+Kurz rausgehackt: Oktober 2019

Dark Wave/EBM: Yep, „Cost of life“ ist wirklich einer der Hits auf dem Album. Pünktlich zum Samhain-Termin ist heute das neueste Video von „Too Deep“, dem Killer-Album von Kontravoid auf Fleisch Records, erschienen. Eine Scheibe, die sich mit dem aktuellen Buzz Kull-Album heftig um Platz 1 auf meiner Jahresendliste für die Schwarze Szene streiten wird … ja genau, so gut ist die Scheibe. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Industrial Punk/Synth: Die New Yorker Industrial Punk-Band Pop. 1280 hat mit „Way Station“ (6.12.) einen neuen Longplayer angekündigt, der diesmal nicht bei Sacred Bones, sondern bei Weyrd Son Records erscheinen wird. Die Arbeiten am vierten Album der New Yorker waren geprägt vom Verlust des Drummers Andrew Chugg sowie der langjährigen Keyboarderin Allegra Sauvage. Die Band arbeitet jetzt mit einem Drum Computer und konnte als Synth-Spezialisten Matthew Hord (von Running aus Chicago) gewinnen, der in den Big Apple umgezogen ist. Eine Begegnung, die sich als Meilenstein erwies und das kreative Feuer der Musiker neu entfacht hat, die Stilistik zum einen in Richtung Industrial-infiziertem Punk und zum anderen in atmosphärische Synth-Stücke hat münden lassen. Wie zum Beispiel die erste Hörprobe „Under duress“. //RRRhund\

+++++

Dark Punk/Death Rock: Eine ziemlich coole Mischung aus klassischem Death Rock und modernem, dunklen, französischen Punk Rock mit klassischen Protesttexten haben Bleakness auf ihrem Debüt-Longplayer „Functionally Extinct“ (20.11., CD bei Icy Cold Records, Vinyl via Sabotage Records) zu bieten. Geht gut kompakt nach vorne und die kratzige Stimme von Sänger Nico ist klasse. Das gilt auch für die Single „Towards the end“, die das Trio aus Lyon (und Paris) in prächtiger Form zeigt. Die Band ist übrigens gerade in Deutschland auf Tour (8.11., Stuttgart, Revier5) //RRRhund\

+++++

Industrial/Power Electronics: Menschliche Schreie, verzerrte Vocals, krachende Noisepassagen und brachiale Öltonnen-Percussion über noisigen, analogen Synth-Linien. Nichts für schwache Nerven ist „Death of the Slave“, die Debüt-Single der Japaner Linekraft für das Berliner Underground-Label Total Black. Nach der „Engineering Analysis Of Inner Death“-LP für Hospital Productions und den Tapes für Zaetraom & Old Europa Cafe der nächste Beleg, dass das japanische Projekt zum kraftvollsten zählt, das die Industrial-Szene aktuell zu bieten hat. //RRRhund\

+++++

Alternative/Post Punk Gospel/Dystopian Soul: Zum Glück gibt’s die noch. Algiers aus Atlanta haben das dritte Album angekündigt und bei der Single „Disposession“ nichts von ihrer Kraft eingebüßt, die in ihrer Ästhetik und ihrem inhaltlichen Ansatzpunkt auf linke, emanzipatorische, afro-amerikanische Protestkultur der 1970er Jahre fußt. Something to say … immer noch („There Is No Year“, 17.1., Matador). //RRRhund\

+++++

Alternative/Grunge Pop: Fluffig groovender, klassischer Indie-Sound im Stil der 90er inklusive abgewandeltem Tears for Fears-Textzitat aus „Mad world“ („The dreams in which I’m …“). Die neue Single des Duos Sorry heißt „Right round the clock“; das coole Video zum Song wurde von Asha Lorenz, der Sängerin der Band, selbst inszeniert – Lorenz nennt es eine Tagtraum-Halluzination, quasi wenn man mitten am Tag vom Abendprogramm träumt. 2020 erscheint mit „925“ das Debütalbum der hoch gehandelten Band aus Nord-London. //RRRhund\

+++++

Punk: Ach so, ja. Das passende Wort zum Sonntag haben Turbostaat bereits letzte Woche mit „Rattenlinie Nord“ veröffentlicht („Utlande“, 17.1.). Bloß war das gestern Rattenlinie Süd-Ost, Brechreiz galore. //RRRhund\

+++++

San Francisco Punk: „San Francisco’s Last & Only Rock’n’Roll Band“, meinte ein Local, der sich auskennt. Warp setzen sich aus Mitgliedern von Flesh World, Mallard und Blank Square zusammen und liefern auf „Traffic Control“ (bei Thrilling Living draußen) einen roher Ausbruch aus der kalifornischen Metropole, die bei der aktuellen Entwicklung der Lebenshaltungskosten immer weniger Menschen ein Leben in der Stadt ermöglicht. Eine aus der Hüfte geschossene Punk-Attacke mit enormer Power, peitschende, krachige Punk’n’Roll-Gitarren, eine energische Rhythmusgruppe und On Top der quietschige Gesang von Tika – das besondere Salz in der Suppe. Ein Angriff auf die Stadt mit einer der drastischsten Gentrifizierungs-Quoten auf diesem Planeten, für alte Bewohner die Hölle des Spätkapitalismus in der ersten Welt. //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronic/Female Avantgarde: Gleichzeitig exotische Bass-Musik für Experimentalisten und Aphex Twin-inspirierte IDM. Hinter dem unausprechlichen 33EMYBW vergibt sich eine der aufregendsten Vertreterinnen der weiblichen elektronischen Avantgarde aus China, die mit „Golem“ ihren Debüt-Longplayer auf dem Label Svbkvlt aus Schanghai vorstellt. Ein kinetisches, unberechenbares Stück elektronischer Musik, das auf schwer melodischer, synkopierter Percussion mit futuristischen Sounds fußt, die durch negative akustische Hallräume zum Leben erweckt wird. Basis für mit dem Laser geschossene Elektronikklänge und weirde Geräuschen aus dem Klanglabor from outer space. Oder eben aus einem fremden Metropolis in Asien, das hier aufregend hörbar gemacht wurde. Nach Zaliva-D das nächste erstaunliche Werk aus Fernost. FFO Lee Gamble, Zuli, Zaliva-D //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronic/Musique Concrete/Folk Manipulation/Rembetiko: „D-A-D“ ist die häufigste Stimmung des klassischen Saiteninstruments Bouzouki, und so heißt auch die neueste Platte des Musique Concrète-Spezialisten Tasos Stamou „D.A.D.“ (25.10., Discrepant), eine Hommage an den verstorbenen Vater. Auf dem Prinzip der Improvisation fußend manipuliert Stamou auf seinem neuen Album Field Recordings griechischer Folklore von klassischer Instrumentalmusik bis zum Rembetiko, dem griechischen Blues sozialer Randgruppen, und verquickt dieses Element mit elektronischen Kompositionen und Spoken Word-Passagen voller griechischer Lebensweisheiten. Gerade Rembetiko, die Musik der Einwanderer der griechischen Minderheit, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Türkei vertrieben wurden, und dann im Land der Muttersprache auch nicht willkommen waren, meist ein Leben am Rande der Gesellschaft führen mussten, gibt ein soziokulturell stark aufgeladenes, gigantisch atmosphärisches, tonales Material für die geisterhaften Manipulationen und ungewöhnlichen elektronischen Verquickungen des in London lebenden Experimentalmusikers ab, der auf diese Art gleichzeitig alte und hochmoderne musikalische Idiome erforscht – eine Mischung mit enormem psychedelischen Effekt. //RRRhund\

+++++

Alternative/Slolectro/Electro Dub/Modern New Beat: Die belgischen Raveyards hatte ich vor ein paar Monaten bereits einmal vorgestellt. Jetzt ist mit „Fire tells you“ gerade das neueste Video der Elektronikspezialisten draußen, das den gescheiterten Versuch des Trios aus Ghent dokumentiert, etwas besinnliches zur Weihnachtszeit abzuliefern. Ein sehr gelungenes Scheitern, das angenehm an die Produktionsmethoden von Massive Attack erinnert. Zu finden ist der Track auf der gleichnamigen EP, die gerade bei Neil Parnells (Tronik Youth) Berliner Szenelabel Nein Records erschienen ist. Recommended. //RRRhund\

+++++

Reduced Post Punk/New Age: Beware of the sting of the scorpio. Nach einigen ruhigeren Jahren waren HTRK waren ja jüngst ganz schön aktiv an der Release-Front. Nach der Veröffentlichung des ersten regulären Albums seit fünf Jahren („Venus In Leo“, Ghostly International) haben Jonnine Standish und Nigel Yang gleich noch einen ambientesken, instrumentalen Soundtrack zu Jeffrey Peixotos Scientology-Dokumentarfilm „Over the Rainbow“ (bei Boomkat Editions draußen) hinterher geschossen. Doch damit nicht genug. Standish hat gerade schlicht unter dem Namen Jonnine überraschend ihre Solo-Debüt-EP „Super Natural“ über Good Morning Tapes, ein Sublabel von Nouvelle-Aquitaine, rausgehauen. Als Gastmusiker waren natürlich Bandkollege Nigel Yang, außerdem Mona Ruijs und Ehemann Conrad Standish beteiligt. Auch hier sind die Arrangements sehr reduziert und minimalistisch, wenngleich auch etwas klassischer als bei HTRK. Zum Beispiel beim schrägen EP-Rausschmeißer, der Single „Scorpio rises again“, die von Fingersnips und Walking Bass sowie dem Pfeifen und Violinenspiel von Conrad Standish (kennt man von CS + Kreme) dominiert wird. Das passt natürlich wunderbar zum kühl-spannendem Gesangsstil der Protagonistin. Das symbolisch aufgeladene, halb ironische Video verhandelt astrologische Selbstanalysen unter anderem auf dem Markusplatz in Venedig. //RRRhund\

+++++

Spanish Post Punk/Melodic Punk: Ist eigentlich schon mal jemand auf die Idee gekommen, eine russische mit einer spanischen Post Punk-Band auf Tour zu schicken? Ich finde das passt irgendwie. Auf die Idee gebracht hat mich „¿Qué Tendrá?“, die neue Single des spanischen Trios Rata Negra. Treibend, mit Punk-Roots, gleichzeitig voller Lebensfreude und voller Melancholie – so klingen auch etliche russische Gitarrenbands. Just sayin’. Das Video zum Song hat das madrilenische Punk-Trio im stylischen Schwarz-Weiß abfilmen lassen. Zu finden auf der „La Hija del Sepulturero E.P“ (1.11., La Vida es un Mus). //RRRhund\

+++++

Alternative Rock/Experimental Rock/Post Rock: Das französisch-libanesische Kollektiv Oiseaux-Tempête zählt man grob zur Post Rock-Szene, doch selbst zu Beginn ihrer Geschichte hat die Band sich mit poetischer Kraft und starken kulturellen Einflüssen aus dem Mittleren Osten eher in den Randbezirken dieser ohnehin schon nicht eng gestrickten Stilrichtung aufgehalten. Jetzt also mit „From Somewhere Invisible“ das neueste Album der Band um Charbel Haber, Abed Kobeissy und Ali El Hout, das gerade beim belgischen Label Sub Rosa erschienen ist. Die Hörprobe „He is afraid and so am I“ klingt schon fast als ob man die aktuelle, hintergründig-psychedelische Stilistik der Swans mit der epischen Weite von GY!BE gekreuzt hätte. Einfach ganz schön gut, und das gilt insbesondere für die symbiotische Live-Inkarnation der Band. Für mich zusammen mit dem gerade erwähnten Kanadiern die letzten goldenen Einhörner einer einst so mächtigen Stilrichtung. //RRRhund\

+++++

Kraut/Drone Psych/Experimental Rock: Schon die Typographie auf dem Album-Cover kommt klaustrophobisch. Letzten Monat noch mit einem laaangen Track vom zweiten Album Teil meiner Fuzz Club Favourites der Radiosendung auf Bermuda Funk​ – jetzt mit gewohnt düster-krautigem, droneig-psychedelischem Experimental-Rock-Sound bei der ersten Hörprobe vom dritten Album „Kompromat“, das natürlich wieder bei Fuzz Club​ Records erscheinen wird (8.11.). Casper Dee hat mit „Runnin‘ Escapin’“ einen klasse neuen Track der 10 000 Russos​ aus Porto online gestellt, ein Song über stressende „unvorhersehbare Situationen“, der das portugiesische Trio mit dem singenden Schlagzeuger in blendender Form zeigt. Damit wir wieder auf den krautig-psychedelischen Geschmack kommen. Der Albumtitel refenziert übrigens den KGB-Slang für belastendes Material, und hebt damit den Deckel zu einem düsteren Themenpaket. Vorgemerkt. Also die Platte. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Cold Wave/Darkgaze: Klassischer Chorus-Bass, schneidende Darkgaze-Gitarre, zurückhaltender Sprechgesang. „Ice sky“, die atmosphärische, aktuelle Single von Dead, einem Trio aus Rennes, kommt mit perfekt umgesetzt Stilelementen der Genreklassik, moderner Produktion und einem grandiosen Dronen-Video in winterlicher Landschaft. Zu finden ist der starke Track auf der „Dreams“ EP, die im September bei kdB Records und Icy Cold Records erschienen ist. FFO The Soft Moon und anderen modernen Vertretern des Post Punk-Revivals. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Noise Punk: Komplett neu erfunden hat sich die Girl Band aus Irland beim neuen Album „The Talkies“ (bei Rough Trade erschienen). Vier Jahre nach dem Debüt („Holding Hands With Jamie“) hat das Quartett aus Dublin seiner skurillen Mischung aus The Fall-Vibes und bruitistischen Noise-Attacken eine avantgardistische Arrangement- und Produktionsnote verpasst. Mittel zum Zweck war dabei die kreative Idee, das Haus, in dem die Platte aufgenommen wurde, akustisch auf der Platte abzubilden. Die kompletten Drums wurden einmal im Keller und einmal im Dachstuhl aufgenommen, damit beim Mix jederzeit fließend zwischen beiden Ausnahmesituationen hin- und hergeschaltet werden kann. Und auch sonst bewegt sich das Album in einem konstanten Zustand der Metamorphose: Die klagenden und sägenden Melodielinien, angezerrte, atonale Soundflächen, abstrakte Textwiederholungen, die ratternde Snare und die sich hinauf- und auch wieder hinabwindende Noise Rock-Gitarre – das ist alles sehr Girl Band. Beim Album Closer „Ereignis“ hören wir nur noch jemand atmen. Zum Schluss: Katharsis. Hier die Single „Going Norway“, die eher vom anderen Ende des Albums stammt. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Wave Rock: Elegante, songorientierte Wave Rock-Vibes im Stil von The Sound oder den Chameleons. Die Spectres – die Peace Punks aus dem kanadischen Vancouver, die stilistisch mittlerweile zum melodisch-atmosphärischen Post Punk mutiert sind – haben mit „Northern town“ eine neue Single vorgestellt. Zu kriegen als B-Seite der „Provincial Wake“-7″, die gerade bei Sabotage Records erschienen ist. Wer zeitnah ordert, unterstützt außerdem die Initiative „Punks für Rojava“ – eine Vielzahl DIY-Labels (unter anderem Sabotage Records, Contraszt! rec., Golden Antenna Records, Dirt Cult Records, Sounds of Subterrania, Adagio830 … um mal nur einige beteiligten Labels zu nennen, die hier häufiger auftauchen) veranstalten gerade einen „Rojava Solidarity Sale“ in Verbindung mit Punks for Rojava und sammeln in den nächsten Tagen Spenden für das bedrohte, basisdemokratische, kurdische Projekt im Kriegsgebiet. Order away … wenn ihr gerade Flocken gekriegt habt. //RRRhund\

+++++

Post Punk: Normalerweise berichte ich an dieser Stelle selten über die fünfte LP einer Band. Einfach weil neue Künstler, die noch nicht so auf dem Radar der Musiköffentlichkeit sind, eher der Stoßrichtung dieses Blogs entsprechen. Anders verhält sich die Sache bei „So Cold Streams“, der neuen Scheibe der Franzosen Frustration (gerade bei Born Bad Records erschienen). Erstaunlich viele aktuelle Einflüsse, über Ausläufer des EBM-Revivals und der Cold-Wave-Welle bis hin zu einer klasse Kollaboration mit Jason Williamson (Sleaford Mods) haben stimmig ihren Weg in den Bandsound zwischen Warsaw, The Fall und Wire gefunden, das Songwriting ist klasse, kurzum: Die alten Hasen aus Paris haben nochmal eine irre gute, abwechslungsreiche Platte abgeliefert, die beste Chancen auf meine Jahresendliste hat. //RRRhund\

+++++

Indie Rock/Fuzz Rock/Noise Pop/Grunge/Heavy Shoegaze: Melodische Fuzz Rock-Attacke mit Wumms aus Indonesien. Grow Rich ist das Soloprojekt von Abdur Rahim Latada aus Jakarta, der auf der aktuellen „Frantic Semantic“-EP an die besten Quellen der 90er Jahre andockt und Songmaterial voller Frische raushaut: melodisches Songwriting, fette Fuzz Rock-Gitarren, brummiger Bass, hymnischer Gesang – nur das Schlagzeug fällt ab und an aus dem klassischen Noise Pop-Schema und reitet zu meiner hellen Freude gerne mal wilde Doppelbass-Attacken. FFO Dinsosaur Jr., Weezer, Mitt-90er The Notwist (wegen der Mischung aus Indie Rock und Semi Metal-Drums). //RRRhund\

+++++

Alternative/Art Pop: „I guess it’s a rather angry song … at least I remember being mad when I wrote it. Mad about feeling vulnerable, mad at myself for lying and saying that I wasn’t. Mad at everyone for believing me. When frustration, sadness or lonliness gets to my heart, and is left there not granted by forgiveness and kindness it boils up and grows in the blood where it eventually spreads to the eyes, to the fists and then it is too late. I do things I should not have done. I think it is a general human condition and it is causing a lot of damage in the world.“ Pop-Perle von Blaue Blume aus Kopenhagen, aber mit einem ernsten Thema. Auch wenn Sänger Jonas Holst-Schmidt von einer Human Condition spricht: Ein Thema, das häufig Männer betrifft, die es nicht schaffen mit ihren Gefühlen in Kontakt zu bleiben und dann die inneren Spannungen, den angesammelten Stress in einen unkontrollierten Gewaltausbruch münden lassen. Angejazzte, synkopierte Drums (90er Jahre Talk Talk, anybody?), eine Johnny Marr-Gitarre, elegante Synth-Flächen und die zerbrechliche Stiimme des Sängers machen aus „Vanilla“, der dritten Vorab-Single des dänischen Art-Pop-Trios ein Kleinod – gerade wegen dem thematischen Kontrast der psychologischen Selbstbeobachtung („Bell Of Wool“, 8.11., hfn music). //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronic/Electro Acoustic: Auch im experimentellen Bereich gelingt nur wenigen Künstlern, eine eigene Klangwelt zu schaffen, die so einzigartig ist, einen so hohen Wiedererkennungswert hat, dass man den Künstler auch erkennt, wenn man eine Aufnahme zum ersten Mal hört. Die frühen Aufnahmen der esoterischen, englischen Ambient-Formation :zoviet*france: aus den 80ern wären ein prominentes Beispiel, weil es der Formation um Ben Ponton gelingt, eine Atmosphäre zu erzeugen, in der das Magische im Alltag jederzeit um die Ecke lauert. Man könnte Zeuge werden, teilhaben, wenn man nur ein paar Schritte um die Ecke machte, wenn man es nur wüsste. Schön nachzuhören auf „Châsse“, der wunderschönen, erschöpfenden Reissue-Box mit dem kompletten frühen Material, die vor ein paar Monaten beim brillianten Friedrichshafener Label Vinyl on Demand erschienen ist. Etwas ganz Ähnliches versucht der englische Experimentalmusiker und Elektroakkustiker Michael Speers auf „xtr’ctn“, seinem Solo-Debütalbum für C.A.N.V.A.S, bloß ist der Erlebnishorizont des Hörers hier die Mikrowelt von elektronischen Geräten. Speers versucht unser Hörverhalten zu verändern, kriecht in mikrotonale Geräusche hinein, die er als Techniker Audio-Testgeräten mittels enormer Verstärkung entlockt hat und fangt dann an, an den gefundenen Wellen zu zerren und dehnen, mischt diese mit Field Recordings und elektroakkustischen No-Input-Signalen und fertig ist der magische Mix mit einer ganz eigenen künstlerischen Sicht auf Soundphänomene und Resonanzräume. Im Grenzfeld zwischen Synthese und Field Recordings findet Speers non-lineare Narration Raum und Struktur. Gleich der symbolhaften Aufladung beim pareidoleischen Sehen im Rorschachtest, wenn aus Tintenklecksen Vertrautes gelesen werden soll, gelingt dem Engländer so etwas wie pareidoleisches Hören beim Konsumenten anzuregen. Der Hörer selbst füllt perzeptive Lücken, assoziiert aus den vielen Geräuschen etwas Gestalthaftes, lädt das ursprüngliche Geräusch zuerst mit Symbolkraft auf und transzendiert es dann – Speers entpuppt sich als magischer, akustischer Märchenonkel erster Güte, schafft nicht nur aus Geräuschen Geschichten und ganze Vorstellungswelten, sondern verschiebt auch die Wahrnehmungsgrenzen des Zuhörers. Brilliant. FFO Autechre, Mika Vainio, :Zoviet*France: //RRRhund\

+++++

Experimental/Drone: Mit einem genauso physischen wie physikalischen Ansatz stellt der Soundalchemist Daniel Menche auf „Melting Gravity“, seinem neuen Album für das amerikanische Experimental-Label Sige Records, ein ganzes Universum auf den Kopf. Das Album besteht aus zwei langen, psychoaktiven Drone-Stücken, die mit gyroskopischen Kräfte arbeiten, die Stücke gleichmäßig rotierend vorwärts bewegen und eure Wahrnehmung im Prozess transzendieren: Während in den ersten zwanzig Minuten mit mahlenden Bewegungen die Schwerkraft selbst geschmolzen, eurem Universum in einem langsamen, unaufhaltsamen, gläsernen Prozess der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wird der Hörer beim zweiten Stück zur Belohnung in einen schwerelosen Raum geschickt, der sich psychoakkustisch gleichzeitig in alle Richtungen auszubreiten scheint. Bitte die Sicherheitsgurte entfernen, have a nice trip. Der Experimentalmusiker aus Portland nutzt für das Album den Kontrast aus brummenden, subharmonischen Bass-Drones und multidimensionalen, zerfließenden Glockenklängen, die immer mal wieder die Grenze zu gläsernem Grenznoise touchieren. Es entsteht eine konstante aufsteigende Bewegung – Wellen, die immer wieder zur Auflösung kommen. Musik als Waffe gegen die Gravitation, die uns am Boden hält und so Transzendenz verhindert: ein faszinierend umgesetztes Klangkonzept. CDs gab es leider nur fünfig Stück, und die sind leider bereits ausverkauft. Hofft auf ein Repressing, der //RRRhund\

+++++

Electronic/Dubby Post Punk: Eine Art elektronische Neuinterpretation der Dub-Phase von Public Image Limited liefert Tom of England auf seiner „Sex Monk Blues“-LP für das New Yorker Label L.I.E.S. Records. Die sechs Tracks liefern natürlich noch vielerlei andere Stilbestandteile wie Arthur Russell-Inspiriertes und garstige New York-Downtown-Vibes, aber der Nölgesang Marke ’79 gemischt mit Dub-Groovepartikeln ist mir natürlich sofort im Ohr hängen geblieben. That being said: klasse Post Punk-inspirierter Electro-Sound vom alten Szene-Haudegen Thomas Bullock. //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronic/Abstract: Radikal reduzierte, wunderschön warme, abstrakte Elektronik im Stil der End-90er, neu aufbereitet für die musikalische Topographie von 2019. Zehn Jahre hatte er nichts mehr unter diesem Namen veröffentlicht, aber jetzt ist mit „Present Unmetrics“ ein neues Album von Mapstation, dem Soloprojekt von Stefan Schneider (Kreidler), erschienen. Schneider hat sich beim Aufnahmeprozess wie immer einer ganzen Reihe illustrer MusikerInnen bedient: Nachdem die Releases in den 2000ern gerne mal mit Faust- oder Fela Kuti-Musikern entstanden sind, haben diesmal Kreidler Band-Mate Thomas Klein (Percussion), Notwist-Bassist Micha Acher (Sousaphone) und die japanische Sängerin Haco für das Salz in der Suppe gesorgt. Erschienen ist das Album gerade auf Schneiders eigenem TAL-Label (Vinyl / CD / digital). //RRRhund\

+++++

Punk ’n’ Roll/Hard Rock/Power Pop: It’s just Rock ’n’ Roll und macht „Bam Rang Rang“. Das überrascht bei diesem Titel nicht wirklich, oder? Deutlich mehr in Richtung angebluesten 70er Jahre-Hard Rock hat sich die Stilistik der melodischen Punk Rocker von Beach Slang aus Philadelphia, Pennsylvania, um Songwriter, Sänger und Gitarrist James Alex bei der ersten Single vom neuen Album „The Deadbeat Bang Of Heartbreak City“ entwickelt. Irgendwo zwischen den emotionalen, melodischem Punk Rock-Roots der Band und dem hardrockigen Power Pop der neuen Sheer Mag. Huiuiui … wenn die beiden zusammen touren würden: Headbanger-Paradies für Jeansjacken-Biker. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Proto Punk: Irgendwo zwischen der filigranen Gitarrenarbeit von Television, den minimalistischen Dekonstruktionen von Devo und Wire sowie der Songwriting-Brillianz von XTC – „Courtesy call“ ist die charmante, aktuelle Single von Omni aus Atlanta, die hier mitttlerweile schon Stammgast sind und für das dritte Album galanterweise von Sub Pop unter Vertrag genommen wurden („Networker“, 1.11.). Die ersten beiden stehen bereits hier im Schrank, bei der neuen Scheibe wird’s nicht anders kommen. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Death Rock: Die New Yorker Post Punk-Formation Bambara – schon seit dem Debüt ein Favourite auf diesem Blog – hat ihren vierten Longplayer „Stray“ (14.2., Wharf Cat Records) mit einer spritzigen Hörprobe angekündigt. „Serafina“ ist eine energetische Uptempo-Nummer mit Death Rock-Vibe, mit treibender Rhythmusgruppe, glühenden Gitarren und dem brodelnden Organ von Frontmann Reid Bateh. Auf anderen Stücken des Albums soll es dann auch mal experimenteller vonstatten gehen – auch weil mit erweiterter Instrumentierung und GastmusikerInnen gearbeitet wird. Ich bin schon gespannt. //RRRhund\

+++++

Post Punk: Neue Split mit vier Tracks auf Blank Editions. Die A-Seite bestreiten die Ice Baths, die hier mit ihrem Felt-inspiriertem Post Punk-Sound schon einige Male aufgetaucht sind und in gewohnter Klasse, mit cleanen, schneidenden Gitarren und treibendem Beat abliefern. Noch spannender ist die B-Seite, denn die Soft Cases sind ein neuer Post Punk-Ableger oder genauer gesagt die Nachfolgeband der Aathens (hatten wir hier auch schon einmal), und auch hier gibt es eine vorwärts groovende Rhythmusgruppe und den Roland Jazz Chorus-Gitarrensound der frühen 80er Jahre. Starke Songs noch dazu, mehr brauche ich an sieben von zehn Tagen nicht. //RRRhund\

+++++

Abstract Post Metal: Die US-Formation Drose zählt mit ihren abstrakten Experimenten in der Metal-Szene zu den Vertretern der Außenseiter-Schule. Elemente aus Industrial, Sludge und Post Rock fluten die kargen, löchrigen, quälenden Arrangements immer wieder mit brachialer Gewalt und sorgen so für die harten Kontraste, die den spannenden Sound der Band prägen. Checkt mal das 2016er Album „boy man machine“ auf Orange Milk Records. FFO Big Brave u.ä. //RRRhund\

+++++

Technical Death Metal/Blackened Death Metal/Blackened Thrash Metal: Bissl’ Metal auf die Ohren, noch dazu schön LoFi produziert. Impenitent aus Glasgow habe jede Menge Dreck in ihrem Düster Metal-Sound – gut gespielt, geht Mega nach vorne, ist aber absichtsvoll schroff LoFi aufgenommen … jedenfalls die meiste Zeit, Ausnahme ist, wenn mal ein romantisches Akkustik-Gitarren-Intermezzo um die Ecke schaut. Klingt fast wie mit zwei Mikros im Proberaum auf Tape geknallt. Très sympathique oder wie sagt der Schotte. Ende November auf dem Underground-Tape-Label Clan Destine Records (20.11.) draußen, das in den letzten Monaten mit seinen Veröffentlichungen ein bisschen den Fokus verloren hat, aber dafür immer wieder für eine Überraschung gut ist. Das Zeug hier rumpelt jedenfalls dunkel euren Herbst. //RRRhund\

+++++

Alternative/Kraut Pop: „I go out on a Tuesday.“ Dann trifft man natürlich lauter komische Leute, ist ja klar. Auch die dritte Single von Automatic ist krautig-minimalistische, in Ton gegossene Pop-Extraklasse, die diesmal ob des Themas aber etwas lakonisch daherkommt. „Strange conversations“ stammt von „Signal“, dem Debütalbum des Trios aus Los Angeles, das vor Kurzem bei Stones Throw erschienen ist. //RRRhund\

+++++

Synth Punk/Electro Punk/EBM: Das schwedische Label Kess Kill wieder mit einem Monster-Release, der diesmal in Südfrankreich akquiriert wurde. Constance Chlore ist das Synth Punk-Soloprojekt von Théo Delaunay aus Marseille, der lediglich für die Schlagzeugspuren auf Gastmusiker Arthur Satàn zurückgegriffen hat – der Drummer von J.C. Satàn ist wohl auch live mit am Start und sorgt für den entsprechenden Punch – und ansonsten ein reichhaltiges, elektronisches Arsenal verwaltet und programmiert. Die energische Hörprobe „Toi“, die mit ihrem tighten Synth Punk-Punch an die letzte Mind Spiders erinnert, hatte mich jedenfalls innerhalb von Sekunden. Einfach großartig. Der Plattentitel ist wie immer einfach die Katalognummer des Releases, also „KECS04“ (also ein Tape, aber auch ein digitaler Release auf bandcamp, 28.10.).//RRRhund\

+++++

Indie Rock/Shoegaze/Slowcore: „Afterglow“ packt den Hörer tief in ein Klangbild aus Slowcore-Groove, einfacher Pianolinie, brachialer Shoegaze-Gitarre und verhalltem Gesang ein. Der Anspieltipp von „Feed Me To The Hounds / Open Up Your Hell“, dem neuen Album von Bullet Girls, hat Genrefreunden jedenfalls einiges an warmer Intensität zu bieten. Hinter dem Namen steckt das Soloprojekt des U.S.-Amerikaners Jordan M., dessen Stil für Fans von Have A Nice Life, Jesu, Bark Psychosis oder den Red House Painters ein gefundenes Fest sein sollte. //RRRhund\

+++++

Indie Rock: Girls Names, eine meiner Lieblingsbands der Post Punk- und Neo-Kraut-Welle, haben wohl mittlerweile endgültig das Zeitliche gesegnet. So bleibt mir nur zu verfolgen, was die ehemaligen Mitglieder der Band aus Belfast denn mittlerweile so treiben. Die New Pagans, die neue musikalische Heimat von Bassistin Claire Miskimmin, gehen stilistisch noch am ehesten in die Richtung und sammeln schon seit Monaten tolle Singles. Zum Beispiel bei „Charlie has the face of a saint“, der aktuellen Veröffentlichung – beim Video dazu hat Miskimmin auch Regie geführt. //RRRhund\

+++++

Indie Rock/Shoegaze/Garage Pop: Fuzzy Gitarren-Riffs, die auf scheppernden Beats von End-90er-Drumcomputern reiten, darüber der Gesang mit den zuckrigen Melodien: ein klassischer, gut funktionierender Kontrast. Garagig, melodiös, voller Endorphine – das schwedische Shoegaze-Revival ist weiter auf dem Vormarsch. Aus zwei mach vier, und fertig ist die erste EP. Spunsugar aus Malmö haben den zwei ersten Singles noch zwei weitere neue Songs hinzugefügt und auf „Mouth Full of You“, der Debüt-EP des Trios aus Malmö, rausgehauen. Und auch die ist natürlich bei Adrian Recordings draußen. //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronic/Kraut/Glitch/Ambient: „Night Shift“ (gerade bei Yerevan Tapes erschienen) heißt das neue Album des italienischen Klangkünstlers und Elektronikproduzenten Massimo Carozzi – sechs Tracks experimentelle Electronica, die sich zugleich aus dem Kölner Erbe der Krautmusiker der End-70er wie aus den Arbeiten der mikrotonalen Szene der End-90er speist und diese Einflüsse mit Klassikern der Neuen Musik (Ligeti et al) kollidiert. Field Recordings, Sequencer-Linien und andere digitale Quellen verweben sich beim Einstieg „Echelon“ zu grooviger Krautrhythmik danach dann vorwiegend zu klangforschenden Experimental-Strukturen. Eine Veröffentlichung, die sich nicht zwischen U- und E-Musik entscheiden will, und dabei eine ziemlich gute Figur abgibt. Ein Album, das ob seiner traumartigen Sequenzen seinen Namen zurecht trägt und trotz aller kopflastiger Wurzeln auch die inneren Räume des Unterbewusstseins erreicht und dort Prozesse mit offenem Ausgang in Gang setzt. FFO Moebius, Plank and Neumeier, Microstoria, Ligeti et al //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronics/Neurofunk D&B/Hardcore Dubstep: Wie der Soundtrack zur sich mühsam und langsam entspinnenden Kommunikation mit einer weit überlegenen Alien-Rasse in einem mega-futuristischen Science-Fiction-Streifen der neuen Schule – so beginnt „Melts Into Love“, das Debütalbum von xin und gleichzeitig die nächste phänomenale, experimentelle Veröffentlichung auf Subtext Recordings, die mir in die Finger gerät. Fragmentarische Versatzstücke aus Neurofunk, Hardcore und Dubstep sind für xin nur der Ausgangspunkt für eine neu geschaffene, fremdartige Klangwelt, in der Irrwege, falsche Verschaltungen und Fehler liebevoll als Teil des notwendigen Prozesses begriffen werden um neue Affinitäten, sowohl Ängste als auch ekstatische Verschaltungen herstellen zu können. xin sind ein Projekt aus der umtriebigen Berliner Avantgarde-Szene und standen schon mit Holly Herndon und Kraftwerk auf der Bühne. 2019 waren xin die Sommer-Residents im Berliner Trust, einem Raum für utopische Verschwörung und das (Re)Design der dazu benötigten Infrastruktur. „Melts Into Love“ ist eine biodigitale Veröffentlichung, ein digitaler Release, dessen Einnahmen komplett den Eden Reforestation Projects zugeführt werden. Für jede verkaufte Einheit werden mindestens 40 Bäume gepflanzt. Things are gonna change … slowly, but surely. Einer der Stränge, an dem etwas Neues beginnt. Ihr wisst Bescheid. //RRRhund\

+++++

Electronic/Krautback/Psych: Hatte ich irgendwie verpasst, diese Geschichte, diesen speziellen sonnigen, elektronischen Nebenstrang im Kraut-Revival. Unter dem Namen Die Orangen haben die beiden australischen Produzenten Kris Baha (den man in den letzten paar Jahren eher durch seine dunklen, EBM-inspirierten Electro-Veröffentlichungen kennt) und Dreems bereits 2017 beim Berliner Label Malka Tutti mit „Zest“ eine Sammlung krautig-psychedelischer Tracks veröffentlicht, die wunderbar in spaceig-psychedelische Slowlectro-Sets passt. Diesen speziellen Vibe haben die beiden dann auch prompt „Krautback“, quasi die Summe aus deutscher Kraut-Historie und australischem Outback, getauft. Letzte Woche ist als Update mit „Sonne“ eine neue flockig groovende, digitale Single des Duos erschienen, die ich bei Gelegenheit mal im Radio Gassi führen werde. Pretty nice („Zwei Orangen“, 8.11., Malka Tutti). //RRRhund\

+++++

Noise Punk/Riot Punk: Fantastische neue Single des englischen Trios Girls in Synthesis, das hier schon einige Male aufgetaucht ist und mit jeder neuen Veröffentlichung an Kraft und Fokussierung zu gewinnen scheint. Die Hörprobe „Arterial movements“ ist jedenfalls ein mitreißendes Noise Punk-Brett, das heute auf der gleichnamigen 7″ erschienen ist. Übrigens zum ersten Mal bei den deutschen Labels In a Car und X-Mist Records. Damit verbindet sich natürlich die Hoffnung, die Band auch mal bald live auf dem alten Kontinent begutachten zu dürfen. Die Chancen stehen gut, würde ich mal sagen … //RRRhund\

+++++

Experimental/Abstract Rock/Math Rock v4.0: Die abstrakt-minimalistischen, japanischen Math Rocker 空間現代 (Kukangendai) hatte ich hier vor einigen Monaten bereits einmal vorgestellt. Für eine spezielle Live-Performance im Rahmen des Avant Art Festivals in Kyoto haben die japanischen Experimentalisten vor einigen Wochen Hubert Kostkiewicz, den Gitarristen der artverwandten polnischen Band Kurws in den Soto-Club eingeladen. Hier das ebenso anstrengende wie spektakuläre, 17-minütige Ergebnis der speziellen Kollaboration, die die freigeistige Tradition der New Yorker Knitting Factory-Szene mit einem hypermodernen, dekonstruierten Math Rock-Entwurf verknüpft. Die Avantgarde von 2019. //RRRhund\

+++++

Alternative/Psych Noise: Vermutlich ein Song über die Tarot-Karte. „The hanging man“, die zweite Hörprobe vom neuen Swans-Album „leaving meaning “ (25.10., Young God Records / Mute Records) ist ein Meisterwerk in der Kategorie Spannungsbögen schaffen. Fünfeinhalb Minuten schenkt Meister Michael Gira seiner Verzweiflung über fantastisch atmosphärischen, loopigen Psych-Arrangementstrukturen Ausdruck, bevor die Nummer kurz auf einen Höhepunkt zusteuert. Danach ist Gira erst so recht in Form, großartige Performance, zehn Minuten Gänsehaut und Vorfreude auf das fünfzehnte Swans-Album zugleich. Derweil wurden auch weitere europäische Live-Termine für die neue Live-Besetzung der Swans angekündigt (18.5., Wiesbaden, Schlachthof). Zur neuen Live-Besetzung zählen Ben Frost – spektakulär! – und Dana Schechter (Bass, Angels of Light) sowie die bereits aus der alten Besetzung bekannten Phil Puleo (Drums), Christopher Pravdica (Bass) und Kristof Hahn (Lap Steel und Gitarre) … und natürlich Gira selbst. //RRRhund\

+++++

Broken Pop/Dissociative Ambient Pop/Queer Pop: Max Jardany aus Sydney ist sonst bei Dual Citizen und My Dad is Car aktiv und hat jetzt mit „Incorporeal“ (Urban Cowboy, 11.10.) sein erstes Soloalbum abgeliefert, das von minimalistischem, brüchigem Ambient Pop mit queerem Charakter geprägt ist. Eine quälende Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt, die von Songwritern wie Bradford Cox (Deerhunter, Atlas Sound), Thom Yorke (Radiohead), Trent Reznor (Nine Inch Nails) und Avey Tare (Animal Collective) beeinflusst ist. //RRRhund\

+++++

Spheric Dub/Experimental Post Punk: „It’s magic mushroom season in the southern hemisphere right now.“ Noch so eine Post Punk-ige Dub-Attacke aus Melbourne. Nach dem (übrigens äußerst gelungenen) neuen Album von EXEK kommt jetzt der Kallista Kult aus der australischen Metropole mit seiner selbstbetitelten Debüt-EP um die Ecke und setzt in Sachen Abgespacedheit nochmal ordentlich einen drauf. Der Einstieg ist eine Post-Punk-Dub-Studie ohne Percussion. Einige andere Stücke klingen gar wie Chris & Cosey auf dem Weltraumtrip („When I Splice Into You“). Wenn dann doch mal Percussion dazukommt, ist diese hochgradig sparsam und minimalistisch. Insgesamt dominieren spaceig-verhallte Synth-Flächen und die ätherische Stimme der Sängerin, die furchteinflößende Themen zum Besten gibt („splice … wohin?“). Bei „Creature Feature Spinoza Version“ schleicht sich mal ein dezentes Tenor-Saxophon dazu. Splendid other-worldliness. Hätte auch bei Blackest Ever Black erscheinen können. //RRRhund\

+++++

Dark Alternative/Electro Pop: Massig produzierten Dark Alternative-Sound im Stil der frühen 90er hat Kanga auf ihrer „Eternal Daughter“-EP im Gepäck. Die Produzentin und Songwriterin aus Los Angeles setzt dabei auf rotierende Sequenzer und knallende Drum Computer-Sounds, vor allem aber auf ihre Songwriting- und Produktions-Skills. Dunkler Electro-Pop der ersten Güteklasse mit großem Sound, der zwischen Genre-Klassik und modernen Beats wechselt. Looks good on the dancefloor. //RRRhund\

+++++

Dark Electro/Dark Wave: „Dangerous creature“ ist die aktuelle Single und das ziemlich gelungene neue Video des U.S.-Dark Electro Duos SYZYGYX. Zu finden auf „Fading Bodies“ (11.10., Cold Transmission), dem kommenden Album von Luna Blanc und Josh Clark aus Washington D.C., das Fans des Boy Harsher-Sounds gut gefallen dürfte. SYZYGYX werden demnächst auf europäischen Bühnen stehen, dann können wir uns uns von den Livequalitäten der beiden überzeugen. //RRRhund\

+++++

Post Punk/Death Rock/Dark Punk: Direkt aus meiner bandcamp-Filterblase für euch. Simpler, effektiver Death Rock mit Cold-Wave- und Dark Punk-Vibes von The Objects, einem Trio aus Brownsville, Texas, mit mittelamerikanischen Wurzeln und klassischem Sturm-und-Drang-Vibe. Checkt mal den Longplayer „Playground“ von diesem Jahr (digital oder Tape). FFO frühe Christian Death, Soviet Soviet //RRRhund\

+++++

Post Punk/Indie Pop: „What would happen if Peter Murphy and Siouxise Sioux birthed an Indigo Child later to be baptized in Alan Watts’ philosophy?“, berichten Sängerin Leah Lane, Wil Farrier und Mikka Vanya Brightheart im Bandinfo. Über die philosophischen Einflüsse kann ich wenig sagen, dafür kenne ich zu wenig vom Werk des amerikanischen Reliogionsphilosophen. Aber ich kann sagen, dass bei „Ill and getting worse“, der tollen, aktuellen Single von Rosegarden Funeral Party weniger die Goth Rock-Klassik als der Songwriting-Stil und der leidende Vibe der Smiths, der musikalische Ductus von Manchester Mitte der 80er Jahre eine Rolle spielt. Minus aller späterer politischen Peinlichkeiten des Sängers, und das macht die Sache sehr angenehm. Zu finden auf einer Mini-LP der Post Punk Band aus Dallas, Texas, die im November beim konsistent starken, spanischen Label Θʀ⊿cu⌊⊕ ʀ⋵cøʀɖs erscheinen wird („Once In A While“ 12″, das Vinyl wird Mitte bis Ende November versendet). //RRRhund\

+++++

Pop Punk/Punk ’n’ Roll: Die Scheibe muss man einfach schon posten, weil sie in ihrer unbelasteteten, mitreißenden Naivität an sooo viele DIY-Platten aus den frühen 90ern erinnert. Auf die angenehmste Art und Weise: die MidFi-Produktion, die einfachen melodischen Songs, die durchgehende Schippe Dreck. The Hussy sind mittlerweile eine Institution in der DIY-Szene des Mittleren Westens. Seit 2008 verströmen Bobby Hussy (Gitarre, Gesang) und Heather Hussy (Drums und Vocals) von Madison, Wisconsin, aus in wechselnder Besetzung und auf wechselnden Labels ihre garagigen Punk ’n‘ Roll-Hymnen in die Welt. Auf dem sechsten Album „Looming“ (gerade bei Dirt Nap Records) werden die dunklen Themen unserer Zeit in dreckig-kratzenden Sonnenschein-Sound verpackt; 16 knackige Songs, die in der Regel die Zwei-Minuten-Grenze nicht schaffen. Europäische Tourdates sollen in Kürze folgen. //RRRhund\

+++++

Garage Punk/LoFi Psych Rock: Schrabbel-Charme-Attacke vom wallonischen Trio Vision 3D (also Aussprache bitte französisch). Die drei Belgierinnen aus Antwerpen hatten mit ihrer Debüt-EP von vor ein paar Monaten etliche Herzen erobert, diese dann nach eigenen Angaben aber stracks an den schwarzen Lord verkauft, um sich die Aufnahmen zum ersten Longplayer leisten zu können. Hat wohl geklappt, denn digital liegt die Scheibe jetzt schon vor (Vinyl soll in ein paar Wochen folgen). Mitreißend charmanter, cleaner LoFi-Garagen Punk mit energischem Gesang zwischen Klassik à la X-Ray Spex und Sirenenorganen à la B-52s, der ab und an, nämlich wenn der Fuß vom Gaspedal genommen wird, kleine Abstecher in Richtung psychedelischere Gefilde macht. //RRRhund\

+++++

Experimental/Female Avantgarde/Ambient/Emotional Post Industrial: Inside out. Dis Fig gibt auf „Purge“ emotional alles und zwingt auch so die Hörer aus der Deckung – yay or nay? Bei mir fällt das Urteil eindeutig aus, und deswegen gibt es hier auch etwas zu lesen. Hinter dem Künstler-Alias steckt die aus New York stammende Berlinerin Felicia Chen, die sich bereits als DJ einen Ruf in der internationalen Underground-Community erarbeitet hat. Bei ihrem eigenen Projekt Dis Fig schichtet sie maximale Sounds auf minimale Arrangementstrukturen und kommt so zu den spannenden Grundgebilden, die die Basis für ihre Stimme liefern, und das ist die eigentliche Waffe der experimentellen Soundkünstlerin. Zwischen gespenstischen Passagen und Stellen voller Wut entspinnt Chen ihre Kraft im Kontrast zur kalten Maschinenmusik. Ein Album, das wunderbar in unsere Radiosendung über die weibliche Elektronik-Avantgarde gepasst hätte. Aber wenn das mit den genialen Veröffentlichungen so weiter geht, ist demnächst sowieso genug Material für eine Fortsetzung beisammen. Dis Fig ist dann mit Sicherheit dabei. „Purge“ ist im März beim New Yorker Label PTP als Tape und digital erschienen. Eine CD wäre schön. //RRRhund\

+++++

Experimental/Electronic/Ambient/Drone: Die Künstlerin Lori E Allen, die klassisch ausgebildete Cellistin und Multimedia-Künstlerin Katie Spafford sowie die Illustratorin und Gefängnispsychologin Deborah Wale sind Tears|Ov. Das Trio kam zum ersten Mal bei den Arbeiten zu Lori E Allens Tape „Tears of the Material Vulture“ (bei The Tapeworm erschienen) zusammen, und ist seitdem zur kreativen Einheit gewachsen. Das Funktionsprinzip des Trios ist dabei strukturierte Improvisation: Die Basis liefert meist Allen mit Samples, Field Recordings oder einem kompletten musikalischen Rahmen. Wale und Spafford machen sich dann an diesem Rahmen zu schaffen – zerren an den Eckpfeilern, reduzieren, zerstören oder fügen hinzu. Die Ergebnisse werden dann in London in langen improvisierten Sessions koordiniert, dabei aber sorgsam in einem lebendigen Prozess gehalten. Jeder Klang, jedes gesprochene Wort trägt im Prozess des Trios das Potenzial in sich, die Stimmung der Stücke fundamental zu verändern. Als Folge klingt die selbe Komposition nie zweimal genau gleich. Und so sind auch die Aufnahmen zu „A Hopeless Place“ (1.11., The Wormhole) als Momentaufnahmen entstanden, die die Stimmung von jetzt auf nachher wechseln. Ursprünglich 2017 für ein von Wolfgang Tillmans kuratiertes Konzert am Tate Modern-Museum entstanden, haben die Drei das musikalische Material kurz nach dem Auftritt mit mehreren Kontaktmikros live aufgenommen, um das spontane Element auch im Aufnahmeprozess zu bewahren. Die Stücke wirken dennoch inhaltlich verknüpft, wirken zusammen, stehen in Beziehung wie die Sätze einer Symphonie. Das Cello von Spafford verhält sich zu den elektronischen Strukturen wie die Kommentare einer menschlichen Stimme – ein heiß-kalter Kontrast, der für erhebliche emotionale Intensität im Klangbild und für den menschlichen Faktor sorgt. Ein starkes Debüt. //RRRhund\

+++++

Electronic/Female Avantgarde: Magnus opus von Klein, die vor drei Jahren die Szene mit der Originalität und den Ideen ihres Debüts „Only“ verblüfft hat. Die neue Scheibe der Klangcollagistin, Produzentin und Sängerin heißt „Lifetime“ und ist Anfang September nach einer 18-monatigen Produktionsphase auf inj inc., dem eigenen Label der Londonerin, erschienen. Ein hochanspruchsvolles, traumwandelndes musikalisches 3D-Mosaik, das Ideen des bekannten Gospel-Komponisten James Cleveland genauso aufgreift wie Einflüsse des Jazz-Komponisten, Pianisten und Sängers Spencer Williams und diese mit Tonleitern aus dem 18. Jahrhundert in eine abstrakte Spiritualität überführt. Ein akustisches Tagebuch, das mühelos zwischen Ambient, prozessierten Field Recording-Schnipseln, digitalen Verzerrungen, hyperrealen Collagen, zurückgenommenem Couch-Trap und David Lynch-inspirierten Passagen wechselt und als Bonus einen kollaborativen Track mit der afroamerikanischen Constellation-Jazzerin Matana Roberts, einer Schwester im Geiste, bietet. Ein akustisches Tagebuch, das wie ein avantgardistisches, autobiographisches Theaterstück aufgeführt wird: Das Album ist von vorne bis hinten von der Gravitation von Kleins Entwicklungsgeschichte duchzogen, vom bewusst und bekannt machen der eigenen Einflüsse. Ein weiterer Hochkaräter aus der zeitgenössischen, weiblichen, afroamerikanischen Avantgarde, die aus der kulturellen und spirituellen Dissonanz dieser Generation ihre Kraft schöpft. //RRRhund\

+++++

Alternative Rock/Post HC/Noise Rock/Heavy Shoegaze: Dunklen, abgründig brodelnden Alternative Rock und die Themen des Informationszeitalters haben die Russian Baths aus Brooklyn auf ihrem Debüt-Longplayer „Deepfake“ (8.11., Good Eye Records) im Gepäck. Echos der Ausbrüche des D.C.-Hardcores durchbrechen mit Noise Rock-iger Wucht schwere Shoegaze-Soundwände, darüber liegt der sphärische Gesang von Luke und Jess. Bei den Hörproben „Parasite“ und „Tracks“ klingt das Ergebnis dennoch nie kalt, sondern sehr emotional, beinahe lyrisch. Gute Songs und eine gut funktionierende Stilmischung – bin schon sehr gespannt auf den Rest der Platte. //RRRhund\

+++++

Indie Rock/Art Punk: Ganser, die Indie Rock-Band aus Chicago, hatte ich bereits vor einigen Monaten vorgestellt. Jetzt steht mit „You Must Be New Here“ eine neue EP in den Startlöchern, die Hörprobe „Buio“ verspricht wieder gute Qualität im Feld des songorientierten, Art-Punkigen Post Punk. //RRRhund\

+++++

Alternative/Electronic/Melancholic Autumn Music: „Darkness is to space what silence is to sound, i.e. the interval.“ Mit diesem Zitat des prominenten kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan beginnt das Video der Italiener Bad Pritt, das von verrauschten, verzerrten Schwarz-Weiß-Bilder dominiert wird. Im ersten Teil von „Stalactite/Stalagmite“, entspinnt sich ein melancholischer Track in verhaltenem Tempo, der die Zeit zu dehnen scheint. Dezente Elektronikflächen und ätherischer Gesang leiten die minimalistische Nummer ein, die im Verlauf durch Herzschmerz-Strings in epische Gefilde überführt wird. Zur Halbzeit, im „Stalagmite“-Teil wird eine schwelgerisches, instrumentales Shoegaze-Epos daraus. Zu finden auf dem selbstbetitelten Debüt-Longplayers des italienischen Duos, das letzte Woche bei Shyrec erschienen ist. //RRRhund\

+++++

Hardcore-infused Prog Pop/Future Pop/Trap/Math Rock: Einen äußerst spannenden Stilmix haben Lingua Nada aus Leipzig auf Lager. Arrangementstrukturen aus Math Rock und Hardcore laden auf dem Longplayer „Djinn“ proggige, und manchmal auch durchaus klebrige Future Pop-Strukturen mit unbändiger Energie auf, werden gelegentlich durch den Einsatz von Elementen aus Trap oder Shoegaze in noch buntere Gefilde geführt. Dazu kommt noch die visuelle Ästhetik aus 1000 und einer Nacht. Ein knallbuntes, ein enorm abwechslungsreiches, innovatives, ein sehr ungewöhnliches Pop-Album. //RRRhund\

+++++

Alternative/Funky Psych Pop: „Stop dancing!“, lautet irgendwann die resolute Aufforderung. Hilft alles nichts, denn im aktuellen Video zu Dissolution ist Jaakko Eino Kalevi in und um Las Vegas einer modernen Form der Tanzwut verfallen. Pretty entertaining weil schön debil. Liegt vermutlich an dem groovey funky Track, den uns der finnische Psych-Pop-Reisende hiermit präsentiert. Der Gastgesang kommt von der in Berlin ansässigen Taiwanerin Yu-Ching Huang. Zu finden auf der gleichnamigen EP, die im November erscheinen wird (22.11., Weird World / Good to Go). //RRRhund\

+++++
+++++
+++++

Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ

Kommentare geschlossen