+Kurz rausgehackt: September 2019

Alternative Rock/Groovey Math Rock/Nu Kraut: Industrielle Ritterspiele. Im neuen Video zu „Iltapealaidedos“ hat sich das belgische Duo La Jungle in bester Band-Tradition an die Bewegtbildumsetzung des Album-Artworks von „Past // Middle Age // Future“ gemacht (im April bei Black Basset Records / Rockerill Records / À Tant Rêver Du Roi erschienen). Musikalisch wird wie gewohnt mit der Formel Krautexperimente + Groove + Soundwucht = mitreißende Musik gearbeitet. Aber das wissen erfahrene RRR-LeserInnen ja schon länger. Sehenswert. //RRRhund\

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Experimental: Die Kopenhagenerin Soho Rezanejad stammt ursprünglich aus dem Dunstkreis der Posh Isolation-Crew, hat sich aber schon eine ganze Weile freigeschwommen, macht ganz ihr eigenes Ding. Die Künstlerin mit persischen Wurzeln steht vor der Veröffentlichung des zweiten Longplayers auf ihrem eigenen Label („Honesty Without Compassion is Brutality“, Oktober 2019, Silicone Records.). Die Hörprobe „Love’s a raging prey“ beschäftigt sich mit dem göttlichen Aspekt von Liebe: mit Hingabe bis zur Selbstaufgabe. Das visuell dichte, emotional eindrucksvolle Video hat Anders Nydam im Bådteatret in Kopenhagen aufgenommen. //RRRhund\

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Experimental/Organic Electronica: „Leaves“ (11.10.) ist das Debütalbum des belgischen Produzenten Adriaan de Roover, der bisher unter dem Namen Oaktree bekannt war, jetzt aber die erste Platte unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht und dafür auch sein eigenes Label Leaf gegründet hat. Das Werk ist von stimmungsvollen, abwechslungsreichen, organisch an- und abschwellenden Elektroniktexturen geprägt, lebt von der konstanten Spannung zwischen meditativen und zweifelnden, unruhigen Elementen, bevorzugt kleine musikalische Gesten anstelle von pathetischen Exzessen und wird so zum lyrischen Kleinod. De Roover hatte sich für fast zwei Jahre in eine kleine Hütte in den belgischen Ardennen zurückgezogen, um die Platte in selbstgewählter Einsamkeit, in direktem Kontakt mit der Natur zu komponieren und aufzunehmen. Die dringliche Hörprobe „Tomorrow maybe“ hat die spärlichen Reaktionen auf die Klimakrise zum Thema. FFO Bonobo, Burial, Brian Eno, Four Tet, Fennesz, Nicolas Jaar //RRRhund\

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Experimental/Drone/New Classical: Die schwedische Experimentalmusikerin Maria W Horn hatte ich vor einem Jahr im Rahmen ihrer beeindruckenden, düster-politischen Drone-Scheibe „Kontrapoetik“ für Portals Edition vorgestellt. Im Frühsommer hatte ich dann beim It Isn’t Happening-Festival in Nürnberg auch die Gelegenheit, eines ihrer mächtig ausdrucksstarken Solo-Drone-Sets zu begutachten. Jetzt steht mit „Epistasis“ beim Schweizer Genrespezialisten Hallow Ground das Nachfolgewerk vor der Veröffentlichung, das inhaltlich wie musikalisch deutlich anderen Spuren folgt als der Vorgänger (25.10.). Die Co-Gründerin des Stockholmer XKatedral-Labels verfolgt diesmal einen radikalen kompositorischen Ansatz, vermengt droneige Streicher, Gitarren und Orgeln zu einem Klangbild, das zu gleichen Teilen nach meditativem Drone, ambientesken Post Rock und introvertierter Neoklassik klingt, und verarbeitet bei den vier langen Stücken um die Zehn-Minuten-Marke ihre eigenen musikalischen Einflüsse von Black Metal bis Minimal Art. Beim ersten und letzten Stück aus der konzeptionell angelegten „Interlocked Cycles“-Serie treten die analogen Klänge wiederum in Interaktion mit maschinell ausarrangierten Elektronikbestandteilen. Der Albumtitel ist ein Begriff aus der Genetik, bezeichnet den Vorgang, wenn die Eigenschaft eines Gens die Eigenschaften anderer Gene überlagert. Um Überlagerungen geht es auch bei unserer Hörprobe, dem Titelstück, wenn die Bestandteile ihres kleinen Drone-Orchesters sich fortwährend gegenseitig beinflussen, mal überdecken, um dann in einem fortlaufenden organischen Prozess wieder selbst in der Hintergrund geschoben zu werden. Ich bin schon sehr auf den Rest des Albums gespannt. //RRRhund\

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Proto Punk/Noise Rock/Jam Rock/Post Punk: Anfang September ist mit „I Can Live With It If You Can, Son“ die neue Platte der Repo Man aus Bristol bei Stolen Body Records erschienen. Die Band arbeitet vorwiegend in klassischer Quartett-Besetzung, frönt auf dem Album einem Sound zwischen Old School-Proto-Punk, Free Form Noise Rock und streng durchkonzipierten Jam Rock-Passagen. Kurzum: Die Jungs können spielen. Die in Loops verwobenen Saiteninstrumente werden vom flüssigen, organischen Schlagzeugspiel von Jesse Webb vorangetrieben, darüber liegt der Sprechgesang von Bojak. Dabei gelingt der Band das Kunststück, die komplexen Arrangements mit großer Klarheit zu übersetzen, ganz einfach klingen zu lassen – und trotz stilistischer Spreizung einen eindeutigen Bandsound zu definieren. Starke Band, starke Platte. Spiele ich gerne nach den Messthetics. //RRRhund\

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Avantgarde Rock/Math Rock/Abstract Post Punk/Fusion/Minimal Art: Schon wieder eine fantastische Band entdeckt, einfach nur weil ich die Tourpläne von Yugofuturism erkundet habe. SVIN sind ein vorwiegend instrumentales Trio aus Kopenhagen, das avantgardistischen Rock mit Fusion-Elementen, Minimal Art, Math Rock und abstrakten Post Punk-Strukturen verknüpft und zu reichlich außerirdischen Ergebnissen kommt. Dazu tragen auch die spärlichen, fremdartigen Gesangseinlagen, Marke Residents und New York-Avantgarde, bei. Crazy Fusion-Stuff von drei experimentierfreudigen Vollblutmusikern, die genau wissen, was sie tun. Die letzte Veröffentlichung von Henrik Pultz Melbye, Lars Bech Pilgaard und Thomas Eiler heißt „Virgin Cuts“ und wurde ziemlich genau vor einem Jahr bei Mom Eat Dad Records (hahaha) herausgegeben. Bei dem Labelnamen möchte ich jetzt ganz genau wissen, was die sonst noch veröffentlichen. Aber dazu ein andermal. Irre Band, checkt mal die Platte aus. FFO Knitting Factory / Step Across the Border, Residents, Sun Ra und was sonst noch so alles far out ist. //RRRhund\

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Tuva Throat Singing: Im Oktober schaut die Tuva-Formation Yat-Kha wieder in Frankfurt vorbei. Sänger Albert Kuvezin ist bekanntester Vertreter des traditionellen Tuva-Kehlkopfgesangs, der sich spektakulär im bassigen Frequenzbereich abspielt. Hier eine wahrlich extrovertierte Coverversion des Iron Butterfly-Klassikers „In-A-Gadda-Da-Vida“, die seit letztem Jahr auch als 7″ beim deutschen Label Lavalamp zu kriegen ist (die Joy Division-Coverversion auf der Flip habe ich mich allerdings noch nicht getraut anzuhören). //RRRhund\

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Pop Noir/Dark Pop: Hinter City At Dark stecken Laura Landergott (von Ja, Panik, zählt auch zur Live-Crew von Peaches) und der israelische Gitarrist Yair Karelic (auch bei Mystical Communication Service). Die flotte Single „One by one“ hat klassische kompositorische Tiefe und zugleich Hit-Potenzial. Das Arrangement kommt mit genial vibrierenden Art Rock-Gitarrenlinien – irgendwo zwischen Brian Enos „Another Green World“ und David Bowies Berlin-Phase. Zu finden ist der Song auf dem selbstbetitelten Debütalbum, das im November bei Snowhite Records erscheinen wird (8.11.). //RRRhund\

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Garage/Psych/Pop Noir: Der sparsam dahinhupfende Swing-Beat, der elegante, melancholische Gesang von Schlagzeugerin und Sängerin China Now, die klassische Telecaster-Arbeit (o.k., reine Spekulation, vielleicht ist es auch eine Mustang) von Gitarrist Leo Non. Ab und an springt noch eine Orgel oder das Gast-Saxophon von Kyle Knapp von Deliluh dazu. Das italienische Duo WOW verbindet auf seinem fünften Longplayer „Come La Notte“ (bei My Own Private Records und bei Maple Death Records in London erschienen) reduzierten, garagigen Psychedelic mit atmosphärischem Pop Noir aus der cineastischen Klassik der 60er Jahre. Obwohl im nordwest-italienischen Cuneo nahe der französischen Grenze aufgenommen, hat man dennoch ständig David Lynch-inspirierte, verrauchte Nachtclub-Szenen aus Twin Peaks im Kopf, wenn die Scheibe läuft. Vermutlich weil das Duo aus der agilen Underground-Szene im Osten von Rom stammt und zuletzt an der Umsetzung eines von Antonioni inspirierten Theaterstücks beteiligt war. Irgendwo zwischen Chet Baker, Beth Gibbons und einem Tarantino-Soundtrack – die mediterrane Bohème von 2019 am Werk. //RRRhund\

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Punk Techno/Industrial Rave/EBM/Psych Rave: Der letzte Batch von Detriti Records ist vor Kurzem auf uns niedergegangen wie die Asche des Vesuvs nach einem Ausbruch des sizilianischen, geologischen Unruheherds. Wobei, stimmt nicht ganz, weil seit heute gibt es schon wieder Nachschub, doch dazu zu einer anderen Zeit. Das DIY-Label aus Berlin bleibt trotz des großen Erfolgs mit Molchat Doma seiner Politik treu und haut gleich drei undergroundige Tapes auf einmal raus. Zu zwei Dritteln diesmal eine ziemlich elektronische, technoide Sache. „Fallen Emperor“, ein Tape von Distant, trägt die Katalognummer DR066. Die A-Seite bringt dunklen, roh-punkigen Rave-Sound zwischen Industrial und hektisch galoppierendem Uptempo-Techno, auf der B-Seite wird es EBM-lastiger, pluckern die Sequencer. Riot-Sounds für die Gruft. Bei der Katalognummer DR067, „Elektroklavier“ von Stony Sugarskull & Leander, geht es psychedelischer vonstatten: Das Spektrum der drei langen Tracks zwischen 7 und 22 Minuten reicht von langsamen, spooky Drum & Bass-Sounds bis zu verorgelten, wegschwimmenden straighten Beats. Alles sehr geisterhaft, entrückt, mit Zuckerschädel in diesem Stony-Paradies. DR068 ist stilistisch eine ganz andere Baustelle und kriegt hier seinen eigenen Platz. //RRRhund\

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Electronic Post Punk/Tripped-back Techno/Weirdo Dub: Hatten wir hier auch schon ein paar Mal, Christian Donaghey aus Londonderry und sein knochentrockenes, hartes elektronisches Post Punk-Projekt Autumns, das sich jedem Anflug von Pop Appeal konsequent verweigert. Letzte Woche ist mit „Shortly After Nothing“ der zweite Longplayer des irischen Produzenten erschienen, der sich stilistisch im garagigen Feld zwischen reduziertem Techno und schrägem Dub bewegt. Einfach, sperrig, gut. //RRRhund\

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Art Punk/Post Punk: Alter Schlappen, die sind ziemlich produktiv. Das Art Punk-Kollektiv Deliluh aus Toronto darf schon über die zweite Veröffentlichung in diesem Jahr berichten. Die Aufnahmen zu „Beneath the Floors“ (15.11., Telephone Explosion / Tin Angel) haben aber sogar bereits ein paar Monate vor denen zum Debütalbum „Oath of Intent“ stattgefunden, das bereits im Mai bei den gleichen Labels erschienen war. Verwirrend, ich weiß … Deliluh haben bei diesen älteren Aufnahmen etwas mehr The Fall-Vibes im Gepäck, die Post Punk-Klassik wird beim kanadischen Quintett aber wie immer durch erweiterte Instrumentierung, durch andere Klangfarben Richtung Art Punk geschoben. Bei der Hörprobe „Lickspittle: A Nut In The Paste“ erfolgt diese Einfärbung durch das Saxophon Marke frühe Psychedelic Furs (Chorus-Effekt auf flächig einsetztem Holzblasinstrument ist typisch für den frühen Sound der Furs). Da ist wohl mal wieder eine Bestellung bei Tin Angel fällig. //RRRhund\

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Indie Rock/Dream Pop/Psych: Eine ziemlich treibende, Krautrock-infizierte Single, ein geniales Video haben DIIV mit „Blankenship“ vor der Veröffentlichung des dritten Albums „Deceiver“ rausgehauen (4.10., Captured Tracks). Das Video hat Sean Stout in Trona Pinnacles und im Sequoia National Park in Kalifornien abgedreht – eine klaustrophobische Allegorie auf die drohende Klimakatastrophe. Und eine grandiose Nummer mit exzellenter Gitarrenarbeit. //RRRhund\

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Electronic Storytelling: Unter dem Titel „Downwelling“ ist Anfang August eine unerwartete, introvertierte, kollaborative Veröffentlichung von Not Waving & Dark Mark, von Ecstatic-Labelboss Alessio Natalizia und der Alternative-Rock-Ikone Mark Lanegan (Screaming Trees, Queens of the Stone Age), erschienen. Der reservierte, rauchige Bariton von Lanegan füllt darauf die Räume, die Natalizia mit seinen fein austarierten, erträumten, experimentellen Elektronikstrukuren schafft, mit seinen Geschichten – das entstehende, atmosphärische Ganze erinnert an das Wechselspiel der Gezeiten, erlangt archaische Züge und hat deshalb das Zeug zum modernen, zeitlosen Klassiker. Würde ich gerne auf CD kaufen, das Format gibt’s aber wohl nicht. FFO David Sylvian, Conny Plank & Moebius, Scott Walker //RRRhund\

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Dream Ambient/Minimal Art: Faszinierendes Projekt des Londoner Produzenten Daf Lloyd, der bei seinen Solo-Elektronikprojekten unter dem Namen zeta zeta arbeitet. Sein „Dream Hotel“ (25.10., Blank Editions) hat der Elektronikexperimentalist innerhalb eines Jahres als Einsiedler in einem russischen Wald konstruiert. Die Kompositionen sind musikalische Einträge seines Traumtagebuchs, die mithilfe von Hypnoseexperimenten entstanden sind – eine Erforschung der Räumlichkeit von Träumen, die eigentümliche psychische Mechanik der (schwindenden) Erinnerung, die Auseinandersetzung mit veränderten Bewusstseinszuständen. Die musikalische Umsetzung erfolgt mittels dichter Texturen, ätherischer Stimmungen und elektronischer wie analoger Rhythmik. Mit multidimensionalem Ergebnis, ein echter musikalischer Trip. //RRRhund\

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Indie/Reggae Rock: Am New Wave-igen, tanzbaren Reggae Rock der frühen 80er docken Messer aus Münster mit ihrer neuen Single „Anorak“ an und mischen diesen Einfluss mit ihrem spaceigen, modernen Post Punk-Sound. Ist am Freitag zusammen mit der Flipside „Die Furcht“ auf dem Hamburger Label Trocadero erschienen. Aufgenommen wurden die Songs von Pogo McCartney im H12 Hafenstudio, die Tonmischung und das Mastering hat wieder der Mannheimer Steve Albini Christian Bethge übernommen. Messer kann man übrigens am 30. Oktober im Komma in Esslingen sehen. //RRRhund\

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Desctructo Garage/Arty Noise Rock: Ungewohnt Sperriges und auf Slovenly Records / Black Gladiator. Hand & Leg sind urprünglich ein kretisches Power-Duo, das mittlerweile in Athen wohnt und aus Iro Sof (Bass / Gitarre) und Stylianos Ou (Drums) besteht. „Lust in Peace“ ist das zweite Album der beiden und serviert minimalistisch-monolithische, stoisch vorwärts stampfende Noise Rock-Stücke mit geweiteten Pupillen und einem dunklen, unbändig destruktiven Garagensound. Ein wuchtiges, gieriges Biest, das zwar Liebe machen will, euch aber dabei ständig etwas zu heftig in den Nacken beißt. Hier das Video zum Titel-Track „L.I.P.“ („Lust in Peace“ ist Anfang September erschienen, Vinyl /digital bei Slovenly, die CD gibt’s beim polnischen Label Fourth Dimension Records). //RRRhund\

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Noise Rock-infused Hardcore Punk: Überhaupt nicht für den Arsch. Sondern eine Meditation über die unangenehme Angewohnheit der Menschheit, sich immer tiefer in die Scheiße zu reiten anstatt es mal mit der anderen Richtung zu versuchen. Australien wird in den nächsten Monaten bei der Radiosendung noch zum Thema, das kann ich jetzt schon mal sagen. Solange kann die neue Single von Arse aus Sydney aber nicht warten. Australischer Hardcore Punk mit null Prozent Metal-Gehalt, aber dafür mit Anlehnung an freigeistig dekonstruierten Noise Rock, Marke Mittachtziger Black Flag. Fies, ätzend, dreckig … und modern. Hier die ersten beiden Tracks der „Safe Word“-EP, die am 4.10. bei Grupo in Sydney und Erste Theke Tonträger in Mannem erscheint. //RRRhund\

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Experimental Electro Pop/Post Industrial: Tolle Veröffentlichung auf dem Berliner Label Malka Tuti. Das Hamburger Duo Shari Vari besteht aus Sophia Kennedy und Helena Ratka, die auch beide im visuellen Bereich arbeiten. Die Deutsch-Amerikanerin Kennedy hat vor zwei Jahren ihr Solo-Debüt auf DJ Kozes Pampa Records veröffentlicht hat, und auch Filmemacherin Ratka ist schon musikalisch in Erscheinung getreten, unter anderem unter dem Pseudonym DJ RatKat. Zwei Jahre nach ihrer Debüt-EP haben Shari Vari mit „NOW“ nun ihr Longplayer-Debüt veröffentlicht, und der kühl-elegante, vielschichtige und postindustrielle Electro-Sound der beiden Musikerinnen funkelt wie ein Diamant am Hamburger Pop-Himmel. Mal wird Alan Vega gechannelt, mal erinnern stilistische Partikel an Yello, die frühen Eurythmics und andere Pop-Visionäre der elektronischen Pionierphase. Die Ergebisse von Kennedy und Ratka sind aber höchst modern und aufs Wesentliche reduziert – und das liegt sowohl an der herausragenden, konsistenten Produktion wie am feinen Material. Klasse Platte. Hier das Video zum Album-Opener „Out of order“, dessen orientalisches Flöten-Intro alsbald Danielle Dax-Vibes Platz macht. Shari Vari kann man am 30.11. im Rahmen der diesjährigen Prêt à écouter-Veranstaltungsreihe im Heidelberger Karlstorbahnhof sehen. //RRRhund\

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Alternative/Psych Pop: Ein hypnotisierendes, hypermodernes, psychedelisches Electro Pop-Meisterwerk hat Perfume Genius mit der aktuellen Single „Eye in the wall“ abgeliefert. Zu Beginn fängt einen der Song mit einer minimalistischen Percussion-Figur, schwebenden Flächen und einer spaceigen Gitarre ein, bevor dann eine reichhaltige, vielschichtige, tropische Groove- und Klanglandschaft entsteht und den Song zu seiner vollen, subtilen Blüte bringt. Irgendwo zwischen der finalen Schaffensphase von David Bowie und queerem, modernem Indie Pop. Der Song ist Teil von „The Sun Still Burns Here“, einer Tanz- und Musik-Performance, die der US-Produzent zusammen mit der Choerographin Kate Wallich aus Seattle entwickelt hat und ab Oktober in mehreren nordamerikanischen Städten an der Ostküste zur Aufführung kommt. //RRRhund\

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Electro Wave/Cold Wave: Kein großes Orakel ist man, wenn man Rue Oberkampf mit dem ersten Longplayer den großen Durchbruch prophezeit („Christophe-Phillipe“, CD am 4.10., Vinyl am 1.12., Young & Cold Records). „Es versucht“, die erste Auskopplung vom Debüt-Album des Münchner Electro Wave-Trios, bringt alle Qualitäten auf den Punkt: präzise programmierte Sequencer- und Drum Computer-Strukturen im Produktionsstil moderner Techno-Tanztempel sorgen für den Groove, die kühle Stimme, die deutsch-französischen Texte von Sängerin Julia sowie die stimmige optische Präsentation für den Rest. Die laufen bald auf allen schwarzen Floors. //RRRhund\

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Post Punk/Cold Wave: Ans schwarze Herz möchte ich euch die expressive Post Punk-Band Blind Seagull aus der russischen Ostsee-Enklave Kaliningrad legen, die neben den (zurecht) stark gepushten Molchat Doma für mich in den letzten 12 Monaten die Entdeckung in der Schwarzen Szene des Ostens sind. Klar ausarrangierte, enorm atmosphärische Songs mit der Sorte von Sturm-und-Drang-Energie, die einen sofort beim Schlafittchen packt. Nicht nur ein hervorragender Vertreter der russischen Szene, sondern eine sehr hörenswerte Band der aktuellen europäischen Szene im Allgemeinen. Die aktuelle Veröffentlichung „Pressure / Le Dernier Rendez-Vous“ bei Sierpien Records kompiliert zwei EPs, die in den letzten Monaten erschienen waren. Die dürfen gerne mal ausgiebig auf Tour kommen. Dann kriegen wir auch mal sowas wie die Moskauer zu sehen. Hier noch das erste Video der Band zum Song „Human being“. //RRRhund\

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Tropical Psych Rock/Thai Psychedelia: Die niederländische Formation YĪN YĪN hatte im Juni das kleine Zelt auf dem Maifeld innerhalb weniger Minuten in einen tropischen Tanzpalast verwandelt. Nach einigen Singles steht jetzt mit „The Rabbit That Hunts Tigers“ (18.10., Bongo Joe Records) der erste Longplayer der Maastrichter Thai Psychedelia-Fans in den Startlöchern, der von Gino Bombrini gemischt wurde und vom Mannheimer Mastering-Engineer Christian Bethge nach intensiven Prozesssen das richtige Klanggewand verpasst bekommen hat. Hier die erste Hörprobe „Pingpxng“. //RRRhund\

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Indie Rock/Shoegaze: Soundtrack eures Spätsommers. bdrmm sind ein recht junges Quintett aus dem beschaulichen Hull in England (da kamen auch die Housemartins her) und eher dem songorientierten, ätherischen und lyrischen als dem krachigen Shoegaze-Sound zugewandt. Irgendwo zwischen C86 und dem Creation Records-Sound, irgendwo zwischen DIIV und dem Cure-Sound auf dem „Disintegration“-Album: „c:u“, ein Song, der im Rahmen des Sonic-Cathedral-Singles-Clubs erschienen ist, aber auch auf der digitalen Fassung der Debüt-EP enthalten sein wird („If not, when?“, 11.10., Sonic Cathedral). //RRRhund\

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Indie Rock/Noise Rock: Man mag es ja kaum glauben – trotz zahlreicher Aktivitäten und Kollaborationen steht die Sonic Youth-Ikone Kim Gordon erst jetzt vor der Veröffentlichung ihres ersten Soloalbums („No Home Record“, 11.10., Matador). Halb New Yorker Noise Rock-Coolness, halb kalifornisch-ironischer Sonnenschein: die zweite Single „Air BnB“, bei der Gordon das Sinnbild modernem Reise- und Konsumverhaltens auf die Schippe nimmt und aus Kostengründen das dazugehörige Video in Textform erzählen lässt, anstatt es tatsächlich abzufilmen. //RRRhund\

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Experimental/Concept Art: One Instrument heißt ein faszinierendes Label für Konzeptkunst aus Berlin, das seine Grundidee schon im Namen trägt. In Zeiten unzähliger instrumentaler Möglichkeiten setzten die Berliner seit 2015 auf Reduktion: jeder Track auf dem Label ist nur Schichtung eines einzigen Instruments entstanden, das so in seinen musikalischen Möglichkeiten möglichst ausgereizt werden soll. Neben einer ganzen Reihe von digitalen Compilations veröffentlicht das Label in unregelmäßigen Abständen auch Vinyl-Monographien einzelner Künstler, die neueste heißt „One Instrument Sessions“ und stammt vom indonesischen Produzenten Fahmi Mursyid, der sich für die EP vorwiegend auf indonesische Instrumente aus der sundanesischen Kultur wie das Saron (eine Art Metallophon) oder das Kendang (eine zylindrische Doppelmembrantrommeln aus Holz) konzentriert hat. Aus diesem Instrumentarium und der konzeptionell fokussierten Herangehensweise speist sich dann auch die Faszination dieser Veröffentlichung, die Ethno-Clichés aus der Weltmusik weiträumig umschifft und tatsächlich zu frisch klingenden Ergebnissen kommt. //RRRund\

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Experimental/Electronic/Afrofuturist Collage: „Eindringliche Sklaverei-Narrative als dystopische Allegorie. Negro Spirituals werden auf den Kopf gestellt, remixed, und neu zusammengesetzt, um dann in ein Bio-Morph-Programm für das Post USB-Platten-Zeitalter digitalisiert zu werden.“ So futuristisch die Sprache des Infotexts von Don Giovanni Records, so futuristisch auch die musikalische Stilistik auf der neuen Scheibe von Moor Mother. Hinter dem Projekt steckt Camae Ayewa aus Philadelphia, die hier schon einige Male aufgetaucht ist (unter anderem in der Januar-Ausgabe von RRRsoundZ – die Radiosendung über die weiblichen Elektronik-Produzentinnen dieses Jahrzehnts) und in den letzten beiden Jahren mit einer Vielzahl von Projekten und Kollaborationen beschäftigt war: als Co-Gründerin und Betreiberin der Rockers! Philly-Konzertserie, die RandkünstlerInnen protegiert; als Teil des Black Quantum Futurism Collective, ein Literatur- und Kunstprojekt mit Rasheedah Phillips; als Sängerin und inhaltlicher Baustein der politischen Free Jazzer Irreversible Entanglements; mit DJ Haram als Teil von 700 Bliss; in Projekten mit dem Art Ensemble of Chicago und Mental Jewelry (als Moor/Jewelry); und zuletzt bei Aufnahmen mit The Bug und Justin Broadrick für das kommende Zonal-Album. Eine ganze Menge. Jetzt steht mit „Analog Fluids Of Sonic Black Holes“ (8.11., Don Giovanni Records) ihre zweite Soloplatte mit dem afrofuturistischen Experimentalprojekt Moor Mother in den Startlöchern, die von Justin Broadrick, King Britt, Mental Jewelry, Giant Swan, JayVe Montgomery sowie Ayewa selbst produziert wurde und verspricht, wieder ein Highlight der diesjährigen Experimentalveröffentlichungen zu werden. Hier die erste Hörprobe, das kurze aber kraftvolle „After images“. Space is the place meets In Your Face. //RRRhund\

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Electronic/Experimental/Arabic Dark Ambient: Bei „B’aj بعاج’“, dem zentralen Stück der 12″, springt der Protagonist vom achten Stock eines Hochhauses und erfährt beim Passieren jedes Stockwerks bizarre Szenen – Sinnbild für den aktuellen Zustand der ägyptischen Gesellschaft. Die Rede ist vom ägyptischen Musiker und Poeten Abdullah Miniawy, der mit dem deutschen Elektronik-Trio Carl Gari (bestehend aus Jonas Yamer, Till Funke und Jonas Friedlich) eine kollaborative EP aufgenommen hat (letzte Woche bei Whities erschienen). Die angedubbten, melancholischen Dark Ambient-Tracks der Deutschen bilden dabei das perfekte musikalische Rückgrat für die psychedelische Lyrik des Ägypters. Da haben sich ein paar getroffen. //RRRhund\

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Punky Experimental/Noise Hip Hop/Cut-up: Michael Kuhn AKA NAH is back. Der zeitweilig in Belgien residierende U.S.-Drummer und Sprachkünstler ist hier schon seit Jahren mit seinem avantgardistischen Perkussiv-Stil zwischen Drum-and-Bass-Experimenten, mit Cut-up-Elementen und punky Sprechgesang Stammgast. Bei der neuen Single „Everybody’s bullshit in one virtual market place“ hat er nun deutlich mehr Humor und Pop Vibes im Gepäck – das Virtual Reality-Video zum Song ist durchaus sehr komisch … weil überwiegend von den anderen Seite des Wahrnehmungstunnels gefilmt und damit gar nicht so virtuell. //RRRhund\

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Thrash Metal/NWOAM: Die australische Band King Gizzard & the Lizard Wizard war bisher eher als hervorragender Vertreter des Garagen-, Prog- und Psychedelic Rocks bekannt (siehe auch der Songbeitrag bei bermuda.music special von heute mittag), hat sich aber beim neuen Album „Infest the Rats’ Nest“ ein Thrash Metal-Experiment im Stil der 80er Jahre gegönnt – mit durchschlagendem Erfolg und auch einem Riesenspaß wie diese Show aus Melbourne vom Juni zeigt. New Wave of Australian Metal. //RRRhund\

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Instrumental Funky Space Kraut: Schönes neues Teil auf Bureau B. Tief inspiriert von den kosmischen Sounds der 70er, orgeln und synthesizen uns Otto mit der Single „Auto-Disco“ einen weg. Musik für Verkehrsteilnehmer und andere Menschen in Bewegung, meint der Infotext. Ziemlich guter Retrofuturismus, meine ich … und hab’s deshalb auch im Radio gespielt. Und das Schönste ist: Da kommt noch ein Album nach („Over The Top Orchester“, 4.10., bureau b). //RRRhund\

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Hip Hop: Ja, nicht zu fassen und kein Witz. Da Kinderzimmer Productions mit ’ner fluffigen neuen Single hinterm Ofen vorgekommen sind, gibt’s tatsächlich einen Tacken Hip Hop auf RRRsoundZ. Fettes Brot, Flo Mega & Phantasma Goria mit fettem Groove, coolen Samples und smarten Rhymes bei „Es Kommt In Wellen“ („Todesverachtung To Go“, 17.1., Grönland Records). Hinzu kommt, dass das Video auch noch sehr unterhaltsam ist. Klasse! //RRRhund\

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Australian Post Punk: Jazmine Brooking aus Sydney hat mal wieder mir ihrem Label Paradise Daily Records zugeschlagen. „Bad Lassies“ ist das Debütalbum von Knitted Abyss, der Band von Lucy Phelan (auch bei Naked On The Vague und Lucy Cliche aktiv) und Anna John (auch bei Raw Prawn und Holy Balmist), die zwar schon seit 10 Jahren zusammen aktiv sind, aber eben jetzt erst den ersten Longplayer fertiggestellt haben. Eine ebenso abgehangene wie schwer melancholische und streckenweise auch psychedelische Platte, die an einigen Stellen auch vor atonal-schrägen Elementen nicht zurückschreckt. Die zwei Katzenliebhaberinnen haben ihre halbelektronischen Songs mit großem Gespür für Reduktion und Atmosphäre zusammengebaut: minimalistische, reduzierte Drumcomputer-Strukturen liegen unter einer klassisch effektgeladenen Wave-Gitarre und einfachen Synth-Figuren. Der melancholische Gesang halb Post Punk-, halb Darkgaze-Universum. Songs, die ein bisschen an das ältere Post Punk-Material der australischen Kollegen von HTRK erinnern, als deren R’n’B-Einflüsse noch nicht hörbar waren. Gutes Debüt, das Lust auf mehr macht. //RRRhund\

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Electronic/Post Industrial Futurism: Die in Berlin ansässige, bulgarische Produzentin Borusiade hatten wir hier auch schon öfter, unter anderem in der Ausgabe unserer Radiosendung über die spannenden, weiblichen Elektronik-Produzentinnen dieses Jahrzehnts. Jetzt ist Borusiade mit der neuesten Veröffentlichung beim Rotterdamer Pinkman-Tribe gelandet – zwei meiner Lieblingsgeschichten machen damit gemeinsame Sache und sorgen für ein Pflichtposting. Auf der „Misfits of Broken Dreams“-12″ verarbeitet Borusiade Post Industrial-Electronica mit dem ihr eigenen futuristischen Twist (7.10.). Hier die Hörprobe „Wasteland“. //RRRhund\

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Indie Folk/Indie Pop: Ein Oxford gibt’s nämlich auch in Mississippi. Mal was ganz Konventionelles, einfach weil in der eigenen bandcamp-Filterblase drübergestolpert und für gut befunden. Kate Teague ist eine Songwriterin aus den Südstaaten der USA, die klassisches Programm fährt und das ziemlich gut macht. Irgendwo zwischen Carey Lander (Camera Obscura) und Fleetwood Mac: die Debüt-EP auf bandcamp. //RRRhund\

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Post Punk/Indie Rock: Im Herbst erscheint mit „Into The Country“ (25.10., 12XU) die erste reguläre Spray Paint seit 2016. Eine lange Zeit, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Texaner eine Zeitlang gleich mehrere Alben pro Jahr rausgehauen haben. Liegt vermutlich daran, dass einer der Jungs nach Mexiko und ein weiterer nach Australien umgezogen ist. Aber auf jeden Fall schön, dass jetzt wieder was geht. „Cleaning your guns“, die erste Hörprobe vom neue Album, kommt mit einem dünn produzierten, aber dafür schön treibenden Beat sowie einem gewissen Liars-Vibe daher. //RRRhund\

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Shoegaze/Darkgaze: Für die Verhältnisse von Dan Barrett und Tim Macuga enorm lebendig, ja geradezu lebensbejahend, ist der Album Opener der neuen Have a Nice Life geraten. Das gilt zumindest für den musikalischen Aspekt. „Sea of worry“ heißt die treibende erste Hörprobe von Dan Barrett und Tim Macuga aus Middletown, Connceticut, die zugleich Titeltrack der neuen Scheibe ist (8.11., The Flenser). //RRRhund\

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Indie Rock/Noise Pop: Das Video zu „Sick girl“, der neuen Single von The Sweet Release of Death aus Rotterdam, beschäftigt sich mit den Wahrnehmungsverzerrungen durch die digitale Welt. Eine weitere Vorabsingle des kantigen niederländischen Noise-Pop-Trios, das Anfang Oktober bei Subroutine Records sein neues Album „The Blissful Joy of Living“ veröffentlicht (10.10.). //RRRhund\

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Alternative Rock/70s Rock: „Organic sacrifice“ heißt die klasse groovende Vorab-Single der Schweizer Formation Dirty Sound Magnet. Das Trio aus Fribourg veröffentlicht im Oktober bei Hummus Records mit „Transgenic“ einen neuen Longplayer, der auf die klassische Rock-Phase der 60er und 70er-Jahre fußt, aber auch etliches aus dem Alternative Rock-Sound der 90er mitgenommen hat (18.10.).Super Song. FFO Monster Magnet, Alex Harvey. //RRRhund\

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+++BLAST FROM THE PAST: Und gleich nochmal das historische Format. Und gleich nochmal Finder’s Keepers. Und zwar aus gegebenem Anlass, denn das fantastische englische Boutique-Label von Andy Votel (früher Twisted Nerve Records) und Doug Shipton (früher Cherry Red Records) hat das große Los gezogen. Nach vielen, vielen Jahren hat Steve Stapleton von Nurse With Wound das Liebhaberlabel für ungewöhnliche Musikfundstücke der letzten 80 Jahre ausgewählt, um seine sagenumwobene Liste mit den abgedrehtesten genreübergreifenden Psych-, Prog- und Punk-Raritäten der 70er Jahre auf Schallfolie zu bringen. Natürlich ist es da mit einer Ausgabe nicht getan, und so startet Vol. I der neuen Veröffentlichungsserie mit einem Frankreich-Special. Jetzt gibt es also tatsächlich zum ersten Mal die Bands zu hören, die Nurse With Wound auf der Rückseite ihres berühmten ersten Albums als eine Art Referenzgitter Gleichgesinnter vermerkt hatten; Namen, die von etlichen Experimental-Adepten für viele Jahre für reine Fantasieprodukte von Stapleton und Co. gehalten wurden. Dabei waren die Drei von Nurse With Wound in den 70ern ständig in Europa unterwegs, um neue musikalische Schätze aufzutun. Stapleton und Company waren Cratediggers, als das Auffinden von besonderen Platten noch ein echtes zeit- und geldraubendes Abenteuer war, waren Sammler bevor Plattensammeln zum Hobby vieler, und damit unvermeidlich zu einem hässlichen Markt wurde. Dieser besondere Geist wird auf der ersten Ausgabe hörbar, spürbar, und das macht „Strain Crack & Break: Music From The Nurse With Wound List Volume One“ zu einer besonderen Veröffentlichung. Zu hören gibt es Musique Concrète, Free Jazz, Rock In Opposition, den berühmten französischen Space Rock der Zeuhl-Schule, makabre Balletmusik, LoFi SciFi sowie Prog-Rock, der von klassischer Horrorliteratur inspiriert wurde. Worauf wartet ihr noch? Stürzt euch in musikalische Abenteuer … //RRRhund\

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+++BLAST FROM THE PAST: Auch die äußerst lebendige, experimentelle Kassettenszene der End-70er und Früh-80er wird nach und nach aufgearbeitet. Ein Highlight hat dabei mal wieder das Finder’s Keepers-Sublabel Cache Cache zutage gefördert: Auf dem Tape „Cassette Roulette (1979​-​1984)“ von Beach Surgeon werden Soloarbeiten des Mancunians Graham Massey (den man von Biting Tongues, Toolshed und 808 State, also unter anderem aus dem Brian Eno-Umfeld kennt) kompiliert. Massey hat in der Pionierphase der Kassettenszene unter Missachtung aller Genrekonventionen seiner Kreativität freien Lauf gelassen. Wilde Experimente zwischen Exotica-Sounds, frühen Elektronikstudien, Post Punk und Free Jazz. Einfach irres, freies Zeug, das den Spirit der New Yorker Knitting Factory-Szene schon Jahre vorwegnimmt. //RRRhund\

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Alternative Rock: Pünktlich zur Veröffentlichung von „Ghost Gums“ (am Freitag bei This Charming Man Records erschienen) hat Heads.-Sänger Ed Fraser gestern noch ein neues spooky Video zum Track „Tempest“ rausgehauen, das eine mytische Frauenfigur in eure nächtlichen Albträume schickt. //RRRhund\

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Alternative/Post-apocalyptic Nuclear Hawaiian Beach Scene: Die Swans haben sich aufgelöst. Falsch. Die episch-brachiale Noise Big Band, die von 2010 bis 2017 die Schaffensphase der Swans geprägt hat, hat aufgehört zu existieren. Anstattdessen ist Michael Gira in eine neue Schaffensphase getreten, hat aus den Swans vorerst ein loses Kollektiv gemacht, fügt fortan die passenden MusikerInnen zu den passenden Songs. Beim ersten neuen Song („It’s coming it’s real“) vom neuen Album („leaving meaning.“, 25.10. Young God Records / Mute Records) ist das an prominenter Stelle der prägnante Gesang von Anna und Maria von Hausswolff. An anderer Stelle auf dem Album tauchen Ben Frost, The Necks, Baby Dee oder Jennifer Gira auf … um nur einige wenige der Beteiligten zu nennen. Uns steht ein neues Swans-Album, ein neues Epos ins Haus. Das Fünfzehnte, und alles ist anders. //RRRhund\

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Dream Punk/Fuzz Rock: Vorhin schon im Rahmen der Radiosendung bermuda.music special live auf Bermuda Funk gespielt, aber jetzt muss das auch hier nochmal. Unbedingt. Denn es gibt eine neue Single der Fir Cone Children. Das lebensbejahende Dream Punk-Solo-Projekt von Alexander Leonard Donat, Labelchef von Blackjack Illuminist Records, kommt Ende September mit dem fünften Album im vierten Jahr um die Ecke („Fog Surrounds Us“, 27.9., natürlich auf Blackjack Illuminist Records), und hat uns zum Einstieg gleich wieder eine fantastische Single mit dem Gastgesang von Crissy Vanderwoude beschert. „Green fox“ ist eine frenetische Fuzz Rock-Hymne, eine Ode an die Skateboard-Künste und die Lebensfreude von Donats jüngster Tochter. Gebt euch das, was eine Energie, was ein genialer Song. //RRRhund\

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Indie Rock/Shoegaze: Zweite Single, erstes Video für die schwedischen Indie-Shooting Stars von Spunsugar aus Malmö, die ich in der Shoegaze-Ausgabe unserer Radiosendung vorgestellt hatte. Die neue Single heißt „Native tongue“ (bei Adrian Recordings erschienen) und ist keinen Millimeter schlechter als das brillante Debüt, eine linguistische Studie über das Liebesleben. Das Video dazu ist von persönlichen Grenzüberschreitungen geprägt. //RRRhund\

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Noise Rock/Doom/Surreal Goth Psych Rock: In eine albtraumhafte Klanglandschaft entführen euch 72 Percent auf ihrem dritten Longplayer „How Is This Going To Make It Any Better?“ (Tape / digital, 14.9., Hominid Sounds). Das Noise Rock-Trio aus Northampton kommt ohne Gesang aus, hat seinen Instrumental-Sound in eine einzigartige, lyrische, düster-psychedelische Richtung weiterentwickelt, in der es einem konstant den Boden unter den Füßen wegzieht. Ein bisschen als hätte man die schlimmsten, die apokalyptischsten Bilder von Hieronymus Bosch in Klang gegossen. Großartig. //RRRhund\

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Punk/Catchy Brat Beat: Ursprünglich mal nur ein Nebenprojekt der Goth Punks Masses aus Melbourne, haben sich Ubik mittlerweile prächtig als eigenständige Band-Entität entwickelt. Die Mini-LP „Next Phase“ (27.9.) soll das beste Material des australischen Quintetts enthalten, und wenn Iron Lung das kundtun, wird was dran sein. Die quirlige Hörprobe „John Wayne (Is A Cowboy (And Is On Twitter))“ schafft jedenfalls schon mal ausgezeichnet den Spagat zwischen Drive und Punch und liefert zusätzlich catchy Songwriting. Eine Winner-Kombi. //RRRhund\

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Industrial Dub: Das hyperaktive, schwedische Experimental-Zentralgestirn Joachim Nordwall (Betreiber von iDEAL Recordings, aktiv beim Orchestra Of Constant Distress, bei Saturn And The Sun und Teil unzähliger weiterer Formationen und Kollaborationen – ich hatte hier jüngst die Platte mit John Duncan vorgestellt) verarbeitet seine dubbigen Elektronik-Experimente gerne unter dem Pseudonym The iDEALIST und werkelt auch in diesem Feld mit erstaunlicher Qualität. Der Mann ist einfach eine musikalische Koryphäe. Für sein neuestes Werk „Say Yes To No“ (natürlich auf dem eigenen Label erschienen) hat er fähige Gastsänger wie Nazamba und John Duncan gewonnen. Dub Electronica wird hier mithilfe alchemistischer Grundprinzipien der Sound-Manipulation ins schwarzweiße Feld des Industrial gebeugt. Club-taugliches Material wie „Bigga Boss“, „Tough Doubt“, „The Ecstasy“ oder „Shit Skull/Golden Mind“ steht dabei neben Tracks mit amorphen Texturen und Dub Noise-Experimenten. Steigt einem ordentlich ins Hirn, die Scheibe. FFO Ossia, The Bug, DJ Scud, Jay Glass Dubs, Frak

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Electronic/Alien IDM: Hausu Mountain kommt in letzter Zeit mit recht coolen Releases um die Ecke. Neu auf dem Chicagoer Label von Doug Kaplan und Max Allison ist „Colubrid“, eine Veröffentlichung von Matthew Gallagher AKA Machine Listener. Bei der Kraftwerk-artigen Synthfigur zu Beginn der Hörprobe „Lychguard“ (nein, kein „n“ vergessen) fängt bei mir jedenfalls sofort der Oberkörper an zu wippen. Und es wird alsbald noch spannender, mit hektisch überlagernden Rhythmuspatterns und schrägen Space-Alien-Sounds aus dem IDM-Universum. Nach eineinhalb Minuten kommt es zur Kurskorrektur, findet das Raumschiff eine andere Bahn, rekalibriert die Parameter, um schließlich die Maschine wieder anzuwerfen. Cool shit. //RRRhund\

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AntiBalalaika-ProLiebezeit-ElektroSteinmetzism: Vor knapp zwei Stunden hat Nosrat Charkhi alias Noston (Mannheim/تهران ) wieder einen Modularschlager auf Soundcloud publiziert. Keine Ahnung, wie hoch Nosrats Stromrechnung ist – aber es hat sich gelohnt. Wann kommt der Sound endlich auf Vinyl, BTW? /// Adorno *äh* Beckenhower hätte gesagt: „grandiose Sitzung,mon cher Urgroßmaitre!!!! feinst geschroben …. chanson d’amour :rattattattatta !“ >> ////// In der Tradition des adaptiven RRR-Sofortismus-Urnengangs mit VG: //PaulPalonzcii\

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Synth Pop: Mehr von Synth Pop-König Chris Stewart. Auch die neue Single „Feels“ transportiert den typisch lakonischen Charme seines Projekts Black Marble. Wie immer hat Stewart den ganzen billigen Plastikgehalt vom 80er Synth-Pop abgekratzt und nur den goldenen Kern behalten. Das funktioniert auch ganz ohne die höhenarme LoFi-Produktion, die ursprünglich mal den Kern des Black Marble-Sounds ausgemacht hat. Weil die Songs trotz ihrer scheinbar miniaturhaften Proportion oft überlebensgroß sind („Bigger Than Life“, 25.10., Sacred Bones Records). //RRRhund\

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Post Punk: Nicht Portland, nicht Sydney, nicht Melbourne, nicht London, nicht Stuttgart, nicht Berlin. Dumspell stammen eher aus der Post Punk-Provinz, nämlich aus Hattiesburg, Mississippi, und vermutlich liegt es genau daran, dass das Quintett aus dem Süden der USA einen eigenen Sound hat, der zugleich düster, schräg, kratzig, lakonisch und songorientiert ist. „Cool punk for sad people“, meint Haug, und das ist auch ziemlich auf dem Punkt. Auffällig ist vor allem die grandiose Gitarrenarbeit: mal stechen giftgrüne, minimalistische Goth-Rock-Riffs hervor wie man sie von frühen Genrepionieren kennt, mal werden die einfachen, straighten Songs von Anarcho-Punk-Rhythmusgitarren à la Crass Records mit monoton-lakonischen Drive nach vorne gedrückt. Natürlich wieder ein klasse Release auf dem Mannheimer Label Erste Theke Tonträger (1.10.). Hier die Vorabsingle „Spell“. //RRRhund\

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French Indie Rock/Indie Punk: Das Berliner Label Adagio830 hat ja ein Faible für großartige Bands aus Frankreich. Neuestes Beispiel sind die Contractions – Indie Punks aus Lyon, die ehemalige Mitglieder von Baton Rouge, Hawaii Samurai und The Irradiates und damit jede Menge musikalische Erfahrung an Bord haben. Alte Hasen also, die für das Album einen bunten Strauß an musikalischen Einflüssen eingesammelt haben: von neuseeländischem Indie Pop über aktuelle Garagen-Bands wie den Parquet Courts, vom Vorwärtsdrang der Hot Snakes bis hin zu den Garagenklassikern der End-60er. Die hörbaren DIY-Roots, die melodiöse Songorientierung, der warme, melancholische Sound und die verhaltene Leidenschaft von „Demain est annulé“ haben mich jedenfalls gleich abgeholt. Schöne Platte (23.9., Adagio 830). //RRRhund\

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Ambient/Romantic Modern Psych Electronics/Experimental Soundscapes: „Eathnaval / Morrigan“ ist das Debütalbum von Cy An. Hinter dem Künstlernamen steckt ein Londoner aus dem Umfeld von FKA Twigs, der auch an den Produktionen der Avantgarde-Künstlerin beteiligt war. Mit der Information im Nacken wundert es kaum, dass die Scheibe aus intensiven Soundstudien besteht, die vom amorphen, ätherisch-romantischen Klangfeld jederzeit in brachiale, avantgardistische Fraktalelektronik kippen können. Stilistisch bewegt sich Cy An dabei zwischen rhythmischen Elektronik-Partikeln, Ambient-Pop-Sphären, klassischen Songstrukturen und krachigen Einlagen aus dem wohl ausgestatteten, heimischen Soundkochtopf. Für das Ambient- und Soundscape-Genre ist hier ein enormer Dynamikumfang geboten: vom kalten, ambientesken Raumstation-Soundtrack bis zur emotionalen, postindustriellen, brachial polternden Sound-Supernova, die jedoch nie ins Bruitistische abkippt. Track für Track ein konzeptioneller Trip. Der psychedelische Effekt beim Hörer bleibt nicht aus, und das ist auch sicherlich Intention. Sehr stark. //RRRhund\

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Experimental/Inter-species Communication: Hochspannendes Projekt von Jenna Sutela in Zusammenarbeit mit Memo Akten und Damien Henry (von n-dimensions), das im Rahmen des Google Arts & Culture’s-Programms in den Somerset House Studios in London entstanden ist. „Nimiia cétiï“ ist durch Kommunikationexperimente zwischen unterschiedlichen Spezies inspiriert und trachtet danach, den Hörer mit der unbekannten Welt seines Unterbewusstseins zu verbinden, um Kontakt aufzunehmen. Dabei nutzen die Multimedia-Künstler die Interaktion zwschen neuralen Netzwerken, eine erfundene prähistorische Mars-Sprache sowie die Bewegungsmuster widerstandsfähiger Bakterien. Der Computer dient hier als Medium, als Übersetzungsinstanz für Entitäten, die normalerweise nicht (miteinander) kommunizieren können – das Ergebnis ist dann erwartungsgemäß so fremdartig, dass es selbst wie Alien-Kunst wirkt. Thrilling (digital oder auf Vinyl bei PAN erschienen). //RRRhund\

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