+La Jungle: 1 + 1 = 3

Dieser Keller. Es ist nicht nur die extrem flache Decke. Ist man nicht früh genug da, findet man oft keinen Platz innerhalb der ersten drei Meter vor der Bühne, und dann hat man soundtechnisch ganz schön verloren: Diverse architektonische Gegebenheiten – ungünstig platzierte Säulen und Vorsprünge – sorgen dafür, dass ein gehöriger Anteil des Sounds geschluckt wird, sobald man sich weiter hinten im Raum befindet. Meistens der direkte Anteil, der Spaß macht. Und zu sehen ist dann auch fast nichts mehr, es ist kaum erkennen, was auf der Bühne vor sich geht. Die Rede ist vom Konzertraum von Sticky Mike’s Frog Bar, einem Venue, den wir in schöner Regelmäßigkeit während des Aufenthalts auf dem Great Escape Festival im englischen Seebad Brighton aufsuchen. Schlicht, weil hier trotz aller ungünstiger Gegebenheiten oft musikalische Treffer zu landen sind und die Crew echt nett ist.

Auch diesmal hat es einen Großteil der Mannheimer „Delegation“ am Nachmittag des Festival-Freitags in den Club verschlagen; und früh genug sind wir auch da. Das gezielte, frühe Auftauchen hat einen Grund: Gebannt starren wir aus zwei Meter Entfernung auf die Bühne, auf der sich zwei Musiker auf ihren Auftritt vorbereiten. Schon der Soundcheck sorgt für hochgezogene Augenbrauen. Der Schlagzeuger agiert mit einer irren Präzision und Physis, der Gitarrist (und Casio-Bediener) präpariert seine Wall of Sound, die später hauptsächlich aus mittels Effektboard übereinander gelegten Loops aus der Orange- und Peavey-Verstärkerwand brettern wird.

La Jungle © Orion Pics© Orion Pics

Als es schließlich tatsächlich losgeht, werden die aufgebauten Erwartungen bei Weitem übertroffen. La Jungle, so heißen die Jungs aus Mons – eine Stadt im südwestlichen, französischsprachigen Teil von Belgien (also bitte Aussprache: La Jöööngle) – fegen mit unwiderstehlicher Energie über uns. Abgegriffene Metaphern aus dem Bereich der Naturkatastrophen erscheinen auf einmal gar nicht mehr so unpassend, der Schweiß fließt auf der Bühne in Strömen. Überall glänzende Augen, Adrenalin pumpt, akuter Bewegungsdrang. Hauptsächlich ist das der immensen Schlagzeugarbeit von Rémy Venant geschuldet: In perfekt fächerförmigen Bewegungen wuchtet er Beat um Beat in enormer Lautstärke aus seinem Kit, der Mann bräuchte bei seinem kompromisslosen Spielstil auch in einem deutlich größeren Laden keine PA – die ultimative Power-Groovemaschine. Gitarrist Mathieu Flasse loopt uns derzeit ins Nu Kraut-Paradies, gelegentlich bedient er auch den Mini-Casio. Die Arrangements sind samt und sonders Groove-orientiert, erinnern mal an Kraut-Klassiker, mal ans 2000er Math-Rock-Universum oder live gespielten Techno, dann wieder steigert die Band die Dynamik in Richtung ultimative Noiseattacke. Lightning Bolt meets Neu! meets Maserati meets Battles. Einfache Bestandteile dominieren: Rock, auf seine primären Grundpfeiler reduziert. Aber wie schreiben die beiden so schön in ihrer Bandinfo: 1 + 1 = 3. Im Ergebnis einfach mehr als die Summe der musikalischen und persönlichen Anteile. Im Fall von La Jungle: viel mehr. Und eine Band, die man unbedingt live sehen muss.

La Jungle

La Jungle© Léa Fery / Tooga Photographies

 

Die Veröffentlichungen von La Jungle

Zwei Alben und eine Split hat das noch recht frische belgische Power Duo seit seiner Gründung rausgehauen: Das selbstbetitelte Debüt (Anfang 2015 erschienen, Dewane Records, Whosbrain Records, Rockerill Records, Kuistax Records, Kinky Star, Attila Tralala) und einen ebenso schlicht betitelten Nachfolger („II“, 2016, Rockerill Records, Black Basset Records). Beide Alben haben durch das comicartige Coverartwork des kalifornischen Illustrators Gideon Chase einen hohen visuellen Wiedererkennungswert. Dieses Jahr ist noch eine Split-10″ mit Lysistrata erschienen.

 

s/t (2015)
II (2016)
Split (2017)
  • La Jungle, das sind Groovekönige. Ähnlich wie die Battles oder Maserati kann man die Belgier dem stark rhythmisch orientierten Zweig des Post Rock-Baums zuordnen, die Rede ist also von tanzbarer Instrumentalmusik. Im seltenen Fall, dass eine menschliche Stimme auftaucht, dient sie lediglich als neue Klangfarbe, als weiteres Instrument. Wie schon die Krautbands der 1970er Jahre orientiert sich das Power Duo aus Mons auf seinem Debüt oft an den repetetiven, Trance-induzierenden Rhythmen primitiver, tribalistischer Riten. Im Ergebnis ist das ebenso einfach wie mitreißend und effektiv. Die menschliche Fähigkeit, durch monotone Tanzbewegungen selbsterzeugte, biochemische Rauschzustände herbeizuführen, das scheint im Zentrum der Musik zu stehen. Im Innersten also dionysische Kunst. Das gilt für „Apeinapython“, den Album-Opener, genauso wie für „Caracala“. „L’enfer“ und „Zimbabwe“ dagegen sind wilder. Offensichtliche Verbeugungen vor dem (scheinbar) zügellosen Free Core, den Lightning Bolt der Welt beschert haben – ein Wirbelsturm auf dem Schlagzeug, Noiseattacken-Loops von der Gitarre. Der Album Closer „Trance hysteria“ bringt beide Elemente schließlich zusammen, bevor das Ende des Track den Hörer in einem verhallten, tranceartigen Zustand zurücklässt. Das Debütalbum steckt also das musikalische Universum ab, innerhalb dessen das Duo arbeitet.

  • Die zweite Scheibe der Belgier beginnt mit einem für die Arbeitsweise der Band ebenso prägnanten wie magnetischen Vokalsample, dessen Tempo alsbald ins Micky Maus-hafte verdoppelt wird um als roter Faden eines tanzwütigen, manischen Power-Kraut-Beats zu dienen. Darüber werden wieder Schicht um Schicht Gitarren- und Keyboard-Loops gelegt bis ein dichter Soundteppich entstanden ist – die Füße zucken die ganze Zeit, Repetition als derwischartiger Tanzzwang, der auch im Halftime-Teil kein Ende findet: Tribal at its best („Hahehiho“). „Technically you’re dead“ ist wieder dem Math Hardcore-Universum zuzuordnen, ein gut durchstrukturierter Powertrip, der in technohaftem Muskel-Kraut mündet, bevor es am Schluss eine kurze Rolle rückwärts gibt. Diese Mischung aus Kraut und live gespieltem Techno bestimmt auch „Helizona“ und „Blood Watermelon“, die irgendwo zwischen der Stilistik von Nissenenmondai und Maserati zu verorten sind. Wieder spielen neben aufgetürmten Gitarren- und Keyboardspuren geloopte Vokalsamples eine Rolle als weitere Klangfarbe im Karussell der sich drehenden Klänge. „Cold“, der letzte Track, lebt von einem fulminanten Build-Up wie spektakulären, schwindelerregenden Schlagzeug-Fills. Die Tracks entwickeln sich im Flow, bewegen sich allesamt zwischen der 5- und 10-Minuten-Marke, ein weiterer Hinweis auf Techno und elektronische Tanzmusik als starke Inspirationsquelle – der organische Charakter der Klangerzeugung bleibt aber zu aller Zeit hör- und spürbar, die Energie der Musiker steht buchstäblich im Raum. Und die Produktion klingt deutlich ausgereifter als auf dem Erstling (was man von einem zweiten Album natürlich auch erwarten darf.)

  • „Thylacine“ heißt der Track, den La Jungle zur Split-10″ mit den Franzosen Lysistrata beigesteuert hat. Thylacine ist der englische Fachbegriff für den Tasmanischen Tiger, eine in Australien ansässige Gattung, bei der die Wissenschaft davon ausgeht, dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorben ist. Nichtsdestotrotz wird bis in die jüngste Gegenwart von Sichtungen dieses Tiers in der tasmanischen Wildnis berichtet, die aber nie verifiziert werden können – ein moderner Mythos. Vermutlich ist es dieser Mythos, der schon einige mehr oder weniger brauchbare Filmscripts befruchtet hat, der La Jungle zu diesem Track animiert hat. Und auch die Coverillustration von Gitarrist Mathieu Flasse weist auf diese Fährte. Außerdem ist ab der 3-Minuten-Marke ein paar mal die Imitation eines auffällig dumpfen Bellens zu vernehmen. Ansonsten prescht das sechsminütige „Thylacine“ munter kraut-groovig und Trans-rockig nach vorne – neu im Sound sind einige 70er-Prog-Elemente, die sowohl in den Casio- als auch den Gitarrenloops wahrnehmbar sind … runde Sache.

3 simple questions for La Jungle

What’s better hormone-wise: playing live with La Jungle or having sex?
Rémy: Why not trying both at the same time?
Mat: Ok. But not with me.

 

Why watermelon?
Rémy: Because all you need is vitamins.
Mat: … and blood.

 

What’s next?
Rémy: Bananas. For sure.
Mat: A vegetable maybe?

 
Answersed by E-mail. Many thanks to La Jungle.
 
 

 
 
///Videos

„Helizona“

„Technically you’re dead“

„Cold“, Live-360°-Session, filmed by VR Sessions

Komplettes Live-Set im The Rincón Pío Sound, Don Benito, 24.6.2016, filmed by www.radiorag.net

La Jungle, 18.6.2015, filmed by Les Monstres

14-Minuten-Liveset im Rahmen des CU Festivals

 
 
///Links

La Jungle – Website
La Jungle – Bandcamp
La Jungle – Facebook
La Jungle – Instagram

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