+Kurz rausgehackt: September 2018

Electronic/Breakbeat/Avantgarde/Neo Classical: „The golden dog is out of the bag.“ So kündigt der Elektronik-Avantgardist Vessel „Argo (for Maggie)“, die erste Single von seinem neuen Album an. Was mit einem dramatischen neoklassischen Intro, mit schwer melancholischen Streichern und Ambientflächen beginnt, wird alsbald zum lebhaften, vielschichtigen, tribalistischen Uptempo-Rhythmus-Schauspiel. Darüber liegen dynamische Synth-Pads mit asiatischem Flair, bevor zum Schluss hin wieder die schwermütigen Streicher übernehmen. Starker Track, die gewohnte Qualität vom Meister („Queen of Golden Dogs“, 9.11. digital / 23.11. Vinyl via Tri Angle Records). //RRRhund\

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Experimental Techno: Das bulgarische Duo PvrvllelSelf hat mit „Life“ gerade eine klasse 12″ rausgehauen, die dunklen, atmosphärisch-droneigen Experimental Techno eigenständig, abseits des Berliner Epizentrums definiert. Geschmackvoll schwehlende Klänge und tribalistische Beats fügen sich zu einem stilsicheren, hermetischen Höhlensound. Treffer! //RRRhund\

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EBM Podcast: Der Szene-Veteran Michel Amato, besser bekannt als The Hacker, hat für Resident Advisor einen 70-minütigen Podcast-Mix zusammengestellt, der Linien zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart des Genres zieht, kompetent und elegant Klassiker aus den 80ern mit ganz aktuellen, stark beeinflussten Tracks aus Techno und Electro verbindet. //RRRhund\

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Alternative/Post Rock/Nu Kraut: Im Video zu „Bark“ nimmt uns ein Hund mit auf die nächtliche Reise durch eine menschenleere Stadt, in der man nie weiß, ob hinter der nächsten Ecke etwas Aufregendes oder etwas Gefährliches lauert. Die finale Vorab-Single vor Erscheinen des neuen Albums der deutsch-belgischen Kraut-Neutöner Go March beginnt gewohnt minimalistisch, wird aber alsbald von einem quirligen, motorischen Groove angetrieben, über dem wühlende, ineinander verhakte Keyboard- und Gitarrenloops rotieren, interagieren, immer wieder für kurze, spannende Interferenzen sorgen. Eingebettet in diese futuristische Klanglandschaft steigert die Band den Track mit kinetischer Energie, rhythmischer Dichte, mit der Qualität eines organischen, perfekt eingespielten Trios unwiderstehlich ins Epische, nach einem kurzen Intermezzo schließlich gar Tumultartige und serviert zur Krönung dramatische Gitarren-Overlays, die den Scheinwerfern eines Zugs ähneln, der nachts auf einen zurast – eine sensationelle Nummer (der schlicht „II“ betitelte Zweitling erscheint morgen). //RRRhund\

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Punk: Es ist selten, dass es einer Band bei einem TV-Auftritt gelingt, ihre echte Live-Energie über die Mattscheibe flimmern zu lassen – genau das haben die Idles aber gerade bei Jools Holland abgeliefert. Die Jungs aus Bristol in Höchstform … //RRRhund\

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Martial Pop/Post Industrial/Cold Wave: Mit dem sommerlich-ekstatischen Dream Punk-Projekt Fir Cone Children habe ich vor ein paar Monaten eines von vielen Projekten des Blackjack Illuminist Records-Betreibers Alexander Leonard Donat kurz vorgestellt (dazu bald mehr). Vermutlich etwas bekannter ist der DIY-Veteran aber für seine andere Solo-Obsession, das surreale, deutschsprachige Cold Wave-Projekt Vlimmer, das – für die Szene doch recht ungewöhnlich – auf eine Vielzahl von stilistischen Einsprengseln aus angrenzenden Genres setzt und so immer wieder zu frischen, ungehörten Ergebnissen kommt. Für das Vlimmer-Projekt arbeitet der Fast-Berliner seit 2012 an einer konzeptionellen Serie von 18 EP-Veröffentlichungen, die anstelle einer individuellen Benennung durchnummeriert sind. Die ersten zehn Kurzspieler sind in den letzten Jahren erschienen, weitere acht werden folgen. Kürzlich ist von Vlimmer außerhalb dieser konzeptionellen Serie zum ersten Mal eine EP auf einem anderen Label erschienen (beim kleinen schwedischen Genrespezialisten Repartiseraren). „Angststand“ zeigt Vlimmer schon wieder einer neuen, vor allem zu Beginn recht martialischen, Industrial-beeinflussten Seite, und bleibt dennoch im Songkontext. Das der allerdings ungewöhnlich – dunkel-verspielt und experimentierfreudig – interpretiert wird, versteht sich bei diesem Projekt von selbst (die physischen Tonträger gibt’s bei Repartiseraren, digital ist die EP auf bandcamp zu kriegen). //RRRhund\

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Russian Cold Wave/Synth Pop: Ja doch, Russian Cold Wave, das ist aus meiner Sicht ein eigenes Subgenre, ein eigenes Universum mit zahlreichen wunderbaren Bands. Ein Nest, in das ich – sobald es Richtung Winter geht – immer wieder gerne mal eintauche. Typisch für die russische Szene ist eine durchdringende Melancholie, die meist ihre Quelle in der tiefen Männerstimme des sehr guten Sängers hat. Doch, wirklich auffällig, beim Gesang passt bei einer erstaunlichen Anzahl von Bands wirklich alles, ist alles vorhanden was genrespezifisch zu wünschen ist, das ist die Regel. Dazu kommt meist eine höhenreduzierte Produktion, gerne mal simple, treibende Beats, die Melodiearbeit der cleanen Single Note-Gitarren, schwebende, atmosphärische Synth-Flächen – insgesamt eine absolute Geschmackssicherheit bei stimmigen Arrangements, die Platten sind aus einem Guss. Im besten Fall, bei gutem kompositorischen Material und genug Abwechslungsreichtum klingt das dann wie bei „Etazhi“ von Molchat Doma aus Weißrussland. Das Beste, was ich in diesem Winter bisher aus dem entfernteren Osten gehört habe (als Vinyl und digital beim empfehlenswerten Berliner Post Punk-/Wave-/Industrial-Boutique-Label Detriti Records erschienen). //RRRhund\

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Alternative/Post Rock: Sehens- und hörenswert – Hope live beim Reeperbahn-Festival, mitgeschnitten von Arte. //RRRhund\

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Power Pop: The Number Ones zählen zu den besten Vertretern der in den letzten zwei Jahren wahrnehmbaren Power Pop-Welle, und das liegt natürlich am Talent fürs Songwriting (und den richtigen Getränken). Ein bisschen wie Squeeze in der besten Phase, aber eben mit punkigem Kick, einer irischen Schippe Dreck: „You’re so happy I could cry“. Die Jungs aus Dublin sind dann demnächst mit Sheer Mag (mit wem denn sonst?) auf U.S.-Tour. //RRRhund\

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Post Punk/Post HC/Alternative Rock: Mit dem Songwriter, Sänger, Gitarristen Johann Sellman und dem Drummer Magnus Öberg verbindet mich eine sehr lange Strecke meiner ganz persönlichen Musikgeschichte, die zeitlich bis tief bis in die 90er Jahre hinein, und geographisch ins nördliche Schweden, bis nach Umeå hinaufreicht, wo die beiden zuhause sind. Begonnen hat diese Geschichte 1996, als mir das erste Album, die frühen EPs der schwedischen Punk/Post Punk-Legenden Starmarket in die Hände fielen und dann rasch auf Dauerrotation waren, mein Herz mit ihrer mitreißenden Mischung aus Melancholie, Leidenschaft und hart abrockendem Punk Rock zum schwingen brachten. Es folgte ein beeindruckendes Konzert im Heidelberger Schwimmbad und dann habe ich erstmal wieder den Faden verloren, weil die folgenden Releases von Starmarket nur noch halb so gut waren, viel von der unbändigen Kraft des Frühwerks eingebüßt hatten. Später konnte ich orten, dass Sellman die Band bereits 1997 wieder verlassen hatte, um sich auf seine eigene Band Kevlar zu konzentrieren (später musste aus markenrechtlichen Gründen die Schreibweise in KVLR geändert werden). Öberg war der Drummer, das Powerhouse beider Bands (und sollte dann ’99 Starmarket ebenfalls verlassen). Als ich kurzfristig von der ersten Europa-Tour, von der Deutschland-Livepremiere von Kevlar erfahren habe, habe ich mich ganz spontan in den Zug nach Saarbrücken gesetzt und dort eine Nacht erlebt, die ich bis heute nicht vergessen habe (was auch dem überraschend spannenden Saarbrücker Nachtleben geschuldet ist, dem ich nach den Konzert verfallen bin, bis morgens wieder der erste Zug gefahren ist). Kevlar waren die ganze Nacht, den ganzen Tag durchgefahren, denn die Band hatte am Vorabend in Barcelona gespielt – eine irre Strecke, eine Hardriegel-Aktion für eine Band im DIY-Modus. Umso erstaunlicher war dann die energetische, fantastisch leidenschaftliche Show mit großartigen Songs, die das Publikum in Brand gesetzt hat, obwohl niemand das Material kannte. Ich war von der Kraft der Songs zwischen depressiver Anspannung und überbordender, melodisch-aggressiver Vitalität, von den elektrisierenden Kalt-Heiß-Kontrasten in der Stilistik so begeistert, dass ich alles mitgenommen habe, was an Hörbarem zu kriegen war, und auch zum ersten Mal Kontakt zur Band geknüpft. Der sollte später indirekt zu einer Liaison mit Stickman Records und ganz direkt noch zu einigen weiteren Zusammentreffen mit Johann, Magnus und Companie führen. Mitte der 2000er verlor ich die Jungs, verlor ich dann Musik an sich für einige Jahre weitestgehend aus den Augen. Fast 15 Jahre sind vergangen, nicht nur in Mannheim, sondern auch in Umeå sind die Lichter schon längst wieder angegangen, und nun kreuzen sich die Wege wieder. Johann und Magnus haben mit Statues eine neue Band mit dem lieb gewonnenen Sound am Start, der deftig-noisige Post-Spielarten amerikanischer Prägung à la Mission of Burma, Fugazi, Sonic Youth mit schwedischer Melancholie paart. Das Debütalbum ist bereits aufgenommen und kommt bald beim Lieblings-Boutique-Label Crazysane Records – die Sache bleibt also in der Familie („Adult Lobotomy”, 23.11., ist bereits in der Preorder-Phase). Hier die Uptempo-Hörprobe „Dark places“. Platte ist natürlich längst geordert, bin schon gespannt auf die Tourtermine … //RRRhund\

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Electronic/Experimental: „Balancing the sacred and the profane.“ Aïsha Devis „Light luxury“ beginnt wie ein modernes Stück der berühmten bulgarischen Chöre, als Kontrapunkt fügt die in der Schweiz geborene, nepalesisch-tibetanische Klangkünstlerin aber alsbald ihre typischen, neutönenden, elektro-avantgardistischen Klänge hinzu. So entsteht ein eigenartiges Spannungsverhältnis, dass den Zuhörer in tranceartige Gefilde entführt. Im Video baden Aïsha Devi und die Asian Dope Boys mit Gottheiten in einer mythischen Schattenwelt, es finden sich allerlei Anspielungen auf chinesische Religionen, japanischen Butoh-Tanz und, vergleichsweise profan, die Welt der Mode. Der Track stammt natürlich vom empfehlenswerten Album „DNA Feelings“, der vor ein paar Monaten bei Houndstooth erscheinen ist. //RRRhund\

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Experimental/Electro Accoustic/Post Industrial: Die Welt des klassischen Noise, der Power Electronics, hat Frederikke Hoffmeier, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Puce Mary, vorerst ausreichend erforscht, ausgelebt. Auf ihrem neuen Album („The Draught“, 5.10., PAN) nimmt die Kopenhagener Komponistin und Experimentalmusikerin die Intensität ihrer Ausgangsgenres mit in die Welt neuer, größerer narrativer Strukturen, die auf den Stützpfeilern elektroakkustischer Experimente ruhen. „Red desert“ ist von Michelangelo Antonioni gleichnamigen Film von 1964 inspiriert, und befasst sich mit der erzwungenen Unterordnung des Individuums unter die Umwelteinflüsse der Industriegesellschaft. //RRRhund\

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Alternative/Songwriter: Tōth ist der Künstlername des New Yorker Songwriters Alex Toth (auch bei Rubblebucket), der das introvertierte musikalische Material seiner ersten Single mit einem ästhetisch ansprechenden, sensiblen Arrangement versehen hat. Ein Song, in dem der Protagonist nach einer schmerzhaften Trennung um Akzeptanz und Dankbarkeit ringt – natürlich geht es um Toth selbst. Viel Spaß mit dem verspielten Dummy-Szenario im wunderschönen Video zu „Copilot“ (erschienen bei Northern Spy / Figureight). //RRRhund\

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Noise Rock/Post HC/Math Rock: We’ll Go Machete sind wieder zurück. Das Power Trio aus Austin hat mit „Totentanz“ einen enorm gelungenen, dritten Longplayer in die Welt entlassen, auf dem es 90er-inspirierten Sound zwischen straight groovendem Noise Rock, Math Rock und emotionsgeladenen Post Hardcore zu hören gibt wie man ihn aus texanischen Gefilden kennt (Drive Like Jehu et al). Hat sofort den Weg in mein Ohr gefunden, top! //RRRhund\

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Garage Rock/Shoegaze: Freut mich, dass der Mann wieder so aktiv ist. Nur ein paar Monate nach der Veröffentlichung des grandiosen fünften Albums „East Coast“ hat die brachiale Shoegaze-Band Ceremony um den Ostküsten-Stracheldraht-Garagen-Rocker John Fedowitz (Ex-Skywave, die gleich Ursuppe, aus der auch A Place to Bury Strangers geschwappt ist) ein neues Tape mit Outtakes vom Album und Liveversionen angekündigt. Die erste, mit sexuellen Vibes um sich werfende Single heißt „Electric shock“ und bretzelt gut einen weg, bevor am Ende on top ein durchgeknalltes Gitarrenfeedback mit dem bruitistischen Charme der frühen Jesus & Mary Chain eure Wahrnehmungsdecke gnadenlos zum Einsturz bringt. Scheppert großartig, passendes LoFi-Video inklusive (das Tape kommt dann bei dem kleinen US-Label Stickman Sounds). //RRRhund\

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Alternative/Psych/Folk: Ein amerikanischer Künstler auf einem australischen Label, das überrascht zunächst ein wenig. Bis man realisiert, dass hinter dem Namen Worlds Dirtiest Sport der weit gereiste Kevin Branstetter (bei der LoFi-Legende Trumans Water und der Portland-Band The Bug aktiv) steckt, der hier als als Einzelkämpfer seine Wohnzimmer-Songs präsentiert. Das Material steht in der besten Tradition des Garagenrock, ohne sich mit klischeehaften Soundmerkmalen des Genres aufzuhalten. Anstattdessen entführt der Underground-Veteran den Zuhörer mit catchy Nummer in eine sorgsam entwickelte, surreale Soundwelt zwischen Post Punk, Psych und Folk, die nur durch seine Jahrzehnte lange, persönliche Entwicklungsgeschichte so entstehen konnte („Electroweak Phase Transition“ ist bei Tenzenmen erschienen). //RRRhund\

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Alternative Rock/Electro Rock: Bereits im März hatte ich zum Erscheinen des kleinen Debüts „EP #1“ die bretonische Electro-Rock-Band You, Vicious! vorgestellt. Das Duo aus Rennes hat mittlerweile seinen selbstbetitelten Debüt-Longplayer draußen (Vinyl / CD via Manic Depression Records) auf dem es seinen modern wie fett produzierten, halbelektronischen Indie Rock-Stil weiterverfolgt. Bren Costaire steuert dabei die auffällig durcharrangierte, präzise Schlagzeugarbeit bei, während Max Balquier die Songs schreibt, singt, die Gitarre bedient, Synths und Sequencer programmiert. Die Debüt-Single „Pretty is all you have“ war tendenziell den 80ern zugeneigt – die aktuelle Single „Control freak“ liefert dagegen im zweiten Teil wuchtigen 90er Alternative-Rock. Ich denke mal, die wird man nicht lange in kleinen Clubs begutachten können, also muss man wohl gleich die erste Tour mitnehmen … ihr hört von mir, wenn’s soweit ist. //RRRhund\

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Garage/No Wave/Post Punk: Und wo wir gerade im Feld der rohen Proberaum-Mitschnitte sind … diese Band hatte ich letztens im Rahmen ihrer Support-Show für die Oh Sees im Frankfurter Zoom auf unserem Instagram-Account komplett abgefeiert. Exit Group sind ein deutsch-amerikanisches Quartett aus Berlin, das sich mit einem giftigen, abwechslungsreichen, eigenständigen Garagen-No Wave-Stil präsentiert hat: Basis ist die treibende, zackig-tighte Rhythmusgruppe, die gerne straight wie unisono arbeitet, dabei aber immer wieder mit äußerster Präzision krumme Dinger einbaut; darüber liegen die fantastische, auffällig extrovertierte Gitarrenarbeit zwischen Devo, No New York und Garage sowie das Energiebündel von Sänger, der auch immer mal wieder den Knopf an der Sampleeinheit drückt, für experimentelle Zusatzsounds sorgt. Hat live echt nur Sekunden gedauert, bis der Funke übergesprungen war. Hier gibt’s erstmal vier grobe Tracks aus dem Proberaum in Lichtenberg, die schon gehörig Spaß machen. Am 12.10. kommt dann das Longplayer-Debüt bei – man höre und staune! – Castle Face Records, von dem ich mir außerordentlich viel verspreche („Live in Lichtenberg“ ist als Tape ausverkauft, aber digital bei bandcamp zu kriegen). //RRRhund\

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Post Punk/Aggro Wave: DEW aus Oberhausen passen gut zur existenzialistischen Welle deutscher Bands, die in letzter Zeit hochgekommen ist und an den harten Sound der Mittachtziger zwischen Aggro-Wave, Goth-artigem, dunklem Post Punk und Noise Rock anknüpft. Zu diesem Eindruck tragen bei „dew-stortion // dew-morgen“ (selbst digital auf bandcamp rausgehauen, mittlerweile zusätzlich beim französischen Label P.O.G.O. Records draußen) neben dem klassisch rumpelnden Drum Computer-Sound vor allem die engen Moll-Harmonien der wenig lebensbejahenden, giftigen Bass- und Gitarrensoundwände bei. An einigen Stellen werden wir gar daran erinnert, dass der Industrial Metal einen seiner Ahnen im Dystopie-Punk der frühen Killing Joke hat. Das Salz in der Suppe ist aber der nihilistisch-konfrontative Punk-Gestus des starken Sängers, der einem akkustisch konstant mit unangenehmen Mitteilungen ins Gesicht springt. Die im Proberaum aufgenommene Songsammlung passt mit ihrem Demo-Charakter, ihrem rauen LoFi-Sound in diesem Sinne natürlich prima zum ungeschliffenen Wesen der Band. Gutes Debüt, knallt und tut weh. FFO Gewalt, AUS, Pigeon, Asbest, frühe Killing Joke, Mittachtziger Hamburg-/Berlin-Sound. //RRRhund\

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Post Punk/Kraut: Diesmal also Alice im Wunderland, die sich … huch, falsche Pille … in Dario Argentos gestyltes Horroruniversum verirrt hat. Karies – einer der bekanntesten Botschafter des Stuttgart-Sounds – haben sich beim Schreiben des Materials für das dritte Album etwas von den klassischen Stilvorlagen von 1981 gelöst und zu den derzeit so beliebten Krauteinflüssen hin geöffnet. Gutes Beispiel ist die aktuelle Single „Holly“, bei der sich die Band – in ähnlicher Herangehensweise wie die Fews, mit motorisch rollender Rhytmusgruppe und loopenden Gitarrenlicks – an das deutsche Krauterbe macht, aber im sphärischen Indie Rock-Gewand verarbeitet. Dazu zählt auch der an Kinderreime erinnernde Sprechgesang und die schwebenden Uhhhs und Ahhhhs der Background Vocals. Video und Text sind von Dario Argentos berühmten Giallo-Klassiker „Phenomena“ inspiriert (können ja nicht alle Songs über „Suspiria“ machen) – da war sie also dann doch wieder die Dunkelheit. Produziert hat Max Rieger (Die Nerven), gemastert Ralv Milberg: it’s a family affair („Alice“, 12.10., This Charming Man Records). //RRRhund\

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Alternative/Indie/Space/Kraut Pop: Neu auf dem Trentemøller-Label In My Room draußen ist „Type 9000“, die neue Single von 2nd Blood, ein Projekt des Kopenhagener Produzenten und Komponisten Silas Tinglef (Trentemøller, The Raveonettes, Jacob Bellens). Eine fluffig groovende Space-Pop-Hymne mit schönem Retro-Video – der Track ist als Closer auf der Debüt-EP zu finden, die der Labelchef höchstpersönlich zusammen mit Tinglef produziert hat. Und auch ansonsten ist hier einige Prominenz aus der Kopenhagener Szene als Gastmusiker am Werk: Ned Ferm am Saxophon, Simon Litauer bedient Modular Synthesizer und auch Trentemøller hat in die Tasten gehauen. Nice („Running Blind“ EP, bei In My Room erschienen). //RRRhund\

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Electronic/Futuristic Breakbeat/Dancehall/UK Bass: Das neueste Zeug aus der hypermodernen Dancehall-, Bass- und Grime-Ecke finde ich ja oft ein paar Sekunden lang spannend – vor allem was Sounddesign und Produktion angeht. Nach dem ersten guten Eindruck wird’s mir aber in der Regel schnell zu Plastik-artig oder zu nervig. Was die beiden in Berlin lebenden Finnen Ville Haimala und Martti Kalliala jedoch unter dem Namen Amnesia Scanner für ihr „Another Life“-Album produziert haben, pulverisiert all meine Vorerfahrungen, da muss ich in die allgemeinen Lobgesänge doch tatsächlich mit einstimmen: Denn beim Opus Grande von Amnesia Scanner trifft atemberaubender Sound-Futurismus in seltsam harmonischer Weise auf Pop Appeal und fängt nicht an zu nerven. Hier das Video zu „Too wrong“, in dem der F1-Wagen so schön rotiert, dass ich will, dass das nie wieder aufhört. Der Meilenstein ist bei PAN erschienen. //RRRhund\

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Experimental/Ambient/Plunderphonics/Musique Concrète/Tape Collage/Drone: Der englische Klangkünstler Stuart Chalmers hat zwei neue kollaborative Veröffentlichungen draußen. Zusammen mit dem Ukrainer Edward Sol hat er ein Tape voller prozessierter Musique Concrète-Passagen und Loops aufgenommen, die Schicht um Schicht zu einfachen aber intensiven, organisch-atmosphärischen Soundskulpturen aufgebaut werden. Die Tracks erzeugen in der Summe eine dichte, hermetische Klangwelt, die etwas an die magischen, frühen Arbeiten der Altmeister :zoviet*france: erinnern – ein schöneres Kompliment kann man in diesem Musikfeld eigentlich kaum machen („Syncopated Soundmirror“, als Tape beim finnischen Label IKUISUUS oder digital auf bandcamp). Ganz anders in Methodik und Klangbild kommt die Kollaboration mit dem Dänen Claus Poulsen daher. Die beiden Musiker haben die Aufnahmen vorangetrieben, indem sie sich die neuesten Fassungen immer wieder im Ping-Pong-Verfahren hin- und hergeschickt haben. Es dominieren manipulierte Dronesounds, die durch Gongs, Klangschalen und ähnliches Instrumentarium entstanden sind, um dann verfremdet zu werden – Quelle eines mysteriösen, übernatürlichen Subsystems („The Universe Unmasked“ ist als Tape bereits ausverkauft, aber noch digital via bandcamp erhältlich). //RRRhund\

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Experimental/Dark Noise/Dystopian Beat: Auch wenn der Spätsommer gerade noch einmal Kraft entfaltet, kann ich trotzdem bereits den Herbst riechen, die immer länger werdenden Nächte erahnen, und die Lust dunkles Zeug zu hören steigt. Da kommt der brachiale, urwüchsige Sound auf „Just the Beginning“ (26.10., Third Coming Records) gerade recht. Die Compilation der ersten drei EPs von Lunacy, einem Soloprojekts von Kulp N., ist eine Dokumentation der rapide voranschreitenden musikalischen Entwicklung in einem dystopischen 4-Spur-Universum, das an die ganz frühe Phase des Kultlabels 4AD (mit brachialen Bands wie Rema-Rema) genauso erinnert wie an die zerrenden Experimente der frühen Swans. Simpel und wirkungsmächtig. //RRRhund\

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Electronic Live Set/Synth/Modular/EBM/Acid: Das jährlich im August stattfindende Kalabalik På Tyrolen-Festival im schwedischen Alvesta zählt mittlerweile zu den spannenden Terminen im Kalender der experimentellen Elektronikszene. In diesem Jahr durften sich die Holländer von Enfant Terrible im Zuge eines Label-Showcase vorstellen. Hier das mächtige, modulare Synth-Live-Set, das Robert Auser (hatten wir hier schon ein paar Mal) auf dem Festival abgeliefert hat – dreckiger Sound zwischen Electro, EBM und Acid. Genau mein Ding, da hätte ich mal mächtig die Hufe geschwungen. //RRRhund\

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Psych Rock: „Dripping sun“ heißt die zweite Hörprobe vom neuen Album der japanischen Psych Rock-Band Kikagaku Moyo („Masana Temples“, 5.10., Guruguru Brain). Ein achtminütiger psychedelischer Trip inklusive Wah-Wah-Gitarren, Fusion-artigen Harmonieprogressionen und harten Gitarren. Die Jungs sind im November übrigens wieder in Europa auf Tour, im Südwesten sieht’s diesmal allerdings schlecht aus. Ich freue mich daher über meine Chance auf dem Le Guess Who-Festival in Utrecht: Die Bühne ist nämlich das natürliche Habitat dieser ausgezeichneten Band. //RRRhund\

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Alternative/Kraut/Psych: Die Londoner Psych-Band Toy ist zurück und neuerdings bei Tough Love Records gelandet. Als Blitz-Release gibt’s seit heute eine limitierte 12″, die die Spannweite der Band abbildet: Während die A-Seite „The willo“ eine delikat-fragile Psych-Nummer ist, die wie ein verzauberter Kinderabzählreim in Musikform daherkommt, ist die B-Seite „Energy“ ein verorgelter, motorischer Kraut-Rock-Kracher im Uptempo-Modus, der von einem nächtlichen Ritual handelt. Ein neuer Longplayer – der vierte – ist dann für Januar 2019 angekündigt („The Willo/Energy“, 12″). //RRRhund\

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ALEXANDER ZHANG HUNGTAI / DAVID MARANHA / GABRIEL FERRANDINI - Eight Black Horses Crown SnakeALEXANDER ZHANG HUNGTAI / DAVID MARANHA / GABRIEL FERRANDINI
„Eight Black Horses Crown Snake“
digital on bandcamp / self-distributed digipack via David Maranha
2018


Experimental/Psychomagic Free Improvisation: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“ Mit diesem klassischen Zitat aus Dantes Inferno, kurz vor dem Abstieg des Protagonisten in den ersten Kreis der Hölle, hat das portugiesisch-taiwanesische Improvisations-Trio Alexander Zhang Hungtai, David Maranha und Gabriel Ferrandini am Montag sein neues, natürlich wieder live eingespieltes Album online gestellt. Ganz so dramatisch wird es dann doch nicht. Aber abtauchen ist durchaus angesagt, hinab in die Höhle, und die Musiker nehmen die Rezipienten mit. Das eigentümliche, traumartig aufgeladene Coverphoto aus der Macau-Serie des bekannten portugiesischen Photographen António Júlio Duarte – die angeblitzte Nachtaufnahme einer Dekorationsschlange in einem menschenleeren Casino – impliziert außerdem eine interkulturelle Blickrichtung, die westliche Sicht auf einen mysteriösen Osten, der das auch bleibt, sich nicht erklärt. Die fünf Stücke von „Eight Black Horses Crown Snake“ (digital auf bandcamp / Gatefold-CD im Eigenvertrieb) haben diesen verträumten, hermetischen Charakter genauso. Zhang Hungtai wechselt (wie bei dieser Besetzung üblich) zwischen Sprechgesang, Saxophon und Schlagzeug, Maranha zwischen Orgel und Schlagzeug, und das Schlagwerk ist konstant Ferrandinis Hauptjob. Schon aus dieser Orchestrierung ergibt sich der stark perkussive Charakter der Aufnahmen. Das Trio steigert sich immer wieder ins psychomagisch Aufgeladene, Rauschhafte. Man spürt, dass die Musiker komplett loslassen konnten, in einen sprituellen, vortexartigen Fluss geraten sind, der es zum Teil unmöglich – vor allem aber überflüssig – macht, die Quelle der einzelnen Klänge genau zu verorten. Und sich eben auch nicht erklären will, sondern über andere Wahrnehmungskanäle zum Hörer gelangt. Über dem mal brodelnden, mal schwebenden Sound liegt immer wieder Alex Zhang Hungtais dunkle Stimme und schildert mal klassische Tarot-Konstellationen, mal finstere Ku Klux Klan-Szenarien, die Bigotterie in den Südstaaten. Aber das Gesagte ist in dieser musikalischen Konstellation gar nicht so wichtig wie die Art und Weise, in der es kundgetan wird: Die Stimme des taiwanesischen Weltbürgers bleibt ganz Teil des Klangkosmos dieses außergewöhnlichen Improvisationstrios. Ich freu moch schon auf die CD (thanks David!), um mich wieder in den Sog, in den Bann dieser Ausnahmemusiker ziehen zu lassen.
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“Abandon hope all ye who enter here”, the protagonist in Dante’s Inferno is told as he is about to descent into the first circle of hell. With this classic quote the Portuguese-Taiwanese improvisation 3-piece Alexander Zhang Hungtai, David Maranha and Gabriel Ferrandini has introduced the digital release of their new album on bandcamp. Things don’t turn out to be that dramatic for the listener after all. But the musicians do descend into a cave-like situation indeed, and they’re taking their audience with them. The dreamlike cover photo from the Macao series of well-known Portuguese photographer António Júlio Duarte – the flashlighted night shot of a decoration snake in a deserted casino – also implies an intercultural line of sight, the Western gaze at a mysterious East that intentionally remains unexplained. The five pieces of „Eight Black Horses Crown Snake“ (digital edition on bandcamp / self-distributed 3-panel gatefold CD) transport a similiar dreamy, hermetic character. Alex Zhang Hungtai as usual in this line-up switches between vocals, saxophone and drum duties, Maranha between organ and drums, while percussion is constantly Ferrandini’s job. This orchestration already implies the strong percussive character of the recordings. In this constellation, the trio is diving more and more into psychomagicly charged states of euphoria. You can feel that the musicians have been able to let go completely in times, that they have fallen into a spiritual, vortex-like flow that makes it impossible – but most of all superfluous – to pinpoint the source of each individual sound. There is simply no need for any rational explanation, the listener is approached by other channels of perception. Amid the trio’s in times floating, in times seething soundscapes there’s again and again Alex Zhang Hungtai’s dark voice depicting classic Tarot constellations or sinister Ku Klux Klan scenarios, bigotry in the south. But the way things are uttered is more important than what is actually said: The voice of the Taiwanese world citizen remains entirely part of this extraordinary improvisational trio’s sound universe. I’m looking forward to the arrival of the CD (thanks David!) to let myself be drawn into this maelstrom once more, to fall under the spell of these exceptional musicians again. //RRRhund\

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Electronic/Robot Techno: Spektakulär anzusehen, anders kann man es nicht sagen. Der Berliner Produzent Moritz Simon Geist hat nach mehreren Jahren Arbeit – nach Auftritten beim Mutek, CTM und Moogfest, nach endlosen Stunden mit Basteleien an seinen maschinellen Helfern – das erste Techno-Album produziert, das komplett von selbstgebauten Robotern eingespielt wurde. Zu diesem Zweck hat Geist zahlreiche abgefahrene Instrumente gebaut, so gibt es etwa im 3-D-Drucker gegossene Bass Kalimbas, ratternde Festplatten, eine mit Robotermotor gespielte Drone Gitarre, pneumatische Pseudo-Hi Hats und noch viel mehr. Vorab gibt’s schon mal eine EP („The Material Turn“, 12.10., Sonic Robots Records) und ein grandioses, visuell wie auditiv inspirierendes Video, dass den Erschaffer und seine Bots bei der Arbeit zeigt (und in den Kommentaren auch noch das nicht weniger inspirierende Making-Of-Video). //RRRhund\

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Alternative/Songwriter: Was er mit Sizarr gemacht hat, war mir zu sehr an der Oberfläche des Pop-Kosmos, hat mich nicht berührt, fand ich … nun ja … belanglos. Was Fabian Altstötter jetzt solo unter dem Künstlernamen Jungstötter veranstaltet, ist schon ein ganz anderes Kaliber – man könnte sogar sagen: ein anderes musikalisches Sonnensystem. Nach den Stationen Mannheim und Leipzig ist der Komponist und Sänger mittlerweile in Berlin angekommen, und hat mit „Wound wrapped in song“ gerade die Leadsingle zu seinem ersten Soloalbum vorgestellt. Tonnenschwerer, melancholischer Songwriter-Sound, der an die letzte Schaffensphase von Scott Walker erinnert, mit geschmackssicherem Minimalismus orchestriert wurde, mit fragiler, vielschichtiger Lyrik daherkommt. Die Aufnahmen zum ersten Soloalbum hat er zusammen mit Max Rieger (Die Nerven) produziert – ein weiterer Grund, warum ich mir die Scheibe mit Sicherheit zu Gemüte führen werde. //RRRhund\

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Post Punk/No Wave: „Weak Hardcore“, hahaha, das mag ich. Der Hintergrund der ironischen Selbstbeschreibung auf der bandcamp-Seite von Landowner ist, dass die Band aus Holyoke, Massachusetts, gerne ab und an mal auf das Tempo, die rhythmische Energie von D-Beats baut, aber alles andere Klischeeartige, was man zu diesem Hardcore-Subgenre zählt, ganz anders regelt. Also eben kein Gebratze, kein Gekeife über Um-Ba-Um-Um-Ba. Das Quintett aus Holyoke, Massachusetts, setzt anstattdessen auf dem zweiten Langspieler „Blatant“ (die erste Scheibe auf Vinyl, im Juli bei born yesterday records erschienen) auf cleane, einfache, aber geschickt verschachtelte Unisono-Single-Note-Riffs sowie kreative, überraschende Rhythmuswechsel. Auf monotone Post Punk- und No Wave-Strukturen, die mit der Energie der frühen Minutemen, trockenem Sprechgesang und beißenden Texten zum Besten gegeben werden. Die eigentliche Überraschung ist, dass die Band im Ergebnis tatsächlich zu einem eigenständigen, erfrischenden Post Punk-Gebräu kommt – und das muss man bei der Strecke, die die aktuelle Retrowelle bereits zurückgelegt hat, erstmal schaffen. Die haben definitiv was. Kriegt man hierzulande ganz prima bei X-Mist Records (da habe ich die Scheibe auch aus dem News-Stream gefischt), recommended (beides). //RRRhund\

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Goth/Darkgaze: Kommt nicht oft vor, dass eine deutsche Band eine Release-Show für ihre neue Platte in L.A. spielt. So ist das halt, wenn man für den amerikanischen Markt einen Vertrag beim Genre-Platzhirsch Cleopatra Records gelandet hat. Die Rede ist von Holygram und ihrem neuen Album „Modern Cults“ (9.11. Oblivion / SPV / Cleopatra Records). Das Quintett aus Köln war vom Sound der letzten Soft Moon-Scheiben wohl so beeindruckt, dass es den italischen Produzenten Maurizio Baggio für die Studioarbeiten engagiert hat. Den veränderten Sound kann man bei der Leadsingle „Signals“ dann auch deutlich heraushören: der spaceige Shoegaze-Anteil im Bandsound – eine Annäherung an den Livesound der Band – ist besser ins Licht gerückt worden. //RRRhund\

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Alternative/Slow Pop/Dreamgaze: Ohhhhh, diese warmen Gitarren, dieser verträumte Gesang, diese zuckersüßen Melodien haben mich gerade innerhalb von Sekunden verzaubert. Grivo stammen aus Austin, Texas, und packen die brutale Hitze des südlichen Bundesstaats in dröhnende Wattebäusche süßlichem Pops, in wundervolle Dreamgaze-Gitarrenwände ein. Hier die Lead Single „Burnout“, das Album kommt dann im November („Elude“, 16.11., Holodeck Records). Das schöne, stilistisch auffällige Video stammt übrigens vom Essentials Creative, ein Kollektiv, das sich normalerweise um Modefotographie kümmert – noch ein Debüt. //RRRhund\

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Krautpop/Shoegaze Noir: Prominente Adresse, cineastischer Retro-Vibe inklusive. Die Engländer Red Red Eyes mischen ihren klassischen Noir-Sound mit Shoegaze- und Krautpop-Elementen. Ab und an kommt der Sound des Duos aus Cambridge wie eine Episode von Black Mirror daher, die gemeinsam von Broadcast, Morricone und Gainsbourg vertont wurde; an anderen Stellen scheinen Badalamenti oder andere Lynch-Kollaborateure am Werk gewesen zu sein. Hinter dem Projekt stecken die Soundtrack-Fans Laura McMahon und Xavier Watkins, die auch schon in der Psych-Band Violet Woods aktiv waren und hier andere Aspekte ihrer Kreativität ausleben. 60s sound the dark way („Horology“ ist im Mai bei Where It’s At Is Where You Are erschienen). //RRRhund\

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Art Pop/No Wave: Was die Drinks, eine Band aus L.A. um die (ursprünglich) walisische Sängerin Cate Le Bon und Tim Presley von White Fence, anzubieten haben, ist eine ebenso eigenständige wie charmante Mischung aus surreal-schrägen No Wave- und fast schon kitschigen, 60s-inspirierten Art Pop-Anteilen. Sollte Leuten gefallen, die Exploded View, Carla dal Forno und abgespacedere Kraut-Neutöner mögen, vor atonalen Melodiestrukturen aber keine Angst haben („Hippo Lite“ ist im April bei Drag City Records erschienen). //RRRhund\

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OCS - Memory of a Cut off HeadOCS
„Memory Of A Cut Off Head“
3-sided double 12″ on grape roll-up vinyl i.e. transparent purple with opaque pale blue splatter vinyl, 4th side silkscreened print
Castle Face Records
CASTLE FACE 100 / CF-100
2017

Garage Rock/Psych Folk: Gestern abend hielten die Westenküsten-Garagen-Rock-Götter um John Dwyer im gnadenlos vollen Frankfurter Zoom Audienz und sorgten – wie so oft mit doppeltem Schlagwerk und dem furiosen Moment des Meisters – für ekstatische Publikumsreaktionen. Ärger machte nur ein hartnäckiger, mysteriöser, ständig wandernder Dämon in der Signalkette, der über eine Stunde lang versuchte, aus der Oh Sees-Show einen Instrumental-Jam zu machen. Aber Dwyer und die Sound-Crew ließen sich nicht beirren, und arbeiteten weiter an der Lösung, bis der Fehler ausgetrieben, der Flow wiederhergestellt war. Die Band beendete das Set dann mit der mutierten, krachenden Version eines alten Bandklassikers. Bämmm. Nicht klein zu kriegen. Ich habe mir vom Merch-Stand im Anschluss – wie man das nach einer guten Show halt gerne macht – ein kleines Präsent mit nach Hause genommen (dachte ich jedenfalls gestern). Nicht schlecht gestaunt habe ich heute morgen, als ich die limitierte Fassung von Castle Face 100 dann tatsächlich ausgepackt habe. Weil der Release eine ganz andere Nummer ist, als ich erwartet hatte – ein ungewöhnliches, wunderschönes Album, toll gestaltet, quasi Audio-Kunst. Schon das OCS-Alias weist auf die Anfangsphase der Band Ende der 90er hin, als Dwyer und Konsorten für ein freakig hingewispertes, Drogen-induziertes LowFi-Folk-Gebräu standen. Die zwanzigste Scheibe von Thee Oh Sees in ebenso vielen Jahren der Bandgeschichte greift dann auch tatsächlich zum Großteil auf akkustische Arrangements zurück, die durch ein paar analoge Space-Synths ergänzt werden. „Memory Of A Cut Off Head“ ist eine tiefe Verbeugung vor den sanften, magischen Psych Folk-Roots der End-60er, aber genauso eine Huldigung an ehemalige Mitstreiter, die ihren Teil zum heutigen Nimbus der Band beigetragen haben, ihren Anteil am internationalen Erfolg haben. So lebt die Jubiläumsscheibe der Kultband aus LA dann auch vom Keyboardspiel, vom Gesang von Brigid Dawson, von den fragilen, melancholischen Streicherarrangements, von der singenden Säge von Gründungsmitglied Patrick Mullins. Ein Sound, wie man ihn von der Band seit vielen Jahren nicht mehr gehört hat. Wunderschön.
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Last night, west coast garage rock emperor John Dwyer and band were holding audience in a totally packed Zoom club in Frankfurt, Germany. While an unbelievably consistent, erratic demon in the signal chain was trying to turn the Oh Sees show into an instrumental jam session for more than an hour of playing time, John and the sound crew wouldn’t give in until the flow was restored, and the guys were finishing the set with a thunderous extended version of an old band classic. Armageddon. Unstoppable. I brought home a nice little present from the merch stand (I thought). But this morning, when I unpacked the limited double 12 inch version of Castle Face 100, it actually turned out to be much more than that—a magic piece of art in sound and sight. Already the alias OCS for the 20th record of Thee Oh Sees in as many years hints at the oldest incarnation of the band, the drug-ridden freak-folk expedition Dwyer and company were end of the 90s and in the early 2000s. Going back to mainly accoustic arrangements and a little analogue synth space out, ”Memory Of A Cut Off Head” is a deep bow to the soft psych folk roots of the 60s. Brigid Dawson’s singing and keyboards, the fragile, melancholy string arrangements, and the singing saw of original collaborator Patrick Mullins add up to a surprising sound you haven’t heard from the band in many years. A beauty. //RRRhund\

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Garage Punk/Post Punk: Noch eine im Herbst erscheinende US-7″, die ich jagen werde. Die Flat Worms haben Garagengott John Dwyer live so oft den Arsch weggespielt, bis er ihnen letztes Jahr einen Vertrag fürs Debütalbum bei Castle Face Records verpasst hat – und das war dann ja auch sehr gelungen wie wir zu berichten wussten. Jetzt gibt’s im Rahmen der Famous Class-Reihe Nachschlag im kleinen Format: zwei von Ty Segall mitten in der Sommerhitze aufgenommene Riffklatscher, die einfach nur Spaß machen. Noch so ’ne Band, die jetzt gerne mal über den Teich hüpfen darf, Traumkombo wäre eine Tour mit den Wax Chattels. Dafür würde ich ziemlich weit fahren … //RRRhund\

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Cold Pop/Dark Electro/Minimal Wave: Wem Bands wie Boy Harsher und SDH gut gefallen ist auch bei Projet Marina gut aufgehoben – songorientierter, geschmackssicherer, minimalistischer Sound aus Nordfrankreich, der zwischen Dark Electro und Cold Pop meandert, trotz moderner Produktionsmethode an die klassische Phase des Minimal Wave anknüpft ohne dort steckenzubleiben (14.9., Distag). //RRRhund\

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Electro Punk/Wave Funk/Death Rock/No Wave: Die Eisenmasken-Fans von Dear Deer haben mit „Chew-Chew“ ihr zweites Album wie gewohnt in Heimproduktion fertiggestellt. Das Duo aus dem nordostfranzösischen Lille hat noisigen, tanzbaren Goth Rock abgeliefert, der auf funky No Wave-Einflüssen fußt, damit aber aggressiv nach vorne geht. Besonders auffällig ist die moderne, direkte Produktion – alles klingt in-your-face, giftet dich an. Fette No Wave-Gitarre, Punch, Attitüde und ein richtig guter Song: die Vorabsingle „Disco-discord“ (11.10., Vinyl bei Manic Depression Records / CD bei Swiss Dark Nights). //RRRhund\

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Experimental/Excorciscm/Violent Drone: Die Experimentalmusikerin Maria w Horn spürt auf „Kontrapoetik“, ihrem neuesten Werk für das Berliner Label Portals Edition, düsteren historischen Kapiteln ihrer nordschwedischen Heimatregion Ångermanland nach, die aufgrund ihrer geographischen Lage schon immer etwas abgehängt, benachteiligt war. So wundert es nicht wirklich, dass dort im 17. Jahrhundert unter Beteiligung der Kirche nicht nur die schlimmsten Exzesse der Hexenverfolgung vor sich gingen, sondern im frühen 20. Jahrhundert auch die blutigsten Konflikte der Landesgeschichte zwischen Arbeiterbewegung und Staatsgewalt. Heute ist der riesige Landstrich Opfer einer gewaltigen Landflucht. Horns wütende Droneklänge sind in diesem Sinne ein künstlerisches Manifest. Der Versuch, einen feministischen, musikalischen Gegen-Exzorzismus vorzunehmen, um die geplagte Region von ihren Dämonen zu befreien. Episch verzerrte Bass-Synthflächen, entfernt pulsierende Sequencer, wegbrechende Soundkonstruktionen – dunkle Ritualmusik von enormer Kraft. („Kontrapoetik“, 19.10., PortalsEdition). //RRRhund\

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Post Punk/Wave Punk: Aufgenommen und gemischt von T-Rex in der Allee der Kosmonauten. Scheint ’ne gute Adresse zu sein, lese ich in letzter Zeit häufiger. Und schon im Januar erschienen, mea culpa. Aber lieber spät als gar nicht. Der Stil von AUS ist zwar komplett old school – klassisch desaturiertes, giftiges Westberlin der Mauerzeit – aber so wie die Band sich auf ihrem Debüt präsentiert, wie das hier ausgelebt wird, ist das einfach großartig. Das Debüt der Berliner Band kommt mit mal tribalistischer, mal straight treibender Rhythmusgruppe, minimalistisch-gläserner Gitarrenarbeit, giftig dröhnenden Analog-Synths und dissoziiertem, nihilistischem Hexengesang daher. Schwarzer Wave Punk, der an die schönste Zeit des Früh-80er Underground erinnert, und doch ganz vital erscheint, im Jetzt lebt – atmosphärisches-kaltes Zeug mit Aggressionspotenzial. Eine reine Nachtmusik, nur für dich (das Vinyl gibt’s recht günstig bei Static Shock Records in Berlin). //RRRhund\

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San Diego-Szene/Underground-Gitarren: Volar Records ist ein kleines, schon lange existierendes DIY-Label aus dem südkalifornischen San Diego, das sich unter dem Motto „community, not competition“ hauptsächlich um die gitarrige, lokale Underground-Szene der grenznahen Millionenstadt kümmert. Die stilistische Bandbreite umfasst dabei Garagen Punk genauso wie Art Punk, Post Punk, D-Beat Hardcore und auch mal Experimentelles. Faszinierend ist, dass man geographisch genauso eine Linie nach Norden wie nach Osten und Süden ziehen kann – die San Diego-Bands haben für mich genauso viele Einflüsse aus L.A. wie Glut vom Feuer der texanischen Szene, den Drive und harmonische Einflüsse der mexikanischen Nachbarn. Gerade hat das Label seinen neuesten Batch von vier Veröffentlichungen für den Herbst bekannt gegeben: die Debüt-EP sowie den Debüt-Longplayer der Garagen Punks Keepers, den Debüt-Longplayer der lokalen D-Beat-Prügler Therapy sowie „Saltine“, die neueste LP von The Molds. Alles wirklich gut, aber wir – ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste – nehmen einfach mal die Molds-Veröffentlichung. Die anderen neuen Veröffentlichungen findet ihr bei bandcamp in der Seitenleiste. //RRRhund\

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Psych Punk/Space Rock/Schweinerock: Mitglieder von Gum Takes Tooth, Terminal Cheesecake und Bong im Fön-Modus. Das Psycho-Intro mit den verzerrten Vocals liegt noch irgendwo zwischen Chrome und klassischen Industrial-Roots, dann aber bretzeln Melting Hand bei „Terra“ ihre Psychedelic-Vibes brutal runter, galoppieren im Schweinerockrock-Modus durch eure Gehörgänge (das Album „Faces of Earth“ kommt im September bei Hominid Sounds). //RRRhund\

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Indie Rock/Shoegaze/Dreamgaze: Die lassen einen so schön im Sound ertrinken, haben genug Ecken und Kanten. XO heißt diese sehr angenehme Dreamgaze-Formation, die schon seit 2004 am Start ist und ursprünglich aus Atlanta, Georgia, stammt, im Laufe der Jahre aber ins kalifornische Long Beach umgezogen ist. Das Trio um die Zwillingsbrüder Jeff und John Turner hantiert dabei mit klassischen Genre-Ingredienzien: Duo-Gesang, Gitarrenwände, getragene Tempi, melancholische Harmonien und verträumte Songs. Das schwebende „Wonder“ stammt von einem neu veröffentlichten Release mit acht Songs. Die Aufnahmen dazu sind im Rahmen zweier Part Time Punk-Sessions in den Jahren 2015 (als Quartett) und 2018 (mittlerweile nur noch in Triobesetzung) entstanden. Vier MBV-Cover (… womit der stilistische Fixstern klar wäre), viermal Originalmaterial. Digital gibt es die „Part Time Punks Sessions“ bisher nur mit dem Erwerb des Tapes oder der CD-R auf bandcamp. Vielleicht sieht das anders aus, sobald die beiden physischen Formate ausverkauft sind. //RRRhund\

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Experimental/Post Rock/Black Metal/Electronic: Die ungewöhnlichen Black Metal-Experimentalisten Mamaleek hatten wir hier auch schon einmal. Auf ihrem neuesten Longplayer „Out of Time“ haben sich die mysteriösen Brüder aus San Francisco und Beirut nun so weit von ihrem Ausgangsgenre entfernt, dass die Einordnung im Metal-Bereich so gut wie keinen Sinn mehr macht. Anstattdessen gibt es einen enorm spannungsreichen, experimentellen, konstant zwischen Alternative, Post Rock, Field Recordings, Drone, Neoklassik und elektronischen Experimenten changierenden Sound, der sich einen Teufel um Genrekonventionen schert. Und deswegen auch hier auftaucht („Out of Time“ ist gerade bei The Flenser erschienen). //RRRhund\

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Join in the chant - EBM, Holly Dickers in-depth article beim Resident Advisor

Was andere schreiben: Was Sie schon immer über Körpermusik wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten. Beim Resident Advisor hat Holly Dicker unter dem Titel „Join in the Chant“ einen amtlichen, umfassenden Artikel zum Thema alte und neue EBM-Szene abgeliefert, der die Historie der ersten Bewegung aufarbeitet, um parallel die Protagonisten der neuen Szene zu beleuchten und auch nicht auszusparen, was dazwischen geschehen ist und wo mancherorts Probleme liegen. Absolut top. //RRRhund\

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Dirty Electro: Direkt vom Schrottplatz der Kultur, Abteilung Recycling, in den Gehörgang. Die dreckige Electro-Hymne für den Spätsommer liefert $hit and $hine mit „Yeah I’m on acid“, das sich in betont schrägen Wort- und Bild-Samples bei „Heavy Metal Parking Lot“ bedient. Die Single ist Vorabtrack des neuen Albums „Bad Vibes“, das im November bei Rocket Recordings erscheint (9.11.). //RRRhund\

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Alternative/Songwriterin: Noch mehr gutes Zeuch aus weiblicher Kehle. Adrianne Lenker von Big Thief befindet sich die letzten Jahre wirklich in einem Flow der Schaffenskraft, haut einen guten Song nach dem anderen raus. Alle paar Jahre muss sie die geschriebenen Songs dann auf einem Album konservieren, um die Lebensphase abzuschließen. In etwa so, wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift, wie sie selbst sagt. Ihre Solosachen macht die New Yorkerin auf dem Omaha-Label Saddle Creek – klassisches, introvertiertes Songwriter-Material vom Feinsten. Bereitet euch akkustisch auf den Herbst vor: „Cradle“ („abysskiss“, 5.10., Saddle Creek). //RRRhund\

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