem Rauschen einreißen. Entscheidenden Anteil hat die Sängerin Madam KJ, die hier wohl in ihrer ersten Band singt, und etliches toppt, was ich in den letzten 35 Jahren in diesem Genre zur Ohren bekommen habe. Unfassbar geiler Krach! //RRRhund\

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Alternative/80s cover: Nice! Die New Yorker LCD Soundsystem haben sich im Rahmen der „Electric Ladies Sessions“ den Heaven 17-Klassiker „(We don’t need this) fascist groove thang“ in einer schön rohen, schrabbeligen Version vorgenommen. Läuft! //RRRhund\

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Post Punk: Schön weird, das neue Video zu „Hong Kong surgery“. Im Bewegtbild transportieren die Schweizer und Wahlberliner Sudden Infant den verrückten Charakter der ostasiatischen Metropole. Der Song stammt von der aktuellen Scheibe „Buddhist Nihilism“ (seit einigen Wochen bei Harbinger Sound draußen). //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ

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