+Kurz rausgehackt: Oktober 2018

Post Industrial/Sound Design/Grime/Jungle/Dub: Die Londoner Tom Halstead und Joe Andrews, besser bekannt unter dem Namen Raime, haben ein neues Label namens RR gegründet – da fühlen wir uns doch sogleich als Teil der Familie. Von der ersten Veröffentlichung der Hausherrn stammt auch das faszinierende „See through me, I dare you“, das mit seiner psychoaktiven Mischung aus herausragendem Sounddesign, chinesischen Grime-Sounds, Post Industrial-, Jungle- und Düster Dub-Elementen sowie überraschenden Arrangementwendungen daherkommt. Erinnert in seiner Innovationskraft an die Hochphase von Künstlern wie Coil, Drew McDowell und Lustmord – sehr starkes Material („We Can’t Be That Far From The Beginning“ 12″ EP, RR Records). //RRRhund\

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Mutant Electro/Music Box: Viele Jahre nachdem das Electro-Duo Mutant Beat Dance (bestehend aus Traxx aka Melvin Oliphant und Beau Wanzer) zum ersten Mal in Erscheinung getreten ist, liegt nun der Debüt-Longplayer der mittlerweile zum Trio angewachsenen New Yorker Formation vor, der sich mit einer besonderen Phase in der Geschichte der elektronischen Musik auseinandersetzt. In Chicago tobte Ende der 1980er Jahre für kurze Zeit eine stilistische Welle, die man gemeinhin unter dem Begriff Music Box subsumiert: Elemente aus Post-Punk, Minimal Wave, Industrial, Disco Dub, EBM und der Frühform von House fügten sich damals zu einer energetischen, enorm tanzbaren Mischung, die bis heute Einfluss auf die elektronische Musikszene hat. Zum Beispiel auf die New Yorker Freunde von LCD Soundsystem. So wundert es auch nicht, dass Tyler Pope, Patrick Mahoney und Gavin Rayna Russom bei einigen Tracks ihre Gesangskünste zur Verfügung gestellt haben. Herausgekommen ist ein episches, 25 Tracks umfassendes Album, das ein ganzes Kaleidoskop an Substilen entfaltet: verworrene Electronica mit unterschwelligen Nachrichten trifft auf Electro-Funk-Knaller, industrielle Klanglandschaften und Detroit-Einflüsse. Ein opus magnus – hier „Toy story“ (s/t, bei Rush Hour erschienen). //RRRhund\

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Experimental/Avantgarde: Amnesia Scanner, die neue Puce Mary, und jetzt dieses außerweltliche Meisterwerk – PAN, das Berliner Experimentallabel von Bill Kouligas, hat mit seinen Veröffentlichungen gerade einen enormen Lauf. Auf „Fake Synthetic Music“, dem aktuellen Werk der norwegischen Sängerin und Performance-Künstlerin Stine Janvin, spielt nur ein einziges Instrument die Hauptrolle: die menschliche Stimme. Allerdings wurde dieses Instrument so dekonstruiert, seinem natürlichen Kontext enthoben, hat sich Janvin so auf die physischen Parameter und die Verfremdung des Klangbilds konzentriert, dass eine Zuordnung des Tons zur Quelle kaum noch möglich ist. Methodisch konzentriert sich die Norwegerin dabei auf Versuchsanordnungen, die mit den Konzepten Imitation und Resonanz spielen um so Klangillusionen zu erzeugen. Janvin reiht sich mit dieser bemerkenswerten Platte in die zeitgenössische Avantgarde der Klangforschung ein, schießt uns stante pede ins 22. Jahrhundert – absolute Alienmusik, ebenso anstrengend wie faszinierend. Die Live-Performances von Janvin sind multimedial-experimentell, hier spielt Lichtstreuung und die Raumverteilung des Klangs eine gewichtige Rolle. Gerne mal ins ZKM, das wäre der perfekte Ort hier in der Umgebung. Angst oder Ekel vor Weichtieren sollte man bei diesem Video übrigens nicht haben. //RRRhund\

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Experimental/Improvisation/Kraut: Auch UUUU hatten wir hier bereits einmal. Die Experimental-Supergroup bestehend aus Edvard Graham Lewis (Wire), Thighpaulsandra (Coil), Matthew Simms und Valentina Magaletti (Tomaga, Raime) hat bei Editions Mego letztes Jahr eine selbstbetitelte Doppel-LP vorgestellt, auf der acht faszinierend magnetische Stücke mit Kraut-Einflüssen enthalten sind. Der Album-Opener „The latent black path of summons served“ etwa entwickelt sich zuerst atmosphärisch, dann fiebrig, exotisch und rhythmisch, bevor eine organisch schwelende Noise Wand das Raumschiff zum Absturz bringt und eine fremdartige Kreatur sterbend die Hülle verlässt. Jetzt ist gerade ein Nachschlag mit zwei Stücken erschienen, die auf 12″ gepresst wurden. //RRRhund\

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Industrial Hardcore: Yup, Al Jourgensen kann immer noch stehen – bei der Biographie ein wahres Wunder. Unkaputtbar, der Mann. Glaubt ihr nicht? Dann checkt mal die Ministry-Live-Show vom Alcatraz Metal Festival, die Arte dankenswerterweise mitgeschnitten hat. Kamera ab! //RRRhund\

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Alternative Rock/Doom/Sludge/Psych: Neue Scheibe von Domkraft aus Schweden. Die psychedelischen Doom-Meister haben sich auf ihrem neuen Werk „Flood“ mal wieder selbst übertroffen. Fundierte Black Sabbath-Basisarbeit wird mit langen Psych-Passagen unterfüttert und dezent wie kompetent mit Sludge-Spurenelementen gewürzt. Ziemlich gute Mischung – für mich derzeit die beste Band aus dem Genre. /RRRhund\

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Alternative/Nu Wave/Electro: A propos Neil Young. Der Kopenhagener Produzent Trentemøller​ hat nach neun Jahren den zweiten Teil seines berühmten „Harbour Boat Trips“ mit vielen seiner Lieblingskünstler fertiggestellt und exklusiv für den Mix ein atmosphärisches Cover von „Transformer Man“ produziert, das natürlich mit Marie Fisker am Mikro kommt. Das Original stammt übrigens aus einer der ungewöhnlichsten Phasen des Rock-Meisters, genauer gesagt vom 1982er „Trans“-Album, das stark New Wave-beeinflusst und bei den meisten Neil Young-Fans nicht sehr beliebt ist. Ansonsten sind im Trentemøller-Mix viele musikalische Schmuckstücke von A Place To Bury Strangers, The Raveonettes, Tropic Of Cancer, Black Marble, John Maus & Molly Nilsson, Slowdive, Moon Duo, The KVB, und sogar – Überraschung! – die Stuttgarter Legende Levin Goes Lightly zu finden (23.11., hfn Music). //RRRhund\

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Indie Rock: Vor ein paar Monaten hatte ich ja bereits die Australier Tropical Fuck Storm vorgestellt, die mit ihrem Debütalbum grandiose Songs, stilistischen Abwechslungsreichtum und einen gesunden Ticken Weirdness bieten. Hier noch das offizielle Video zu „You let my tyres down“, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Schön krachige, schmachtende Neil Young-Vibes für die Spaghetti-Schlacht. //RRRhund\

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Indie Rock/Psych/Kraut: Der Comeback-Single von Toy auf Tough Love Records (wir pöööösteten sie) folgt jetzt die Vorankündigung des neuen Longplayers („Happy In The Hollow“, 25.1.) samt Vorabsingle. Sanft schimmernder Indie Rock mit Psych-Vibes, verorgelten Krautpassagen und dezenten Glam-Handclaps – recht schön: „Sequence One“. //RRRhund\

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Alternative/Electronica: Gazelle Twin. Gazelle Twin. Gazelle Twin. Auch „Glory“, das neueste Video von der aktuellen Scheibe.„Pastoral“ spielt auf surrealem, tiefenpsychologischen Feld mit den nationalen Mythen des britischen Königreichs, den Träumen von der Vergangenheit, denen etliche der Brexit-Befürworter – sei es bewusst oder unbewusst – nachhängen. Und wie es sich in diesem Szenario gehört, bringt die Hofnärrin die unerwünschte Nachricht. Konzeptionell, visuell, musikalisch: Bleeding edge. //RRRhund\

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Uptempo Electro/Modern Synth Pop: Banger aus Bristol. Finlay Shakespeare heißt der Produzent hinter der Single „Routine“. Ein quirliger, elektronischer Uptempo-Track zwischen Synth Pop-Vergangenheit und Electro-/IDM-Gegenwart – irgendwo zwischen AFX, Cabaret Voltaire, Howard Jones und New Order. Die Vorab-Single zum Longplayer-Debüt erscheint am 30. November. Und ansonsten ist hier ganz schön Prominenz am Start: Gemastered hat die Noise-Ikone Russell Haswell, das Artwork stammt von Nik Void (Factory Floor). Ambitionierte Sache. //RRRhund\

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Dirty Synth Wave/Dirty Dark Electro/EBM: Eine Electro-Übertragung direkt aus dem amerikanischen Verlies – so klingt das neue Split-Tape von JT Whitfield (aus Austin) und Twins (der Künstlername von Matt Weiner aus Atlanta), das gerade erschienen ist. Ein neuer, dunkel funkelnder Baustein im außergewöhnlichen Experimentierkasten des Glasgower Underground-Labels Clandestine Records. Tanzbares zwischen Minimal Wave und Post Industrial – dreckige Elektronik der besten Art. //RRRhund\

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Slolectro/Kraut/Post Punk: Das grandiose Pariser Duo Il Est Vilaine ist hier schon öfter aufgetaucht – schon allein weil dieser Blog ein Faible für Künstler hat, die sich gekonnt zwischen die Stühle setzen. Im Falle der Franzosen tragen diese Stühle die Namen psychedelische SloMo-Electronica, Kraut und Post Punk. Die Super-Produktionen der Jungs habe ich tatsächlich schon öfter in meinen Slolectro-Sets verbaut. Jetzt endlich mal die Live-Inkarnation: hier ein knapp einstündiges Konzert für Arte im Rahmen der „Mix Ø Trabendo“-Serie. //RRRhund\

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Industrial Techno/Dark Ambient/Noize: Kareem, der Gründer und Betreiber von Zhark Recordings Berlin, arbeitet schon seit 1996 an dem dunklen, bruitistischen, brutal tanzbaren Sound, der derzeit wieder so in Mode ist, und hat auch nichts anderes gemacht, als die Technohauptstadt jahrelang die Hüften zu vorwiegend seichten Belanglosigkeiten geschwungen hat. Szeneveteran nennt man sowas. Die aktuelle 12″ „Hinrich“ ist ein gewaltiger Huf, vier Tracks voller durchdringender Dark Ambient-Flächen und dichter Tribal Beats – im Ergebnis entsteht eine bedrohliche klaustrophobische Atmosphäre, und das ist auch genau so gewünscht, ist Idee und Programm. Ein demoralisierter Zauberer, eine finstre Entität, das euphorische Gröhlen eines erbarmungslosen Gottes ziehen die Tanzenden in ihren Bann bevor Klarheit Einzug hält, der unweigerlich die Dunkelheit folgt. Demnächst in der rituellen Höhle Ihrer Wahl. Meisterlich. //RRRhund\

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Death Rock/Goth Rock/Dance Punk: Schön rough, cool, und zusätzlich auch noch tanzbar. Deadpan, ein Trio aus Kopenhagen, hatten 2016 mal ein kleines Päuschen eingelegt und sind jetzt zwei Jahre später als Quintett mit frischem Bandsound zurück. Für Vibes zwischen Chrome und den frühen Bauhaus sorgen sowohl die recht verstrubbelten Gitarrensounds als auch der coole Batcave-inspirierte Sprechgesang. Den Kontrastfaktor liefert die wuchtige Rhythmusfraktion mit ihren tanzbaren Dance Punk-Strukturen. Hier der Titeltrack der „Fool Moon“ EP (7.12., Third Coming Records) //RRRhund\

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Dark Dub/Illbient: Mystisch-hypnotischer Sound aus dem Bokeh Versions-Universum. „Ooid“ von Sunun ist die Art von schwer verorgeltem, experimentellen Dunkel-Dub, die Strahlkraft weit über die Szene hinaus entwickelt. Die Produzentin aus Bristol hat für die Live-Situation ein fasziniererndes, hochkomplexes, organisch bedienbares Klang-Ökosystem entwickelt, das auf fünf Drum Machines, etlichen Klangquellen und Old School Dubbing fußt – ein undurchdringlicher Kabel-Dschungel, der in ein voll belegtes 20-Kanal-Mischpult mündet und auch Basis für das aktuelle Werk ist. Das sehr stimmige, abstrakte Retro-Video im VHS-Stil stammt von Max Kelan Pearce. Dub the Post Industrial way – ein gefundenes Fressen für das nächste Atonal-Festival?! //RRRhund\

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Experimental Screamo Rap/Noise: Pump up the volume! In dem Genre hatte ich so ein drastisches Projekt bisher noch nicht auf dem Schirm. Prison Religion haben mit der „O FUCC IM ON THE WRONG PLANET“-EP (im September bei Halycon Veil erschienen) ein derbe noisiges Statement für den experimentellen Rap-Sektor abgeliefert. Futuristisch dekonstruierte Krach-Sounds und der Screamo-Sprechgesang kommen in aller Kürze und Intensität auf den Punkt. Erinnert mich an den Moment, als ich vor 23 Jahren zum ersten Mal Atari Teenage Riot hören durfte. Geweitete Pupillen, enormer Meilenstein. //RRRhund\

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77er meets Post Punk meets Synth: Dass ich die hier bis jetzt noch nicht untergebracht habe, ist eigentlich ein halbes Wunder. Die Miscalculations sind eine Art Supergroup aus London, die bereits seit 2013 aktiv ist. Das Quartett besteht aus Musikern von den Gaggers (Vocals!), Ladykillers und Disco Lepers hatte sich ursprünglich einer Mischung aus 77er Punk und ’79er Gitarren-Post Punk verschrieben hatte, die mittlerweile noch durch Synth-Elemente amerikanischer Prägung und skandinavischen Pop-Punk aufgebohrt wird. Ganz viele Uhhhhhhs und Ahhhhs und gute, melodische Songs – eine straighte Sache mt Gute-Laune-Faktor: die aktuelle EP „Sharp Solution“ (bei Rockstar Records erschienen). //RRRhund\

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Post Punk Dream Combo: Die neuseeländischen Wax Chattels haben im Juli bei Part Time Punks in Los Angeles vorbeigeschaut und die Show wurde natürlich mitgeschnitten. Die Aufnahmen sind jetzt in der renommierten Serie der kalifornischen Dunkel-Partyreihe als Tape (und zum Glück auch digital) veröffentlicht worden – das Zeugnis einer famosen Liveband. Jetzt dann doch bitte mal gerne auf dem alten Kontinent vorbeischauen, ich wäre ein dankbarer Abnehmer. //RRRhund\

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+++BLAST FROM THE PAST: Ein äußerst sachkundiger Labelbetreiber hat letztens festgestellt, dass wir was Wiederveröffentlichungen angeht in einer ebenso ernüchternden wie erstaunlichen Zeit leben. 50 Jahre Musikgeschichte sind in den letzten 15 Jahren zum großen Teil (und meist auf Vinyl) wiederveröffentlicht worden – und was jetzt noch nicht draußen ist, kommt demnächst, bis hin zu den ganz hart gesuchten Raritäten. Mittlerweile hat diese Welle schon längst die Underground-Pfründe der einst so obskuren und eingeschworenen Tape-Szene erreicht. Es stehen etliche Vinyl-Compilations mit dem Material des 70er- und 80er-Jahre Home-Recording-Undergrounds in den Läden, die zum Großteil zum ersten Mal in diesem Format erscheinen. Nicht alles was da auf Polyvinylchlorid gepresst wird, ist jedoch den Aufwand wert, der Aufstand der genialen Dilettanten ist vom Zahn der Zeit nicht immer unversehrt geblieben. Beim Material der Berliner Formation Alu kommen da allerdings keinerlei Zweifel auf: Die Band hat ab 1980 im Wohnzimmer visionäres avantgardistisches Material auf Band gebannt, das etliche Stilentwicklungen der elektronischen Musik – von Techno über EBM bis IDM – bereits vorausgeahnt hat. Auf Basis von knarzigen Sequencer-Figuren spinnen die Berliner Track für Track ein effektives, ein minimalistisches wie schräges musikalisches Geflecht, das die Luft einer enorm spannenden Zeit in der Musikgeschichte atmet und sich stilistisch eher am britischen Underground als am Sound der Zeitgenossen im eigenen Land, eher an Cabaret Voltaire als an Kraftwerk oder der Berliner Schule orientiert („Die Vertreibung der Zeit“ 26.10., burau b). //RRRhund\

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Noise Rock/Post Punk: Und schon wieder infernalische Sounds aus dem Berliner Bunker mit der Adresse Allee der Kosmonauten. Das stärkt meine These, dass wir es hier mit dem Kreativ-Nucleus der Hauptstadt zu tun haben. Im Mai hatten Pigeon gerade ein sehr gelungenes Longplayer-Debüt vorgelegt, das auch an dieser Stelle hart abgefeiert wurde. Jetzt legt das Trio aus der Flennen-Crew schon wieder nach: Am kommenden Freitag erscheint mit „Bug“ ein Tape beim Leipziger DIY-Label Tortellini Records – so schnell hatte ich gar nicht mit frischem Material von den Jungs gerechnet, sehr cool. Dafür haben Pigeon fünf rohe Tracks auf eine Achtspurmaschine gefeuert (die bei dieser Adresse natürlich wieder vom ominösen T-Rex bedient wurde). Frenetischer Noise Rock mit Post Punk-Natur, der mal klassisch diszipliniert mit düsteren atonalen Strukturen spielt und dann wieder lichterloh brennt, nach vorne stürmt. Man munkelt, dass die Drei am 13. Dezember in der pfälzischen Provinz live zu bestaunen sind – ich glaub, da muss ich hin, bin echt hart Fan. //RRRhund\

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Post Punk/Goth: Auch die Frankfurter Goth-Band Suir hat ein neues Werk am Start, das in Warschau komponiert, aber in der Heimatstadt produziert wurde. Hier das Retro-Tanzvideo zur Vorabsingle „Gewalt“ („Soma“, 18.10., Tape bei Black Verb Records / CD bei Manic Depression Records / Vinyl bei der Band selbst). //RRRhund\

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Alternative Pop/Synth Wave/R’n’B: Achtung, Achtung! Production Values bei 120 Prozent – RRR macht mal ungewohnt in Pop. In ganz, ganz dicke Sound-Wattebäusche packt Trevor Something uns bei seinem neuen Album „Ultraparanoia“. Das kompositorische Material schwebt dabei sexy zwischen modernem Synth Wave und melancholisch-atmosphärischem R’n’B. Damit’s nicht zu glatt wird, gibt’s ab und an Breaks mit der LowFi-, 8 Bit- oder Glitch-Kelle. Umgekehrt geht’s aber auch: Auf einen dunklen Electro Groove packt der Produzent aus Miami zum Ausgleich gerne mal einen klebrigen Pop-Chorus drauf. Kontraste, die für Vielschichtigkeit sorgen und die Sache ziemlich spannend machen. Immer funktioniert das im Ergebnis nicht, aber bei einem Großteil der Songs gelingt eine ziemlich geniale Gratwanderung. Ideal für Fans von HTRK, die anstatt den eigenen Herzschmerz auszukurieren mal die HiFi-Anlage austesten, im Dunklen tanzen wollen, während die vierundzwanzig Lavalampen im Raum immer wieder kurz durcheinander gelasert werden. //RRRhund\

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Noise Rock/Post Punk: Der Titeltrack von der dritten 7″ der Londoner Formation Girls in Sythesis weiß voll zu überzeugen – pumpende Drums, wütender Gesang und extragiftige, krachige Gitarren. Die Flip wird dann von minimalistisch groovender Polit-Sprachkunst dominiert, lässt die Band wissen – bin schon sehr gespannt. Gemischt hat diesmal James Aparicio (Liars, Nick Cave, Factory Floor), und das hört man auch. Die ersten Dates der Großbritannien-Tour sind bereits ausverkauft, die anderen beteiligten Bands ebenfalls heißer Scheiß (Warmduscher, Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs). Ist abzusehen, dass die Band demnächst richtig abheben wird („Fan the Flames“ 7″ EP, 8.11., Blank Editions; das Vinyl war bereits in der Preorder-Phase Ratzfatz ausverkauft, gab ja auch nur 125 Stück). //RRRhund\

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Post Punk/Grunge: Stuttgart erstreckt sich jetzt bis Rostock … so rein musikalisch. Denn wer Die Nerven (oder Karies) mag, wir sich auch mit dem Debüt von Die Gruppe König aus der Ostseemetropole schnell anfreunden können – da stört dann auch der ungewohnt nördliche Akzent von Alfa Stark nicht weiter. Vor allem weil das Trio die Dynamik und die Aggression im Sound bietet, die man so aus Stuttgart im Moment nur noch manchmal kriegt. Zu hören gibt’s also die Marke Post Punk, die mit „graublaue Novembermusik mit Sturm-und Drang-Attitüde“ bestens umschrieben ist. Im Bereich stilistische Originalität sammeln die drei Rostocker keine Pluspunkte, die Stuttgarter Vorbilder sind in den Arrangements überdeutlich rauszuhören – das Songmaterial passt aber. Wer also noch ’ne Ladung Fun braucht, greife zu … //RRRhund\

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Experimental/Electronic/Industrial Ambience/Drone/Elektroakkustik/Musique Concrète: Nach vier Jahren Arbeit hat der in London lebende, italienischstämmige Experimentalmusiker Roberto Crippa im September auf dem Berliner Label Portals Edition sein neues Album veröffentlicht. Für „SELENIC” hat Crippa präzise ausformulierte, dunkel brodelnde, elektrisch vibrierende Stücke voller alchemischer Industrial Ambience geschaffen, ein nächtlicher Blick ins Innerste von zehn amorphen Gestalten. //RRRhund\

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Japanese Psych: Letztens habe ich bereits einen Track vom neuen Album der japanischen Psych-Spezialisten Kikagaku Moyo vorgestellt, und dazu angemerkt, dass das eigentliche Habitat der Band die Livesituation ist. Den Beweis erbringt die aktuelle KEXP-Live-Session, enjoy! //RRRhund\

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Psych Folk: Beak> in warm und fragil – beim Video zum Album-Closer „When we fall II“ von der gerade erschienenen Scheibe „>>>“ präsentiert sich das englische Indie-Trio um Portishead-Produzent Geoff Barrow mal ohne typisch motorischen Drive in klassischer Psych Folk-Manier. Das stimmige Video hat übrigens Ex-Machina-Regisseur Alex Garland abgedreht. Das Trio aus Bristol startet gerade seine erste U.S.-Tour seit Jahren, am 8. Dezember ist die Band dann in Köln am Start. //RRRhund\

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Synth Wave/Minimal Wave/EBM: Inhalt als Bandname, das klingt zunächst mal nach einer deutschen Formation. Tatsächlich handelt es sich aber um ein 2009 gegründetes Trio aus San Francisco, das sich aus dem Songwriter und Produzenten Matia Simovich, Steven Campodonico sowie aus dem an der Westküste hängengebliebenen Schweizer Philip Winiger zusammensetzt. Nach „Occupations“ und „Vehicle“ hat das Trio mit der „Commerce“-12″ (alle drei bei Dark Entries Records erschienen) im Juni den letzten Teil einer Neoliberalismus-kritischen Trilogie veröffenticht. Die Texte der vier Tracks sind auf Deutsch verfasst und beleuchten die selbstdestruktiven Tendenzen des Egos, die künstliche soziopolitische Verstärkung von Identität als kommerziellem Produkt im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts; Entwicklungen, die psychische Erkrankungen zum Dauerzustand machen, zum Status Quo erheben. Die Verarbeitung dieser Themenkomplexe erinnert an den Blickwinkel des Sozialistischen Patientenkollektivs in den 70er Jahren, Antworten werden bei Inhalt jedoch keine geliefert. Nur Beschreibungen und Mantras, bis vollkommene Leere, komplette Einsamkeit erreicht ist – der Preis des erlangten Bewusstseins in Post-Utopia. Musikalisch bewegen sich die Drei auf den Spuren des tanzbaren Undergrounds der frühen 80er, wirken gerne wie eine etwas intellektuellere Version des Proto-EBMs von DAF, im manisch treibenden Rhythmusskelett sind ab und an Anklänge an die visionäre Kraft von Grauzone wahrnehmbar. Das Sounddesign, die präzise, audiophile Produktion jedoch, die Art alles zusammenzuweben, das deutliche hörbare Zeichen, dass die Tunnel des Techno in der Zwischenzeit durchfahren wurden – das alles sorgt für eine Verortung im Hier und Jetzt. //RRRhund\

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Industrial/EBM/Synth/Proto Techno: Im krachig-sperrigen Underground-Sektor bewegt sich „Noi“, die Debüt-12″-EP von Black Merlin für das kleine Berliner Underground Label She Lost Kontrol. Die vier Tracks, die der englische Künstler George Thompson abgeliefert hat, wurden anstelle einer individuellen Bennennung durchnummeriert. Knarzig verzerrter dunkler Electro, der vom stoischen Tunnelblick der Berliner Dark Techno-Szene beeinflusst ist, trifft auf EBM-Strukturen und die Giftigkeit des End-70er Undergrounds. //RRRhund\

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Post Punk/No Wave/Art Funk: Die D.U.D.S. (auf früheren Releases noch Duds geschrieben) haben sie drauf, diese Mischung aus No-New-York-meets-Gang of Four-Gitarren, No Wave-Bläsern und komplexen, polyrhythmischen Art Funk-Grooves. Noch so eine Band, die 1979 nach 2018 holt – keine einfache Kost, diese sperrigen Mancunians, aber dafür sehr spannend. Nach dem Debüt im Eigenvertrieb („NLP/Unfit For Work“) und der Scheibe auf Castle Face Records letztes Jahr („Of A Nature Or Degree“) kommt der dritte Langspieler im Oktober bei Opal Tapes („Immediate“, 18.10., digital / Tape / Vinyl). //RRRhund\

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Hardcore meets Industrial: Hui, derber Sound aus dem isländischen Reykjavik auf Iron Lung. ROHT präsentieren sich auf „Iðnsamfélagið Og Framtíð Þess“ (etwa: Industrie und ihre Zukunft; kommt am 26.10.) mit einer Art von Hardcore Punk, der im superverzerrten Industrial Noise-Gewand verpackt wurde. An der Temposchraube wird gar nicht so arg gedreht, dafür bringt der doomige Midtempo-Sound die Schädelknochen zum schwingen. Sollte für Fans von Uniform interessant sein. //RRRhund\

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LoFi Hardcore/Black Metal/Crust/Experimental Outsider Metal/Cold Wave: Endlich mal wieder was Durchgeknalltes, Kompromissloses, ein mysteriöses Soloprojekt aus Den Haag. Der Invunche ist eine Figur aus der südchilenischen Mythologie, ein deformiertes Monster, das die Höhle eines Magiers bewacht, nicht sprechen kann, sich nur durch unangenehme, rohe, gutturale Laute verständigt. Womit klar wäre, wie und warum El Invunche zu seinen Namen kam. Der Mann hat schlichtweg alles selbst eingespielt. Wie die chilenische Legende will, ist das mit verdrehten Gliedmaßen, auf einem Bein vonstatten gegangen … aber lassen wir das. Vom einminütigen Dark Ambient-Intro sollte man sich nicht täuschen lassen – dunkel bleibt es, aber was die Dynamik angeht, nimmt die Scheibe enorm Fahrt auf. Der unbekannnte, vermutlich aus Südamerika stammende Musiker serviert auf seinem schlicht „II“ benannten Tape sonst nämlich meist krasses Zeug, einen hermetischen Sound im ebenso monotonen wie energischen Vorwärtsgang. Giftiges, spanischsprachiges Rumgekotze, die Rhythmusabteilung und die Gitarren dunkel, gewalttätig, monoton. Der ganze Sound LoFi, stilistisch hermetisch, schlecht gelaunt und im Tunnel. So einen Heidenspaß hatte ich ich zum letzten Mal, als ich das Frühwerk der italienischen Noise Punks His Electro Blue Voice entdeckt habe. Underground-Knaller (als Tape oder digital bei the тide øf тhe εnd). //RRRhund\

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Experimental Noisy Punk: Da ich Ende der 2000er mit Musik kaum etwas am Hut hatte, so etwas wie einen akkustischen Burnout hatte, faktisch ein mehrjähriges Musik-Sabbatical praktiziert habe, ist mir die Frühphase der Kultband The Men vollkommen entgangen. Etliche Veröffentlichungen der New Yorker, die mich nach meinem persönlichen Revival in den 2010er Jahren erreichten, in diesem Zeitraum veröffentlicht wurden, haben mich ehrlich gesagt ziemlich kalt gelassen, waren für mich kalter Kaffee (und zwar ohne Vanilleeis). Stilistische Beliebigkeit, uninspirierte Scheinexperimente – so dachte ich. Die nun vom New Yorker Kultlabel Sacred Bones Records angekündigte Aufarbeitung der Frühphase der Band („Hated: 2008–2011“, 2.11.) ändert die Sachlage allerdings erheblich. Ende der 2000er Jahren war die Band um Chris Hansell nämlich noch ein manisches, Kreativität blutendes, die Zähne zeigendes, RRR machendes, wildes Tier – hat gerne sperrigen, dreckigen, experimentellen Punk ausgekotzt wie bei der Hörprobe „Ailment“. Sowas nennt man glaube ich eine späte Versöhnung. Die Bisswunden verkrafte ich, da kenne ich gerade Anderes. //RRRhund\

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Alternative: Überwiegend auf ambientesken, elektronischen Sound haben ja bekanntlich Low beim neuen Album „Double Negative“ umgesattelt. Hier das aktuelle Video zu „Poor sucker“. Ganz schön spooky … //RRRhund\

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Experimental/Electronic/World: „Apologia“, der erste Longplayer des Trios Niagara, ist bisher einer der besten Veröffentlichungen aus der entlegenen Welt des portugiesischen Príncipe-Labels. Eigentümliche Exotica, die mittels ethnologischer Field Recordings, entfernter Kurzwellensignale und verschrobener Synthsounds erzeugt wurde und den Hörer daran erinnert, dass mit speziell angepassten Wahrnehmungsfiltern wahre Schönheit in der Imperfektion, im Rauschen und in der eigenartigen Geräuschkulisse des Alltags gefunden werden kann. Eine Sammlung skizzenhafter, seltsamer Kleinode – auf dem unwirtlichen Planeten Weltmusik ist die Silhouette eines Einhorns gesichtet worden. //RRRhund\

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Alternative: Einen eigentümlichen Stilmix verfolgen Amor. Auf „Glimpses of thunder“, der ersten Hörprobe zum Debütalbum, wirkt das Quartett aus dem schottischen Glasgow geographisch seltsam deplatziert. Eine amerikanisch klingende, zugleich entspannt-angejazzte wie straight groovende Rhythmusgruppe mit den passenden Bläsersounds trifft auf zurückhaltenden, Gospel-inspirierten Gesang während das Piano, der Kontrabass und die Produktion an Talk Talks „Color of Spring“-Album erinnnern – wenn da nicht noch diese knarzigen elektronischen Bestandteile wären. Mit Liebe zum Detail arrangierter, dekonstruierter Phillie-Sound, der nach Schottland gebeamt wurde („Sinking Into a Miracle“, Night School Records, 7.12.). //RRRhund\

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Dada Punk/Noise Rock/Post Industrial: Der Schweizer Joke Lanz hat Sudden Infant 25 Jahre lang als Soloprojekt betrieben. Seit „Wölfli’s Nightmare“, dem Album von 2014, ist mit Christian Weber (Bass) und Alexandre Babel (Schlagzeug) eine Triobesetzung zugange, und zwei Drittel der Band haben ihren Wohnsitz, ihren Aktionsradius mittlerweile in die deutsche Hauptstadt verlegt. Die Besetzungsänderung hat sich als Meilenstein erwiesen, aus dem Projekt ist eine vollwertige, Funken sprühende Band geworden. Ein Schritt, der im September, mit dem Erscheinen des zweiten Albums („Buddhist Nihilism“, Harbinger Sound) zur vollen Reife gekommen ist. Im Frühjahr hatte ich bereits die phänomenale Single „Rationality“ gepostet, die die Band im schnoddrigen Post Punk-Feld, irgendwo zwischen Sleaford Mods und den Idles platziert hat. Der Sound des Albums ist aber noch deutlich vielschichtiger, das manifestiert sich in experimentellen, dadaistischen Tracks, bei denen man ein Stück weit auch die Schweizer Underground-Geschichte durchzuhören meint. Im Spannungsfeld zwischen diesen schrägen Art-Punk-Tracks und modernen, geradlinigen Post Punk-Krachern bewegt sich das neue Album dann auch – coole Scheibe (Ende September bei Harbinger Sound erschienen). //RRRhund\

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Garage/Post Punk: Das grisselig-dystopische Retro-Video kommt in Schwarz-Weiß, imitiert und stilisiert ein verschrabbeltes VHS-Band. „The Apparition“, die neue Single der Westküsten-Garagen Rocker Flat Worms, ist stilistisch deutlich dunkler als der letztjährige Debüt-Longplayer geraten, ist irgendwo zwischen The Fall, Protomarytr und Institute einzusortieren. Die dominante, Chorus-getränkte Goth-Gitarre jedoch erinnert an zwei 80er-Jahre Underground-Ikonen von der amerikanischen Westküste – Bari-Bari AKA Barry Galvin von Christian Death / Mephisto Walz und Damon Edge von Chrome. Unten drunter rumpelt straight die Rhythmusgruppe, obendrüber wird der passende nölende Sprechgesang serviert. Glüht gut einen weg, starker Track. //RRRhund\

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Industrial Techno/EBM/Acid House: Alter Verwalter, das ist mal eine Veränderung. Die Throw Down Bones kannte man seit 2015 aufgrund ihres starken Debütalbums für Fuzz Club Records, Markenzeichen krautig-psychedelischer Cold Wave-Sound. Für das Zweitwerk haben Francesco Vanni und Dave Gali nun das komplette Soundgerüst radikal über Bord geworfen – die Gitarren wurden beiseite gelegt, anstattdessen ist jetzt gewaltiger, elektronischer Industrial Techno-Sound mit Acid-House-Backbone tonangebend wie man ihn eher von den Fuck Buttons oder Factory Floor kennt. Produziert hat die Scheibe James Aparicio, der früher Inhouse-Engineer bei Mute Records war, und mittlerweile unter dem Namen Noise Militia irre Effektpedale entwirft – die kamen natürlich auf dem Album zur Anwendung. Erster Monstertrack, erstes Monstervideo – ein 12-stufiger Trip mit Anleitung: „Golovkin“. Vorsicht bei Strobo-Allergie! („Two“, 26.10., Fuzz Club Records) //RRRhund\

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Post Punk Electronica/EBM/Electro/Acid: Juan Mendez ist eine Legende in der zeitgenössischen amerikanischen Elektronik- und Techno-Szene. Als Sandwell District hatte er Anfang der 2010er Jahre bereits eine elegante Melange 80er-inspirierter, apokalyptischer Sounds produziert, die die Brücke von Europa nach L.A. schlugen. Als Silent Servant sowie als Betreiber des Jealous God-Labels hat er danach (unter anderen mit seiner Partyreihe) eine Verbindung zwischen den dunklen Ausläufern der Goth- und Industrial-Szene und hartem Techno initiiert; mit dem Langspieler-Debüt „Negative Fascination“ (von 2012) einen Meilenstein für diese eingeschworene Szene geschaffen, die erst in den letzten Jahren so richtig zwischen L.A., New York, London, Berlin und Osteuropa zur Blüte gelangt ist. Sechs Jahre sind vergangen, unzählige 12″es und kollaborative Veröffentlichungen erschienen, DJ-Sets und -Mixes in aller Welt über die Bühne gegangen und Mendez hat für Silent Servant gerade mit „Shadows of Death and Desire“ seinen lange erwarteten, zweiten Longplayer angekündigt, der natürlich wieder auf dem New Yorker Underground-Label Hospital Productions erscheinen wird (7.12.). Stilistisch ist – wie zu erwarten war – eine deutliche Weiterentwicklung zu hören: Die Vorab-Single „Harm in hand“ ist ein Stück aggressive, radikal reduzierte Post Punk-Electronica mit Acid-, EBM- und Electro Punk-Vibes, deren Wirkung durch den kalten, effektlosen Sprechgesang – Marke frühe Cabaret Voltaire – noch verstärkt wird. Welcome back! //RRRhund\

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Psych Garage: Dense aus Leeds und ihren noisig-psychedelischen Garagen Rock-Sound mit mächtig Bumms hatte ich vor ein paar Wochen schon mal vorgestellt. Jetzt habe die Jungs bei den vier Tracks ihrer „Singles Vol. 1“-EP nochmal mächtig an der Produktionsschraube gedreht und nicht mit Distortion gespart, damit die Gitarren im Wohnzimmer so richtig schön aus den Boxen purzeln und Löcher ins Parkett schlagen. //RRRhund\

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All Female Indie Pop: Da gibt es nicht viele Worte zu verlieren. Wer auf Honeyblood und Konsorten steht, ist hier genau richtig. Die Cheerbleederz, drei Mädels aus London, haben gerade mit der „Faceplant“-EP ihr Debüt rausgehauen (bei Alcopop! erschienen). Ebenso gut gelaunter wie leicht paranoider, zuckersüßer, straighter, songorientierter Indie Pop mit glasklarem, mehrstimmigem Gesang und partiellem LoFi-Touch an der richtigen Stelle (also nicht beim Gesang). Ach ja, der Hit kommt ganz am Schluss („Cabin fever“). //RRRhund\

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Feminist DIY Punk/Riot Grrrl/Grunge/Garage: „Gretchen’s got a gun, Gretchen’s got a knife“ … aber am Ende des Tages sieht’s ganz anders aus. Das zu drei Vierteln weibliche Pariser Quartett Mary Bell hatte Anfang 2017 mit seinem erfrischenden Debütalbum auch über Szene-Insider hinaus mit DIY-Ethos, Riot Grrrl-Vibe und guten, rohen Songs zwischen Punk Rock, Grunge und Garage für Aufsehen gesorgt. Jetzt gibt’s mit der „Histrion“ 12″-EP auf der gleichen Qualitätsebene Nachschlag, wobei der Sound etwas fetter ist, und die Grungeelemente im Vergleich zum Debüt dominieren (Le Collectif Semi-Conscient / Le Turc Mecanique / Danger Records). //RRRhund\

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Psych Rock/Space Rock/Post Punk: Das letzte Mal als die Dead Sea Apes hier Erwähnung fanden war das spaceige Trio dabei, die Grenzen von experimentellem Psychedelic in Richtung Dub(!) zu öffnen. „Sixth Side Of The Pentagon“ ist ein ebenso visionäres wie gelungenes Experiment; seit dieser ungewöhnlichen Scheibe von 2017 hat der Name der Band bei mir einen ganz neuen Klang. Aber die drei Mancunians sind musikalische Chameleons. Das neue Album „Warheads“ ist eine Kollaboration mit dem englischen Autor und Schauspieler Adam Stone und tritt mit vokalem, dreckigem Post Punk-Overdrive komplett das Space Rock-Gaspedal durch. Klassischer britischer Pessimismus gepaart mit dem landestypischen schwarzen Humor trifft auf dystopische Zukunftsvisionen und beißende Gesellschaftskommentare. Die Vier schrauben sich dabei selbst genüßlich in eine klaustrophobische Welt, in der sowohl Hawkwind als auch die Dead Kennedys, Gil Scott-Heron und John Cooper Clarke Platz finden – agieren mit dem Gestus von lamentierenden Straßenpunks, die übles Acid geschmissen haben. Operation Mindfuck Space Rock. (26.10., Cardinal Fuzz). //RRRhund\

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