+Kurz rausgekackt: November 2019

Synth Wave/Minimal: Der spanische Synth-Spezialist Wladyslaw Trejo ist eine Hälfte des Synth Wave-Duos Slovenska Televiza. Jetzt hat er zur Abwechslung eine Soloveröffentlichung am Start. Beim Londoner Label Polytechnic Youth ist gerade eine Split-7″ mit Alexandre Basin erschienen, die auf 300 goldene Exemplare limitiert ist. Die spannungsgeladene subkulturelle Verfolgungsjagd im Video zu „Móvida“ kommt heute wieder viel zu oft vor und ist Bernd Schadewalds Film „Verlierer“ von 1987 entliehen. Die Single ist Vorbote eines längeren Formats, das Anfang 2020 erscheinen soll. //RRRhund\

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New Wave Pop/No Wave Funk: Glasklare Arrangements, brilliante Produktion, vor allem aber ultra-catchy Songs. Public Practice sind eine Art neue Super Group aus der agilen Subkultur von Brooklyn, New York, und bestehen aus Sängerin Sam York, dem brillianten Gitarristen Vince McClelland, Synthi-Spezialistin, Bassistin und Sängerin Drew Citron sowie Drummer, Elektronikspezialist und Produzent Scott Rosenthal. Die Mitglieder haben allesamt schon eine längere musikalische Geschichte und waren zuletzt in Bands wie WALL und Beverly aktiv. Das gemischte Quartett hat cool groovenden New Wave Pop im Stil der späten 70er und frühen 80er im Gepäck und verwurstet dabei gekonnt illustre Einflüsse von den B-52s, dem Tom Tom Club, von Gang of Four, Wire, Devo, den Talking Heads und The Police bis zum Yellow Magic Orchestra (der ersten, pretty funky Band von Ryuichi Sakamoto). Von den Studioskills von Yukihiro Takahashi, dem Schlagzeuger und Sänger des Yellow Magic Orchestra, ist eben auch die exzellente, feingliedrige HiFi-Produktion von Rosenthal beeinflusst, die die lichtdurchflutete Transparenz des Songwritings genial spiegelt. Bis jetzt gibt es eine EP („Distance is a mirror“, 2018) mit vier Songs sowie eine Single („Disposable“ & „Extra-Ordinary“, 2019, bei Wharf Cat Records erschienen) mit zwei weiteren Tunes. Mit dieser crazy distanzierten Sonne im Herzen, mit dieser klaren künstlerischen Linie kann es bis zum ersten Longplayer nicht mehr lange dauern. //RRRhund\

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Post Punk/Dub/Funky New Wave/No Wave: Zwei Helden der aktuellen Szene mit einer klasse Split-7″. Während der kanadische Crack Cloud-Ableger NOV3L bei der A-Seite „Violent & paranoid“ Dub-Einflüsse hauptsächlich am Anfang nutzt, um dann in einen lyrischen wie groovigen No Wave-Funk-Song abzubiegen, nutzen die Australier EXEK bei „Lottery of inheritance“ ihren typisch ausgebrannten Dub-Stil für einen genialen Art Rock-Song. Schöner Siebenzöller. //RRRhund\

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Russian Post Punk/Synth Wave/Synth Pop/Dark Wave: Der sibirische Einzelkämpfer und Synth Wizard Gennady Kvidkov, besser bekannt unter dem Namen Звезды (Zvezdy) und auch schon Teil der Sendung von RRRsoundZ über den russischen Post Punk, hat gerade mit „Мистический Альбом“ („Mystisches Album”) ein fantastisch abwechslungsreiches, viertes Album beim Moskauer Label Sierpien Records abgeliefert, das alles transportiert was ich mir von diesem speziellen Subgenre erhoffe – klasse Songwriting, Spirit, Gespür für Atmosphäre und unbändige Energie. Die Platte lässt sich wunderbar in einem Rutsch durchhören und meandert zwischen Sequencer-getriebenen, tanzbaren Minimal Synth-Kompositionen, klassischen New Wave-Knallern, farbenfrohen Synth Pop-Hymnen und dem punkigen Gestus der ganz frühen Dark Wave-Szene. Abgerundet wird das stimmige Klangbild durch den energischen, coolen Sprechgesang des Meisters. Ein Hit nach dem anderen. Das Ganze serviert mit dem typisch tanzwütigen Drive der russischen Szene – der sibirische Fad Gadget hat wieder zugeschlagen. Ganz groß, ordered from Moscow. //RRRhund\

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Post Punk/Garage Punk/Synth Punk: Ich glaube, 2020 wird man das Erbe von Gun Club um Jeffrey Lee Pierce vermehrt ehren. Warum ich das glaube? Weil in meiner Filterblase in den letzten Tagen gleich zwei Bands aufgetaucht sind, die an die 80er-Kultband aus L.A. erinnern, und das bezieht sich gar nicht so sehr auf den Gesangsstil des Maestros wie auf den Songwriting- und Arrangementstil der Formation. Zum Beispiel Beating (vor Kurzem noch Beaters) aus San Diego, die bei Volar Records gerade ihr selbstbetiteltes Longplayer-Debüt rausgehauen haben, das stilistisch irgendwo zwischen Gun Club, den Lords of the New Church und der Flamenco-Phase von The Damned, irgendwo zwischen Cold Wave-Roots und schillerndem Mittachtziger-Indie Pop verortbar ist. Die Band besteht aus den Multiinstrumentalisten Jeremy Rojas (Vocals, Gitarren, Bassund Synths) und Andrew Montoya (Drums, Synths und Bass), die die sechs Songs des Debüts abwechslungsreich und geschmackssicher arrangiert haben. Eine Ministry-Coverversion („Same old madness“) rundet fünf gelungene Post Punk-Eigenkompositionen der melodischeren Art – eher 1984 als 1981 – ab, die zwischen vier und sieben Minuten lang sind. Guter Start. //RRRhund\

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Synth Punk/Garage: Straight, tanzbar, mit fettem Sound, mit Doom & Gloom-Vibe, hymnischem Gesang und guten Songs – Zeropolis aus Philadelphia machen die Art von Synth Punk, die ich mag. Auf der selbstbetitelten Debüt-12″-EP (FDH Records, 31.1.) des Duos finden sich sechs Tracks, zwei davon dürfen wir jetzt schon hören. „Your Life“ entführt uns uptempo in den Hüpf-Bereich, „What Should I Do?“ kommt eher hymnisch kraftvoll. Ich will auch den Rest. Das Vinyl ist reduziert auf 100 Stück. //RRRhund\

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Power Pop/Cover: Scheint in der Werbung Anwendung zu finden, muss mich aber nicht stören (bin gerade ohne Fernseher). Coole Power Pop-Coverversion, die Paul Collins da vom 60er-Schmachtfetzen „Reach out I’ll be there“ (im Original von The Four Tops) fabriziert hat. Färbt den novemberlichen Nebel mit warmen Tönen ein. //RRRhund\

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Electronic/Ambient/Neo Classical: Das schrecklich misslungene Cover-Foto mit seinem gestelzten Vibe muss man ignorieren. Denn eigentlich ist „Sleepmoss“ von Meemo Comma eine sehr gelungene Studie zur winterlichen Natur, eine geisterhafte Umsetzung von winterlichen Landschaftsbildern in akustischer Form, die in tiefere Schichten der Erkenntnis vordringt und diese dem Hörer dann intuitiv vermittelt. Wie eine romantisches, heiliges Gebet für Herbst und Winter, wenn zuerst Vergehen in farbenprächtiger Opulenz und dann Kargheit das Bild prägt. Während nunmehr an der Oberfläche das karge Bild der Leblosigkeit alles zu dominieren scheint, gedeiht im Untergrund schon wieder das neue Leben. Der ewige Kreislauf. Aber den Tod, Chaos und Abschied muss man eben vorher kennen und akzeptieren lernen. So stellt sich der spirituelle Kern dieser Platte dar, die versucht herauszufinden, was diese Erfahrung der harschen, winterlichen Außenwelt mit unserer Innenwelt anstellt. Meemo Comma ist der Künstlername der britischen Produzentin Lara Rix-Martin, die von Brighton aus ihre minimalistischen, esoterischen Klänge zwischen Ambient und Neoklassik entwickelt, die uns in diesen winterlichen, vergehenden Landschaften recht physisch, psychoakustisch einspinnen. Als visuellen Einfluss nennt Rix-Martin die sturmgepeitschten Bilder von Turner mit ihrem dramatischen, expressiven Lichtverhältnissen, die sowohl den Horror wie die Schönheit des Todes widerzuspiegeln suchen. So wie sich der Klang von Geräuschen mit dem Wechsel der Jahreszeiten auch in der Natur verändert, nimmt uns Rix-Martin auf eine Reise vom offenen Sphärischen bis zum reduziert Gedämpften mit. Eine ungewöhnliche Naturstudie für die kalte Jahreszeit. //RRRhund\

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Experimental/Collage/Musique Concrète: Einen meiner letzten jugendlichen Kulturschocks habe ich im Berlin der 90er Jahre erlebt. Nach einem Auftritt im legendären Eimer hat uns ein guter Freund durch das wilde Nachtleben Ost-Berlins geführt und uns unter anderem auch zu einer eigenartigen Bar geführt, die aus den verschiedensten Gründen bei mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat: Das lag zum einen an der eindringlichen, knallroten In-Your-Face-Optik, den Original-Zahnarztstühlen als Barhockern. Hauptsächlich aber am Konzept der Beschallung, das konsequent auf Reizüberflutung setzte, denn es liefen generell drei Tonquellen auf einmal. Als wir da reinmarschiert sind, war das klassische Zwölfton-Musik, Neurosis und Gabber-Techno – alles gleichzeitig. Ein konzeptioneller Information Overload. Entsprechend psychotisch war auch das Stammpublikum, das sich von diesem Laden angezogen fühlte. Irre. Und irgendwie geil. Warum ich euch das erzähle? Well, das wird sich gleich von alleine erschließen, wenn ihr die verlinkte Hörprobe anwerft … Denn: Vorsicht! Anschnallen! … ab ins Alice im Wunderland des Easy Listening. In surreal wegschwimmendes Terrain, in das Gebiet der musikalischen Kurzschlüsse überführt Vicki Bennett, besser bekannt unter mit ihrem Künstlernamen People Like Us, auf „The Mirror“ (bei Discrepant erschienen) weltbekannte Klassiker, indem sie die Stücke über- und nebeneinander collagiert und so die zugrunde liegenden, musikalischen Koordinatensysteme fundamental verschiebt. Die Scheibe schafft ein musikalisches Paralleluniversum, hält den eigenen Erinnerungen an diese Stücke den Spiegel vor, stellt die Idee von festgefügten Erinnerungen an sich infrage, und zieht so dem Hörer den kognitiven Boden unter den Füßen weg. Ein echter Trip. //RRRhund\

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Electronic/Synth/Ambient: Der in Brasilien geborene Elektronik-Produzent Amon Tobin ist bereits seit Mitte der 90er Jahre ein Begriff in der Szene und war zwischenzeitlich sogar Teil des kultigen Ninja Tune-Rosters. Umso erstaunlicher, dass der Musiker aus L.A. mit „Long Stories“ gerade nochmal einen großen Wurf im Bereich der instrumentalen Synth-Kompositionen gelandet hat, der subtile dystopische Stimmungen überwiegend romantisch-verträumt in ambientesken, spaceigen Klangbildern versteckt. Das Schwesteralbum zu „Fear in a Handful of Dust“ ist ebenfalls dieses Jahr bei NoMark erschienen und fußt auf der Balance zwischen Harmonie und Melodie. Ein Großteil des Albums wurde mit dem Omnichord eingespielt und dann mit analogen Effekten prozessiert. „In Schokolade gegossene Magie“, kommentiert Tobin die Scheibe und den Entstehungsprozess. Ein musikalisches Märchen für Erwachsene, very special. //RRRhund\

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Ritual/Industrial/Power Electronics/Dark Ambient: Ganz harter Stoff, lässt nur noch Knochen übrig und nutzt diese dann auch noch für dunkle Rituale. „Tales of Chaos“ (10.12., Instruments of Discipline) von Especta Negra ist der neueste Zugang im Bereich atemberaubender Power Electronics-Frauen: ein komplexes Amalgam von Science Fiction, Reflektionen aus der kompletten Leere, Ballard-inspirierter Power Violence, künstlerischer Freiheit und Rachefantasien – so drückt es das Label aus. 2019 schon in Berlin im Vorfeld des CTM-Festivals in einer Kollaboration mit Nullam Rem Natam in Berlin in Erscheinung getreten, präsentiert die Produzentin jetzt ihren beinharten Debüt-Longplayer, der sowohl mit akustischen wie mit Maschinensounds erzeugt wurde, die von Musique Concrète wie von der Industrial-Klassik beeinflusst sind. Bestimmt wird das Album aber vor allem durch die extremen stimmlichen Darbietungen, durch die transgressiven Texte, die das Werk auf eine Ebene mit den Veröffentlichungen von Künstlerinnen wie Pharmakon, Puce Mary oder Lingua Ignota heben – aber eben noch diesen dunklen Ritualcharakter hinzufügen, der einem Diamanda Galás in den Sinn ruft. Starker Tobak. FFO Lustmord, Atrax Morge, SPK, Coil. //RRRhund\

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Blackwave/Black Metal-Inspired Techno: Spannendes aus Glasgow. Auf der EP „Ein Opfer auf dem Altar der Technologie“ (20.12.) hat der Produzent Nordstaat Techno-Beats mit dunkler Black Metal-Atmosphäre, mit massiv verhallten Drones unterfüttert. Auch wenn ich mir von Sequencing und den Beats bei einer längeren Veröffentlichung noch ein bisschen mehr erwarte – die Mischung ist fresh … und superdüster. //RRRund\

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Cold Wave: Genau, schwarzer Freitag, die Band hatten wir auch schon eine Weile nicht mehr. Das Münchner Cold-Wave-Trio Paar hat sich bei seiner aktuellen Single „Crack“ schön von der Genre-Klassik inspirieren lassen, deutscher Akzent beim Gesang inklusive. Besonders das Arrangement von Gitarre und Bass sticht hervor, dafür sorgt auch die moderne, direkte Produktion von Das Diktat. Beim Video hat Sebastian Dominic Auer Regie geführt. Da kommt wohl eine dicke, neue Scheibe nächstes Jahr, ich bin schon gespannt. //RRRhund\

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Cold Wave/Dark Wave: Schön zu sehen, dass immer mehr Labels den Blick nach Osten richten, um Bands aus der agilen Post Punk-Szene Osteuropas zu pushen. Neuestes Beispiel sind die Ukrainer Icy Men, ein Duo bestehend aus den Brüdern Lytvyn und Den Stavitskiy, die beim deutschen Label Cold Transmission gelandet sind und ihren wohlgeformten, halbelektronischen Cold Wave-Sound mit ultratiefem Gesang atmosphärisch aufladen („Полупустые автобусы“ [„Uninhabited Buses“]-EP, gerade erschienen). //RRRhund\

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The Sophisticated Vinyl Association – ein himmlischer Vinylraum

Vinyl Heaven: Mein Freund Gregor von Sounds of Subterrania hat ein fantastisches neues Projekt auf die Beine gestellt. Unter dem Namen „The Sophisticated Vinyl Association – A new affair of Sounds of Subterrania“ ist ein einzigartiger Raum für Freunde des DIY-Sounds auf Vinyl entstanden. Nur sieben Mal im Monat bietet Gregor jeweils drei Stunden seiner Zeit an, um euch in einer Face-to-face-Beratung anhand eurer Geschmacksparameter im schönsten Vinylraum Mitteleuropas neue Künstler nahezubringen. Alles weitere erfahrt ihr hier …

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Peking Opera Death Metal: Just made my evening – „Crossways“ von Acne (via Tenzenmen draußen) hat ein komplett neues Metal-Subgenre begründet. Alle Rhythm Parts wurden mit Percussion-Instrumenten ersetzt wie man sie aus der Peking Oper(!) kennt. Dazu gibt’s noch einen Slap-Bass. Natürlich ein chinesisches Projekt. Sehr schräg, Crossover 2019. //RRRhund\

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Russian Post Punk: Fängt fast an wie „Maniac“ vom Flashdance-Soundtrack, ändert dann aber stilistisch schnell die Laufrichtung zu russischem Post Punk vom Feinsten. Das neue Video zu „Sudno“ von Molchat Doma hat das deutsche Duo Blood Doves gedreht. Nice job. Die Band schaut im Frühjahr übrigens nochmal in der Region vorbei, falls ihr die fantastische Darmstadt-Show im November verpasst habt (3.3., Wiesbaden, Schlachthof). //RRRhund\

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Nu Kraut/Remix: Sebastian Lee Philipp reloaded. Fantastischer Fangschuss-Remix von „Morgenrot“, einem Track vom zweiten Album von Die Wilde Jagd von 2015. Was ein psychoaktiver Sound, ten minutes of bliss. Zu finden auf dem Minimood-Remix-Package, das außerdem Remixe des gleichen Tracks von Rude 66, Ancient Methods, Roman Flügel und Steve Bug enthält. //RRRhund\

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Soundtrack/Alternative: Von der Dame habe ich auch schon ewig nichts mehr gepostet, dabei ist gerade der Gitarrenstil höchst einprägsam. Anna Calvi hat am Soundtrack zur neuen Staffel von Peaky Blinders mitgewirkt und dafür auch extra den Song „You’re not god“ geschrieben, der zuerst vom Garagen-Blues-Vibe ihrer Gitarren- und Stimmarbeit getragen wird, um dann atmend, mit einem spooky Vibe in Dunkelheit zu versinken. //RRRhund\

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Alternative: Die Sonic Youth-Legende Lee Ranaldo hat mit Raül Refree ein recht gitarrenarmes Album für Mute Records eingespielt, das im Februar erscheinen wird (21.2.). Der Titeltrack „Names of north end women“ ist ein Stück experimenteller Alternative Pop, groovt erst mit Gamelan-inspirierter Metall-Percussion, mit Marimba und Vibraphon, und gewinnt im weiteren Verlauf dann ein bisschen Gospel-Flow. Das coole Schwarz-Weiß-Video ist eine freie Bearbeitung des Films „Outer Space“ von Avantgarde-Regisseur Peter Tscherkassky. //RRRhund\

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LoFi Synth Punk/Berlin Szene: Mit Synth Punk haben wir heute angefangen, und so beende ich auch den Tag. Berlin, Allee der Kosmonauten, lautet die Adresse – da wurde das Zeug wohl auf Band geknallt. Dee Bee Rich ist das Soloprojekt des Pigeon-Drummers Denes Bieberich (wenn mich meine dünnen Sherlock-Fähigkeiten nicht in die Irre geführt haben), der im Sommer schon ein geiles Tape namens „Mad Crocodile“ mit verschrobenem, abgedrehten Synth Punk rausgehauen hat. Jetzt gibt’s ein neues Demo mit drei Songs und man hört eine deutliche Weiterentwicklung in Stilistik und Sound. Schräges, treibendes LoFi-Zeug mit einem ganz eigenen Vibe. Geilo. //RRRhund\

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Electronic/Synth/Post Punk: In den frühen 2010ern Jahren waren die Savages um die französische Sängerin Jehnny Beth wirklich der heiße Scheiß in der wieder aufblühenden Post Punk-Szene; seit „Adore“, dem zweiten Album von 2016, hat man von der energetischen Londoner Frauenband allerdings nicht mehr viel gehört. Zeit, mal nachzusehen, was da los ist. Ganz aktuelle Spuren finden sich von Bassistin Ayşe Hassan, die unter dem Künstlernamen Esya gerade eine neue EP namens „Absurdity of ATCG (II) – Emergent Form“ veröffentlicht hat. Elektronische Synth-Experimente treffen auf Post Punk-Vibes, aber Bass gespielt wird natürlich auch – die musikalische Erforschung alternativer Persönlichkeiten, wie Ayşe sagt. Hier das Video zu „Blue Orchid“. Klingt wie für große Anlagen gemischt. Play loud. //RRRhund\

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Guitar Avantgarde/Free Improvisation: Die amerikanische Creative Jazz- und Improvisationsgitarristin Mary Halvorson (siehe auch: People, The Young Philadelphians, Code Girl) hat zusammen mit John Dieterich von Deerhoof ein völlig durchgeknalltes Avantgarde-Album eingespielt, auf dem sie aus ihren Sechssaitern eine immense stilistische Bandbreite herauskitzeln. „A Tangle of Stars“ (bei New Amsterdam Records draußen) beginnt mit einem Minimal Art-inspirierten Miniatur und streift danach Post-Rock- und Prog-Rock-Strukturen genauso wie atonale Spielereien und rhythmischen Dekonstruktionen – wechselt konstant zwischen wunderschön austarierten Kompositionen und wilden, durchaus anstrengend zu hörenden Experimenten. Einspielt haben die beiden Ausnahmekönner dieses ungewöhnliche Album innerhalb von drei Tagen in Dieterichs Home Recording-Studio in Albuquerque. //RRRhund\

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Experimental/Industrial: Die experimentelle, akustisch umgesetzte Apokalypse für die dunklen Tage, wenn ihr allen Glauben an die Menschheit verloren habt. „Things falling apart“, die ersten 21 Minuten von „Sixth Mass Extinction“ von Dave Phillips ist eine alptraumhafte Vision zu Artensterben und Klimakrise, die in ihrer Radikalität alles in den Schatten stellt, was sich in den letzten Monaten künstlerisch zu diesem Themenkreis getan hat. Ein einziges nervenzerrendes Schlagen, Stöhnen, Wehklagen, Auseinanderfallen und Sterben. Weil so ein radikales Stück Kunst für die meisten Menschen ohne Konterpart unerträglich ist – vermutlich auch für Phillips selbst –, hat er noch ein zweites, 20 Minuten langes Stück namens „Radical hope“ angefügt, das von Konflikten geprägt ist, die sich zu einem Tumult, einer Revolte steigern, bevor in den letzten fünf Minuten dann langsam etwas mehr Frieden einkehrt, Heilung stattfindet. Ein brutales, schonungsloses Werk, das man so schnell nicht mehr vergisst. Das Original war für die Wiedergabe auf sechs Kanälen, auf drei P.A.s konzipiert worden, und das Abhören auf Kopfhörern wird vom Künstler auch bei dieser Stereofassung empfohlen. Eine Auftragsarbeit für die 2018er Ausgabe des Bad Bonn Kilbi Festivals im schweizerischen Düdingen. //RRRhund\

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Remix/Noisy Experimental Psych meets Post EBM Techno: Zwei meiner heiß geliebten Künstler in einem Paket – das konnte fast nur ein Treffer werden. Oliver Ho AKA Broken English Club hat mit „No walls no air“ einen Track von der letzten Gum Takes Tooth-Scheibe („Arrow“, bei Rocket Recordings erschienen) unter seine Remix-Fittiche genommen und mit einem hart pulsierenden Rhythmusgerüst für die dunklen Club-Tanzflächen veredelt. Das ist aber noch nicht alles: Ho hat auch noch seine eigene Vocals mit neuem Text eingesungen, sodass in der Summe quasi ein eigenständiger, neuer Track entstanden ist, der zwar noch auf dem grandiosen Build-up des Londoner Elektronik-plus-Drums-Duo fußt, aber sonst eigene Wege zwischen Post Punk-Kraft, Früh-EBM und dem aktuellen, dunklen, harten Dancefloor-Sound geht. Spiele ich garantiert demnächst. Knaller. //RRRhund\

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Electronic Leftfield Pop/Electro/Post Coldwave: „Eine Laurie Anderson für 2018“, hatte ich letztes Jahr im Januar geschrieben, und das passt immer noch gut – wohlgemerkt: eine Laurie Anderson mit modernen Dancing Shoes. Klasse neue EP von C.A.R., dem elektronischen Soloprojekt der franko-kanadischen Produzentin Chloé Raunet aus London. Die Titelnummer, der erste Track von „Pressure Drop“ (letzte Woche bei Ransom Note erschienen) kommt zunächst im typisch schrägen, entfremdeten, modernen Leftfield Electro-Stil der Produzentin, und entwickelt dann spaceigen Flow. Ein richtiger Tanzflächen-Knaller ist der anschließende Suzanne Kraft-Remix mit seinen grandios programmierten Sequencer- und Percussion-Spuren, der zwar stilistisch an die Cold Wave-Klassik andockt, aber produktionstechnisch doch ganz im Electro-Hier-und-Jetzt bleibt. Meisterhaft. „Suture“, der Rausschmeißer, setzt wieder mehr auf den Leftfield-Charakter, ist aber gleichermaßen stark. Da kann man sagen: dringende Kaufempfehlung für Genrefreunde. //RRRhund\

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Nu Kraut/Cover: Die Pariser Band Vox Low hat sich für eine französische Compilation den 86er Smash Hit von The Fall vorgenommen und dabei natürlich deutlich minimalistischer verarbeitet. //RRRhund\

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Punk: Die Düsseldorfer Oiro sind mit einem neuen Album zurück. „Mahnstufe X“ (7.2., Flight 13) erinnert daran, dass Hamburg und Berlin nicht die einzigen Sterne am deutschen Punkhimmel sind. Vier Jahre nach dem letzten Wurf ist die Band mit einem neuen Album am Start und aus dem Quintett ist ein Quartett geworden (Akki jetzt am Bass). Tut der gewohnten In-Your-Face-Punk-Energie aber überhaupt keinen Abbruch. Elf neue Tracks, Punk-Hymne und Album Opener „Fahr zu Hölle MPU“ dürfen wir jetzt schon hören, und der knallt mit gewohnter Direktheit. Bei anderen Songs mischen sich zum klassischen Punkrock wohl ab und zu auch noch NDW- und Post-Punk-Einflüsse, da bin ich schon sehr gespannt. Nächstes Jahr gerne auch mal wieder südlich der Altbier-Linie touren, wäre mir ein Fest. //RRRhund\

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Berlin Scene/Low-Fi Post Punk/Power Pop: Frisches Zeug aus Berlin, eine neue Band aus dem Flennen-Umfeld mit Leuten von Pigeon. Die Formation nennt sich Liiek und hat mit „Waterfall“ gerade eine klasse erste Single abgeliefert, die auch auf der nächsten Flennen-Compilation (No. 8) zu finden sein wird. Stilistisch gibt’s den aktuell sehr angesagten Post Punk-Sound mit cleanen Gitarren im Stil von Pylon, Wire oder Devo auf die Ohren, der hier sehr kompetent umgesetzt wird. Zugleich treibend-minimalistisch und eckig Lo-Fi – richtig guter Song jedenfalls, bin schon gespannt auf mehr. Und das gibt’s nächstes Jahr, wenn das Longplayer-Debüt bei ADAGIO830 kommt; die Scheibe ist bereits im Presswerk. Ich halte euch auf dem Laufenden. FFO Omni, Pylon, Wire, Devo, XTC. //RRRhund\

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Post Punk/Video-Kunst: Zu einem Gesamt-Kunstwerk mit 20 Minuten und 47 Sekunden Länge hat die Münchner Post Punk-Band Friends of Gas ihre neue EP „Carrara“ (15.11., Staatsakt) mit dem ebenso langen Video verdichtet. Gewidmet sind Bild und Ton der berühmten norditalienischen Marmorstadt gleichen Namens, die komplett aus dem kalten, glatten Stein mit den eigentümlichen, fließenden Strukturen gebaut ist – weil von gigantischen Marmor-Steinbrüchen umgeben. Während die zwei klassischen Songs („Kalter Apparat“, „Vom Müssen“), die den Titeltrack umgeben, auch ohne Video gut funktionieren, profitiert das maximal karge „Carrara“ – ein einzelner Moll-Akkord der Gitarre, der über fast zehn, endlose Minuten im immer gleichen Abstand wiederholt wird und die beiden Songs harmonisch bindet – enorm vom klaustrophobischen Wechselspiel der Bilder mit Kamerafahrten durch düstere Tannenwäldern (Twin Peaks-Vibe, anybody?) und Marmor-Materialkunde, vom teilweise schon verfärbten, historischen Super 8-Material, aus dem das Video offensichtlich editiert wurde. So sehr, dass ich bezweifle, mir diesen Track noch jemals ohne die dazugehörigen Bilder zu Gemüte zu führen. Wobei: Vielleicht projeziere ich diese hypnotisch-rhythmisierten Bildsequenzen in Zukunft auch automatisch auf meiner inneren Leinwand sobald dieser einsame Moll-Akkord erklingt – stark genug dafür sind sie. Die beiden rahmenden, kürzeren Nummern mit Songstrukturen geben wohl einen stilistischen Hinweis auf den nächstes Jahr erscheinenden Zweitling des Münchner Quintetts und bauen auf klassische, ausgebrannte Goth Rock-Ästhetik à la frühe Bauhaus. Die lebendige Rhythmusgruppenarbeit verschiebt das musikalische Koordinatensystem aber in modernere Gefilde. Den Bandsound dominiert wie immer das ungewöhnliche Organ, die auffällig kratzige und kalte Stimme von Nina Walser, die sofort signalisiert: du hörst Friends of Gas. //RRRhund\

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Alternative Rock/Noise Pop/Shoegaze: Noch mehr songorientiertes Shoegaze-Zeux aus Oakland. Nicht nur Whirr haben ein neues Album am Start, sondern auch Pendant, das Soloprojekt von Chris Adams. Während Whirr aber ehr in eine doomig-dronende Soundrichtung tendieren, kombiniert Adams die warmen Gitarren auf „Through A Coil“ (seit ein paar Tagen bei Tiny Engines draußen) eher mit Emo- und College Rock-Songstrukturen aus den 90ern, und das ziemlich gekonnt. Good stuff. //RRRhund\

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Post Punk: Die neue Scheibe von Frustration hatte ich ja bereits letztens empfohlen, sehr abwechslungsreich, gutes Songwriting, frischer Wind. Jetzt gibt es ein neues Video zur Single „When does a banknote start to burn“, in dem ein Kopierer prominent zum Einsatz kommt. Einer der Songs im klassischen Frustration-Stil. //RRRhund\

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Experimental/Electronic Avantgarde/AI Compositions: Wie ein Alien, das sich auf mysteriöse Art und Weise durch den Raum bewegt – outlandish galore, fremdartiger wird’s nicht mehr. So klingt „Blossoms“ von Emptyset (bei Thrill Jockey Records erschienen). Das sechste Album von Paul Purgas und James Ginzburg begibt sich vom ersten Moment an in den Bereich des Futurismus: Eine posthumane Kompositionstechnik dominiert das gesamte Album, das im Grunde von einer Künstlichen Intelligenz umgesetzt wurde. Dafür haben die beiden Klangforscher ein maschinelles Lernsystem, einen leistungsfähigen Rechner neuen Typs mit mehr als zehn Stunden Sounds von Holz, Metall und Schlagzeugfellen gefüttert. „Blossoms“ sind die musikalischen Blüten, die dieses System entwickelt, um aus dieser Sound-Datenbank Sinnhaftes zu gestalten. Die Ergebnisse sind oft dystopischer Natur – ein in Klang gegossener, schlecht gelaunter, hypermoderner Ghost in the Machine. FFO Autechre, TCF X //RRRhund\

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Experimental/Ambient/Drone/Neo Classical: Neu auf Sonic Pieces erschienen ist „Time is Local“, eine Kollaboration des weiblichen, experimentellen Neoklassik-Quartetts We Like We mit Jacob Kirkegaard, die auf einer zwölfstündigen Live-Klanginstallation während des G((o))ng Tomorrow Festivals 2017 im Kopenhagener Thorvaldsen Museum basiert. Die Künstler bewegten sich dabei nach und nach durch die zwölf Kammern des Museums und spielten in jedem Raum ein längeres Stück, das eigens zu diesem Zweck komponiert und arrangiert worden war. Ein Prozess, der die Außenwelt komplett in der Kontemplation der droneigen Ambientstücke mit Neoklassikelementen verschwinden ließ, die sich im Hall der großzügigen Räume erst so richtig entfalteten und zu den ausgestellten Kunstwerken in Beziehung gesetzt wurden. Ein schönes Projekt. Hier das wunderbare „Amor & Psyche“. //RRRhund\

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Melancholic Folk/Ambient Folk/Post Rock: Wenn ihr was für die kalte Jahreszeit sucht, um euch auf dem Sofa unter der Decke zu verkriechen, habe ich genau das Richtige für euch. Mark Nelson (auch bei Labradford) hat für sein Soloprojekt Pan American mit „A Son“ ein neues Album eingespielt, das an die Wurzeln seines melancholischen Ostküsten-Songwritertums anknüpft, also wie ein Echo des Sounds der späten 90er wirkt, als kranky, das Kultlabel aus Chicago introvertierte Meilensteine in Serie veröffentlichte und auch anfing, die Scheiben des noch sehr jungen, kanadischen Constellation-Labels zu vertreiben. Diesmal wenig Elektronik – auf Nelsons neuen Album dominieren wie in den Anfangszeiten des Post Rock-Sounds verhaltener Sprechgesang und gezupfte Gitarren, die immer mal wieder in Loops mit viel Hall und Echo zu kleinen, warmen Post Rock-Türmchen gestapelt werden, um euer Herz zu brechen. Wunderschöne Herz-Musik. //RRRhund\

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Electronic/Dark Alternative/Dub: Auch das Soloprojekt von Robert Toher ist jetzt bei Felte gelandet. „Illusion of Choice“ (10.1.), die neue EP von Public Memory, sei der Abschluss seiner ersten Schaffensphase, sagt Toher. In Zukunft haben wir vom dunklen Elektronik-Produzenten mit der ungewöhnlichen Tenorstimme also einen anderen Sound zu erwarten. Toher versüßt uns den Abschied von der ersten Public Memory-Phase aber mit „The Haze“, einem echten Schmuckstück wegschwebender Nachtmusik. //RRRhund\

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Synthwave/Dark Wave/Goth: Cooles Split-Tape aus der österreichischen Schwarzen Szene, das die Soloarbeiten von zwei Wiener Goth-Frauen präsentiert. Hinter The Damski steckt Theresa Adamski, die Schlagzeugerin und Synth-Spezialistin der Wiener Cold Wave-Band Crystal Soda Cream, die sich bei ihren fünf Solo Tracks mit minimalistischem, reduziert-kühlen Synth Wave präsentiert. Den Rest des Tapes bestreitet die Wiener Künstlerin Tina Bauer, die bei ihrem Soloprojekt unter dem Namen Terz Nervosa arbeitet und langsamen, psychedelisch verschwurbelten Goth Sound auf Band gebracht hat („The Damski / Terz Nervosa“ Split Tape, Transformer / Wilhelm show me the Major Label). //RRRhund\

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Alternative/Weird Pop: Die außergewöhnliche russische Formation Shortparis hatte ich ja bereits letztes Jahr vorgestellt und auch im Mai im Radio-Feature über die russische Post Punk-Szene im Programm. Jetzt hat das Kollektiv aus St. Petersburg mit „Так закалялась сталь“ („So wurde der Stahl gehärtet“) sein neues Album vorgestellt – das dritte seit 2013, wenn ich richtig mitgezählt habe –, das den surreal übersteigerten, dramatisch-spannungsgeladenen, theatralischen Pop der Russen auf eine neue Ebene hievt, Spannungsbögen und Überraschungsmomente mit kalkulierter, skalpellartiger Präzision setzt. Das drastische Video zum Titeltrack dürfte in Russland jedenfalls wieder für einige Diskussionen sorgen, und dezidiert russische Diskussionen will die Band auch führen, die Auswirkungen einer martialischen Gesellschaft schonungslos vor Augen führen – das ist offensichtlich. Das Album kommt mit neun Tracks und ist ausschließlich digital erhältlich (via Apple / Universal Music – das finde wiederum ich schräg). //RRRhund\

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https://whirrband.bandcamp.com/album/feels-like-you

Indie Rock/Heavy Shoegaze: Unerwartetes Comeback. Vor ein paar Monaten hatte ich die Band noch in der Shoegaze-Sendung von RRRsoundZ, aber nie damit gerechnet von Nick Bassett und Co. jemals noch einen neuen Ton zu vernehmen. Aber in den letzten Tagen haben sich die Ereignisse rund um die Heavy Shoegaze-Band aus Oakland überschlagen: Zuerst wurden die Social Media-Kanäle der Kalifornier wieder wach, und es war klar, Whirr ist wieder aktiv. Dann stellte sich schnell heraus, dass sogar bereits ein neues Album namens „Feels Like You“ eingespielt und fertiggestellt worden war, das für einen Release nur auf Vinyl vorgesehen auch gleich in die Preorder-Phase ging, um Stunden später bereits ausverkauft zu sein bevor ich reagieren konnte. Dann hat jemand die Tracks online geleaked, sodass sich die Band umentschied, und doch selbst einen digitalen Download anbot. Was mir, was euch die Gelegenheit bietet, zehn neue, warme, fette Songs von Whirr zu genießen. Wunderbar. edit: aktuell kann das digitale Album weder erworben noch via bandcamp präsentiert werden. //RRRhund\

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Alternative Rock/Post Rock: Was eine Besetzung. So sieht das also gerade live aus, wenn das französisch-libanesische Kollektiv Oiseaux-Tempête seine aktuelle Scheibe „From Somewhere Invisible” live auf die Bühne bringt. G.W. Sok (von The Ex) am Mikro, Mondkopf an den Keyboards und Jessica Moss an der Violine beim Festival SOY vor ein paar Tagen in Nantes. //RRRhund\

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Indie Rock/Post Punk: Wenn die Sonne brennt und im Gewächshaus die Gitarrensounds wachsen, kann man sich auch im kalt-feuchten November noch daran erwärmen. Die Wände aus Berlin hatte ich ja bereits angesichts ihres Debüt-Longplayers „Im Flausch“ (bei Späti Palace erschienen) vorgestellt und empfohlen. Im Sommer hat sich das Berliner Trio, das früher einmal Girlie hieß, in die brandenburgische Provinz verkrümelt, um diese geniale Live Session von „Sonnenmilch“ einzuspielen. //RRRhund\

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Indie Rock/Art Punk/Early Post Rock: In einem charmanten, konstruktivistischen Retro-Collagenstil hat Gart Darley das Video zum verträumten „Beneath the floors“ umgesetzt. Der Song ist Vorab-Single und Titeltrack des nächste Woche erscheinenden, neuen Albums von Deliluh aus Toronto („Beneath the floors“, Tin Angel Records, 15.11.) und erinnert vor allem durch den Sprechgesang sowie die zurückhaltende Instrumentierung an den introvertierten Vibe, an die Wärme von 90er-Jahre-Gitarren-Legenden wie Slint. //RRRhund\

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3 inches beneath Chippen-Kickdrum, 132dB // „Kotz in den Mai 2018“ with Lightning Bolt Hamburg / Uebel und Gefährlich // (c) Polanscii

Noise/Post Hardcore Improvisation: Zum heutigen Start der 2019er Lightning Bolt EU-Tour in Metz, hier der Alltime-Straight-Fav-Track unter den LB-Tonträgern. Morgen in Köln vllt. doch …? /// Avec plaisier. Photo: 3 inches beneath Chippen-Kickdrum, 132dB // „Kotz in den Mai 2018“ with Lightning Bolt Hamburg / Uebel und Gefährlich // (c) Polanscii // :: PanP

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Post Punk/Cold Wave: Noch mehr Gutes vom Pariser Post Punk-Label Icy Cold Records – das französische Trio Order 89 und die Single „Edward“ (auf dem Longplayer „Bleu Acier“ von diesem Jahr zu finden). //RRRhund\

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Post Punk/Surf Goth: Neuer Song von alten Bekannten. Die Ritual Howls aus Detroit haben vor ein paar Tagen das Video zu „A safe haven from the sun“ rausgehauen. Die sehr gelungene Single stammt von den gleichen Aufnahme-Sessions wie das letzte Album „Rendered Armor“ (im März bei Felte erschienen) und kombiniert bandtypisch Goth-Klassik mit Americana- und Surf-Vibes zum speziellen Post Punk-Stil des Ostküsten-Trios. Das Video dazu kommt im stylish-düsterem Schwarz-Weiß-Stil. Wieder mal ein Treffer. //RRRhund\

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Blackened Hardcore/Experimental Noise Core/Sludge: Auf der Suche nach richtig giftigem Sound? Dann kann ich „Watchwinders“, den neuen Longplayer der Schweizer Band Coilguns, empfehlen (gerade bei Hummus Records erschienen). Zwölf Tracks mächtiger, dunkler, roher, experimenteller Hardcore mit Sludge- und Black Metal-Einflüssen, tief runtergestimmten Gitarren und den genialen Drum Parts von Luc Hess (Ex-The Ocean). Eine Platte, der das Kunststück gelingt, gleichzeitig ultraroh nach punkigen DIY-Spirit zu klingen und dennoch durch ungewöhnlich strukturierte, durcharrangierte und natürlich perfekt eingespielte Stücke zu glänzen. Sollte unter anderem Fans des frühen Neurosis-Sounds gut gefallen, als der Hardcore-Faktor noch groß war. Groß ist ein gutes Stichwort, totales Brett. //RRRhund\

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Doom/Post Metal/Psych/Stoner/Post Sludge: Hinter dem Namen Grin stecken Jan und Sabine Oberg, die man auch von Earth Ship kennt. Auf „Transluscent Blades“ (17.1., Crazysane Records), dem zweiten Longplayer kombiniert das Berliner Power-Duo schleppende, rohe Kräfte mit psychedelischer Intention: Tonnenschwere Doom-Bass-Riffs treffen auf wuchtige Schlagzeugarbeit und verhallte, dunkle Gesangslinien. Hier die erste Hörprobe, der Album-Opener „Helix“. FFO: Sleep, OM, Conan, Electric Wizard //RRRhund\

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Electronic/Political Dub Noise/Cyberpunk/Illbient: Über Justin Broadrick braucht man eigentlich nicht mehr viel sagen. Die Napalm Death- und Godflesh-Legende streckt schon seit den frühen 90ern seine musikalischen Fühler in alle Richtungen aus, so unter anderem auch im elektronischen Bereich als JK Flesh und Jesu sowie unter dem Namen Zonal zusammen mit dem nicht weniger prominenten Kevin Martin (The Bug, King Midas Sound). Bloß … die letzte Zonal-Veröffentlichung ist schlappe zwanzig Jahre her. Zuvor waren die beiden unter dem Namen Techno Animal aktiv. Umso spektakulärer ist die neueste Veröffentlichung des Duos unter dem Namen Zonal geraten, die zur Hälfte mit Moor Mother eingespielt wurde, und gerade bei Relapse Records erscheinen ist. Massive düstere Drones, langsame Bass-Grooves, die Sinne flutender Dub Noise bilden die Basis für die gewohnt eindringlichen, charismatischen Vocals von Camae Ayewa, die sich auf „Wrecked“ einmal mehr in Hochform präsentiert – eine wahre Killer-Kombi. Die zweite Hälfte des Albums besteht dann aus sorgsam ausarrangierten Instrumental-Krachern, die von der langjährigen Erfahrung der Produzenten-Legenden profitieren. Super Teil. //RRRhund\

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Experimental/Dark Beatnik Experiments: Hypnotic. Seductive. Haunting. Der dunkle Rock’n’Roll-Vibe dieser Stimme ist schon der Hammer. Das New Yorker Free Improvisation-Trio GRID hat mit Lydia Lunch, der Grande Dame der No Wave-Szene aus dem Big Apple, eine großartige Hommage an den legendären Schreiber Herbert Huncke aufgenommen. Während Lunch genüsslich-lasziv, aber auch gewohnt angsteinflößend einen Text von Huncke rezitiert – die Arbeiten des Underground-Schriftstellers waren Vorbild für Legenden wie Burroughs, Ginsberg und Kerouac – kratzen und schaben Matt Nelson, Tim Dahl und Nick Podgurski im Hintergrund assoziativ zwischen Free Jazz und freier Improvisation. Eine faszinierende surreale Atmosphäre entsteht, die an „Naked Lunch“, die Burroughs-Verfilmung von Cronenberg, erinnert. Die New Yorker Bohème bei der Arbeit, sehr gelungen (GRID feat. Lydia Lunch: „Stranglehold: The world according to Herbert Huncke“, gerade bei NNA Tapes erschienen). //RRRhund\

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Free Jazz/Collage/21st Century Afro-American Liberation Music: Nach vier Jahren Pause ist vergangene Woche endlich der vierte Teil von Matana Roberts ungewöhnlicher, hoch inspirierter „Coin Coin“-Serie erschienen, die auf aufregende Weise afrikanisch-amerikanischen Avant-Jazz mit Elementen frei improvisierter Experimentalmusik und geschichtsbewussten, sozio-politischen Inhalten, der Aufarbeitung meist sehr persönlicher Sklaverei-Geschichte verbindet („Coin Coin Chapter Four: Memphis“, Vinyl / CD bei Constellation Records, digital auf bandcamp). Wie immer ist die musikalische Besetzung komplett neu zusammengestellt: Diesmal besteht die Band aus den New Yorkern Hannah Marcus (Gitarren, Geige, Akkordeon) und dem Percussionisten Ryan Sawyer (Thurston Moore et al) sowie einer Montréal-Sektion mit dem Bassisten Nicolas Caloia (Ratchet Orchestra) und dem ägyptischen Komponisten und Improvisator Sam Shalabi an Gitarre und Oud. Als Special Guests tauchen der Posaunist Steve Swell und der Vibraphonist Ryan White auf. Überall dem thront das lebendige Spiel von Roberts auf Altsaxophon und Klarinette. Collagenartig wechseln sich Free Jazz-Passagen, freie Improvisationsformen und Stellen ab, die von Stimmarbeit dominiert werden: Roberts charismatisches Organ taucht bei Rezitationen, Spoken Word-Passagen, Sprechgesang, gutturalem karthatischem Geheule, sanften Schlummerliedern und nicht zuletzt als Leadstimme im Gruppengesang auf, der auf verschiedenste amerikanische Folk-Traditionen und natürlich auf afro-amerikanische Spirituals zurückgreift. So entsteht eine einzigartige musikalische Landschaft voller ästhetischer Originalität und unnachgiebiger Erzählkraft, die durchaus artverwandt mit den Aufnahmen von Moor Mother und der Chicagoer Formation Irreversible Entanglements ist. Ein faszinierendes Update afroamerikanischer Befreiungsmusik fürs 21. Jahrhundert. Essenziell. //RRRhund\

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Electronic/Hypermodern New Wave: „Life like an electric surge, no conceptions, straight to the void.“ Pod Blotz ist Teil der DAiS-Familie geworden. Nach über 25 Tape- und Vinyl-Releases in 18 Jahren auf Labels wie L.I.E.S., Clan Destine und Chocolate Monk erscheint Mitte Januar mit „Transdimensional System“ das neue Album der U.S.-amerikanischen Produzentin Suzy Poling beim Label von Gibby Miller und Ryan Martin (17.1.). Die Lead-Single „Life like an electric surge“ bietet fantastisch-entrückte, avantgardistische Elektronik, hypermodernen New Wave-Sound. Aufwühlende, hypnotisch pulsierende Rhythmus- und Klangstrukturen ziehen den Hörer in ihren Bann, darüber entführt uns Polings verzerrte, entrückte Stimme in eine fremdartige Zukunft. Im ultraspaceig-karthatischen Video materialisieren digitale Texturen in menschlichen Körpern und schaffen in einer eigenartigen Metamorphose neue Systeme: Körper als neu generierte Landschaften, zugleich Landschaftskörper – ein Sinnbild für die kognitive Komplexität, der Menschen im Post-Technologischen Zeitalter ausgeliefert sind, meint die avantgardistische Elektronik-Künstlerin aus L.A. dazu. Sehr cooles Zeug. //RRRhund\

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Electro/Minimal Synth/Bedroom Cold Wave: In einer verwischten Traumwelt präsentiert sich die Pariser Produzentin Mathilde Mallen, Künstlername Dissemblance, auf „Over the Sand“, ihrer Debüt-LP für das Berliner Label Mannequin Records (29.11.). Minimalistische Bass-Elektronik, einfache, elegante Drum Computer-Beats und ein paar Effekte sowie Mallens Stimme – mit ganz einfachen Mitteln erzeugt die Französin ihren abgehangenen Electro Pop-Songs, die zwischen Wohnzimmer-Cold Wave und Pop Vibes angesiedelt sind. Pretty nice. //RRRhund\

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Songwriter/Electronic/Psych/Dub/Drone: Introvertiertes, psychedelisches Kleinod aus Berlin. Hinter Point No Point steckt Jana Sotzko von Soft Grid und Dropout Patrol, die Ende November via Späti Palace ihr Solo-Debütalbum „Drift“ veröffentlicht (22.11.). Die Urform der Stücke ist einer Phase der Rückkehr zu frühen Homerecording-Experimenten mit einer Tascam-4-Spur-Maschine, quasi ohne konkreten Plan entstanden. Die durch dieses musikalische Driften entstandenen Räume, hat Sotzko für psychedelische, droneige Experimente genutzt, die oft mit einem minimalistischen, Dub-inspirierten Rhythmus unterfüttert sind. Die frühe Ideen und Skizzen hat Sotzko dann im Studio des Produzenten Dritero Nikqi in Priština / Kosovo umgebaut und teilweise auch neu aufgenommen. Als Resultat entstanden so sechs Songs über Inseln, Meeresgötter, Abschiede und Beruhigungsmittel. Hier der Titeltrack. Point No Point ist Ende November auch in der Region live zu sehen (28.11., Frankfurt, Ono2; 29.11. Karlsruhe, P8). //RRRhund\

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Monatliche Zusammenfassung der Kurztipps auf facebook.com/RRRsoundZ
 
 
 
 
 

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